Offen gesagt
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Offen gesagt

«Liebe Frau Sommaruga, rechnen Sie nicht mit Nachsicht ...»

Am Freitag hat der Bundesrat halbkonsequente «Social Distancing»-Massnahmen verfügt. Um die sich ein Grossteil der Bevölkerung foutiert hat. Ein Fest für das Coronavirus.



Liebe Frau Sommaruga

Gemäss Ihrer am Freitag in vornehmeren Worten ausgegebenen Losung «#staythefuckhome» habe ich mich am Wochenende nicht in die Öffentlichkeit begeben. Ich habe allerdings einen kleinen Ausflug unternommen mit dem Auto. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach.

Ich wollte einfach mit eigenen Augen sehen, wie gespenstisch sich die bevölkerungsreiche Region Zürich präsentiert, wenn der Bundesrat die Leute dazu aufruft, zu Hause zu bleiben.

Es war überhaupt nicht gespenstisch. Ganz und gar nicht. Die üblichen Szene-Sonnenterrassen-Hotspots in der Stadt, das Seebecken und der Sechseläuten-Platz waren so dicht bevölkert wie üblich am ersten warm-sonnigen Frühlingstag im Jahr. Und am Bahnhof Oerlikon warteten Senioren-Wandergruppen wie jedes Wochenende auf ihren Anschluss-Zug.

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Am frühen Nachmittag hat Alain Bersets Bundesamt für Gesundheit einen Anstieg der bestätigten Coronavirus-Erkrankungen von 800 Fällen innert 24 Stunden verkündet. Das entspricht recht exakt der von Fachleuten erwarteten exponentiellen Zunahme, sprich der Verdoppelung von Coronavirus-Trägerinnen und -trägern alle zwei Tage. Die Dunkelziffer von nicht getesteten Fällen dürfte das Vier- bis Fünffache davon betragen.

Aber auch das schien das Flaniervolk nicht zu beeindrucken.

Die Kantone hingegen schon: Einer nach dem anderen hat ab Sonntagmittag die eine oder andere Form von «Notstand» ausgerufen, also die weitgehende Abschaltung des öffentlichen Lebens.

Diejenigen Kantone, die beim «Lockdown» noch nicht mitmachen wollten, können nun durch die bundesrätliche Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» nach Epidemiengesetz dazu verpflichtet werden. Das ist gut.

Aber es ist zwei Tage zu spät und noch immer nicht konsequent genug. Während in Italien täglich Hunderte auf oder neben Intensivstationen ersticken, hat der Bundesrat das Potential massenhafter, tumber Rücksichtslosigkeit in diesem Land zu lange fahrlässig unterschätzt und tut es immer noch. Und er hat mit dem Mantra «Die Lage ist ernst, aber Panik unangebracht» die Bevölkerung zusätzlich beschwichtigt. Bis sich die Panik in unkoordinierten Sololäufen der Kantonsregierungen ihren Weg brach.

Diese Panik ist berechtigt, denn wir fahren in Sachen Ansteckungsraten weiterhin im Gleichschritt mit Italien, sind aber mit Isolationsmassnahmen nicht sehr viel früher dran. Obwohl man weiss, dass das Einzige, was das Virus bremsen kann, die Rückverfolgung und Isolation aller Infizierten oder aber die sofortige und vollständige Stilllegung allen öffentlichen Lebens in betroffenen Regionen ist. Ersteres hat das BAG nicht hingekriegt und Zweiteres hat der Bundesrat nicht getan und tut es immer noch nicht.

Nun mag man argumentieren, dass solch scharfe Massnahmen durch eine Kaskade von schwächeren Massnahmen vorbereitet werden müssen, um überhaupt durchsetzbar zu sein. Man mag argumentieren, dass in einem föderalen System nicht so schnell reagiert werden kann wie in totalitären Staaten. Und man mag argumentieren, dass jeder Tag, an dem die Wirtschaft nicht komplett lahmgelegt ist, die folgende Rezession abschwächt.

Allein, das insgesamt eher schleppend-unkoordinierte Jekami in Sachen Strategie, Kommunikation und Massnahmen bezüglich des Coronavirus lässt nicht mehr darauf schliessen, dass diese Argumente bewusst in die Krisenbewältigung der Behörden einfliessen. Sondern vielmehr hinterher als Erklärung hinhalten sollen, wenn es schiefgeht.

Dazu sind wir nach diesem verlorenen Wochenende mit sonnigem Sonntagnachmittag auf gutem Weg.

Das Einzige, was uns vom Szenario Italien noch unterscheidet, ist, dass wir sechs Tage früher runterfahren, und die Altersverteilung der getesteten Fälle. Es sind hierzulande mehr junge als alte Leute, die das Virus erwischt haben. So dürfte das Gesundheitssystem weniger stark belastet werden, sofern diese Testresultate denn auch die Realität abbilden.

Ich hoffe es für Sie und den Bundesrat. Denn wenn wir in der Schweiz wie in Italien täglich mehrere hundert Tote vermelden müssen, darf niemand mehr mit Nachsicht rechnen.

Nicht die Rücksichtslosen. Nicht der Föderalismus. Nicht die Wirtschaft.

Und auch nicht der Bundesrat.

Hochachtungsvoll

Ihr Maurice Thiriet


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