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Entführte Millionenerbin

Die unglaubliche Geschichte der Patty Hearst

Als Tania im bewaffneten Kampf: Patricia Hearst zeigt sich 1974 vor einem Plakat der ‹Symbionese Liberation Army› (‹Symbionische Befreiungsarmee›, SLA) Bild: AP

Vom Entführungsopfer zu Amerikas meistgesuchter Bankräuberin: Vor 40 Jahren wurde die Enkelin des legendären US-Zeitungszars William Randolph Hearst entführt. Patty Hearst wurde gefoltert, vergewaltigt und lief dennoch zu ihren Kidnappern über.

04.02.14, 17:50 04.02.14, 20:00

Ein Artikel von

Marc Pitzke, Spiegel Online

Plötzlich standen zwei FBI-Agenten in ihrer Küche, Revolver gezückt: «Stehenbleiben, oder es knallt!» Die Frauen hoben die Hände. «Sind Sie Patty Hearst?», brüllten die Männer. Die Angesprochene machte sich vor Angst nass.

Und so endete der wohl bizarrste Entführungsfall der US-Geschichte. Begonnen hatte er mehr als eineinhalb Jahre zuvor, am 4. Februar 1974, als die Millionenerbin Patty Hearst, die Enkelin des legendären Zeitungszars William Randolph Hearst, von Linksradikalen verschleppt wurde. Zwei dramatische Monate später lief sie zu ihren Peinigern über – und wurde dann selbst zur meistgesuchten Bankräuberin der Nation.

Vom Gesellschafts-Girl zur Kriminellen

Bis sie schliesslich in der Küche in San Franciscos Mission District gefasst wurde. «Beruf?», fragte die Polizei, als Hearst in der Untersuchungshaft eintraf. Die trotzige Antwort kolportierte sie später in ihrer Autobiografie: «Stadtguerilla». Vom Gesellschaftsgirl zum Kidnapping-Opfer zur Kriminellen: Patty Hearsts viele Leben waren eine «Serientragödie» («People»).

Vom Gesellschaftsgirl zum Kidnapping-Opfer zur Kriminellen: Patty Hearsts viele Leben waren eine «Serientragödie» («People»). War sie, wie sie vor Gericht beteuerte, ein Musterbeispiel des Stockholm-Syndroms, bei dem ein Verbrechensopfer irgendwann mit den Tätern sympathisiert? Oder war sie, so die Justiz, eine eiskalte Gangsterin? Diese Fragen spalteten damals ganz Amerika.

Auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung in San Francisco, September 1975: Patty Hearst (r.) und Emily Harris, Mitglied der SLA Bild: AP

Citizen Kanes Enkelin

Eigentlich hätte es Patricia Campbell Hearst kaum besser haben können. Als Tochter des Verlegers Randolph Hearst wuchs sie in einem opulenten Anwesen bei San Francisco auf. Bis heute gehört der Hearst-Verlag («Elle», «Cosmopolitan», «San Francisco Chronicle») zu den grössten der USA. Patty Hearsts legendärer Grossvater hatte mit diesem ersten US-Zeitungsimperium einst immensen Reichtum angehäuft – während seine Schrullen und Skandale ihn zur Inspiration für Orson Welles' tragischen Filmhelden «Citizen Kane» machten.

Hinter Patty Hearsts Society-Fassade brodelte es ebenfalls: Es war die Ära der Gegenkultur, der Blumenkinder, der sexuellen Revolution, des Aufstands gegen Vietnam-Krieg und Rassismus

Wie so viele rebellierte auch Patty Hearst, sie protestierte, sie kiffte, sie schrieb sich an der University of California in Berkeley ein, dem Herz der Studentenbewegung. Mit 18 zog sie mit ihrem früheren Mathelehrer Steven Weed zusammen, in ein Apartment nahe dem Campus.

«Deine Mama und dein Papa sind Insekten»

Am 4. Februar 1974 guckten Hearst und Weed gerade fern, da klopfte es. Als Weed öffnete, schlugen zwei Männer und eine Frau ihn zusammen, fesselten die 19-jährige Hearst, warfen sie in den Kofferraum eines geklauten Cabrios und verschwanden in der Nacht.

Bei dem Trio handelte es sich um Donald DeFreeze, den Anführer der terroristischen Guerillagruppe «Symbionese Liberation Army» (SLA), und zwei Komplizen. Zwar klang die US-Protestbewegung Anfang der siebziger Jahre wieder ab, zurück blieben aber revolutionäre, linksradikale, mitunter gewalttätige Gruppen.

Wochenlang hielt die SLA Hearst mit verbundenen Augen in einer Besenkammer fest. DeFreeze schlug sie, missbauchte sie, schüchterte sie ein, versuchte sie zu indoktrinieren. «Deine Mama und dein Papa sind Insekten», brüllte er. «Sie sollen auf allen Vieren kriechen, um dich zurückzukriegen.»

Der Entschluss überzulaufen

Erst forderte die SLA, dass die Familie Lebensmittel im Wert von 70 Millionen Dollar an bedürftige Familien in Kalifornien verteilen solle. Eine Aktion, die rund 400 Millionen Dollar gekostet hätte. Am Ende einigte man sich auf eine Essensspende für sechs Millionen Dollar. Die SLA weigerte sich trotzdem, Patty freizulassen. Die Qualität der Lebensmittel sei zu schlecht gewesen.

Nun wandte sich Patty Hearst gegen ihre Eltern: «Ich glaube nicht, dass ihr überhaupt etwas unternehmt», sagte sie auf einem Tonband. Zwei Monate nach ihrer Entführung erklärte sie, sie habe sich der SLA angeschlossen: «Ich habe mich entschieden, zu bleiben und zu kämpfen.» Fortan nenne sie sich Tania – nach Tamara Bunke, einer ostdeutschen Guerillakämpferin und Genossin Che Guevaras.

«Wichtige Zeugin» mit Maschinengewehr

Zwei Wochen später wurde die Hibernia Bank in San Francisco überfallen. Fünf Bewaffnete stürmten die Filiale und erbeuteten 10'000 Dollar. Die unvermummten Bankräuber waren dank der Sicherheitskameras klar erkennbar. Darunter DeFreeze und eine Frau in einem langen, schwarzen Mantel, im Anschlag ein halbautomatisches M1-Gewehr: Patty Hearst.

War sie freiwillig dabei oder unter Zwang? Der FBI-Steckbrief bezeichnete Hearst nur als «wichtige Zeugin». Doch auf späteren SLA-Bändern bekannte sie sich erneut zur Gruppe.

Nach dem Bankraub entkam die SLA nach Los Angeles. Dort kamen DeFreeze und fünf Komplizen bei einer Schiesserei um. Das Gemetzel wurde live im Fernsehen übertragen, Hearst sah alles in einem Motelzimmer mit an. «Ich starb in dem Feuer», erklärte sie, «doch aus der Asche wurde ich wiedergeboren.»

Ein Jahr lang war sie mit zwei SLA-Mitgliedern auf der Flucht. Schliesslich kam ihnen das FBI auf die Spur – in der Küche im Mission District.

Letzter Auftritt: «Serial Mom»

Die Justiz klagte Hearst wegen bewaffneten Raubüberfalls an. Das Gerichtsverfahren wurde zum Prozess des Jahres 1976. Hearsts Eltern sassen jeden Tag wie versteinert im Saal, «zwei Menschen, die sich von ihrem fröhlichen gesellschaftlichen Leben, das sie einst führten, zurückgezogen haben in einen Zustand der Isolation und Angst», schrieb die «New York Times».

Hearsts prominenter Anwalt F. Lee Bailey argumentierte mit dem Stockholm-Syndrom. Viele Experten sagten zugunsten Hearsts aus: Sie sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden.

Das Verfahren löste in der US-Öffentlichkeit ähnliche Emotionen aus wie später der Mordprozess gegen den Ex-Footballstar O.J. Simpson – den Bailey ebenfalls verteidigen würde. Trotzdem wurde Hearst am 20. März 1976 zur Höchststrafe verurteilt: 35 Jahre.

Das Strafmass wurde später auf sieben Jahre reduziert. 1979 verkürzte Präsident Jimmy Carter die Strafe noch einmal, Hearst kam frei. Kurz darauf heiratete sie Bernard Shaw, ihren Leibwächter.

Patricia Hearst mit ihrem Mann Bernard Shaw 1983 in New York Bild: AP

Kronzeugin gegen die SLA

Doch erst 2001 begnadigte sie Präsident Bill Clinton ganz. Hearst sagte sich endgültig von der SLA los: Die Gruppe habe «Dschihad» geführt und «die Regierung stürzen wollen», sagte sie dem CNN-Talker Larry King 2002, bevor sie als Kronzeugin gegen die letzten SLA-Mitglieder auftrat.

Sie zog mit Shaw an die Ostküste und zeigte sich nur noch selten. Es gab ein paar kleine Filmrollen. Kultstatus gewann eine Szene im John-Waters-Film «Serial Mom», in der sie wegen eines Mode-Fauxpas totgeprügelt wird.

Zuletzt öffentlich gesehen wurde Hearst im Januar dieses Jahres bei der Trauerfeier für ihren Mann in New York. Ihr Privatvermögen wird heute auf 45 Millionen Dollar geschätzt. 

Patty Hearst mit ihrer Tochte Gillian im September 2003 in New York Bild: EPA

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