DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Berner wagt den Selbsttest: So lebt es sich mit 2500 Franken im Monat

Nach Anlaufschwierigkeiten kam dieser Berner mit wenig Geld über die Runden. Ob er da noch arbeiten würde?
26.05.2016, 09:4503.06.2016, 16:11
Daniel Fuchs / Nordwestschweiz
Im April reichten André Chatelain 2500 Franken zum Leben.<br data-editable="remove">
Im April reichten André Chatelain 2500 Franken zum Leben.
Bild: Roland Schmid

Im April endlich, da klappte es. André Chatelain hatte Ende Monat noch mehr als 100 Franken übrig. Gespart. Für Steuern, dringende Anschaffungen, Reparaturen eines kaputt gegangenen Haushaltgeräts zum Beispiel. Oder zum Vergnügen.

Weder für einen Kino- oder Konzertbesuch noch für Alkohol hat das Geld gereicht, damit er sein Vorhaben erfüllen konnte. Im Herbst hatte er sich zum Ziel gesetzt, monatlich nicht mehr als 2500 Franken auszugeben. Exakt den Betrag also, der von den Initianten des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) genannt wird. Am 5. Juni stimmen die Schweizer darüber ab.

«Ich begann, meine Ausgaben für Ausgang, Restaurantbesuche und Alkohol drastisch zu senken.»

Gegenüber der «Nordwestschweiz» legt der 33-jährige Berner seine Milchbüechli-Rechnung offen. Chatelains Motivation für die Sparübung: Er wollte herausfinden, ob seine Erfahrungen einem vielfach geäusserten Argument der BGE-Gegner recht oder unrecht gibt. Es lautet: «Da würde doch niemand mehr arbeiten.» Weil der Politikwissenschafter sich beruflich umorientieren wollte, musste er seine Ausgaben zudem sowieso drosseln.

Eine gemischte Bilanz

Das Leben allerdings ist auch in der Bundesstadt nicht günstig, wo Chatelain in einem WG-Zimmer wohnt. Täglich notierte er seine Ausgaben. In den ersten beiden Monaten seines Selbstexperiments scheiterte er kläglich. Die Ausgaben überstiegen das gesteckte Ziel um bis zu mehr als 1000 Franken. An den Fixkosten liess sich nicht viel machen. Mit Ausnahme der damals relativ hohen Ausgaben wegen seiner angeschlagenen Gesundheit waren sie ohnehin tief.

Mehr zum Thema

Chatelain musste anderswo sparen. Im Winter kam die Einsicht: «Ich begann, meine Ausgaben für Ausgang, Restaurantbesuche und Alkohol drastisch zu senken.» Der Erfolg stellte sich erst im April ein, als Chatelain ganz auf Alkohol verzichtete.

Trotzdem findet Chatelain: «Unter dem Strich habe ich im Monat April sehr gut gelebt und es mangelte mir im Prinzip an nichts Wesentlichem.» Und doch musste er sich einschränken «und jeden noch so kleinen Betrag überdenken». Er räumt ein, sich mehr als einmal ein höheres Budget gewünscht zu haben.

Ohne Steuern und aussergewöhnliche Ausgaben

In seinem Experiment unberücksichtigt blieben die Steuern und Ausgaben, die nur hin und wieder anfallen. Chatelain ist klar, dass ersparte 100 Franken pro Monat nirgends hinreichten, um auf Dauer mit 2500 Franken über die Runden zu kommen. «Erst letzthin brach ein Teil der Tiefkühlertüre. Die Reparatur kostet mehr als 800 Franken, weil gleich die ganze Tür ersetzt werden muss.» Oder der Laptop gibt seinen Geist auf. Ein Szenario, das sich Chatelain gar nicht ausmalen will. Wo nähme er bei 100 Franken im Monat plötzlich all das Geld her?

Jetzt auf

Selbst bei einem Ja der Schweizer zum BGE will Chatelain nicht dem Sofa gegenüber der Arbeit den Vorzug geben. Zu deutlich überwiegt bei ihm der Wunsch, einer Arbeit nachzugehen und mehr finanziellen Spielraum zu erlangen.

Das Leben in der Schweiz ist teuer, das zeigt André Chatelains Milchbüechli-Rechnung deutlich. Ihn stört das vielfach gehörte Argument, bei 2500 Franken pro Monat gehe sowieso kaum noch jemand arbeiten. Vor allem dann, wenn es gut verdienende Schweizer äussern. 2500 seien weder zu wenig noch zu viel, sagt er. Eine Grundexistenz könne der Betrag sichern. «Nicht aber die Bedürfnisse jener Schweizer, die nicht auf die Konsumfreuden verzichten wollen, die mit 2500 Franken schlicht nicht drinliegen.» (aargauerzeitung.ch)

Dieses Luxus-Seepferdchen würdest du gerne reiten

1 / 17
Dieses Luxus-Seepferdchen würdest du gerne reiten
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Thomas Vašek zum bedingungslosen Grundeinkommen: «Ich würde nicht alles auf eine Karte setzen»

Mit seinem Buch «Work-Life-Bullshit» stiess Thomas Vašek eine Debatte darüber an, was und wie wir arbeiten sollen. Jetzt schaltet sich der umstrittene Philosoph in die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen ein. Ein Gespräch über Freiheit, Faulheit und Lottogewinner.

Haben Sie übers Wochenende gearbeitet?Thomas Vašek: Ist das eine Falle? Natürlich. Ich arbeite immer.​

Warum?Weil ich muss. Arbeiten ist eine Notwendigkeit. Zudem mag ich meine Arbeit als Chef eines Philosophiemagazins. Auch wenn ich nicht den ganzen Tag im Wald spazieren gehe und mir philosophische Gedanken mache.

Sie sind in einer privilegierten Situation. Für viele bedeutet Arbeiten in erster Linie Geldverdienen.Arbeit gibt mir Geld, ja, aber dazu könnte ich auch eine Bank überfallen …

Artikel lesen
Link zum Artikel