Tesla

Im Fall Daimler vs. privater Tesla-Besitzer verstrickt sich der Autovermieter Sixt in Widersprüche. Bild: EPA/TESLA MOTORS / HANDOUT

Schweigegeld? Bizarrer Streit um einen von Daimler demolierten Tesla wird noch peinlicher

Daimler hat angeblich über den Autovermieter Sixt einen Tesla von Privatleuten gemietet und den Luxuswagen bei Tests ramponiert. Jetzt reagierte die Autovermietung – und versucht, den Vorgang umzudeuten.

07.12.17, 18:03 08.12.17, 09:24

Ein Artikel von

Ein Autokonzern beschafft sich über eine Fahrzeugvermietung bei einem Unternehmerpaar ein Modell der Konkurrenz, unternimmt damit Tests, schraubt es offenbar sogar auseinander und wieder zusammen - und lässt es in desolatem Zustand wieder zurückliefern. Über diese Folgen einer dubiosen «Vergleichsfahrt» berichtete kürzlich der «Spiegel». Jetzt geht der Fall in die nächste Runde.

Bei dem Konzern handelt es sich nach «Spiegel»-Informationen um Daimler; bei der Autovermietung um Sixt; und bei dem ramponierten Wagen um ein Exemplar des Elektro-SUV Tesla Model X. Es gehört dem Unternehmerpaar Monika Kindlein und Manfred van Rinsum.

Während der Mietdauer von rund sieben Wochen - das konnte Manfred van Rinsum dank der Ortungsfunktion seines Teslas belegen - wurde der Wagen bis nach Spanien transportiert, auf eine Autotestbahn bei Barcelona. Ausserdem ortete er sein Auto auf einer Teststrecke des Mercedes-Werks in Sindelfingen sowie bei einer Stuttgarter Firma, die ihren Kunden, darunter auch Daimler, Tests «inklusive Testaufbauten» anbietet.

Rechnung über fast 100'000 Franken

Im Laufe der Mietzeit litt der Tesla. Wie heftig, das dokumentiert ein Gutachten der Prüforganisation Dekra: Demnach entstand ein Schaden von 15'674 Euro sowie einen Wertverlust von 2000 Euro an dem Auto.

Ein Wagen in diesem Zustand lässt sich nicht weitervermieten. Manfred van Rinsum musste deshalb einem Kunden, der den Tesla direkt im Anschluss an die verhängnisvolle Miete gebucht hatte, ein Ersatzfahrzeug von einer anderen Autovermietung besorgen. Kurze Zeit später ging auch noch die Antriebseinheit seines Model X kaputt.

Van Rinsum stellte Sixt eine Summe von insgesamt 99'392.79 Euro in Rechnung; sie enthielt die Reparaturkosten, den Nutzungsausfall, seinen Arbeitsaufwand, eine Vertragsstrafe von 1000 Euro pro Tag für die Nutzung auf dem Testgelände in Spanien, die Reparatur der Antriebseinheit und eine Abstandszahlung für eine Verschwiegenheitserklärung.

Sixt erhebt schwere Vorwürfe

Tesla-Besitzer forderte angeblich Schweigegeld von Sixt

Sixt schreibt in einer Medienmitteilung, dass die Eigentümer des Teslas neben dem Schadenersatz auch noch eine Art Schweigegeld in Höhe von über 20'000 Franken gefordert haben, damit der Fall nicht an die Medien gelangt. «Ein solches ‹Schweigegeld› ist sittenwidrig und war für Sixt völlig inakzeptabel.» Weil man sich geweigert habe, zu bezahlen, seien die Tesla-Besitzer an die Presse gegangen. Nachdem die Medien über den Vorfall berichtet haben, hätten sie eine noch weit höhere Rechnung gestellt.

Sixt schreibt weiter: «Offensichtlich erfolgte das ‹Hochrechnen› des Schadens von vornherein mit der klaren Absicht, ein Drohpotenzial im Falle einer Veröffentlichung in den Medien aufzubauen und dabei eine Rufschädigung von Sixt in Kauf zu nehmen.» (oli via Die Welt)

Die Reaktion von Sixt: Die Autovermietung beglich den von der Dekra festgestellten Schaden inklusive Wertminderung und Gutachterkosten in Höhe von 18'500 Euro. Die restlichen von van Rinsum in Rechnung gestellten Positionen bezeichnete das Unternehmen nun in einer Pressemitteilung als «völlig willkürlich».

In der Mitteilung von Sixt heisst es unter anderem, allen Beteiligten sei klar gewesen, dass der vermietete Tesla von einen «industriellen Kunden» zu «Vergleichs- und Testzwecken» eingesetzt werde.

Sixt verstrickt sich in Widersprüche: Extreme Tests waren vertraglich verboten

Tesla-Besitzer van Rinsum hatte sich jedoch vor dem Mietvorgang zusichern lassen, dass der Wagen nicht auf Teststrecken und nicht unter Extrembedingungen gefahren werden dürfe. Die Antwort des Sixt-Vertreters damals darauf: «Das hört sich doch gut an.» Nachdem Sixt schliesslich bei van Rinsum mietete, hielten sich aber die Mieter nicht an die Absprachen.

Zudem räumte auch Sixt nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung auf Anfrage des «Spiegel» ein, dass sowohl das Auseinanderbauen des Wagens als auch die Nutzung auf Teststrecken unter Extrembedingungen ausgeschlossen war. So sei es vertraglich zwischen van Rinsum und Sixt sowie über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zwischen Sixt und dem «industriellen Kunden» - dessen genauen Namen die Vermietung nicht nennen möchte - festgeschrieben gewesen.

Screenshots von van Rinsums Handy indes zeigen den Tesla in Spanien auf der Rüttelstrecke, der Traktionsstrecke, der Schlechtwegstrecke und am Steigungshügel. Das Auto, so kann man schlussfolgern, wurde sehr wohl auch unter Extrembedingungen getestet.

Die Ortungsfunktion zeigt: Der gemietete Tesla Model X war unerlaubt auf Teststrecken in Deutschland und bei Barcelona.

Screenshots von van Rinsums Smartphones zeigen den Tesla auf der Rüttelstrecke, der Traktionsstrecke, der Schlechtwegstrecke und am Steigungshügel.   bild: via spiegel online

«Sie parken falsch»

Van Rinsum hatte seine Rechnung über 99'392.79 Euro auch an Daimler geschickt. Von der Rechtsabteilung des Konzerns erhielt er die Antwort, er könne «sich darauf verlassen», dass seine Ansprüche geprüft würden.

Daimler wollte den Vorgang auf Anfrage des «Spiegel» nicht bestätigen. Der «Stuttgarter Zeitung» bestätigte ein Konzernsprecher, dass Daimler ein Fahrzeug bei Sixt gemietet habe. Ob es sich dabei um einen Tesla handelte, wollte er nicht kommentieren.

Dem «Spiegel» hatte Daimler zuvor mitgeteilt, eine Anmietung zu «Vergleichsfahrten» sei in der Branche üblich. Das stimmt. Im Fall von van Rinsum kam der Wagen allerdings mit einem 15'000-Euro-Schaden zurück, unter anderem waren Verkleidungsteile mit Klebeband angepappt worden und der Lack beschädigt. Im Handschuhfach lag ausserdem ein Zettel mit der Notiz «Sie parken falsch». Es war eine Nachricht aus dem Mercedes Benz Technology Center in Sindelfingen.

Für Mercedes und Sixt ist die Sache gleichermassen peinlich: Der Autokonzern hat sich erneut dabei ertappen lassen, wie er auf vermeintlich geheime Weise ein Elektroauto der Konkurrenz beschaffte. Und die Autovermietung offenbart, wie sie Privatleute im Stich lässt, wenn sich ihre Vertragspartner nicht an Absprachen halten.

fis/cst

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • elmono 08.12.2017 11:12
    Highlight Daimler ernsthaft? Typische schwäbische Knauserei😂😂😂😂
    10 3 Melden
  • Kong 08.12.2017 00:42
    Highlight Wirkt etwas dilletantisch. Hat Mercedes kein Geld um einen Tesla zu kaufen? Da scheint ein übereifriger Ingenieur gewirkt zu haben. Ein solches Vorgehen kann ja wohl nicht allen Ernstes der Versuch einer Konkurrenzanalyse sein. Lächerlich für einen Konzern der in Stuttgart in seinem Museum die Vorreiterrolle in Anspruch nimmt.
    25 3 Melden
  • Midnight 08.12.2017 00:28
    Highlight Ein Grund mehr, sich in Zukunft kein deutsches Fabrikat mehr zu holen. Kann es sein, dass der deutschen Automobilindustrie ihr Image inzwischen völlig (Weiss)Wurscht ist? Ich meine, die kriegen doch in letzter Zeit nichts mehr so richtig auf die Reihe. Ob es an den unverdienten Subventionen des deutschen Steuerzahlers liegt?
    26 8 Melden
  • word up 07.12.2017 23:31
    Highlight das ist genau so lächerlich, wie die "flache erde theorie" ;)
    8 0 Melden
  • Echo der Zeit 07.12.2017 20:37
    Highlight "Im Handschuhfach lag ausserdem ein Zettel mit der Notiz «Sie parken falsch». Es war eine Nachricht aus dem Mercedes Benz Technology Center in Sindelfingen" Aber - Sooooooooooo Peinlich.
    43 1 Melden
  • roknroll 07.12.2017 19:13
    Highlight "Wer Anderen eine Grube gräbt... ist ein MenziMuck"

    Zum Glück hat mein Accola-Bagger kein Ortungssystem, sonst könnte man mir alle Lausbubenstreiche nachweisen... ;-)
    66 3 Melden
    • Psychonaut1934 07.12.2017 19:46
      Highlight Wer andern eine Grube gräbt, kann nicht delegieren.
      30 2 Melden
    • BraZHi 07.12.2017 21:59
      Highlight Wer andern eine Grube gräbt, hat ein Grubengrabgerät.
      23 2 Melden
    • Toastface Chillah 08.12.2017 12:57
      Highlight Wer anderen eine Grube gräbt,
      ist ein Tiefbauarbeiter.
      3 0 Melden
  • Gringoooo 07.12.2017 18:43
    Highlight Wird ja immer verstrickter der Fall.

    Dass der Eigentümer gleich so hohe Forderungen stellt mag vielleicht unverschämt wirken - es ist aber ganz normal mit Maximalpositionen in solche Verhandlungen (oder Konflikte) zu gehen.

    Interessant wäre, welches Recht hier zur Anwendung kommt (würde wohl bei Sixt in den AGBs stehen).
    In der Schweiz wäre er mit manchen Teilen der Forderungen wohl chancenlos. Je nach anwemdbarem Recht hingegen kanns schon sein, dass gewisse Posten zusätzlich geltend gemacht werden können.

    Ich denke am Schluss wirds wohl zu einer Einigung irgendwo in der Mitte kommen.
    85 3 Melden
  • Schnuderbueb 07.12.2017 18:26
    Highlight Geiz ist Daimler! Ihr hättet doch wahrlich genug Kohle um einen Tesla zu kaufen. Oder hätte sich eventuell der CEO die Karre unter den Nagel gerissen?
    83 7 Melden
    • Spi 07.12.2017 20:13
      Highlight Man hätte vermutlich zu lange auf das Fahrzeug warten müssen. 😂😂😂
      24 10 Melden
    • Fruchtzwerg 07.12.2017 20:15
      Highlight Wieso sollte der DB-Konzern willkürlich Geld zum Fenster rauswerfen und sich für 150k € einen neuen Tesla kaufen, den man nur für wenige Wochen benötigt?
      Sich den Wagen über eine renommierte Auto-Vermietung zu besorgen ist doch absolut legitim. Jede Einkaufsabteilung eines Grosskonzerns würde sich da ein Veto einlegen. Dass Sixt den Wagen untervermiete konnte Daimler zudem kaum wissen.

      Aber hauptsache mal wieder gegen Daimler gepöbelt...
      14 102 Melden
    • Siebenstein 07.12.2017 20:45
      Highlight @Fruchtzwerg: nicht verstanden was da geschrieben steht? Wenn man vorhat so ein Fahrzeug unter extremen Bedingungen zu testen ist es als Vorsatz zu betrachten dafür ein Mietfahrzeug zu missbrauchen!
      66 3 Melden
    • Favez 07.12.2017 21:06
      Highlight Es ist nicht "absolut legitim" wenn im Mietvertrag steht, dass es verboten ist.
      Ob der Wagen Sixt gehört oder einer Privatperson ist doch egal.
      Dass Daimler hier kritisiert wird finde ich völlig verständlich.
      63 5 Melden
    • Fruchtzwerg 08.12.2017 16:19
      Highlight @Siebenstein: Laut Sixt “war allen Beteiligten klar, dass das Fahrzeug für Test- und Vergleichsfahrten angemietet wird”.
      Und niemand kann man mit Sicherheit sagen, was/wo genau getestet wurde. Alles Spekulation. Und jetzt macht man hier wegen 17’500€ Schaden, der im übrigen bezahlt wurde, so ein Fass auf.
      3 6 Melden

Bye-bye Netzneutralität, hello Zwei-Klassen-Internet – das ändert sich jetzt für dich

Der Bundesrat will offenbar genau da hin, wo Trump hin will.

Netzneutralität bedeutet, dass Videos, Musik und Webseiten von grossen und kleinen Internetfirmen wie YouTube, Facebook oder watson von den Internetprovidern gleich schnell über ihre Datennetze transportiert und nicht blockiert werden.

In den USA ist das von Barack Obama eingeführte Prinzip der Netzneutralität nun gefallen. Die von Donald Trumps Republikanern kontrollierte Telekommunikations-Aufsicht FCC hat die strikten Regeln zur Gleichbehandlung von Daten im Internet abgeschafft. Dass …

Artikel lesen