Schweiz

Ein Mitarbeiter der Post leert einen Sack voller Briefe. Bild: KEYSTONE

Pöstler stiehlt tausende Briefe – noch nie so viele verschwundene Sendungen

Die Post registriert einen Höchststand an Reklamationen wegen verloren gegangener Sendungen.

21.10.17, 19:33

Andreas Maurer / Schweiz am Wochenende

Die Manager der Post haben Grund zur Beunruhigung. Im vergangenen Jahr erhielten sie 240'000 Kundenreklamationen, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist die höchste Zahl, seit die Aufsichtsbehörde Postcom im Jahr 2012 ihre Arbeit aufgenommen hat. Die vom Bundesrat gewählte Kommission nennt in ihrem aktuellen Jahresbericht den häufigsten Grund für die Beschwerden: verloren gegangene Briefe.

Verantwortlich dafür ist gemäss der Bundesanwaltschaft unter anderem ein 56-jähriger Mitarbeiter des Briefzentrums Zürich Mülligen. Am kommenden Donnerstag steht er vor dem Bundesstrafgericht, weil er mindestens 4000 Briefe im Wert von 120'000 Franken gestohlen haben soll. Es ist ein Indizienprozess, weil das Sicherheitssystem der Post keine handfesten Beweise für den Diebstahl lieferte.

Die Überwachungskameras dokumentierten lediglich, wie der Mann entgegen den Regeln Briefbehälter zu seinem Arbeitsplatz trug, wenn er Frühdienst hatte. Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass er das Bargeld später in seinen Kleidern und Schuhen nach Hause schmuggelte.

Der Fall flog auf, als jemand am Arbeitsplatz des Mannes einen Stapel Briefe fand, der dort nicht hingehörte. Es handelte sich um Geschäftsantwortsendungen mit dem Aufdruck «Reply Paid» und einer Adresse in Australien. Wer sich im Briefzentrum auskennt, weiss, was diese Briefe enthalten: kleine Summen Bargeld, mit denen Schweizer ihr Glück im australischen Montagslotto versuchen. Der Vorteil gegenüber dem Schweizer Lotto: Der Gewinn muss nicht versteuert werden. Dafür hat die Übermittlung ihre Tücken, da man Bargeld in Briefen verschickt.

Sicherheitslücken bei der Post?

Die am Arbeitsplatz beschlagnahmten Briefe enthielten 1700 Franken. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass dies der durchschnittlichen Beute eines Tages entspricht und der Mann an allen Tagen zuschlug, an denen er Frühdienst hatte. Dann konnte er unbeobachtet ans Werk gehen. Die Schadenssumme von 120'000 Franken ermittelte die Bundesanwaltschaft mit einer Hochrechnung. Sie nimmt an, dass der Pöstler mit dem Geld seinen Lebensunterhalt bestritt. Darauf deuten die Bewegungen auf den mittlerweile gesperrten Konten des Mitarbeiters hin: In der Zeit der mutmasslichen Diebstähle hob er von seinem Lohnkonto kein Geld ab, sondern zahlte stattdessen 180'000 Franken ein.

«Den einzigen Schaden, der entstanden ist, hat die Bundesanwaltschaft verursacht.» 

Caroline Ehlert, Anwältin des Post-Mitarbeiters

Der Diebstahl fiel gemäss der Bundesanwaltschaft nicht auf, weil die rund 500 internationalen Geschäftsantwortsendungen, die täglich im Briefzentrum eintreffen, weder gezählt noch gebündelt noch gewogen werden. Auch die Absender merken nichts, da sie nur bei einem Lottogewinn eine Antwort aus Australien erhalten.

Der beschuldigte Mitarbeiter bestreitet die Tat. Seine Anwältin Caroline Ehlert kündigt an, dass er vor Gericht alles werde erklären können. Sie sagt: «Den einzigen Schaden, der entstanden ist, hat die Bundesanwaltschaft verursacht.» Diese habe durch die Beschlagnahmung der Briefe dafür gesorgt, dass diese nicht ausgeliefert werden konnten. Sechs Personen treten als Privatkläger auf. Sie verlangen vom entlassenen Mitarbeiter Schadenersatz und Genugtuung für die möglicherweise verpassten Lottogewinne.

«Die Post empfiehlt den Absendern, kein Bargeld zu schicken.»

Nathalie Dérobert, Sprecherin der Post

Die Post will sich zum Fall nicht äussern. Sprecherin Nathalie Dérobert sagt: «Leider lässt es sich nicht vermeiden, dass es vereinzelt zu Unzulänglichkeiten kommen kann.» Die Post unternehme grosse Anstrengungen, um Diebstähle und Verluste zu meiden. So würden die Mitarbeiter regelmässig geschult und sensibilisiert. Mehr will sie dazu nicht sagen. Dafür gibt sie den Kunden einen Rat: «Die Post empfiehlt den Absendern, kein Bargeld zu schicken.»

Wenige Fälle, hoher Schaden

Bei den aufgedeckten Diebstählen von Postmitarbeitern handelt es sich um wenige Fälle, aber grosse Schadenssummen. Im Dezember 2016 verurteilte das Bundesstrafgericht einen Chauffeur, der 1500 Pakete und Briefe im Wert von 70'000 Franken entwendete. Kurz zuvor stand ein Postbote vor Gericht, der Briefe mit Rubbellosen im Wert von 90'000 Franken mitgehen liess. Und bei der Hausdurchsuchung beim Leiter einer Postfiliale entdeckte die Polizei gestohlene Ware im Wert von 60'000 Franken. Alle drei Fälle ereigneten sich 2016 und trugen zur Beschwerdeflut in diesem Jahr bei. (aargauerzeitung.ch)

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Brikne, 20.7.2017
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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Midnight 22.10.2017 09:06
    Highlight Zahlt die Post ihren Mitarbeitern einfach zu wenig? 🤔
    6 5 Melden
  • fcsg 22.10.2017 06:30
    Highlight „Der Vorteil gegenüber dem Schweizer Lotto: Der Gewinn muss nicht versteuert werden“ Das Steueramt ist da wahrscheinlich anderer Ansicht;-) Einzig die Verrechnungssteuer muss nicht bezahlt werden, die wird aber sowieso rückerstattet nach der Deklaration. Der Gewinn selber ist Einkommen und muss versteuert werden.
    14 0 Melden
  • elivi 22.10.2017 03:39
    Highlight Ja da bin ich mal gespannt wie der mitarbeiter die 180k einzahlung auf das konto erklärt... Lohn? Ja dann will ich auch bei der post arbeiten XD
    Lotto gewinne, erbung, etc sollte man einfach nachwiesen können.
    5 0 Melden
  • Spooky 22.10.2017 00:21
    Highlight Schade, dass er sich hat erwischen lassen.
    2 38 Melden
  • andrew1 21.10.2017 23:23
    Highlight Ich habe mich schon oft gefragt was passiert wenn der marschbefehl durch die post "verlauert" wird. Ist zwar kein eingeschriebener brief aber ich könnt mir dennoch vorstellen, das man gerade 5 tage arrest kassiert. Das militär interessiert es wohl mässig das der brief nicht eingeschrieben ist und so nicht bewiesen werden kann das der marschbefehl nicht angekommen ist.
    21 8 Melden
    • ands 22.10.2017 01:30
      Highlight Hat man 14 Tage vor dem Dienst keinen Marschbefehl erhalten, ist man dazu verpflichtet, nachzufragen. Der Dienst wird ja nicht durch den Marschbefehl angekündigt.
      14 0 Melden
    • Alnothur 22.10.2017 02:48
      Highlight 1. ist es die Plicht des Dienstpflichtigen, sich über die Daten des nächsten WK zu informieren;
      2. erhältst du schon vor dem Marschbefehl eine Dienstanzeige zugeschickt;
      3. Korrekt, das interessiert das Militär aus obengenannten Gründen nur mässig.
      17 0 Melden
  • Mooogadelic 21.10.2017 22:25
    Highlight Newman aus Seinfeld ist schuld!
    7 2 Melden
  • Deathinteresse 21.10.2017 21:10
    Highlight "Genugtuung für die möglicherweise verpassten Lottogewinne."

    ... ernsthaft?
    24 4 Melden
    • raphe qwe 22.10.2017 02:58
      Highlight Schadenersatz wäre die viel Grössere Summe😂 Haben wohl keine Chance, aber für mich als Jus-Student mega interessant.
      5 2 Melden
    • LeTrullideSepp 22.10.2017 06:28
      Highlight Soweit sind wir hier schon...amerikanische Verhältnisse.... :-(
      3 5 Melden
    • fcsg 22.10.2017 08:27
      Highlight @LeTrullideSepp
      Keine Angst, fordern darf man alles, ausser dem Geld in den Couverts wird es kaum einen Schadenersatz geben. Der Gewinn im Lotto ist viel zu unwahrscheinlich als das ein Schweizer Gericht eine nennenswerte Summe zusprechen wird.
      6 0 Melden
  • Chuchichäschtli 21.10.2017 20:41
    Highlight Ich finde die Post sollte die Sicherheit erhöhen und die Mitarbeiter besser kontrollieren. Es geht ja nicht nur ums das Geld in den Briefen sondern auch um Dokumenten und Veträge etc.
    13 10 Melden
    • Midnight 22.10.2017 09:13
      Highlight Eigentlich sollte sie nur die Sendungen besser kontrollieren. Die Kontrolle der Mitarbeiter ist in der Schweiz aus guten Gründen stark eingeschränkt (Privatsphäre am Arbeitsplatz). Schliesslich interessiert den Absender/Empfänger ja die Sendung und nicht die Mitarbeiter, welche diese bearbeiten.

      Verträge und wichtige Dokumente werden doch ohnehin Eingeschrieben versendet. Dass eine solche Sendung einfach "verloren" geht, ist schon sehr unwahrscheinlich.
      7 0 Melden
  • zappeli 21.10.2017 20:34
    Highlight Bei mir ist vor rund zwei Jahren eine Bestellung von Reka-Checks nicht angekommen. Da es eingeschrieben versendet wurde, war nachvollziehbar, dass die Checks irgendwo im Post-System verschwunden sind. Reka hat sie noch einmal versendet, diesmal erfolgreich. Und irgendwer bei der Post hat sich wahrscheinlich über einen erklauten Weihnachtsbonus von 700 Stutz gefreut.
    25 1 Melden
  • Jaing 21.10.2017 19:52
    Highlight Für die hohe Anzahl Beschwerden kann er ja nicht verantwortlich sein, da die verschwundenen Briefe ja gar niemandem aufgefallen sind.
    75 7 Melden
    • Buff Rogene 21.10.2017 21:51
      Highlight Was für ein Depp: Da hat er das perfekte Verbrechen, das nie bemerkt worden wäre - und lässt dann einen Stapel Briefe rumliegen.
      26 3 Melden

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