Gesellschaft & Politik
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Kühlkammer mit den 17 am 30. Mai geborgenen Leichen in Catania. bild: zps

Tote als Kunstmaterial: Leichen von Bootsflüchtlingen werden in Sizilien ausgegraben und in Berlin mit Pomp wieder bestattet – der Aufschrei ist vorprogrammiert

Das Künstlerkollektiv Zentrum für Politische Schönheit kämpft gegen Europas tödliche Grenzen. Diese Woche holt es zehn ertrunkene Flüchtlinge nach Berlin und beerdigt sie in Aufsehen erregenden Aktionen.



Am Freitag hielt die Verkehrspolizei im bayrischen Freising einen Laster an. Er transportierte: zwei Särge mit Leichen von syrischen Flüchtlingen. Sein Ziel: Berlin. Der Fahrer schien unter Drogen zu stehen. Weshalb die Polizei die beiden Särge auf dem Flughafen München nach weiteren Drogen durchleuchten liess. Sie waren sauber. Nach 24 Stunden fuhr der Laster weiter nach Berlin. 

Auch die Berliner Polizei bestätigt, dass Leichen angekündigt sind und zwar für einen Demonstrationszug vor das Kanzleramt am kommenden Sonntag zwischen 14 und 16 Uhr. Zusammen mit einem Bagger. Er soll die Grünfläche vor dem Kanzleramt umgraben und in eine Gedenkstätte für all die im Mittelmeer umgekommenen Flüchtlinge verwandeln.

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Abschied an der Grenze der Hoffnungslosigkeit. Überlebender und Tote auf Sizilien. Bild: ZPS

Dahinter steht: Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), eine Gruppe von Aktionskünstlern. Oder in eigenen Worten eine «Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Grossgesinntheit». Ihre Mahn-Massnahme mit dem Zombie-Film-Titel «Die Toten kommen» soll zehn «Opfern der militärischen Abriegelung Europas» auf Berliner Friedhöfen «würdige» Gedenkfeiern und Bestattungen ermöglichen. Und natürlich der bösen deutschen Bürokratie ins Gesicht schlagen. Mit Leichen gegen das System.

Das ZPS filmt Ende Mai in Catania, wie 17 ertrunkenen Bootsflüchtlinge in Müllsäcken wie Abfall in die Kühlkammer eines Spitals geschmissen werden, wo sie oft wochen- ja monatelang liegen bleiben. «Gemeinsam mit Angehörigen, Imamen, Pfarrern und Bestattern» öffnet das ZPS «zehn menschenunwürdige Grabstätten» und exhumiert die Toten.

Am 16. Juni um 10 Uhr wurden nun als erste auf dem Friedhof Berlin-Gatow eine im März ertrunkene Mutter und ihre zweijährige Tochter in einer muslimischen Zeremonie bestattet.

Wurde am 15. Juni die Echtheit der Leichen noch von einigen deutschen Medien bezweifelt, so tröpfeln nun die Bestätigungen ein, dass es sich nicht um rein symbolische Bestattungen handelt. Und dass der Laster in Bayern ganz klar das ZPS zum Ziel hatte. Auch mehrere Berliner Journalisten bestätigten dies gegenüber watson. Und je weniger Zweifel es an der Authentizitität der Aktion gibt, desto emotionaler werden die Reaktionen. Viele brennen wie Kreuzritter für die gerechte Sache und reden martialisch von einem «Marsch auf Berlin» und von «genial». 

Aber handelt es sich dabei nicht um eine grundsätzliche und damit illegale «Störung der Totenruhe», dem Rechtsbegriff für Leichenschändung? Und ist die Totenruhe in der Erde eines Landes, das einem Anerkennung und Hilfe verweigert, tatsächlich «würdig»? Ist die plakative Betroffenheit, die in derart (allzu) direkten Aktionen lauert, nicht äusserst (oder einzig) theatral? Werden die Opfer nicht noch einmal zu Opfern gemacht, indem sie von privilegierten Europäern zur Diskurs- und Selbstfindung instrumentalisiert werden?

Ist die Verwendung von Toten als Kunstmaterial hier nicht ähnlich geschmacklos wie in den Plastinaten eines Gunther von Hagens? Und ein Flirt mit den nekromantischen Regungen des Publikums? Hätte Christoph Schlingensief, der in Wien und Hamburg auch in grossen öffentlichen Aktionen auf das Elend von Flüchtlingen aufmerksam machte, jemals mit Leichen gearbeitet? Nein. Reichen radikale Bilder für ein realpolitisches Umdenken? Leider nein.

Mit seinem Namen nimmt das Zentrum für Politische Schönheit explizit Bezug auf das Institute of Political Murder des Schweizer Theatermachers Milo Rau. Aber wo Rau in seinen Reenactments von politischen Schlüsselprozessen den echten Protagonisten – etwa Pussy Riot – eine Bühne und das Wort gibt, sind die toten Flüchtlinge in Berlin bloss Statisten eines grossen Empörungstheaters.

Und irgendwie wirkt auch die Ironie, mit der das ZPS seine Aktion umrahmt, seltsam schief. Die Toten kosten nämlich. 14'900 Euro pro Überführung und Beerdigung. Innerhalb eines einzigen Tages sind dafür via Crowdfunding 35'000 Euro zusammengekommen. Für die Spender gibts lustige kleine Belohnungen: etwa ein «psychiatrisches Gutachten über De Maizières Geisteszustand» oder «3 schöne Rituale für einen Fluch gegen den Innenminister». Spendengelder für Schockkunst? Im Ernst?

Walter Benjamin schrieb angesichts des Naziregimes: «Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: den Tod.» Gibt es etwa für die Menschen, wie sie heute sind, angesichts der humanitären Katastrophen nur noch ein radikales Kunstspektakel? Die Toten? Irgendwie scheint das ganze gerade ein ungeheuerlicher Unsinn zu sein. Aber natürlich ein höchst wirkmächtiger. 

Polizei vertreibt Flüchtlinge von Ventimiglias Felsen

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