Unvergessen
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Donghua Li from Switzerland performs on the pommel horse during a gala show at the Georgia Dome in Atlanta, Georgia, 30 July 1996 Chinese-born Li Donghua became the first Swiss in 40 years to win a gymnastics title when he triumphed on the pommel horse here 28 July 1996. (KEYSTONE/EPA/IOPP/Eric FEFERBERG)

Gold im Visier: Donghua Li an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Bild: EPA IOPP

Unvergessen

27.07.1996: Donghua Li krönt seine bewegte Karriere mit dem für unmöglich gehaltenen Olympiasieg

27. Juli 1996: Donghua Li beendet seine Turnkarriere mit dem Gewinn der Goldmedaille an den Olympischen Spielen in Atlanta. Durch die Krönung zum Olympiasieger am Pauschenpferd findet eine Karriere, geprägt von viel Kampf und Durchsetzungswillen, ihren Höhepunkt.

Jonatan Schäfer
Jonatan Schäfer



Als Donghua Li 17 Jahre alt ist, erklärt ihm ein chinesischer Arzt, dass er keine Kinder zeugen und nie mehr Sport treiben könne. 32 Jahre später ist der Schweizer mit den chinesischen Wurzeln zweifacher Vater und kann auf eine äusserst erfolgreiche Turnkarriere zurückblicken.

Donghua Li kommt 1967 im chinesischen Chengdu zur Welt. Im Alter von sieben Jahren tritt er in ein Internat ein, wo er seine ersten Gehversuche im Kunstturnen unternimmt. Sein aussergewöhnliches Talent zeigt sich bereits früh, weshalb er 1983 in das chinesische Nationalkader berufen wird.

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Ein Bild aus jungen Jahren: Donghua Li (r.) posiert stolz im Kunstturner-Dress. quelle: website donghua li

Eine Karriere voller Rückschläge

Die noch junge Karriere gerät jedoch durch zahlreiche Verletzungen mehrmals in Gefahr. 1984 verliert Li nach einem Sturz am Pferdesprung die Milz und die linke Niere, zwei Jahre später reisst er sich bei einer Bodenübung beide Achillessehnen. Acht Monate vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988 stürzt Li am Barren und kann deshalb nicht an den Spielen teilnehmen. 

Zumindest aus Schweizer Sicht hat diese letzte Verletzung auch eine positive Wirkung: Im gleichen Sommer trifft Donghua Li in Peking auf die Schweizer Touristin Esperanza Friedli, welche er kurz darauf heiratet. Im Jahr 1989 zieht Li mit ihr in die Schweiz. Als Ausländer darf er jedoch keine internationalen Wettkämpfe bestreiten – und auch auf nationaler Ebene werden ihm Steine in den Weg gelegt.

Li gewinnt bis 1993 sieben Titelkämpfe an den Schweizer Meisterschaften (4x Pferd, 2x Ringe, 1x Mehrkampf), aufgrund teils kurzfristiger Reglementsänderungen bleibt ihm die Auszeichnung als «Schweizer Meister» jedoch vorenthalten. Am eidgenössischen Turnfest 1991 wird Donghua Li durch die Kampfrichter auf den zweiten Rang degradiert, auch wenn er wohl der verdiente Sieger gewesen wäre.

Donghua Li, Schweizer Medaillenhoffnung

Am 29. März 1994 nimmt Donghua Lis Karriere eine entscheidende Wende: Der zu diesem Zeitpunkt bereits 26-jährige Li erwirbt das Schweizer Bürgerrecht und damit die Berechtigung zur Teilnahme an Wettkämpfen auf internationalem Parkett. Das erste Edelmetall lässt nicht lange auf sich warten: Im selben Jahr holte er sich am Pferd WM-Bronze, 1995 doppelt er in der gleichen Disziplin mit dem Weltmeistertitel nach. In beiden Jahren gewinnt er zudem die Schweizer Meisterschaften in Mehrkampf und Pferd und darf sich dadurch auch offiziell «Schweizer Meister» nennen. 

VORSCHAU ATLANTA 1996 --- Groesster Anwaerter auf eine Schweizer Medaille an den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta ist Donghua Li (Archivbild 1995), der Pferdepauschen-Weltmeister aus China, der in der Innerschweiz heimisch geworden ist und wohl nur durch ein Missgeschick von einer Medaille ferngehalten werden kann. (KEYSTONE/ARCHIVE)

Der Neo-Schweizer in seiner Paradedisziplin: Donghua Li im Jahr 1995 am Pferd. Bild: KEYSTONE

Der Höhenflug des Ausnahmetalents setzt sich im Olympiajahr 1996 nahtlos fort: Innert kürzester Zeit erringt Donghua Li Silber an der Weltmeisterschaft und krönt sich zum Europameister ‒ natürlich in seiner Paradedisziplin, dem Pauschenpferd. Doch der Höhepunkt des Turnjahres steht noch bevor: Die Olympischen Sommerspiele in Atlanta (USA). Der mittlerweile 28-jährige Li ist bei seiner Olympia-Premiere mit Abstand der älteste Turner, gleichwohl zählt er zu den grössten Schweizer Medaillen-Hoffnungen. 

Swiss gymnasts Li Donghua won goldmedal at The European Gymnastic Championship in Copenhagen Sunday May 12, 1996. (KEYSTONE/AP Photo/Bjarke Orsted)

Li bejubelt den Gewinn der Goldmedaille an der EM in Kopenhagen. Bild: AP

Nachdem er 1988 die Sommerspiele in Seoul aufgrund einer Verletzung verpasste und 1992 in Barcelona kein Land hatte, für das er hätte teilnehmen können, bietet sich Donghua Li endlich die Chance, seine fantastische Karriere mit Olympiagold am Pferd zu krönen. 

Der Schweizer kommt im Final als fünfter von acht Athleten an die Reihe und muss zunächst zusehen, wie seine grössten Konkurrenten die Messlatte hoch ansetzen: Alexei Nemow aus Russland wird mit starken 9,787 Punkten bewertet, der Rumäne Marius Urzica überbietet diesen Wert gar noch und greift mit seinen 9,825 Punkten nach der Goldmedaille.

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Der Finalauftritt von Donghua Li in voller Länge.
YouTube/mkjgt353

Doch Donghua Li gelingt als fünfter Finalist eine perfekte Vorstellung: Vor den Augen seiner schwangeren Frau turnt sich der Schweizer zu 9,875 Punkten – ein Wert, den auch die beiden nachfolgenden Athleten nicht übertreffen können. Bleibt nur noch Éric Poujade: Der Franzose scheint Li die Spitzenposition mit einem fehlerfreien Auftritt streitig zu machen, rutscht dann jedoch ab und stürzt vom Pferd. Donghua Li darf sich nicht nur Welt- und Europameister, sondern auch Olympiasieger nennen!

Rücktritt auf dem Höhepunkt

Im November 1996, nur wenige Wochen nach dem Olympiasieg, tritt Donghua Li im Alter von beinahe 29 Jahren vom Wettkampfsport zurück. Kurz darauf wird er zum «Schweizer Sportler des Jahres» gewählt. Diese Auszeichung ist für ihn, den lange Zeit Unerwünschten, der versöhnliche Abschluss einer bewegten Karriere. 

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Youtube-Dok über Lis Karriere (ab 17:15) mit dem kompletten Olympia-Final von 1996 ab 20:40. YouTube/Olympic

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In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Amboss 27.07.2016 11:45
    Highlight Highlight Die beste Szene ist leider im Video nicht zu sehen.
    Der Franzose rutscht ab und die Frau von Donghua Li springt vor Freude auf und macht einen Freudenschrei - als einzige im Stadion.
    Die anderen waren noch erschrocken wegen dem Sturz, hatten Mitleid mit dem Franzosen oder neutrales Publikum.

    Deshalb ist es ihr auch im unteren Video bei 26:27 so peinlich.

    Schade hab ich diesen Ausschnitt nicht mehr gefunden, er ist einfach zu köstlich.
  • Hans der Dampfer 27.07.2016 09:30
    Highlight Highlight Mit Donghua Li hatte ich mal eine witzige Begegnung im Migros Glattzentrum. Wir haben damals einen Artikel gesucht. Als ich es aber nicht fand, wollte ich einen Mitarbeiter fragen. Ich sah einen unweit von meinem Standort. Ich sah die orange-blaue Kleidung aber nur von hinten. Ich sprach ihn an und fragte nach dem Teil.

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