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Ein Bild aus besseren Zeiten: Der EHC Arosa feiert 1982 seinen letzten Meistertitel.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Der EHC Arosa feiert 1982 seinen letzten Meistertitel.Bild: KEYSTONE
Eismeister Zaugg

Willkommen in Arosa, im Absurdistan unseres Profihockeys

Arosa in die NLB? Eine der grössten Dummheiten in der Geschichte unseres Profihockeys. Ja, eine Anstiftung zum Konkurs. 
10.03.2015, 07:1310.03.2015, 08:58

Dem grossen Bertold Brecht verdanken wir die Einsicht: «Wer aus der Geschichte nicht lernt, der ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Wiederholt sich die Hockeygeschichte in Arosa? Es scheint so. Gemäss einer Meldung der angesehenen Agentur Sportinformation ist es inzwischen mehr als ein Gerücht: Arosa will in die NLB einsteigen.

In Arosa soll bald wieder NLB-Hockey gespielt werden.
In Arosa soll bald wieder NLB-Hockey gespielt werden.Bild: KEYSTONE

Der Bedarf an NLB-Klubs ist offenbar so dringend geworden, dass es nicht einmal mehr nötig ist, den Aufstieg sportlich zu erreichen. Ab sofort ist es jedem Klub möglich, direkt in die NLB einzusteigen. Die Lakers haben als erste ein seriöses Farmteam-Projekt aufgelegt und wollen bereits nächste Saison in Herisau ein NLB-Team betreiben.

Und nun also auch Arosa. 29 Jahre nach dem freiwilligen Abschied und aus der Nationalliga wird die Rückkehr geplant.

Kein Blick für die Wahrheit

Willkommen in Arosa. Im Absurdistan des Profihockeys. Nostalgie und Naivität verbinden sich bei diesem Projekt zu einem wunderlichen Gemisch. Wir dürfen sogar von Dummheit reden. Dieser Begriff steht für die Einstellung, was offensichtlich ist, nicht wahrnehmen zu können oder zu wollen.

Ja natürlich, Arosa war einmal ein grandioses Hockeyunternehmen. Sonne, Schnee, See, Eis, Eishockey. Sieben Titel in Serie zwischen 1951 bis 1957 und dann noch einmal eine Renaissance mit den Meisterschaften von 1980 und 1982.

Die Arosa-Sturmlinie Guido Lindemann, Markus Lindemann und Barry Jenkins jubelt über den Meistertitel 1980.
Die Arosa-Sturmlinie Guido Lindemann, Markus Lindemann und Barry Jenkins jubelt über den Meistertitel 1980.Bild: KEYSTONE

Aber die Geschichte lehrt uns: In Arosa ist es nicht mehr möglich, ein Profihockeyunternehmen zu finanzieren. Deshalb hat sich der EHC Arosa im Frühjahr 1986 unter Präsident Peter Bossert freiwillig aus dem Profihockey in die 1. Liga zurückgezogen.

Wir sollten aus der Geschichte lernen. Die Voraussetzungen für Profihockey sind nämlich heute noch viel ungünstiger als 1986. Ja, heute hat Arosa nicht einmal mehr die sportliche und wirtschaftliche Basis für die höchste Amateurliga. Soeben ist die Mannschaft aus der 1. Liga abgestiegen.

Unseriöse Budgetplanung

Der EHC Arosa holte seinen letzten Titel 1982 mit einem Budget von 1,8 Millionen Franken. Als die Kosten auf 2,10 Millionen pro Saison geklettert waren, warf Präsident Peter Bossert im Frühjahr 1986 das Handtuch.

Heute kostet ein funktionierendes NLB-Team mindestens 2,5 Millionen Franken. Also mehr als einst die Meistermannschaft. Arosa rechnet nun für die NLB mit einem Budget von 1,6 Millionen. Das ist, excusez l’expression, unseriös.

Natürlich gibt es heute andere Einnahmemöglichkeiten als 1982. Aber selbst ein fähiger Geschäftsführer vom Format eines Adrian Fetscherin schafft es nicht, heute in Arosa für ein NLB-Team gleich viel oder gar mehr Geld aufzutreiben als 1982 für ein Meisterteam. Zumal in der NLB nicht einmal ein Schnitt von 1000 Fans pro Spiel möglich ist. In der letzten NLA-Saison von Arosa kamen immerhin fast 3000 pro Spiel. Das Fassungsvermögen damals: 7500 Zuschauer (2100 Sitz- und 5400 Stehplätze). Für die Sitzplätze wurden 20 Franken und für die Stehplätze 11 Franken verlangt. Heute liegt das Fassungsvermögen der Arena nur noch bei 2200 Zuschauern und viel höhere Eintrittspreise als einst in der NLA wird niemand zahlen.

Die Wirtschaft des Kanton Graubünden kann nicht einmal mehr den Spielbetrieb eines NLA-Klubs finanzieren. Der HC Davos wird heute zum grössten Teil von einer Kapitalistenrunde aus dem Züribiet, durch den Spengler Cup und halbstaatliche Unternehmen finanziert. Es ist geradezu absurd, nun im Kanton Graubünden in Arosa einen zweiten NLB-Profiklub aufzubauen.

Davos wird Arosa bekämpfen

Das grösste Manko aber ist die sportliche Basis. Sie ist nicht mehr vorhanden. Sie reichte nicht einmal für die 1. Liga aus. Eine Zusammenarbeit mit dem HC Davos wird nicht möglich sein. Bevor es zu einer konstruktiven sportlichen Zusammenarbeit zwischen Davos und Arosa kommt, wird Roger Köppel SP-Bundesrat. Die ausgeprägte Gemeindeautonomie im Kanton Graubünden führt dazu, dass überregionale Sportprojekte in dieser wunderlichen Landesgegend chancenlos sind – sei es eine kantonsweite Zusammenarbeit im Eishockey oder sei es eine Olympia-Kandidatur. Die hohen Herren mögen verkünden was sie sollen – in Tat und Wahrheit werden die Macher des HC Davos alles daran setzen, dass im HCD-Hinterhof kein zweites Profi-Hockeyunternehmen als Konkurrenz um die knappen wirtschaftlichen Ressourcen der Region entsteht.

Arosa ist der am schwersten zugängliche Ort der Hockey-Schweiz. Auch wenn die Mobilität grösser ist als noch in den 1980er Jahren und die Strasse von Chur herauf ein paar Kurven weniger hat als vor 30 Jahren – niemand mit sportlichen Ambitionen wird hier oben spielen. Es sei denn, er verdiene unanständig mehr als bei der Konkurrenz. Wer am falschen Standort ein Geschäft betreibt, ist zum Scheitern verurteilt.

Arno del Curto und seine Davoser wollen sicher keine Konkurrenz in ihrem Hinterhof.
Arno del Curto und seine Davoser wollen sicher keine Konkurrenz in ihrem Hinterhof.Bild: KEYSTONE

Wenn wir die Situation ganz nüchtern analysieren, dann können wir es drehen und wenden wie wir wollen, wir kommen selbst bei allergrösstem Wohlwollen immer zum gleichen Schluss: Arosa müsste bei einem Schnitt von 500 Zuschauern mit dem Hockey-Business mindestens 2,5 Millionen Franken Einnahmen erwirtschaften. Das ist utopisch. Arosa in der NLB wäre eine der grössten Dummheiten in der Geschichte unseres Profihockeys. Ja, es wäre eine Anstiftung zum Konkurs.

Nun könnte es ja sein, dass die Höhenluft und das wunderbare Wetter – Arosa liegt auf 1775 Meter – Phantasie und Wagemut befeuern und die Sinne ein wenig vernebeln. Aber dem ist offensichtlich nicht so. Denn auch im Flachland werden ähnliche Projekte entwickelt. Beispielsweise auf nur 439 Meter Meereshöhe in Winterthur.

Auch die Symbiose Winterthur-Kloten wird nicht funktionieren

Der EHC Winterthur lebt seit über 40 Jahren gut und fröhlich in der 1. Liga. Nun will auch Winterthur in die NLB. Dazu fällt mir ein altes Sprichwort ein: «Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen.»

Dass Projekt Winterthur ist genauso absurd wie ein NLB-Unternehmen in Arosa. In Winterthur ist eine Zusammenarbeit mit den Kloten Flyers geplant. Das mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen. Die Distanzen nach Kloten sind kurz. Hier könnte theoretisch ein Farmteambetrieb wie zwischen den ZSC Lions und den GCK Lions funktionieren. Der EHC Winterthur ist seit bald 20 Jahren ein Spitzenteam der 1. Liga und eines der sportlich und wirtschaftlich besten Unternehmen der höchsten Amateurliga. Und müsste es in der sechstgrössten Stadt der Schweiz nicht möglich sein, einen NLB-Eishockeyclub zu finanzieren?

Der EHC Winterthur (hier im Cup gegen Zug) ist ein Spitzenteam in der 1. Liga.
Der EHC Winterthur (hier im Cup gegen Zug) ist ein Spitzenteam in der 1. Liga.Bild: KEYSTONE

Aber auf den zweiten Blick zeigt sich: NLB-Eishockey in Winterthur ist absurd. Erstens ist es geradezu abenteuerlich, sich wirtschaftlich und sportlich auf eine Partnerschaft mit den Kloten Flyers einzulassen. Auf eine Partnerschaft mit einem Hockeyunternehmen, das pro Saison mehrere Millionen Minus macht und auch sportlich in der wahrscheinlich tiefsten Sinnkrise seiner Geschichte steckt. Ein Hockeyunternehmen, das sein Führungspersonal auch schon mehrmals pro Saison ausgewechselt hat und dadurch schwer berechenbar geworden ist. Ein Hockeyunternehmen, das selber nicht dazu in der Lage ist, den Spielbetrieb in der NLA ohne siebenstellige Zuschüsse des Präsidenten aufrecht zu erhalten.

Theoretisch könnten die Kloten Flyers dem EHC Winterthur durchaus Spieler für die dritte und vierte Linie überlassen. Die Erfahrung lehrt uns: Praktisch wird es kaum der Fall sein. Die Nachwuchsorganisation der Flyers steckt ebenfalls in einer Krise und wird diese Spieler mittelfristig kaum mehr produzieren und die besten Nachwuchskräfte im eigenen Team benötigen.

Basel ist das beste Scheiter-Beispiel

Der Standort Winterthur ist fürs NLB-Profigeschäft nicht ideal. Zu nahe am Grossraum Zürich mit den beiden NLA-Teams ZSC Lions und Kloten Flyers. Als Spitzenteam der 1. Liga mobilisiert der EHC Winterthur rund 1000 Fans pro Spiel. In der NLB werden es mit ziemlicher Sicherheit nur am Anfang etwas mehr sein. Über die Tickets lassen sich in der NLB bereits mittelfristig nicht höhere Erträge als in der 1. Liga erzielen. Die Grösse der Stadt ist kein Argument. Basel, die zweitgrösste Stadt im Land, ist auch nicht dazu in der Lage, NLB-Hockey zu finanzieren. Obwohl es in der ganzen Nordwestschweiz kein Nationalliga-Hockey gibt.

Auch der EHC Basel ist an der finanziellen Hürde gescheitert.
Auch der EHC Basel ist an der finanziellen Hürde gescheitert.Bild: KEYSTONE

Der finanzielle Aufwand für ein funktionierendes NLB-Team wird auch in Winterthur völlig unterschätzt. Der Spielbetrieb in der NLB kostet mindestens 2,5 Millionen Franken. Wenn dieses Geld nicht bei einem Schnitt von klar weniger als 1000 Fans pro Spiel erwirtschaftet werden kann, dann gibt es jedes Jahr ein sechsstelliges Minus. Bis zum Konkurs.

Die Frage steht im Raum: Warum werden jetzt in den Bergen und im Flachland auf einmal absurde NLB-Projekte lanciert? Ganz einfach: Verbands- und Liga-Führung machen einen fundamentalen Fehler für den sie, wenn nicht doch noch der gesunde Menschenverstand obsiegt, mit riesigem Imageverlust und Millionenverlusten büssen werden. Sie wollen die NLA aufblähen.

Leistungspyramide wäre sinnvoll

Unser Profihockey hat eine wirtschaftliche und sportliche Basis für rund 20 Teams. Zurzeit gibt es 12 NLA und 9 NLB-Unternehmen. Viel mehr kann seriös gar nicht finanziert werden. Wir haben auch nicht Spieler für ein umfangreicheres Profihockey.

Logisch wäre eine Leistungspyramide. Also mehr NLB- als NLA-Teams. Aber die Anzahl der NLA-Mannschaften zu reduzieren, macht keinen Sinn. Die 12 NLA-Unternehmen garantieren dem Eishockey eine landesweite Präsenz, auch im Welschland. Sie sind gut in ihren Regionen verankert und die NLA ist so eine der besten Ligen ausserhalb der NHL geworden. Alle 12 NLA-Unternehmen funktionieren bei gutem Management.

Die Lösung: «Strich» nach Platz 4

Weil die NLA-Klubs in der Liga die Stimmenmehrheit haben, ist eine Reduktion der NLA politisch sowieso nicht machbar. Es gibt nur eine realistische Lösung: Eine höhere Durchlässigkeit zwischen NLA und NLB. Dann reichen auch acht bis zehn NLB-Teams. Der einzig richtige Modus: Nach der Qualifikation spielen die vier Letzten der NLA mit den vier Besten der NLB eine Hin- und Rückrunde. Dann ist der «Strich» in der NLB nach dem 4. Platz, die Abstiegsgefahr für die NLA-Klub wird zwar grösser – aber die Chance zum sofortigen Wiederaufstieg auch.

Weil die NLA-Klubs diese Lösung politisch blockieren, wird nun versucht, die NLB künstlich aufzublähen. Durch die Aufnahme von neuen Unternehmen, die weder die sportliche noch die wirtschaftliche Grundlage für die NLB haben.

«Wer aus der Geschichte nicht lernt, der ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» In den letzten Jahren sind Klubs wie Luzern, Sierre, Chur, Herisau, Neuenburg, Morges, und zuletzt Basel fast oder ganz Konkurs gegangen und aus der Nationalliga verschwunden. Weil die wirtschaftlichen und sportlichen Grundlagen für Profihockey fehlten. Die nächsten Konkurse werden wir in Arosa und Winterthur erleben. Mit den dazugehörenden Imageschäden und Folgekosten fürs Eishockey.

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