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Maddie McCanns Entführer hatte nur wenige Minuten: Das geschah am Tatabend

Ein Deutscher steht im Verdacht, die kleine Madeleine «Maddie» McCann getötet zu haben. Er hätte ein Zeitfenster von wenigen Minuten gehabt. Das Rätsel um den folgenreichen Abend im Mai 2007 im Minutenprotokoll.  

Lars Wienand / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Vorerst keine Stellungnahme des Tatverdächtigen

Im Fall der verschwundenen Maddie haben die Verteidiger des 43-jährigen deutschen Mordverdächtigen eine Stellungnahme zunächst abgelehnt.
Wann mit einer solchen zu rechnen sei, könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, teilte einer der beiden Verteidiger, Jan-Christian Hochmann, der Deutschen Presse-Agentur am Freitag auf Nachfrage mit. Hochmann und sein Kollege David Volke vertreten den Mann in dem aufsehenerregenden Fall rechtlich.

Es war der vorletzte Tag des Urlaubs, als sich das Leben der McCanns für immer veränderte. Sie sassen nur gut 50 Meter Luftlinie von dem Ferienappartement entfernt im einem Tapas-Restaurant und scherzten mit Freunden, als Madeleine verschwand. Alle 30 Minuten hatte jemand nach ihr und den beiden Geschwistern gesehen. Es war wenig Zeit, das Kind zu entführen. Ermittler in Deutschland, Grossbritannien und Portugal gehen nun dem Verdacht nach, dass Christian B., ein 43-jähriger Deutscher, genau das getan hat. Was geschah an dem Abend?

14.29 Uhr: Das letzte Foto von «Maddie»

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Madeleine McCann mit Schwester und Vater am Pool: Es ist das letzte Foto, das sie lebend zeigt. Die Eltern veröffentlichten es Ende Mai 2007.

Die Kamera von Kate McCann ist auf Zeit in ihrer mittelenglischen Heimat eingestellt und zeigt 13.29 Uhr, als sie den Auslöser drückt. Ihre Töchter Madeleine und Amelie planschen mit den Füssen im Pool, Papa Gerry setzt neben ihnen. In dem Urlaub verbringt das Ärzte-Ehepaar auch viel Zeit ohne Kinder, weil die Ferienanlage «Ocean Club» eine umfangreiche Betreuung anbietet. Madeleine und ihre Geschwister gehen wenig später in den Kids Club, wo sie auch zu Abend essen. Das Foto wird das letzte Bild sein, das die Dreijährige lebend zeigt.  

18 Uhr bis 19 Uhr: Es ist Schlafenszeit

Kate McCann holt Madeleine und die Zwillinge Sean und Amelie aus dem Kids Club und geht mit ihnen in das Appartement 5A am Rand der Appartementanlage. Um 19 Uhr ist Schlafenszeit für Madeleine und die Zwillinge. Gerry McCann ist gerade vom Tennis zurückgekommen. Kate McCann bringt die Kinder ins Bett, Gerry kommt für einen Gutenacht-Kuss noch einmal zu ihnen. «Maddie» kuschelt sich in ihrem rosa-weissen Schlafanzug mit schlafendem Elefant darauf in ihre Prinzessinnendecke, ihre Stoffkatze liegt neben ihr.

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Maddies Bett: Im Kinderzimmer stehen neben ihrem Bett noch ein weiteres und zwei Kinderreisebetten für die Zwillinge. Ein Fenster führt zur Strasse, der dem Pool abgewandten Seite des Appartements. Portugiesische Behörden veröffentlichten die Bilder aus dem Appartement.

19.32 Uhr: Der ominöse Anrufer

Das Telefon mit der Nummer +351 912 730 680 klingelt, als es in der Gegend von Praia de Luz im Netz ist. Es ist das Handy des Deutschen, glauben die Ermittler. Er lebt eigentlich 15 Kilometer entfernt, die Ermittler schreiben ihm aber Einbrüche in Ferienanlagen in der Umgebung zu. Das Telefonat dauert bis 20.02 Uhr. Das Gespräch könnte Aufschluss darüber bringen, was der Deutsche gemacht hat. Das Problem: Die Polizei weiss nicht, wer der Anrufer oder die Anruferin mit der Nummer +351 916 510 683 war.

20.30 Uhr: Abendessen im Tapas-Restaurant

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Bild: googlemaps/watson

Gerry schaut noch mal nach den Kindern: Sie schlafen jetzt. Die McCanns verlassen die Wohnung. Den Vorhang der Terrassentür ziehen sie zu, schliessen aber nicht ab, das geht von aussen nicht. Mit ihren Bekannten Matthew Oldfield und dessen Frau, Russell O'Brien und Lebensgefährtin Jane Tanner und einem weiteren Paar und dessen Mutter wollen sie im Tapas-Restaurant des Ocean Clubs draussen essen. Es liegt auf der anderen Seite des Pools, aber das Appartement liegt zu tief, als dass man es sehen könnte.

21.05 Uhr: Das offene Kinderzimmer

ARCHIV - Der Pool des

Die Ferienanlage Bild: sda

Gerry McCann verlässt das Restaurant, um nach den Kindern zu sehen. Er geht durch die unverschlossene Terrassentür in die Wohnung, wird er später sagen. In einer ersten Vernehmung hatte er noch gesagt, sie seien durch die normale, abgeschlossene Eingangstür in die Wohnung gelangt. Sie schlafen. Er wundert sich, weil er meint, dass sie die Tür des Kinderzimmers leicht angelehnt hatten, nun war sie offen, um etwa 21.10 Uhr geht er wieder zu den Freunden an den Tisch.

21.15 Uhr: Ein Mann mit Kind (1)

Auch die McCann-Freundin Jane Tanner hat nach ihren Kindern geschaut. Sie sieht auf dem Rückweg einen Mann, der ein Kind in hellrosa Pyjama auf dem Arm trägt – aus Richtung der Wohnung der McCanns kommend. Sie beschriebt ihn als etwa 35 bis 40 Jahre alt, mediterraner Typ. Später wird eine Zeichnung erstellt. Die Beschreibung passt nicht auf den jetzt verdächtigen Deutschen. Die Aussage bringt wenig später einen 33-jähriger Anwohner mit britischen Wurzeln in Verdacht. 

21.30 Uhr: Der verpatzte Kontrollgang

Kate McCann will schon aufstehen für einen Kontrollgang in die Wohnung. Sie bleibt sitzen, weil Matthew Oldfield anbietet, nach seinen und den McCann-Kindern zu schauen. Bei den McCanns schaut er allerdings nicht richtig nach. In einer zweiten Vernehmung wird er einräumen, dass er nur an der Tür gelauscht, aber nicht nachgesehen hat, ob die Kinder da sind.

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Die Fahrzeuge des Christian B.: Er fuhr selbst einen Jaguar, konnte zudem einen VW T3 nutzen. War eines der Autos am Tatabend in Praia da Luz? Das BKA hofft auf Hinweise oder Fotos, auf denen sie zufällig abgebildet sein könnten. Bild: BKA

Steht zu dieser Zeit ein Jaguar oder ein VW T3-Bus in dem Örtchen Praia da Luz? Mit diesen beiden Fahrzeugen war der tatverdächtige Deutsche zu dieser Zeit im Mai 2007 unterwegs, wissen die Ermittler. Wenn Zeugen eines der Fahrzeuge in Tatortnähe gesehen haben, wäre das ein weiteres Indiz. Das BKA bittet um Hinweise unter 0049611/55-18444 und hat ein Portal zum Hochladen von Bildern eingerichtet.

22 Uhr: «Madeleine ist weg»

epa08463382 (FILE) Gerry McCann (R) and Kate McCann (L) the parents of the missing British child Madeleine talk to the press after a court session for the libel case against former Portuguese police chief Goncalo Amaral (not pictured) at Lisbon's Palace of Justice in Lisbon, Portugal, 08 July 2014.  According to reports on 03 June 2020, a 43-year old German prisoner is identified as suspect in the disappearance of Madeleine McCann.  EPA/MARIO CRUZ *** Local Caption *** 51469172

Das Ehepaar McCann. Bild: keystone

Jetzt schaut Kate McCann nach den Kindern. Als sie in die Wohnung kommt, steht die Kinderzimmertür weit offen. Sie macht im Kinderzimmer zunächst kein Licht an, wartet, dass sich ihre Augen ans Dunkel gewöhnen. «Ich wollte die Kinder nicht wecken.» Als sie realisiert, dass im Bett nur das Kuscheltier liegt, schaut sie im Elternschlafzimmer nach. Die Zwillinge liegen in ihren Reisebetten und schlafen. Aber «Maddie» ist weg.

«Das traf mich die erste Welle der Panik», schrieb sie später in einem Buch. Im Kinderzimmer stellt sie fest, dass sich die Vorhänge bewegen: Die Rollladen sind hochgedrückt und das Fenster steht weit offen. Sie schaut überall in der Wohnung nach, vielleicht 15 Sekunden habe das gedauert. Dann rennt sie zum Restaurant und ruft «Madeleine ist weg.»

22 Uhr: Ein Mann mit Kind (2)

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Begegnung um 22 Uhr: Ein britisches Paar will da einen Mann mit diesem Aussagen gesehen haben, wie er mit einem Kind auf dem Arm aus Richtung der Ferienanlage kam. Bild: Metropolitan Police

Irische Touristen sehen in der Rua da Escola Primária, 460 Meter von der McCanns-Wohnung entfernt, einen Mann, der aus Richtung Ocean Club kommend ein Kind Richtung Strand wegträgt. Später wird davon eine Phantomzeichnung gemacht. Sie beschreiben den Mann als Mitte 30 und dunkelhaarig. Die Beschreibung passt schlecht auf den verdächtigen Deutschen.

Kurz nach 22 Uhr: Die Rolladen

Gerry McCann lässt die Rollladen im Appartement runter, um zu testen, ob sie sich von aussen hochdrücken lassen. Das sei ganz leicht gegangen und habe ihn in dem Moment entsetzt, sagt er. Die portugiesische Polizei erklärt dagegen, das sei nur mit viel Krach möglich gewesen.

22.10 Uhr: Die Polizei wird gerufen

Der von den McCanns losgeschickte Matthew Oldfield gibt an der Rezeption Bescheid, die Polizei zu informieren.

epa08463388 (FILE) A file picture dated 04 May 2007 shows a general view of Praia da Luz, near Lagos, Portugal, from where three-year-old British girl Madeleine McCann vanished from her family's holiday apartment the previous night, 03 May. According to reports on 03 June 2020, a 43-year old German prisoner is identified as suspect in the disappearance of Madeleine McCann.  EPA/LUIS FORRA *** Local Caption *** 51397912

Bild: keystone

22.30 Uhr: «Maddie»-Rufe im ganzen Ort

Das Resort startet nach einem festgelegten Plan für vermisste Kinder die Suche. 60 Mitarbeiter und Gäste sind bis 4.30 Uhr unterwegs, im ganzen Ort sind in der Nacht die «Maddie»-Rufe zu hören.

23.10 Uhr: Kritik an den Ermittlern

Zwei Polizisten der nahen Wache in Lagos treffen ein, um Mitternacht verständigen sie die Kripo. Später wird Kritik an der Arbeit der Ermittler in den ersten für die Ermittlungen wichtigen Stunden laut: Das Ferien-Appartement wird nur unzureichend abgesperrt, viele Spuren könnten in der Nacht zerstört worden sein. Madeleine ist jetzt offiziell ein Vermisstenfall.

Verwendete Quellen:

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