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Johan Cruyff: Der König ist tot

Mit Johan Cruyff ist einer der Allergrössten des Fussballs gestorben. Der Niederländer war überragend auf dem Platz und noch überragender als Trainer. Das moderne Spiel ist undenkbar ohne ihn.

peter ahrens / Spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

In dem berühmten Lied «American Pie», das den tragischen Unfalltod von Rocklegende Buddy Holly besingt, gibt es die wunderbare Zeile: «The Day the Music died.» Der Tag, an dem die Musik starb. Natürlich wurde danach auch noch Musik gemacht, aber ihr Erfinder war gestorben.

Der 24. März 2016 ist der Tag, an dem der Fussball starb.

Auch nach Johan Cruyff wird Fussball gespielt werden, erfolgreicher, schöner Fussball, aber es wird ein Fussball sein, der auf ihn zurückgeht, den grossen Niederländer, «Koning Johan», der am Donnerstag im Alter von 68 Jahren an Krebs gestorben ist. So wie Buddy Holly den Rock 'n' Roll erfand, so erfand Johan Cruyff den Fussball, wie wir ihn heute kennen.

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Johan Cruyff: Die Legende.
YouTube/netherlandssoccer

Als Cruyff, dieser lange hagere Typ, eigentlich viel zu leichtgewichtig und schlaksig für den Sport, als junger Kerl 1964 zu Ajax Amsterdam kam, waren die Niederlande eine vernachlässigenswerte Grösse im internationalen Fussball. Als er seine Karriere genau 20 Jahre später beendete, war Oranje eine der ganz grossen Fussballnationen und ist es – verpasste EM-Qualifikation hin oder her – bis heute geblieben.

Ein Amsterdamer durch und durch

Cruyff, Amsterdamer durch und durch von Herkunft und vom Habitus her, selbstbewusst bis zur Arroganz, einen natürlichen Führungsanspruch vor sich her tragend, war er der geborene Mannschaftskapitän, bei Ajax und in der Nationalmannschaft. Gemeinsam mit dem damals ebenfalls noch eher unbekannten Ajax-Coach Rinus Michels, der bis dahin lediglich die Amateure des Klubs betreut hatte, schuf er den berühmten «voetbal totaal», einen so nie dagewesenen Offensivrausch.

Dreimal gewann Ajax in den frühen Siebzigerjahren den Europapokal der Landesmeister – und was für eine Mannschaft hatten Michel und Cruyff da um sich gesammelt: Johan Neeskens, der treue Adlatus von Cruyff auf dem Feld, Johnny Rep, Piet Keizer, Ruud Krol, Barry Hulshoff und Ausputzer Horst Blankenburg, der Cruyff den Rücken frei hielt. Aber Cruyff, die legendäre Nummer 14, er war ihr Souverän. Heute darf bei Ajax kein Profi mehr die Nummer 14 tragen, sie wird seit vielen Jahren nicht mehr vergeben.

Die Auftritte bei der WM 1974 in Deutschland waren Festspiele in Orange. Die Partien gegen Titelverteidiger Brasilien war ein Höhepunkt der Fussballkunst der Siebzigerjahre – Cruyff und die Niederländer huschten so leichtfüssig an ihren Gegenspielern vorbei, dass diese sich nur noch mit brutalen Tritten zu helfen wussten.

Die Niederlage im Endspiel gegen Deutschland blieb denn auch die grösste Wunde in Cruyffs Karriere. Nur gefolgt von seinem offiziellen Abschiedsspiel 1978 gegen den FC Bayern, bei dem die Münchner dermassen übermotiviert waren, dass sie Cruyffs Ajax-Team 8:0 besiegten. Das konnte nicht sein, dass der grosse Johan Cruyff so abtritt. Also hat er kurzerhand noch einmal sechs Jahre weitergespielt, in den USA, noch einmal bei Ajax und ganz zum Schluss ausgerechnet beim grössten Erzfeind, Feyenoord Rotterdam.

Spielstil des FC Barcelona bis heute prägend

Cruyff war ein grosser Spieler, bei Ajax, ab 1973 dann beim FC Barcelona, er war vielleicht aber ein noch grösserer Trainer.

Die Kunstfertigkeit, als Coach des FC Barcelona einen Spielstil zu kreieren, der bis heute Gültigkeit hat – das hat ausser ihm niemand geschafft. Josep Guardiola und Louis van Gaal – diese beiden komplett unterschiedlichen Trainertypen stehen tief in seiner Schuld. Ihr Erfolg baut auf Cruyffs System des offensiven Ballbesitzfussballs auf, das er den FC Barcelona spielen liess.

epa05229323 (FILE) A file picture dated 08 April 2010 of Dutch soccer legend Johan Cruyff (2-R) posing with FC Barcelona's technical secretary Txiki Begiristain (L), FC Barcelona's President Joan Laporta (2-L) and Barca's head coach Pep Guardiola (R) during a ceremony at which Cruyff was named FC Barcelona's Honorary President in Barcelona, north-eastern Spain. Johan Cruyff died of cancer at the age of 68, his official website announced on 24 March 2016.  EPA/ANDREU DALMAU *** Local Caption *** 00000402108403

Cruyff (zweiter von rechts) mit dem jungen Pep Guardiola (ganz rechts), dem er den Weg zum Erfolg geebnet hat.
Bild: EPA/EFE FILE

Und wieder hatte er eine grosse Mannschaft zur Verfügung: Mit Guardiola im Mittelfeld, Ronald Koeman in der Abwehrzentrale und dem Exzentriker Hristo Stoichkov im Sturm holte Cruyff sich 1992 letztmals eine europäische Trophäe, den Europapokal der Landesmeister.

Sprüche über und von Cruyff gibt es zuhauf:

Cruyff war kein einfacher Typ, wie sein deutsches Pendant Franz Beckenbauer gerierte er sich gerade in seinen späten Jahren gerne als Doktor Allwissend des Fussballs, er verstrickte sich bei seinem Herzensverein Ajax Amsterdam in unschöne Streitereien mit der Klubführung, mit seinen Zeitungskolumnen machte er jahrelang Politik im niederländischen Fussball.

Als graue Eminenz von Spanien aus sah er sich gerne, und seine Sprüche füllen mittlerweile ganze Bücher, egal wie gross oder gering ihr Sinngehalt war. «Jeder Nachteil hat einen Vorteil», «Du musst schiessen, sonst kannst du nicht treffen», «bevor ich einen Fehler mache, mache ich ihn erst gar nicht», «Zufall ist logisch» – jeder in Holland kennt diese Sätze. Auch sie sind Allgemeingut geworden.

Cruyff hat mal gesagt: «Ich glaube nicht, dass man jemals den Namen Cruyff sagen wird, ohne dass die Leute wissen, von wem man redet.»

Something touched me deep inside. The day soccer died.

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