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Nato-Soldaten bei einem Manöver in Estland.
Nato-Soldaten bei einem Manöver in Estland.Bild: keystone
Analyse

Warum das Afghanistan-Debakel keine Gefahr für die Nato ist

Die Supermacht USA hat sich blamiert. Doch das Militärbündnis geht möglicherweise gar gestärkt aus dem Chaos hervor.
23.08.2021, 14:3423.08.2021, 15:00

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet spricht vom «grössten Debakel der Nato seit ihrer Gründung». Auf der britischen Insel bezeichnet der ehemalige Premierminister Tony Blair den Rückzug der Amerikaner aus Afghanistan als «idiotisch». Gerüchteweise soll sich Boris Johnson, der aktuelle Premier, gar Trump zurück ins Weisse Haus gewünscht haben. Hat Präsident Joe Biden das Vertrauen seiner engsten Verbündeten erschüttert und damit den Zusammenhalt innerhalb der Nato gefährdet?

Sicherlich sind die aktuellen Chaos-Tage in Kabul alles andere als ein Leistungsausweis für die US-Truppen und das amerikanische Aussenministerium. Vordergründig stellen sich daher Fragen wie: Was ist also von den Versprechen zu halten, welche die Amerikaner gegenüber den Europäern geleistet haben? Lassen sie auch die baltischen Staaten, die Ukraine oder gar Polen fallen, sollte Wladimir Putin die russischen Aggressionen verstärken? Und was ist mit Taiwan?

Hält den Rückzug für «idiotisch»: Tony Blair.
Hält den Rückzug für «idiotisch»: Tony Blair.Bild: keystone

Diese Fragen mögen sich aufdrängen, sie führen jedoch auf eine falsche Fährte. Afghanistan ist weder mit Lettland und Litauen zu vergleichen noch mit Taiwan. Und das sind die Gründe:

Seit Jahren wollen sich die USA aus dem Sumpf des Nahen und Mittleren Ostens zurückziehen. Mit der schrumpfenden Bedeutung des Erdöls lenken die «endlosen Kriege» in diesen Gegenden bloss von der Hauptaufgabe der amerikanischen Aussenpolitik ab: die aufstrebende Supermacht China im Griff zu behalten und ein Auge auf Russland zu werfen.

Anders als sein Vorgänger hat Biden erkannt, dass er für diese Aufgabe Verbündete braucht. Deshalb stellt Robin Niblett im Magazin «Foreign Affairs» fest:

«Der Rückzug aus Afghanistan ist ein bewusster und brutaler Versuch, die strategischen Prioritäten der USA neu zu fokussieren, und zwar weg vom Mittleren Osten und hin zum Pazifik. Entscheidend dabei ist, dass die Biden-Regierung – anders als Trump – erkannt hat, dass diese Herausforderung nur in Zusammenarbeit mit den Alliierten erfolgreich gemeistert werden kann. Washingtons europäische Alliierte spielen in dieser Strategie eine zentrale Rolle.»

Niblett ist Direktor des Royal Institute of International Affairs, auch bekannt unter dem Namen Chatham House. Es handelt sich dabei um den wichtigsten Thinktank auf der Insel.

Will einen G7-Krisengipfel: Boris Johnson.
Will einen G7-Krisengipfel: Boris Johnson.Bild: keystone

Die USA und Europa haben einen unausgesprochenen Pakt abgeschlossen. Er lässt sich wie folgt umreissen: Die Amerikaner versprechen den Europäern, sie vor den russischen Aggressionen zu schützen. Die Europäer ihrerseits unterstützen die USA in ihren Bemühungen, China in den Griff zu bekommen. Dieser Pakt soll nun erneut besiegelt werden. Als aktueller Vorsitzender der G7 – des Clubs der reichsten Nationen – hat Boris Johnson deshalb zu einem Krisengipfel aufgerufen, um das weitere Vorgehen in Afghanistan abzustimmen. «Es ist wirklich wichtig, dass wir eine vereinte Front bilden», zitiert die «Financial Times» einen britischen Beamten des Aussenministeriums.

Dieser Pakt ist von den Ereignissen in Afghanistan auch nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt geworden. Nochmals Niblett:

«Die europäischen Regierungen sind unausweichlich auf den Erfolg der Biden-Regierung angewiesen, unabhängig davon, was in Afghanistan passiert. Beinahe alle europäischen Regierungen, auch die grössten – Frankreich, Deutschland, Italien und das Vereinigte Königreich –, wissen, dass sie die transatlantische Partnerschaft angesichts der wachsenden Konfrontationen mit China und Russland verstärken müssen.»

Biden seinerseits muss nun erst recht beweisen, dass er es mit den globalen Partnerschaften ernst meint. Diese Partnerschaft nach den America-first-Tagen der Ära Trump zu verstärken hatte er am G7-Treffen im Juni versprochen.

Sie haben es geschafft: Eine Mutter mit ihrer Tochter wartet darauf, ein Flugzeug zu besteigen.
Sie haben es geschafft: Eine Mutter mit ihrer Tochter wartet darauf, ein Flugzeug zu besteigen.Bild: keystone

Keine Frage, derzeit sehen die USA schlecht aus. Doch allmählich wird auch erkennbar, wie miserabel die Ausgangslage für die Biden-Regierung war. Trump und sein Aussenminister Mike Pompeo hatten mit den Taliban einen Deal abgeschlossen, der im Wesentlichen sagt: Wir ziehen ab, wenn ihr uns bis dann in Ruhe lasst. Trump selbst hat noch vor ein paar Wochen an einer Rally stolz darauf hingewiesen, dass dieser Prozess so angelegt war, dass er nicht mehr zu stoppen war.

Die Trump-Regierung hat nicht nur das Ausstellen von Visa für afghanische Helfer verschlampt, sie hat dies aktiv verhindert. Die Coronakrise hat ebenfalls dazu beigetragen, dass diese Visa nur stockend erteilt wurden. Dazu kommt die Situation an der Grenze zu Mexiko, die ein rasches und unkontrolliertes Ausfliegen von Zehntausenden von Afghanen in die USA zu einem innenpolitischen Risiko machten.

Aus all diesen Gründen setzte die Biden-Regierung darauf, dass die afghanische Regierung wenigstens lange genug durchhalten würde, um einen geordneten Rückzug zu ermöglichen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen, und dafür erhalten die Amerikaner jetzt die Quittung.

Die Bilder von Saigon 1975 und die aktuellen Bilder aus Kabul mögen sich gleichen. Deswegen die USA abzuschreiben wäre ein Fehler. «Genauso wie der Rückzug aus Vietnam die Vereinigten Staaten nicht davon abgehalten hat, das 20. Jahrhundert wirtschaftlich und politisch zu dominieren, muss auch der chaotische Rückzug aus Afghanistan nicht der Auftakt für einen Niedergang der USA im 21. Jahrhundert sein», stellt Niblett fest.

Vielmehr ist der Rückzug aus Afghanistan kalte Realpolitik mit dem Ziel, die globale Stellung der USA zu stärken. Das ist hässlich, speziell gegenüber den afghanischen Frauen. Doch er ist kein Beweis für den Niedergang der Supermacht USA – und auch kein Beweis dafür, dass die Tage der Nato gezählt sind.

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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Anti-Taliban-Demo in Zürich: Das fordern die Afghanen

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