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Kein Popkonzert, sondern Journalisten bei der Arbeit.
Kein Popkonzert, sondern Journalisten bei der Arbeit.bild: watson

Apples «Heimspiel» – und der US-Konzern wirbt für ein unterschätztes Killerfeature

Vor grossem Publikum hat Apple eine geballte Ladung neuer Software präsentiert. Im Trubel ging ein wichtiger Aspekt unter, meint der watson-Redaktor.
09.06.2015, 10:3624.11.2018, 11:43
daniel schurter, san francisco

Woran erkennt man, dass WWDC ist? Wenn ein weisshaariger Tech-Journalist 100 Meter in weniger als 10 Sekunden zurücklegt. 

Der Scherz bezieht sich auf Walt Mossberg, bekannt durch seine «Wall Street Journal»-Kolumnen. Tatsächlich liess der 68-jährige Apple-Kenner am gestrigen Montagabend im Indoor-Sprint auch deutlich jüngere Medienschaffende hinter sich (darunter den Schreibenden). 

Als im Moscone Center in Downton San Francisco die Türen geöffnet wurden, gab es kein Halten mehr. Hunderte Medienleute stürmten den Saal, um einen Sitzplatz möglichst nah bei der Bühne zu ergattern.

Was folgte, war ein Marketing-Spektakel der Extraklasse – und Extralänge. Fast zweieinhalb Stunden lang hagelte es Ankündigungen und Vorführungen und Ankündigungen und Vorführungen.

Es bleiben Fragen

Zur Eröffnung der Worldwide Developer Conference (WWDC) zündete Apple ein beeindruckendes Software-Feuerwerk. Natürlich war die live übertragene Show nicht nur wegen des Austragungsortes in der kalifornischen Metropole ein «Heimspiel». 5500 Software-Entwickler aus 70 Ländern verfolgten gespannt die Darbietungen auf der Bühne.

Phasenweise konnte man nicht zwischen Entwicklern, Medienleuten und geladenen Gästen unterscheiden. Wie bei einem Popkonzert wurden hunderte Smartphones und Kameras in die Höhe gehalten, immer wieder gab es Szenenapplaus und begeisterte Zwischenrufe. Eigentlich fehlten nur noch die brennenden Feuerzeuge oder andere Pyrotechnik, und man hätte sich wie in einem prall gefüllten Stadion gefühlt.

Und natürlich bleiben nach der WWDC-Keynote Fragen:

  • Was heisst es konkret, wenn Apple die Programmiersprache Swift als «Open Source» zugänglich macht?
  • Wird Apple Music zum Start am 30. Juni hierzulande verfügbar sein?
  • Welchen Einfluss wird Apples «News»-App darauf haben, wie wir Nachrichten via Smartphone und Co. konsumieren?
  • Was denkt der Apple-Watch-Guru Kevin Lynch, der vor Jahren die Flash-Technologie von Adobe geprägt hat, wirklich über die Uhr?
  • Wann kommt Apple Pay endlich in die Schweiz, das «Motherland» der Bankomaten und Bezahl-Terminals?

Zu spät zur Party?

Als die bis ins letzte Detail geplante Apple-Show über zwei Stunden später fast vorbei war – oder es schien zumindest so – da gab es vom Chef das legendäre «One More Thing …». 

Bei der angekündigten Lancierung von Apple Music per Ende Juni handelt es sich – aus Sicht des Unternehmens – um einen wichtigen Schritt. Mit dem iPod haben die Kalifornier unseren Umgang mit Musik revolutioniert und mit der 2001 gestarteten iTunes-Plattform eine ganze Branche auf den Kopf gestellt. Nun folgt das nächste Kapitel.

Apple steigt ins Geschäft mit dem Musik-Streaming ein.

Im Gegensatz zu anderen Kommentatoren bin ich nicht der Meinung, dass Apple «zu spät zur Party» kommt und den dank des Smartphone-Booms immer populärer werdende Streaming-Trend verpennt hat. Im Gegenteil: Der US-Konzern ist berühmt-berüchtigt für sein Timing. «Komm lieber spät, aber mach es richtig», lautet das Motto!

Der unterschätzte Wettbewerbsvorteil

Ein wichtiger Aspekt, der an der Keynote mehrmals angesprochen wurde, ging ob des ganzen Trubels im Saal fast ein bisschen unter. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach um ein Killerfeature, mit dem Apple in den kommenden Jahren massiv punkten kann.

Ob auf dem iPhone, dem Mac oder jedem anderen Apple-Gerät: Die Unantastbarkeit der sensiblen Nutzerdaten und der damit verbundene Schutz der Privatsphäre stehen je länger je mehr im Zentrum der Technik. Tim Cook und das Marketingteam haben den beträchtlichen Wettbewerbsvorteil erkannt, den Apple gegenüber dem grössten Konkurrenten Google hat. Dies zeigte sich bei mehreren Seitenhieben Richtung Android und anderen werbefinanzierten Diensten.

Tanker auf Kurs

Und das Fazit der WWDC-Keynote?

Während Kritiker dem Unternehmen einmal mehr mangelnde Innovationskraft vorwerfen, ist der Apple-Tanker auf Kurs. 

Das Erfolgsrezept des iPhone-Herstellers ist ebenso einfach, wie es schwierig zu kopieren ist. Das wertvollste Unternehmen der Welt verdient wahnsinnig viel Geld, indem es benutzerfreundliche Produkte erschafft und diese zu Premium-Preisen verkauft. Dies gelingt, weil Hardware und Software aus einem Guss stammen. 

Und die treuen Fans sehen sogar über die Turbulenzen des vergangenen Jahres hinweg. Der Start von iOS 8, das im Vergleich mit iOS 9 extrem viele neue Funktionen brachte, verlief harzig. Und auch das Mac-System OS X Yosemite musste Schläge einstecken.

85-Jähriger aus Australien

In den kommenden Wochen finden zunächst die Entwickler heraus, ob Apple Wort hält und die System-Software wieder stabiler läuft. 

Was die Visionen betrifft, hält sich Apple erfahrungsgemäss bedeckt. Es gibt keinerlei Informationen zu noch nicht marktreifen Produkten. So bleibt etwa das Apple-Auto ein reines Spekulationsobjekt.

Anmerkung: Walt Mossberg war bei weitem nicht das älteste anwesende Mitglied der Presse zur WWDC-Eröffnung. Aus Australien wurde sogar ein 85-jähriger Journalist nach San Francisco eingeflogen. 

Apple versteht es perfekt, den Hype um die eigenen Produkte zu befeuern. Weil noch viele Details zu den Ankündigungen nicht bekannt sind, wird die nahe Zukunft über den Erfolg entscheiden.

Und wie reagierte die Börse? Wie (fast) immer zur WWDC-Eröffnung, abgesehen von 2014, tauchte die Apple-Aktie während der im Internet übertragenen Veranstaltung. Dies dürfte die erfolgsverwöhnten Kalifornier nicht weiter schmerzen. Ihre Produkte-Pipeline ist prall gefüllt, und spätestens mit der Lancierung der neuen iPhones im Herbst werden sie die nächsten Kassenschlager an den Start schicken.

Disclaimer: watson-Redaktor Daniel Schurter weilt auf Einladung von Apple in San Francisco, zusammen mit einem Vertreter des «Tages-Anzeigers» und der NZZ. Der US-Konzern hat auch die Übernachtung und Verpflegung der angereisten Medienschaffenden bezahlt.

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