Offen gesagt
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«Lieber Herr Cassis, was ist mit Ihnen ...?»

FDP-Aussenminister Ignazio Cassis reist aus Termingründen von Bern nach Zürich im Flugzeug. Ein bisschen Nachhilfe in Lateinisch an einem Fallbeispiel von Boris Johnson.



Lieber Herr Cassis

Bestimmt haben Sie als Bundesrat viel zu tun und können sich nicht seriös mit den Trivialia des Weltgeschehens beschäftigen. Aber als Aussenminister könnten Sie sich, ohne Aufsehen zu erregen, etwa wöchentlich oder so ein «Fail-Briefing» organisieren lassen. Wir haben bei watson auch so ein Gefäss, es heisst «Fail-Dienstag» und ist ausserordentlich beliebt.

Ihr «Fail-Briefing» würde natürlich, da mit Steuergeldern bezahlt, nur lustige Fails von Amtskollegen oder Staatsoberhäuptern umfassen. Wenn Sie so etwas hätten, dann wüssten Sie, dass etwa Boris Johnsons Assistentin ihrem konsternierten Chef vor einem öffentlichen Auftritt mit vorwurfsvoll-belehrendem «No disposable cups!» den Kaffee-Becher aus Styropor aus der Hand riss. Johnson musste aus Gründen der «Public Appearance» dann grummlig auf seinen Kaffee verzichten.

Der Clip wäre für Sie dann nicht nur eine willkommene Auflockerung während langweiliger Sitzungen, sondern auch lehrreich gewesen. Denn offenbar haben Sie in Sachen Image-Pflege im Greta-und-Friday-for-Future-Zeitalter weit mehr Nachholbedarf als Johnson.

Nicht einmal eine Woche war es her, dass es eine Diskussion um Ihre Wiederwahl in den Bundesrat gegeben hat. Weil kurz zuvor die Wahlen gezeigt haben, dass grosse Teile der Schweizer Bevölkerung sich sehr um das Klima sorgen. Und die Grünen deswegen aus arithmetischen Gründen Anrecht auf Ihren Bundesratssitz haben. Seit letztem Jahr ist die Reduktion des CO2-Ausstosses schweiz- und weltweit DAS Top-Thema auf der Strasse und in den Medien.

Und da fliegen Sie aus Termingründen im Jet von Bern-Belp nach Zürich-Kloten? In offizieller Mission?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Grüner. Ich weiss, dass die Luftwaffe sowieso fliegt, damit die Piloten auf ihre Flugstunden kommen, und dass es der Umwelt egal ist, ob in den Flugzeugen ein Bundesratsmitglied mehr oder weniger drinsitzt. Und ich bin sicher, dass das Meeting mit dem EU-Kommissar sehr wichtig war.

Aber trotzdem sei die Frage erlaubt: Was ist mit Ihnen? Tun Sie das absichtlich? Oder haben Sie einen unfähigen Stab?

Da ich Ihnen keine plumpe Provokation unterstellen will, gehe ich einfach mal von Letzterem aus. Dann sollten Sie gewisse personelle Änderungen vornehmen. Denn dann haben Sie Stabsangestellte, die in der aktuellen politischen Grosswetterlage bei einer solchen Aktion den GAS (Grösster Anzunehmender Spektakelwert) und dessen nachhaltigen Schaden an Ihrer Reputation – und damit auch Ihrer politischen Durchsetzungsfähigkeit – nicht antizipiert haben. Solche Leute gehören mindestens versetzt, wenn nicht entlassen.

Im unwahrscheinlicheren Fall, dass Sie es nach den sicher aufreibenden vergangenen Wochen, in denen auch über Ihre politische Existenz diskutiert worden ist, allen mal so richtig zeigen wollten, möchte ich Sie daran erinnern, dass Sie der Aussenminister der Schweizerischen Eidgenossenschaft sind.

Wie Sie als Mediziner italienischer Muttersprache sicherlich wissen, ist das Wort «Minister» aus dem entsprechenden lateinischen Substantiv übernommen und heisst übersetzt schlicht und einfach «Diener». Der Minister «dient» in der Demokratie seinem Staat und dessen Bevölkerung.

Es steht einem Diener aber nicht zu, seine Herrschaften zu provozieren, sei es symbolisch oder handfest. Vielmehr ist Demut angezeigt. Und die bedeutet Verzicht. Sei es auf Status, Flüge oder halt Kaffee im falschen Becher.

Boris Johnson und seine Assistentin haben das begriffen. Sie und Ihr Stab offenbar nicht.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Festtage!

Hochachtungsvoll

Ihr Maurice Thiriet

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Da war noch alles gut - Impressionen von Cassis' Wahl in den Bundesrat

Demut ist auch in den engen Gassen des Niederdorfs angezeigt

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