Donald Trump
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President Donald Trump stands on stage as he visits the Republican National Committee convention site, Monday, Aug. 24, 2020, in Charlotte. White House chief of staff Mark Meadows is at right. (AP Photo/Evan Vucci)
Donald Trump

Donald Trump am Montag bei seinem ungeplanten Auftritt am GOP-Parteitag. Bild: keystone

Warum Trump überschätzt wird und man ihn trotzdem nicht unterschätzen darf

Donald Trump bewirbt sich um eine zweite Amtszeit als US-Präsident. Vieles spricht gegen seine Wiederwahl. Darum wird er keine üble Machenschaft auslassen, um an der Macht zu bleiben.



Herbert Hoover war der 31. Präsident der Vereinigten Staaten. In seiner Amtszeit ereignete sich der Börsencrash von 1929, der die Grosse Depression auslöste. Millionen Amerikaner verloren Job, Ersparnisse und Heim. Der Republikaner Hoover unternahm getreu der Laisser-faire-Ideologie seiner Partei lange kaum etwas gegen die Not.

Stattdessen empfahl er den Amerikanern, die Krise einfach wegzulachen («What this country needs is a good big laugh»). Die Menschen reagierten mit jener Art des Humors, die gemeinhin Sarkasmus genannt wird: Die Slums für Obdachlose, die im ganzen Land entstanden (auch im New Yorker Central Park), wurden Hoovervilles genannt.

FILE - In this Oct. 22, 1928 file photo, Republican presidential candidate Herbert Hoover delivers an address from a U.S. flag-draped podium in Madison Square Garden in New York. (AP Photo)

Herbert Hoover bei einem Auftritt im Wahlkampf 1928. Bild: AP/AP

Erst mit Blick auf seine Wiederwahl 1932 versuchte Hoover, verstärkt auf die Wirtschaftskrise zu reagieren. Es nützte nichts, er erlitt eine vernichtende Niederlage gegen den Demokraten Franklin Roosevelt, der mit seinem New Deal eine Botschaft der Hoffnung vermittelte. Er gilt heute als einer der grössten Präsidenten, während Hoover in den Rankings weit unten steht.

Vergleiche mit Hoover und Carter

Heute befinden sich die USA in der schwersten Krise seit der Depression. Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft in den Abgrund gerissen. Anders als damals haben die Politik und die Notenbank Fed schnell und massiv darauf reagiert. Präsident Donald Trump aber regiert ähnlich unsensibel wie Hoover, während Herausforderer Joe Biden Mitgefühl ausstrahlt.

Nun bewirbt sich Trump für eine zweite Amtszeit. Die Republikaner nominierten ihn am Montag offiziell als Kandidaten. Seine Perspektiven sind schlecht, in den Umfragen liegt er klar hinter Biden. Vieles spricht dafür, dass er ein zweiter Herbert Hoover wird. Politico vergleicht ihn mit Jimmy Carter, einem anderen glücklosen «One term president».

Besiegt ist Trump damit nicht. Es ist möglich, dass er mit seiner auf Angstmache und Einschüchterung basierenden Kampagne das Steuer noch herumreissen kann. Dennoch irritiert die Tendenz vieler Medien und Beobachter auch und gerade in Europa, Donald Trump zu überschätzen. Er hat einige gewichtige Argumente gegen sich:

Popularität

Popularität Donald Trump

Die Zustimmung lag immer unter 50 Prozent, die Ablehnung fast immer darüber. grafik: realclearpolitics

Donald Trump ist ein notorisch unbeliebter Präsident. Seit seinem Amtsantritt haben seine Popularitätswerte die 50-Prozent-Marke nie überschritten. Gleichzeitig beurteilten mehr als 50 Prozent der Amerikaner ihn und seine Amtsführung negativ. Die deutliche Diskrepanz zwischen Positiv und Negativ unterscheidet ihn etwa von Barack Obama.

Viele wundern sich, dass Trump trotz seiner Defizite immer noch auf relativ hohe Zustimmungswerte kommt. Die Erklärung dafür ist das unerbittliche Zweiparteiensystem in den USA. Wer rechts steht und die Demokraten ablehnt, unterstützt eben Trump. Ein perfektes Beispiel dafür sind die Evangelikalen, eine seiner treuesten Wählergruppen.

Viele sind angewidert von Trumps Lügen und Grobheiten. Sie sind auch politisch nicht durchweg auf seiner Linie. Weil er ihnen jedoch die Erfüllung ihres innigsten Wunsches in Aussicht stellt – die Abschaffung des Schwangerschaftsabbruchs, den er einst befürwortete –, wählen sie ihn trotzdem und rechtfertigen sich dafür mit allen möglichen Verrenkungen.

Partei

Former President George W. Bush speaks during the funeral service for the late Rep. John Lewis, D-Ga., at Ebenezer Baptist Church in Atlanta, Thursday, July 30, 2020.  (Alyssa Pointer/Atlanta Journal-Constitution via AP, Pool)

George W. Bush, der letzte noch lebende Ex-Präsident der Republikaner, lehnt Trump ab. Bild: keystone

Die Republikaner haben sich Trump fast bedingungslos unterworfen. Die Parteibasis bringt ihm eine gottgleiche Bewunderung entgegen. Ein beträchtlicher Teil der Parteielite aber hat sich von Trump abgewandt. George W. Bush, der letzte noch lebende Ex-Präsident der GOP, hat ihn schon 2016 nicht gewählt und glänzt am Parteikonvent durch Abwesenheit.

Mitt Romney, vor acht Jahren noch Präsidentschaftskandidat, hat im Impeachment-Prozess als einziger Republikaner für Trumps Verurteilung gestimmt. Prominente Exponenten haben sich offen für Joe Biden ausgesprochen. Führende Neocons wie John Bolton, Robert Kagan oder Bill Kristol lehnen Trump ebenfalls ab. Er ist ihnen zu wenig kriegerisch.

Die Demografie spricht ebenfalls gegen die Republikaner. Sie sind mit Trump definitiv zur Partei einer ländlich-konservativen weissen Wählerschaft geworden. Schon bei den Midterms 2018 haben sie die Vorstädte an die Demokraten verloren. Die Frauen wenden sich von Trump ab, und bei Schwarzen und Latinos hat die Partei wenig zu melden.

Verantwortung

FILE - In this June 16, 2015 file photo, Donald Trump announces he will run for president of the United States, in the lobby of Trump Tower in New York. Trump’s been telling Americans for nearly three decades that he’s what they really need in the White House, a business-hardened dealmaker-in-chief. Now that he’s actually running for president, Trump gets to say it Thursday night from center stage and in prime-time as the top-polling candidate in the first Republican presidential debate of the 2016 campaign.  (AP Photo/Richard Drew, File)

2016 war Trump der Herausforderer. Jetzt ist er der Boss. Bild: AP/AP

Oft wird die heutige Situation mit 2016 verglichen. Auch damals habe Trump einen Rückstand auf Hillary Clinton aufgeholt und am Ende gewonnen. Dieser Vergleich blendet einen Aspekt aus: Damals war Trump der Aussenseiter und Anti-Politiker, der die US-Politik aufmischte. Jetzt ist er am Ruder. He is running the show, sagen die Amerikaner.

Sein Versagen in der Coronakrise erkennen sie sehr wohl, auch wenn er alles tut, um die Verantwortung abzuschieben. Wenn ihn seine Entourage dazu bringt, vom Teleprompter abzulesen und den besorgten Landesvater zu mimen, vertwittert er handkehrum wieder den gröbsten Verschwörungsschrott. Oder er preist vermeintliche Wundermittel an.

Unter normalen Umständen hätte ein solcher Präsident keine Chance auf eine Wiederwahl. Seine Nichte Mary, die in einem Buch mit Onkel Donald abgerechnet hat, brachte es bei «Markus Lanz» im ZDF auf den Punkt:

«Ich glaube, wenn es wirklich eine freie, faire Wahl gäbe, dann würde sich die Frage, ob Joe Biden gewinnt, gar nicht stellen.»

Damit sprach sie aus, warum man Donald Trump keinesfalls unterschätzen darf: Um an der Macht zu bleiben, wird er vor keiner noch so üblen Schandtat zurückschrecken. Bei seinem Auftritt am Parteitag am Montag gab er die Richtung vor, als er die Demokraten beschuldigte, die Wahl stehlen zu wollen. Damit sät er gezielt Zweifel beim Wahlvolk.

Denn am Ende wird er versuchen, die Wahl zu stehlen, wenn es zu einem knappen Ergebnis kommen sollte. Die Pandemie und das Präsidentenamt geben ihm und seinen Vasallen die Möglichkeit, ganze Bevölkerungsgruppen an der Ausübung ihres Wahlrechts zu hindern. Seine permanenten Attacken auf die US-Post und die Briefwahl sind ein Vorgeschmack darauf.

Donald Trump ist eine komplizierte Persönlichkeit. Ein Teil von ihm würde die Mühsal des Regierens wohl gerne loswerden. Sein gigantisches Ego aber wird ihn daran hindern, eine Niederlage gegen «Sleepy Joe» Biden zu akzeptieren. In mancher Hinsicht wird Trump überschätzt. Dennoch wäre es brandgefährlich, ihn zu unterschätzen.

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