Interview
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Portrait von Thomas Kessler, Integrationsdelegierter des Kantons Basel-Stadt, aufgenommen am 3. Juni 2008 in Basel, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Thomas Kessler. Bild: KEYSTONE

Stadtentwickler Thomas Kessler über Basels strikte Lärmregeln: «Der Bass ist nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom»

In Basel reglementiert die Stadt per Verordnung die Bässe aus der Partymusik weg. Der Stadtentwickler Thomas Kessler hält das für Unfug. Ein Gespräch über den alemannischen Waldmenschen, Spiessertum und Landluft.



Herr Kessler, die Stadt Basel berechnet den Lärm neu, weil die moderne Musik mehr Bass hat ...
... modern? Nein, schon der Techno der 80er hatte viel Bass. Die tieferen Gründe für immer mehr Regeln liegen woanders – in der Anspruchsinflation unserer Wohlstandsgesellschaft. Wir wollen alles haben, jederzeit an jedem Ort, aber davon nicht gestört werden und auch keine Kompromisse mehr eingehen. Der Bass ist nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom.

Thomas Kessler 

Der 56-jährige Agronom und Intellektuelle war zwischen 1991 und 1998 Drogendelegierter und von 1998 bis 2008 war er Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. Kessler verfolgte sowohl im Umgang mit Drogen als auch bei der Ausländerintegration stets eine möglichst liberale und verständnisvolle Linie, wo nötig aber auch eine harte. Seit 2008 ist er Kantons- und Stadtentwickler von Basel-Stadt und beschäftigt sich als solcher auch mit den Fragen des Zusammenlebens auf engem Raum. Die Hauptprobleme seien dabei die hohen Wohlstandsansprüche bei gleichzeitigem zivilisatorischem Rückstand: Beim alemannischen Waldmenschen fehlten kollektive Erinnerungen an den rücksichtsvollen Umgang in städtischer Dichte. Diese seien aber Voraussetzung für den sich durchsetzenden mediterranen Lebensstil. 

Das ging jetzt etwas schnell. Sie begründen die neue Bass-Formel mit einem Gesellschaftswandel?
Ja. Gehen wir ein paar Schritte zurück. Vielen Regeln liegt ein Konflikt zwischen lebendiger Kulturstadt und Ruhebedürfnis der Anwohner zugrunde. Auf der einen Seite stehen Gartenkneipen, Nachtlokale oder eben die Clubs. Bass gehört zur Musik. Auf der anderen Seite stehen die Anwohner. Wenn sich in einer solchen Situation die Parteien für das Lösungssuchen nicht an einen Tisch setzen, braucht es schliesslich eine abstrakte Formel, von einer Behörde erlassen, die das Zusammenleben regelt. Würde sich die Zivilgesellschaft häufiger selber organisieren, bräuchte es weniger Reglemente. 

«Spiesser sind nicht nur Behörden und Anwohner, die den Lärm verbieten wollen, sondern auch diejenigen, die sich für progressiv halten, aber einen Gartenzwerg in sich haben.»

Das ist doch utopisch.
Nein, es ist pragmatisch. Bei kleinräumigen Zwisten zuerst nach dem Staat zu rufen ist definitiv nicht sinnvoll. Auch urbane Zonen wie in Bern oder Spezialbewilligungen wie in Zürich sind nicht die Lösung, sondern Hilfskonstrukte. Forderungen danach haben etwas Spiessiges, schlussendlich muss man ja jeden Einzelfall mit den konkret betroffenen Menschen anschauen.

Spiessig?
Ja. Spiesser sind nicht nur Behörden und Anwohner, die den Lärm verbieten wollen, sondern auch diejenigen, die sich für progressiv halten, aber auch einen Gartenzwerg in sich haben und ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Die Stadt ist ein vielfältiger, spannender Organismus, Dichte und Vielfalt gehören dazu und bringen Interessenkonflikte mit sich. Diese müssen nicht zuerst mit abstrakten Normen angegangen werden, sondern mit Vernunft und Anstand, mit dem Prinzip leben und leben lassen. 

Sind wir denn nicht anständig?
Nein. Im mediterranisierten Nachtleben noch nicht ganz. Wir sind erst auf dem Weg vom grölenden alemannischen Waldmenschen zum kultivierten urbanen Lateiner. 

ZUR BEKANNTGABE DER RESULTATE DER NEUSTEN STUDIE DER STIFTUNG SUCHT SCHWEIZ, AM MONTAG, DEM 23. MAERZ 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Jugendliche lassen sich beim Trinken von alkoholischen Getraenken freien Lauf, anlaesslich des ersten

Das dürfte er sein: der grölende alemannische Waldmensch. Bild: KEYSTONE

Wie bitte?
Der alemannische Waldmensch besäuft sich im Wald, tobt sich aus, ungestört, unflätig, unbeachtet. Der urbane Lateiner hat keinen Wald. Sein Raum ist die dichte Stadt, wo er es lustig hat, wo er sich frei bewegt, wo er sich aber eben kultiviert bewegt. Wir entdecken jetzt die Stadt wieder und nutzen den öffentlichen Raum viel stärker, sind aber immer noch Waldmenschen. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum wir uns selbst stark regulieren.

«Plötzlich sind wir nur schon überfordert, wenn der Gast das Joghurt-Becherchen am falschen Ort hinstellt.» 

Oje. Schiessen Sie los. 
Es mangelt an Zivilcourage. Wir gehen zu wenig aufeinander zu und können Konflikte nicht mehr von Angesicht zu Angesicht aushandeln. Wir sind uns teilweise fremd geworden. 

Das klingt ja schrecklich. 
Ist es auch. Diese Entwicklung stellt schlussendlich den Erfolg der Schweiz als liberales Land infrage. Unser Wohlstand zehrt von freiwilligem Engagement, freien Gedanken und freien Entfaltungsmöglichkeiten. Diese werden durch die Bedürfnisexzesse und die daraus folgende Regulierung und Abstraktion verdrängt. 

Da wären wir also bei ihrer Begründung. Schuld ist der Wohlstand?
Uns geht es ausgezeichnet. Besser als neunundneunzig Prozent auf dieser Welt. Alles funktioniert, wir haben Trinkwasser in den Seen, die Autos sind leise, das Leben ruhig. In diesem Wohlstand explodieren die Bedürfnisse. Wir wollen noch mehr haben und alles am selben Ort: Auf dem Land wollen wir saubere Landluft, aber keine Kuhglocken, in der Stadt wollen wir Lebendigkeit, aber wir wollen sie nicht hören. Wir können uns so viel Privatraum leisten wie noch nie. Kompromisse müssen wir so kaum mehr eingehen.  

Alles asoziale Egoisten also.
Jede zweite Wohnung in den Städten wird noch von einem einzigen Menschen bewohnt, manche sind schon überfordert, wenn der Gast das Joghurt-Becherchen am falschen Ort hinstellt. Der Nachbar regt sich über den anderen auf, weil der auf dem Balkon raucht, notabene weil er drin nicht mehr darf, und zieht damit vors Mietgericht. Sie sehen: Die Entfremdung, der Mangel an direktem Austausch schlagen sich in der Behördenstatistik nieder. 

Gibt es Hoffnung?
Natürlich. Ich bin Optimist.

«Die Leute spüren, dass wir die Grenze des vernünftigen Regulierens erreicht haben.»

Sicher?
Definitiv. Die Leute spüren, dass wir die Grenze des vernünftigen Regulierens erreicht haben. Wir müssen uns jetzt wieder vermehrt selber engagieren.  

Wie?
Wenn wir Freiheit wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen, für unser Handeln und unsere Mitmenschen. Ich muss bei meinen Nachbarn klopfen, mich vorstellen, meine Party ankündigen und sie einladen. Dann kennen sie mich, dann reklamieren sie nicht bei der Polizei, sondern bei mir, und dann feiern sie vielleicht ja auch mit.  

Gibt's bei Ihnen auch Partys mit viel Bass?
Wir haben eine stark gelebte Nachbarschaft, da verträgt's locker Balkanpop und die Stones. Bass ist mir aber nicht mehr so wichtig. Ich höre im Alltag lieber Klassik.  

Umfrage

Der Bass muss weg – schlimm oder ok?

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1,253 Votes zu: Der Bass muss weg – schlimm oder ok?

  • 15%Ok. Zu lautes Gewummer würde mich als Anwohner auch nerven.
  • 57%Geht's noch? Feiern ohne Bass ist wie Leben ohne Spass.
  • 14%Was kümmert mich Basels Bass!
  • 13%Ich will nur die Antwort sehen.

Image

bild: facebook.com/beppiwachuf 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Altolamprologus 16.05.2015 16:59
    Highlight Highlight Noch geschwind eine Information an die "Nicht-Basler" Watson-Leser:

    Kesslers politische Erfolge (und die seiner Teams) lesen sich so:

    Das Gesetz über die Heroinabgabe von 1994, das Wohnraumförderungsgesetz von 2014 und das Integrationsgesetz von 2014 wurden mit jeweils 2/3-Mehrheit vom Volk angenommen und gegen das Integrationsgesetz von 2007 kam noch nicht einmal ein Referendum zustande!

    Erfolge, die naturgemäss Neider auf den Plan rufen. Aber das kennen die Basler auch bei Architekten und Fussballtrainern und wissen es einzuschätzen...
  • marius33 15.05.2015 12:20
    Highlight Highlight Au weia, dass immer wieder dieses nichtssagende Grossmaul gefragt werden muss, zeigt wie dreckig es Basel wirklich geht. Der Mann sagt im Wesentlichen gar nichts, ausser dass er etwas abgelutschte Stereotype aufwärmt, frei nach: Im mediterranen Süden sind doch alle so tolerant und menschlich und reden miteinander und im kalten Norden geht es uns zu gut und wir reden nicht mehr miteinander. Fadenschienig, langweilig und dümmlich. Liebe Watson, bitte interviewt doch mal jemanden, der die Bezeichnung intellektuell auch verdient. Der Mann ist sowas von kalter Kaffee hier in Basel, aber sowas von.
    • Altolamprologus 15.05.2015 22:18
      Highlight Highlight Au weia, wer solche verbale Ausrutscher wie "nichtsssagendes Grossmaul" braucht, muss wohl zurecht und zutiefst getroffen worden sein. Und entsprechend zeichnet sich die Replik des Getroffenen dann auch aus durch die Abwesenheit von Argumenten. Das ist keine Streitkultur, das ist allenfalls das Gekläffe getroffener Hunde...

      Aber eben; es ist auch ein Beispiel für das was wirklich notwendig ist in Basel: Eine weitsichtige Liberalität, wie Kessler sie anmahnt.
  • Tilman Fliegel 15.05.2015 00:32
    Highlight Highlight Lustig. Ich bin zur Zeit auf den Philippinen. Hier macht mehr oder weniger jeder Lärm, wie und wann er will. Z. B. Karaoke, im Freien, mit viel Bass und manchmal ziemlich schlechtem Gesang. Und ständig kräht irgendwo ein Hahn. Es ist wahrscheinlich das lauteste Land der Welt. Da kommt mir die Schweizerische Geräuschvermeidungsmentalität gerade extrem absurd vor. Hier gilt wirklich noch Leben und leben lassen. Und wer Spass hat, hat recht.
  • */* 14.05.2015 18:04
    Highlight Highlight Der Typ geht total am Thema vorbei. Es geht um basslastige Musik und Anwohner. Warum geht er nicht darauf ein, dass es unüberlegt ist, eine laute Beiz im EG einer Wohnliegenschaft hinzupflanzen? Würden mehr Industriequartiere für Party- und Konzertlokalitäten genutzt, wäre das Problem nicht vorhanden.
    • nimmersatt 14.05.2015 19:25
      Highlight Highlight Er geht sehr wohl auf das Thema ein, und macht was in gesellschaftlichen Diskursen im medialen Kontext leider viel zu selten gemacht wird: Probleme in ihrem grösseren gesellschaftlichen Kontext darstellen
  • Angelo C. 14.05.2015 14:17
    Highlight Highlight Zwar ein links-grüner Zeitgenosse, dieser Thomas Kessler, ist mir aber im Laufe der Jahre (mit Ausnahme gewisser Asylfantasien) recht gut eingefahren! Ein pragmatischer Typ, intellektuell und durchaus akzeptabel. Jedenfalls hat er in Basel einiges auf den Weg gebracht, auch solches, das national übernommen wurde. Seine Interview-Antworten gefallen mir mehrheitlich gut.
    • nimmersatt 14.05.2015 18:38
      Highlight Highlight Nicht unbedingt ein links-grüner, sondern ein wirklich liberaler mit gesellschaftlichem Weitblick, statt nur jenem Blick aufs eigene Portemonnaie.
  • christianlaurin 14.05.2015 13:57
    Highlight Highlight Eh? Ich verstehe oben von unten nicht mehr? Ich würde fast sagen utopisch. Aber ein andrer Frage. Ich habe im Wald keine 10 km von Mittelmeer gelebt (Nähe frejus). Bin ich Wald Mensch oder kultiviert? Ich so durcheinander....

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