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epa07914846 Seasonal workers cut a cotton while Turkish military vehicles carrying tanks as they are on the way to Northern Syria for a military operation in Kurdish areas, near the Syrian border, near Akcakale district in Sanliurfa, Turkey 12 October 2019. Turkey has launched an offensive targeting Kurdish forces in north-eastern Syria, days after the US withdrew troops from the area.  EPA/SEDAT SUNA

Bild: EPA

Der Krieg in Syrien ist kein Strategiespiel

Der IS-Anführer Al-Bagdadi ist tot, der Machthaber Al-Assad auf dem Vormarsch: In diesen Tagen scheint sich die Zukunft Syriens zu entscheiden. Beruhigend ist das nicht.

Andrea Backhaus / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Sicher, der Tod von Abu Bakr al-Bagdadi war eine gute Nachricht. Die Gräueltaten, die unter der Ägide des selbst ernannten Kalifen der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) seit 2014 stattfanden, haben die Welt schockiert: Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Erhängungen, Sklaverei. Seine Gewalttaten erreichten auch Europa: Anschläge in Fussgängerzonen oder Zügen haben das Sicherheitsgefühl der Menschen in London oder Brüssel erschüttert. Dass der Mann, der zwar nicht die wichtigste Führungsrolle innehatte, doch aber für eine grosse Anziehung des IS sorgte, nun tot ist, hat zu Recht zu Erleichterung geführt.

Dabei ist die Freude der amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit vielleicht ein bisschen grösser als bei denen, die unmittelbar unter dem Terror des IS zu leiden hatten: den Menschen in Syrien und Irak. Jenen jesidischen, kurdischen und arabischen Frauen und Männern, die vom IS verschleppt und missbraucht wurden oder deren Angehörige von den Dschihadisten gefoltert oder umgebracht wurden. Sie mögen kurzzeitig so etwas wie Erleichterung und Genugtuung spüren. Doch viele sagen auch: Eine Veränderung oder Verbesserung bringt Bagdadis Tod für sie nicht.

Ein syrischer Bekannter, dessen Familienangehörige vom IS entführt wurden und bis heute nicht auffindbar sind, meinte: Sogar im Tod gehe es Al-Bagdadi besser als seinen Opfern. Immerhin haben dessen Angehörige Gewissheit, dass er tot sei – was all jenen Syrern und Irakern verwehrt bleibt, die nie erfahren werden, wohin der IS ihre Schwestern, Brüder oder Kinder verschleppt hat. Andere syrische Bekannte sagen: Die Freude der westlichen Regierungschefs und der Öffentlichkeit über den angeblichen Sieg über den Terror sei verlogen. Für die westlichen Länder gehe es in Syrien und Irak immer nur um die eigenen Sicherheitsinteressen, das Leid der Menschen interessiere nicht.

epa04695697 Kurdish peshmerga soldiers help an elderly Yazidi man at the entrance of a checkpoint in Kirkuk after their release by the Islamic State (IS) militant group near Kirkuk, northern Iraq, 08 April 2015. According to reports, Islamic State extremist group in Iraq released 216 Yazidis who had been held captive since last year. The group released largely consisted of women, children and the elderly. The Islamic State group attacked the Yazidi minority last year, taking hundreds of people hostages, including women allegedly used as sex slaves.  EPA/STR

Kurdische Truppen versorgen Jesiden, die vor dem IS flüchteten. Bild: EPA/EPA

Racheakte des Regimes

Diese westliche Fixierung auf einen Mann oder auch auf den IS als solchen ist problematisch. Denn sie steht exemplarisch für die ausschnitthafte Betrachtung eines Landes, das viel mehr braucht als die Liquidierung einzelner Terroristen. Denn viel ist in den vergangenen Wochen neben dem Tod von Al-Bagdadi in Syrien passiert. Dinge, die dazu verleiten könnten zu glauben, nicht nur der islamistische Terror sei beendet, sondern auch der Krieg ginge in Syrien dem Ende entgegen. Das aber ist mitnichten der Fall.

Nach dem Einmarsch türkischer Truppen in den Norden Syriens haben sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und der russische Präsident Wladimir Putin auf ein Ende der Offensive geeinigt. Ihr in Sotschi ausgehandelter Deal hat – zumindest auf dem Papier – dazu geführt, dass die Türkei grössere Kampfhandlungen gestoppt hat. Die kurdischen Milizen haben sich zurückgezogen, dafür werden russische und syrische Soldaten in vielen Orten entlang der türkischen Grenze patrouillieren. Damit ist nun nahezu ganz Syrien wieder unter Kontrolle des syrischen Diktators Baschar al-Assad.

Für mehr Stabilität sorgt das nicht.

Nicht nur fürchten viele syrische Kurden Rache durch Schergen des Regimes, auch begehen die islamistischen Rebellen, die die Türkei unterstützen, immer wieder Kriegsverbrechen an der lokalen Bevölkerung. Zudem ist eine friedliche Zukunft in Syrien mit Assad und seinem verbrecherischen Apparat nicht möglich. Seit Jahrzehnten hält der Assad-Clan die Syrer in einem perfiden Unterdrückungssystem gefangen; seit dem Kriegsbeginn vor acht Jahren geht er mit offener Brutalität gegen sein Volk vor. Solange dieses Herrschaftssystem, das auf Machtsicherung durch Überwachen und Strafen basiert, nicht durch demokratische Institutionen ersetzt wird, können die Syrer in ihrer Heimat nicht in Sicherheit leben.

FILE - In this Sept. 30, 2019, file photo, a man passes a poster of Syrian President Bashar Assad with Arabic that reads,

Ein Poster des syrischen Präsidenten Assad. Bild: AP

Die letzte grosse Schlacht

Es ist zynisch, dass sich Putin, der Assads wichtigster Partner ist, als Friedensvermittler für den einen Teil Nordsyriens inszeniert, während seine Luftwaffe wenige Kilometer weiter westlich, in der Provinz Idlib, seit Monaten Krankenhäuser und zivile Infrastruktur bombardiert. Die letzte grosse Schlacht zur Rückeroberung von Idlib, der letzten von Rebellen gehaltenen Provinz in Syrien, wird nun bald beginnen, was bedeutet: Drei Millionen Zivilisten sind der Gewalt der syrischen und russischen Armee ausgeliefert. Eine riesige humanitäre Katastrophe steht im Syrien-Krieg also noch bevor.   

Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass parallel zu Assads Machtausweitung in Nordsyrien nun in Genf erstmals das Gremium des syrischen Verfassungskomitees getagt hat. In diesem Komitee sitzen Vertreter des Assad-Regimes, der politischen Opposition und der Zivilgesellschaft, um über die politische Zukunft Syriens zu diskutieren. Jahrelang war um dieses Gremium gestritten worden, umso feierlicher war das Treffen vor allen in westlichen Medien angekündigt worden – als ob ein solches Komitee wirklich so etwas wie Frieden bringen könnte. Das Gremium soll – unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen – Vertrauen zwischen den verfeindeten syrischen Gruppen schaffen und einen politischen Prozess in Gang setzen. Doch so mächtig wie Assad in Syrien mittlerweile wieder ist, so wenig wird er sich auf Kompromisse mit der Opposition einlassen. Auch vertritt das Komitee mitnichten die syrische Gesellschaft; jene, die einst gegen Assad auf die Strasse gegangen sind und für Freiheit und Demokratie gekämpft haben, sind gar nicht vertreten. Für viele Syrer, die einst vor Assads Foltergefängnissen geflohen sind, ist das Komitee daher eine Farce.

Was in Syrien fehlt, ist eine langfristige Strategie, bei der Begriffe wie Gerechtigkeit, Aussöhnung und demokratische Prozesse keine Phrasen bleiben. Eine Strategie, die vor allem jene Syrer berücksichtigt, die acht Jahre lang am meisten leiden mussten.

Was derzeit in Syrien geschieht, ist kein Strategiespiel. Menschen fliehen, Menschen sterben, die Lebensgrundlage für Menschen wird zerstört. Frieden ist nicht in Sicht.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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