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Erklärbär

Heute lernen wir ein neues Fremdwort: makroprudentielle Politik (es ist wichtig)

Die Notenbanken befinden sich zwischen dem Hammer Realwirtschaft und dem Amboss Finanzwirtschaft. Jetzt glauben sie, eine Lösung gefunden zu haben. 

14.07.14, 19:36

Letzte Woche kam es zu einer kurzen Panikattacke an den Börsen: Die portugiesische Banco Espirito Santo sei pleite, hiess es gerüchteweise. Pessimisten prophezeiten bereits eine Wiederholung des Lehman-Debakels im Herbst 2008. Die Kurse brachen ein. Es war ein Fehlalarm. Inzwischen steigen die Kurse wieder, aber die Botschaft war eindeutig: Trotz der massiven Anstrengungen der Notenbanken sind die Finanzmärkte alles andere als stabil. 

Ebenfalls auf wackeligen Füssen steht die reale Wirtschaft. Euroland ist gerade mal knapp der Rezession entronnen. Nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit in den Defizitländern hoch. Die Juni-Zahlen aus Deutschland sind enttäuschend, die italienische und die französische Wirtschaft befinden sich in einem Besorgnis erregenden Zustand. Selbst die positiven Meldungen aus Übersee sind mit Vorsicht zu geniessen: Rund die Hälfte der neu geschaffenen Arbeitsplätze sind schlecht bezahlte Teilzeitjobs. 

«Alles boomt»-Finanzwirtschaft gegen «Wir brauchen Jobs»-Realwirtschaft 

Die Zentralbanken befinden sich in einem Dilemma: Die reale Wirtschaft leidet noch immer stark unter den Folgen der Finanzkrise und ist nach wie vor auf billiges Geld angewiesen. Daher befinden sich die Leitzinsen rund um den Globus auf einem Rekordtief. Das wiederum führt zu ungewollten Konsequenzen auf den Finanzmärkten. Ob Aktien, Obligationen oder Immobilien: Alle Vermögensklassen sind teuer geworden, überall besteht die akute Gefahr einer Blasenbildung. 

Russ Koesterich, Chefanlagestratege von BlackRock, dem mittlerweile grössten Vermögensverwalter der Welt, formuliert es wie folgt: «Wir befinden uns in einer Welt mit sehr wenigen preisgünstigen Assets. Wenn Sie mich fragen, ob ich einen derzeit guten Deal wüsste, könnte ich Ihnen keinen nennen.» Eine «Alles boomt»-Finanzwelt steht somit einer «Wir brauchen dringend Jobs und Investitionen»-Realwirtschaft gegenüber. 

Mehr Arbeitslosigkeit oder mehr Blasen

Real- und Finanzwirtschaft haben verschiedene Bedürfnisse. Bild: keystone/watson

Was sollen die Zentralbanken tun? Erhöhen sie die Leitzinsen, stürzen sie die Realwirtschaft ins Elend. Tun sie es nicht, erhöhen sie die Gefahr einer gefährlichen Blasenbildung. Jetzt glauben sie, einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden zu haben. 

Er lautet: makroprudentielle Politik.

Hinter diesem schrecklich kompliziert tönenden Begriff verbirgt sich eine banale Tatsache. Die Zentralbanken lassen die Leitzinsen im Hinblick auf die Realwirtschaft weiterhin tief und versuchen gleichzeitig, mit regulatorischen Massnahmen die Investoren vor allzu riskantem Verhalten abzuhalten und so eine Blasenbildung zu verhindern. 

Lassen sich die Investoren abschrecken?

In der Schweiz haben Nationalbank und Bundesrat antizyklische Kapitalpuffer für Hypothekarzinsen beschlossen, will heissen: Die Banken müssen grössere Reserven für Hypotheken bilden. Auch die Pläne des Bundesrates, die Verwendung der Gelder aus der zweiten Säule für den Erwerb von Wohneigentum einzuschränken, gehören im weitesten Sinne zu den makroprudentiellen Massnahmen; ebenso die Bemühungen, die Banken zu zwingen, ihr Eigenkapital zu erhöhen. 

Die Wirkung der makroprudentiellen Politik ist umstritten. Kein Wunder: Es ist vergleichbar mit dem Versuch, Kinder in einen Süsswarenladen zu führen und sie gleichzeitig zur Mässigung anzuhalten. 

Die Zentralbank der Zentralbanken fordert höhere Zinsen

Die Investoren sind derzeit berauscht und kaufen, als gäbe es kein Morgen. Deshalb eilen die Börsenindices von Rekord zu Rekord. Staatsanleihen, die bis vor kurzem kein Mensch anrühren wollte, können heute mit Tiefstzinsen an den Mann gebracht werden. Selbst für griechische Obligationen finden sich wieder Käufer. Gleichzeitig füllen Immobilienmakler ganze Jets in Richtung Spanien, um sich Häuser zu Schnäppchenpreisen zu ergattern. 

Experten dämpfen daher übertriebene Hoffnungen. «Die Zentralbanker lügen sich selbst in die Tasche, wenn sie glauben, die makroprudentielle Regulation sei ein wirksames Instrument der Geldpolitik», schreibt Wolfgang Münchau in der «Financial Times». «Es ist allenfalls eine sinnvolle Ergänzung, nicht mehr und nicht weniger.» Auch die Zentralbank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, gibt sich skeptisch. In ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht fordert sie die Notenbanken auf, die Leitzinsen zu erhöhen, koste es die Realwirtschaft, was es wolle. 



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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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