Arbeitswelt
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Die Salat- und Fruechtetheke fuer den Take-Away im COOP Pronto Tankstellenshop in Zuerich-Seebach, aufgenommen am 12. Oktober 2007. Eine Angestellte nimmt aus einer Kiste Flaschen und fuellt die Regale auf. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

The salad and fruits bar for take-away in the COOP Pronto gas station shop in Zurich-Seebach, Switzerland, pictured on October 12, 2007. An employee takes bottles out of a box and restocks the beverages shelves. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Coop-Pronto-Filialen beziehen von Coop die Produkte, organisieren aber ihren Laden selbst und wirtschaften auf eigene Kasse. Den Shop-Betreibern ist auch überlassen, zu welchen Bedingungen sie Personal anstellen. Bild: KEYSTONE

Teenies als Billig-Arbeitskräfte: Coop Pronto lässt Praktikanten für 3.75 Franken pro Stunde arbeiten

Nicht alle Schüler haben eine Lehrstelle gefunden. Supermärkte machen daraus ein Geschäft – unterstützt vom Staat . 



pascal ritter / schweiz am sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Sie füllen Regale auf, schrubben Böden und fragen nach der Supercard. Sie sind 15 oder 16 Jahre alt, arbeiten acht Stunden am Tag und verdienen Fr. 3.75 pro Stunde: Praktikanten bei Coop Pronto. Und sie sind nicht allein. Neue Branchen und Betriebe entdecken das Praktikum und sparen so viel Geld. Während ungelernte Studenten um die 25 Franken pro Stunde verdienen, kostet ein Praktikant direkt ab Volksschule 30 Franken – pro Tag.  

Besonders beliebt sind die Praktikanten in Läden, die nach dem Franchising-System funktionieren. Neben Coop Pronto zum Beispiel Avec, der zum Valora-Konzern gehört. Kleinunternehmer beziehen von Coop oder Valora zwar die Produkte, organisieren aber ihren Laden selbst und wirtschaften auf eigene Kasse. Den Shop-Betreibern ist auch überlassen, zu welchen Bedingungen sie Personal anstellen. Ihre Mutterfirmen geben nur Empfehlungen ab. Der Coop-GAV gilt nicht für Coop Pronto. Die Verlockung, Billig-Praktikanten einzusetzen, ist für die Franchise-Partner gross.  

Die Praktikanten werden zum Teil als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt, wie Mitarbeiter bestätigen. Der Filialleiter eines grösseren und zentral gelegenen Coop Pronto in Zürich zeigt sich ob der kostengünstigen Hilfe im Laden begeistert. «Nach zwei bis drei Monaten sind die Praktikanten angeleitet und leisten sehr gute Arbeit.» Die Praktikanten bleiben bis zu einem ganzen Jahr.  

Mutterfirmen warnen Franchise-Partner

Weder die Coop Mineralöl AG, die für die Coop-Pronto-Filialen zuständig ist, noch Valora (Avec) wissen, wie viele Praktikanten ihre Franchise-Partner anstellen. Die Mutterfirmen sind selber vorsichtig mit Praktikanten. In den von Valora selbst betriebenen Avec-Shops sind zurzeit keine Praktikanten beschäftigt. Die Coop Mineralöl AG rät ihren Franchise-Partnern sogar «klar» davon ab, Lehrlinge oder Praktikanten anzustellen, wie Sprecherin Sabine Schenker auf Anfrage sagt. Es könne nicht sichergestellt werden, dass die Shopunternehmer die notwendige Zeit für Praktikanten und Lehrlinge aufbrächten.  

«Hier werden junge Menschen, die keine Lehrstelle fanden, als billige Arbeitskräfte missbraucht.»

Natalie Imboden von der Unia

Die Gewerkschaft Unia kritisiert die Praktika. «Hier werden junge Menschen, die keine Lehrstelle fanden, als billige Arbeitskräfte missbraucht», sagt Natalie Imboden, die bei der Unia für den Detailhandel verantwortlich ist. «Grundsätzlich ist es gut, dass es Praktika gibt, damit Schüler einen Einblick in einen Beruf gewinnen können. Dafür reichen aber ein paar Wochen oder Monate aus. Ein Jahr lang arbeiten für 30 Franken pro Tag, das geht nicht», sagt sie. Denn auch 16-Jährige könnten gute Arbeit leisten und müssten entsprechend entschädigt werden.  

Die Coop Mineralöl AG zeigt sich zudem irritiert von der Tatsache, dass in gewissen Kantonen die Ämter für Berufsbildung sogar aktiv auf Coop-Pronto-Shops zugehen und ihnen nahelegen, Praktikanten oder Lehrlinge aufzunehmen. Tatsächlich werben nicht nur Shopbetreiber aktiv um Praktikanten. Manche werden auch von Berufswahlschulen angegangen. So organisiert etwa in Zürich die städtische Berufswahlschule Viventa für Schüler des 10. Schuljahres Praktika bei Detaillisten, Sportgeschäften oder einem grossen Spielwarenladen.  

Chancen auf Lehrstelle stehen eigentlich gut

Die Schüler der entsprechenden Klassen arbeiten während eines Jahres drei Tage pro Woche im Laden. Die restlichen zwei Tage gehen sie zur Schule. Brisant: Das 10. Schuljahr bei Viventa kostet 2400 Franken. Den Lohn des ersten Halbjahres müssen die Praktikanten also als Schulgeld wieder abgeben. Auf Anfrage verteidigt ein Mitglied der Schulleitung die Praxis. Er bestreitet nicht, dass die Praktikanten ein gutes Geschäft sind für die Shops, spricht aber von einem Geben und Nehmen. Die Berufswahlschüler erhielten auf diesem Weg die Chance, Arbeitserfahrung zu sammeln.  

Er gibt zu bedenken, dass es sich um Schüler handele, die aus verschiedenen Gründen keine Lehrestelle gefunden hätten und deren Betreuung für die Shop-Betreiber mit zusätzlichem Aufwand verbunden sei. Die Viventa zeigt sich froh über die Zusammenarbeit mit den Shops. Viele Praktikanten könnten später im gleichen Betrieb eine Lehre machen.  

Dass Schulabgänger in einem Praktikum landen, erstaunt. Denn die Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen, standen lange nicht mehr so gut. Der Lehrstellenmangel, der noch Mitte der Nullerjahre herrschte, scheint vorüber. Viele Lehrstellen blieben unbesetzt. Dass Praktika und Brückenangebote trotzdem genutzt werden, liegt auch daran, dass die Ansprüche bei Lehrstellensuchenden, aber auch bei den Unternehmern gestiegen sind.  

«Chance zum Direkteinstieg muss geboten werden»

Bei den Betrieben beliebt sind ältere Schüler und solche mit Berufserfahrung. «Die Volksschule sollte eigentlich für eine Berufslehre qualifizieren», sagt Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes des Kantons Bern. «Aber für die Lehrbetriebe ist es verlockend, wenn die Lehrlinge noch besser ausgebildet und auch ein Jahr älter sind.» In Bern haben Praktika vor Lehrbeginn System. «Vorlehre» heisst das 10. Schuljahr mit integriertem Praktikum. Dass Schüler in der Vorlehre als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, treffe höchstens auf Einzelfälle zu. «Schwarze Schafe gibt es immer», sagt Ninck.  

Er stellt aber fest, dass zunehmend Praktikanten eingestellt werden, die nicht wie in der Vorlehre noch eine Schule besuchen. Zum Beispiel in Kindertagesstätten oder im Gesundheitswesen. «Wir lehnen dies ab. Diesen jungen Leuten müsste die Chance zum Direkteinstieg in eine Berufslehre geboten werden», sagt Ninck.  

«Es kann nicht sein, dass SchülerInnen, bevor sie eine Lehre machen, in der sie ohnehin sehr wenig verdienen, auch noch ein Jahr Praktikum machen müssen.» 

Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes des Kantons Bern

Das Gleiche wünscht sich Gewerkschafterin Imboden für die Praktikanten im Detailhandel. «Es kann nicht sein, dass SchülerInnen, bevor sie eine Lehre machen, in der sie ohnehin sehr wenig verdienen, auch noch ein Jahr Praktikum machen müssen.»  

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