Interview
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Journalist Peter Rothenbuehler spricht an der Prix Photo 2013 Verleihung am Dienstag, 17. September 2013, im Schiffbau in Zuerich. Am Wettbewerb beteiligten sich 150 Profi- und Nachwuchsfotografinnen und -fotografen aus der ganzen Schweiz. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Journalist Peter Rothenbühler kennt beide Seiten des Röstigrabens. Bild: KEYSTONE

Was hinter dem paradoxen Ja der Welschen zu Fair Food steckt

Die Deutschschweizer verwarfen die Agrar-Initiativen haushoch, die Westschweizer nahmen sie deutlich an. Romandie-Kenner Peter Rothenbühler erklärt im Interview unterschiedliche Esskulturen, protektionistische Reflexe und die Angst vor vegetarischen Restaurants im Welschland.



Herr Rothenbühler, bei den Abstimmungen über die beiden Agrar-Initiativen zeigte sich am Sonntag ein deutlicher Röstigraben. Wie kam er zustande?
Peter Rothenbühler
: Das ist eine schwierige Frage. Eine einfache Erklärung für das Ergebnis gibt es nicht. Dass die Romands etwa bei der Fair-Food-Initiative so deutlich Ja gesagt haben, ist eigentlich paradox.

Weshalb?
Bei den Deutschschweizern erwachte das Bewusstsein dafür, was bei ihnen auf den Teller kommt und wie es hergestellt wird, viel früher. Vegetarische Restaurants und Bio-Läden sind viel verbreiteter als in der Romandie. In den Regalen findet man gesundes Bio-Roggenbrot. Das Welschland ist immer noch eine Weissbrot-Gegend. Die Romandie hat Nachholbedarf, der Bio-Trend kam hier mit Verspätung an. Jetzt ist auch in der Westschweiz langsam ein Bewusstsein für gesunde und nachhaltige Lebensmittel erwacht.

«Deutschschweizer denken, in der Romandie esse man bereits wie Gott in Frankreich.»

Allgemein betrachtet: Gibt es kulturelle Unterschiede zwischen Deutschschweizern und Romands beim Verhältnis zum Essen?
Ich denke schon. Lassen Sie mich mit einer spezifischen Beobachtung anfangen: Während man in der Deutschschweiz Eglifilets mit Salzkartoffeln serviert, bekommt man in der Westschweiz im Restaurant meistens Pommes frites zu den filets de perche. In der Deutschschweiz würde man eher nicht zwei frittierte Speisen auf dem gleichen Teller servieren. Dennoch denken viele Deutschschweizer, in der Romandie esse man bereits wie Gott in Frankreich.

Zur Person

Peter Rothenbühler (69) wuchs im zweisprachigen Biel auf. Seit 2002 hat der ehemalige Chefredaktor des «SonntagsBlicks» seinen Lebensmittelpunkt in Lausanne. Von 2002 bis 2008 war er Chefredaktor von «Le Matin». Heute ist er als Kolumnist für die «Schweizer Illustrierte», die «Nordwestschweiz» und «Le Matin Dimanche» tätig.

Das ist nicht so?
Nein. Mit Ausnahme der Spitzengastronomie können Sie in Zürich oder Basel deutlich besser auswärts essen als in Lausanne. Insbesondere, wenn Sie Vegetarier sind. Aber das ändert sich langsam, wenn auch nicht ohne Nebengeräusche.

«Kein saucisson vaudois mehr im Buffet de la gare? Undenkbar!»

Worauf spielen Sie an?
Als 2016 bekannt wurde, dass das geschichtsträchtige Bahnhofbuffet in Lausanne zu einer Tibits-Filiale des Zürcher Vegi-Imperiums Hiltl umgewandelt werden soll, war der Aufschrei riesig. Kein saucisson vaudois mehr im Buffet de la gare? Undenkbar! Die Zeitungen und Leserbriefschreiber überboten sich mit Empörung. Bald wird das Tibits seine Pforten öffnen – und wird sicher ein Erfolg werden. Denn es gibt hier ein grosses Bedürfnis nach vegetarischem Essen.

Tibits-Filialen laufen auch in Deutschschweizer Städten wie verrückt. Das ist keine Erklärung für das welsche Ja zur Fair-Food- und Ernährungssouveränitäts-Initiative.
Ich denke, die Zustimmung in der Romandie entstand aus einer Kombination heraus. Einerseits aus dieser erwachenden Bewegung für gesünderes, nachhaltig produziertes Essen, andererseits aus dem grösseren Vertrauen, das die Romands staatlichen Regulierungen entgegenbringen. Während in der Deutschschweiz die Mehrheit fand, man müsse bei den Lebensmitteln den Konsumenten die Wahlfreiheit lassen, wollten die Romands hier die Rolle des Staates stärken. Diese unterschiedlichen Präferenzen konnte man auch bei anderen Abstimmungen beobachten. Aber auch zur individuellen Freiheit haben die Romands ein paradoxes Verhältnis.

«In der Romandie haben die Anliegen der Landwirte, insbesondere der Weinbauern, grossen Rückhalt.»

Inwiefern?
Wenn der bei der sozialen Wohlfahrt sehr geschätzte Staat in anderen Bereichen neue Vorschriften macht, reagieren die Romands erst mal mit Ablehnung. Die Einführung der Gurtenpflicht für Autofahrer, die Aufnahmepflicht für Hundekot oder die Gebühren auf Abfallsäcke sorgten in der Romandie zunächst für Kopfschütteln. Doch auch hier vollzog man irgendwann die Entwicklungen nach, welche in der Deutschschweiz schon lange abgeschlossen waren.

Peter Rothenbuehler an der Verleihung des Schweizer Filmpreises 2013, am 23. Maerz 2013 in Genf. (KEYSTONE/Karl-Heinz Hug)

Peter Rothenbühler: «Wenn man sich im feierlichen Rahmen geschäftlich trifft, ist in Lausanne allen klar, dass man Wein bestellt.» Bild: KEYSTONE

Unterschiede gibt es auch bei der Rolle der Bauern. Es war die welsche Kleinbauernvereinigung Uniterre, welche die Initiative für Ernährungssouveränität lancierte. Und der Westschweizer Bauernverband sagte im Unterschied zum Schweizer Bauernverband Ja zur Fair-Food-Initiative. Sind die welschen Bauern links und grün?
Nein, so kann man das nicht sagen. Aber in der Romandie haben die Anliegen der Landwirte, insbesondere der Weinbauern, grossen Rückhalt. Und diese unterstützten die Initiativen, weil sie sich dadurch mehr Abschottung für ihre Produkte von der internationalen Konkurrenz erhofften. Die Bauern der Romandie sind nicht alle grün, aber sie verstehen sich gut mit der Grünen Partei.

«Ein Glas Wein zum Mittagessen und danach zurück ins Büro, das war in der Westschweiz vor 20 oder 30 Jahren noch gang und gäbe. Heute sieht man das kaum noch.»

Wie kommt das?
In der Romandie gibt es eine stärkere Verbindung zwischen grünen und bäuerlichen Anliegen – organisatorisch, politisch und persönlich. Das hat auch damit zu tun, dass hier die traditionelle Bauernpartei, die SVP, gemässigter auftritt und gut mit den Grünen auskommt, etwa im Waadtland.

Schauen wir zum Ende dieses Interviews noch tief ins Glas. Wie steht es um die gemäss dem Klischee grosse Trinkfreudigkeit der Romands und die Nüchternheit der Deutschschweizer?
Das Klischee ist überholt. Ein Glas Wein zum Mittagessen und danach zurück ins Büro, das war in der Westschweiz vor 20 oder 30 Jahren noch gang und gäbe. Heute sieht man das kaum noch. Aber der Wein als wichtiger Teil der Kultur ist weiterhin von überragender Bedeutung – auch weil die Weinberge viele Landschaften der Romandie prägen.

Wie unterscheiden sich Geschäftsessen in Lausanne und in Zürich, wenn es um den Wein geht?
Wenn man sich im feierlichen Rahmen geschäftlich trifft, ist in Lausanne allen klar, dass man Wein bestellt – und zwar guten Wein aus der Region. In Zürich ist das weniger selbstverständlich. Und wenn man dort Wein trinkt, dann kommt der eher aus Frankreich, Chile oder Argentinien als von einem Weinberg am Zürichsee.

Grünen-Nationalrätin Maya Graf über das Ja der Romandie

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Video: watson/William Stern

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    Alle Leser-Kommentare
  • meliert 24.09.2018 13:41
    Highlight Highlight das mit dem Trinken im Welschland ist oder war schon richtig. Als ich vor 40 Jahren als Junger dort arbeitete, konnte ich kaum glauben welche Mengen Alkohol bereits zu Mittag getrunken wurden, es war immer gesellig und lustig.
    • The Konrad 24.09.2018 16:51
      Highlight Highlight War in der Deutschschweiz aber nicht anders ...
      Wir und unser Umfeld, inklusive Vorgesetzte, tranken regelmässig zum Mittagessen unseren 2er Rotwein und am Abend ein paar Bierchen mit einem Schnäpschen und niemand schaute uns deswegen dumm an ...
  • Bert der Geologe 24.09.2018 11:29
    Highlight Highlight Wie man sich zu ernähren hat, gehört doch nicht in die Verfassung. Ebensowenig, ob Kühe Hörner haben dürfen und auch keine Strafmasse, keine Kleidungs- und keine Bauvorschriften. Liebe Initiativenerfinder, hört doch endlich auf, ständig neuen Blödsinn in die Verfassung schreiben zu wollen, der dann gar nicht umsetzbar ist. Die Verfassung ist ein Gesetzesrahmen und kein Gesetzesbuch.
  • dmark 24.09.2018 10:30
    Highlight Highlight Jetzt stellt mal die Deutschschweizer nicht als Hipster und die Romandie als rückständig hin. In Zürich dachte man vor einiger Zeit auch noch, dass "Bio" ein Mädchenname wäre und man bekam im Coop gerade mal zwei Flaschen Roten Chilen - zu einem unverschämten Preis.
    Also, immer fair bleiben.
    In Deutschland ist das ganze Bio- Fair-Food-Gerede bereits schon wieder überholt, selbst die "Veggiegeschichten sind rückläufig und das Zeug wird im Supermarkt stark reduziert angeboten, sowie auch das Weissbrot kommt wieder zurück, weil man begriffen hat, dass Vollkorn nicht alles ist.
    • Snowy 24.09.2018 11:28
      Highlight Highlight Weissbrot kommt wieder zurück, weil Vollkorn "nicht alles" ist...

      Hä..?

      Nein - Vollkorn ist nicht alles. Einfach gesünder halt.

      Zu Deinen anderen Aussagen: Ja, es gibt noch immer vergleichsweise wenig Vegetarier. Dass allerdings ein Trendumkehr stattgefunden hat, ist schlichtweg falsch.

      https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/55248/Zahl-der-Vegetarier-in-Deutschland-hat-sich-verdoppelt
    • The Konrad 24.09.2018 12:36
      Highlight Highlight "... und man bekam im Coop gerade mal zwei Flaschen Roten ... " Zum Glück gab es schon damals und weit vorher Bioläden ... 😋

      Ich lese hier nur bla bla überholt bla bla rückläufig bla bla reduziert bla bla dass Vollkorn nicht alles ist.

      Bioprodukte gehören nicht in den Supermarkt.
    • dmark 24.09.2018 15:26
      Highlight Highlight https://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/05/Titel_K-Ballaststoffe.xml
      bzw
      https://www.focus.de/gesundheit/videos/vollkorn-oder-weizen-zu-unrecht-verteufelt-weissbrot-ist-gar-nicht-so-schlecht-wie-es-immer-heisst_id_7230614.html
      Veggies:
      Neue Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) legen allerdings jetzt nahe, dass der Veggie-Boom vorbei sein könnte. Während der Markt für Fleischersatzprodukte Ende 2015 noch um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen war, ist die Entwicklung seit dem Sommer rückläufig. Der Markt für Sojaschnitzel und Co. schrumpfte in den vergangenen Monaten sogar.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Göschene-Eirolo 24.09.2018 10:03
    Highlight Highlight Entscheidend - aus meiner Sicht - war auch die Arena-Sendung von SRF zu diesem Thema. Gegen die Initiative sprach sich auch das sogenannte "Konsumentenforum kf" aus, vertreten durch deren Präsidentin Babette Sigg Frank. Frau Sigg Frank ist auch gleichzeitig Präsidentin der Zürcher CVP Frauen. Wie "Konsumenten-freundlich" dieses Gremium wirklich ist, sei dahingestellt. Im politischen Beirat dieser Organisation sitzen alles Konservative wie zB Doris Fiala von der FDP oder Sebastian Frehner von der SVP. Wohl eher ein Forum der Wirtschaft als denn eines der Konsumenten.
  • Caturix 24.09.2018 09:50
    Highlight Highlight In der Romandie wird viel mehr geschaut was man isst. Auf Bio oder gesund weniger aber auf gute Qualität.
  • Der Tom 24.09.2018 09:49
    Highlight Highlight Vielleicht haben sie einfach mehr Rückgrat. Die Fair Food Initiative abzulehnen ist eigentlich ein Verbrechen. Die andere Initiative konnte nicht ernst genommen werden weil sie ein Gentechverbot in die Verfassung schmuggeln wollte. Aber Fair Food ablehnen bedeutet Sklavenarbeit, massive Umweltzerstörung und Tierquälerei wegen günstigeren Preisen gut zu heissen.
    • Redly 24.09.2018 12:05
      Highlight Highlight Auch wenn ich für die Initiative war:
      Nach dem Entscheid die Mehrheit indirekt als Verbrecher zu bezeichnen, ist nicht gerade guter Stil, respektiert die Demokratie wenig und inhaltlich auch falsch.
      Es ist das Wesen der Demokratie, dass nicht eine einzelne Meinung entscheidet, sondern die Mehrheit.
    • Hierundjetzt 24.09.2018 12:31
      Highlight Highlight Somit herscht heute auf den Bauerhöfen in der Schweiz „Sklavenarbeit“? 🤔 kann es sein, dass Du die Vorlage nicht wirklich verstanden hast?
    • aglio e olio 24.09.2018 13:06
      Highlight Highlight Hierundjetzt,
      in der Schweiz weniger aber in anderen Ländern schon.
      Ein Punkt der Initiative war "Fairer Handel statt Ausbeutung".
      https://fair-food.ch/inhalt/
      Der Tom hat das schon ganz richtig verstanden.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Clife 24.09.2018 09:14
    Highlight Highlight Bei einer Stimmbeteiligung von 37% kann man nicht wirklich von Siegern oder Verlierern reden. Ich erlaube mir hierbei eher zu sagen, dass das ein Armutszeugnis ist. Wie weiss ich als Schweizer, ob ein Ja oder Nein tatsächlich das ist, was die Schweiz haben möchte? So wird doch nur mehrheitlich auf eine kleine Anzahl Personen eingegangen. Ich möchte die Wahl der Mehrheit der Einwohner in der Schweiz akzeptieren, nicht die Wahl der Mehrheit einer kleinen Anzahl Wählern.
    • Homes8 24.09.2018 10:38
      Highlight Highlight Eigentlich wollte ja ursprünglich eine Mehrheit der Bevölkerung die Initiativen annehmen.
      Da diese in den Medien jedoch permanent schlechtgeredet wurden, haben sich viele Leute dann der Stimme enthalten. Vor allem auch da sie vom Neinlager nicht überzeugt wurden, aber eben nicht mehr getrauten ein Ja einzulegen.
      Wir sind je länger je mehr eine Medienkratie
    • E.P.McR'lyeh 24.09.2018 11:54
      Highlight Highlight Man könnte auch einfach schliessen, dass ein Anliegen, welches nicht mobilisiert, keinem breiten Bedürfnis nach Änderung entspricht.
    • The Konrad 24.09.2018 12:22
      Highlight Highlight 37 % haben Abgestimmt ... 63 % war es egal ... ist auch eine Meinung ... oder? ¯\_(ツ)_/¯
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