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Der Zürcher Sven Andrighetto gegen den Bieler Jere Sallinen.
Der Zürcher Sven Andrighetto gegen den Bieler Jere Sallinen.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

ZSC Lions – Drama, Versöhnung und ein Hinterbänkler als Held

Die Geschichte geht weiter. Es war noch nicht das letzte Spiel im Hallenstadion. Die ZSC Lions versöhnen sich mit ihrem Publikum, gewinnen das dritte Spiel in der Verlängerung 1:0 und liegen im Viertelfinal gegen Biel nur noch 1:2 zurück. Sie werden am Donnerstag ins Hallenstadion zurückkehren. Für einen Bieler ist die Rechnung trotz der 0:1-Niederlage aufgegangen.
28.03.2022, 05:4228.03.2022, 12:39

Weil es mit 0:0 in die Verlängerung geht, wird ein einziger Spieler allen Ruhm ernten. Ein einziges Tor wird alles entscheiden.

Diesen Ruhm kann der beste Einzelspieler dieser Serie nicht mehr ernten: Denis Malgin, der kleine Magische (175 cm/80 kg), der Topskorer seines Teams stürmt mit der Scheibe in die Bieler Zone und rennt blindlings in einen Check von Noah Schneeberger (33). Er kann die Partie nicht mehr fortsetzen und ein Einsatz am nächsten Dienstag ist unwahrscheinlich. Biels alter Haudegen ist zwar ein kräftiger Mann (187 cm/85 kg). Aber kein Bösewicht. In der Qualifikation hat er gerade mal 8 Minuten auf dem Sündenbänklein verbracht.

Denis Malgin wird von Noah Schneeberger gestoppt.
Denis Malgin wird von Noah Schneeberger gestoppt.Bild: keystone

Denis Malgin wird in der 10. Minute Opfer eines «Auffahr-Unfalls». Nicht eines Fouls. Noah Schneeberger muss nur auf die Strafbank, weil er sich anschliessend mit dem «Rächer» Maxim Noreau geprügelt hat. Denis Malgins Platz zwischen Simon Bodenmann und Denis Hollenstein nimmt nun Dominik Diem ein. Das ist ungefähr so, wie wenn bei einem Violinkonzert der erste Geiger ausfällt und durch den Hausmechaniker ersetzt wird. Logisch, dass die Zürcher nun erst recht keine offensiven Sinfonien mehr geigen.

Auch Sven Andrighetto erntet keinen Ruhm. Er trifft in der Verlängerung den Pfosten. Chris Baltisberger heimst allen Ruhm ein. Nach 88 Minuten und 27 Sekunden trifft er zum 1:0. Ein wenig Sternenstaub gibt es für diese Heldentat auch für seinen Trainer. Chris Baltisberger hatte nämlich zuvor in dieser Partie keine Rolle gespielt. Der Defensivstürmer trifft bei seinem 2. Einsatz in der Verlängerung. Er kommt bloss auf insgesamt 8 Minuten und 16 Sekunden Eiszeit. Ein Hinterbänkler. Die wichtigen Stürmer sind für mehr als 20 Minuten aufs Eis geschickt worden.

Einen Spieler bewusst in Reserve frisch gehalten, um ihn dann, wenn die anderen ermatten, in der Verlängerung als Joker zu bringen? Fast, aber nicht ganz so ist es. Rikard Grönborg hat in den letzten Wochen nicht mehr auf Chris Baltisberger gesetzt und ihn zum Hinterbänkler degradiert. Er habe mit ihm viel über die Situation gesprochen, sagt der Schwede. Deshalb sei er sehr glücklich, dass gerade Chris Baltisberger das entscheidende Tor erzielt habe. Er sei ein emotionaler Leader in der Kabine und auf der Bank. Ein Trainer, der einen emotionalen Leader zum Hinterbänkler zurückstuft, während des ersten Drittels der Verlängerung gar nicht mehr einsetzt – und dann gelingt genau diesem Hinterbänkler beim zweiten Einsatz in der Verlängerung das einzige Tor eines über dreistündigen Dramas. Das Eishockey ist voller wundersamer Geschichten.

Chris Baltisberger strahlt nach dem Sieg.
Chris Baltisberger strahlt nach dem Sieg.Bild: keystone

Es ist für die ZSC Lions das wichtigste Tor der Saison. In einem bedeutungsschwangeren Schauspiel. Abschied für immer nach mehr als 70 Jahren? Die historische Ausgangslage: Verlieren die Zürcher diese Partie und am Dienstag auch in Biel, dann sehen die Zuschauer das letzte Hockeyspiel im Hallenstadion. Eigentlich unvorstellbar. Die Fans präsentieren sicherheitshalber jetzt schon eine Art «Abschieds-Choreographie.» Aber den meisten Zürcherinnen und Zürchern ist wahrscheinlich entgangen, welch sporthistorischer Wert dieser Sonntagabend haben kann. Mehr als 1000 Sitze bleiben leer.

Die leeren Sitze lügen nicht. Die Anhängerinnen und Anhänger der ZSC Lions sind unzufrieden. Die teuerste Mannschaft der Klubgeschichte vermochte letzte Saison nicht zu begeistern. Und auch diese Saison spielt die Mannschaft zu oft ein emotionsloses taktisches Maschinisten-Hockey. Nur 8020 Fans sind in der Qualifikation im Schnitt gekommen. Das Stadio war bloss zu 71,61 Prozent ausgelastet. Und nun ist auch die zweite Heimpartie im Viertelfinal nicht ausverkauft.

Die ZSC Lions haben in diesem Viertelfinal zweimal hintereinander verloren. 4:5 auf eigenem Eis, 3:4 nach Verlängerung in Biel. Nun ist die Stimmung im dritten Spiel eine seltsame. Reserviert. Als sei die Zuneigung zur eigenen Mannschaft erkaltet. Als ob die Fans sagen wollten: Nun zeigt endlich was ihr könnt. Erst im dritten Drittel vermögen die ZSC Lions die Seelen ihrer Anhänger zu erwärmen. Nun endlich braust immer wieder Applaus durch die Arena. In der Verlängerung sind Fans und Mannschaft versöhnt und nach dem Siegestreffer erstmals in dieser Saison in Glückseligkeit vereint.

Die ZSC Lions haben den Rückstand im Viertelfinal von 0:2 auf 1:2 verkürzt. Sie sind nicht nur resultatmässig «auferstanden». Sie sind es auch emotional.

Die Bieler haben eine grosse Chance vergeben. Wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die in den zwei ersten Partien neun Tore erzielt hat in fast 90 Minuten gegen den gleichen Torhüter keinen einzigen Treffer zustande bringt? Biel ist auswärts ohne die Emotionen des eigenen Stadions ein «Biel netto». Viel Berechnung. Wenig Spektakel. Sorgfältig darauf bedacht, die Defensive zu stabilisieren.

Den Bielern fehlen Mut, Risikobereitschaft und auch die Emotionen die am Samstag die Rückkehr und den Sieg nach einem 0:3 ermöglicht haben. Dieser Realismus hat die Bieler wahrscheinlich den Sieg gekostet: Sie dominieren im Schlussdrittel die Partie (17:6 Torschüsse). Aber im Abschluss fehlen eine Prise Leidenschaft, Tempo, Präzision, Kaltblütigkeit, Biss – und Glück. Auch die ZSC Lions sind zur taktischen Sachlichkeit zurückgekehrt. Hockey-Schach statt «Pausenpatz-Hockey». Weit entfernt vom wilden Hin- und Her der ersten zwei Partien. Yannick Rathgeb, Biels wildester Verteidiger, Biels Held beim samstäglichen 4:3 nach Verlängerung fehlt. Er ist krank. Das mag mit ein Grund für die Beruhigung des Spiels sein.

Biels Trainer Antti Törmänen hält nichts von Aberglauben und verwirft die uralte Regel, die da heisst: «Never change a winning Team» («Niemals ein siegreiches Team umstellen»). Schillerfalter Damien Brunner, Biels bester Skorer mit Schweizer Pass in der Qualifikation, kehrt nach einer Verletzungspause ins Team zurück. Der Jurassier Elien Paupe ersetzt den Russen Dmitry Schikin im Tor. Die freigewordene Ausländerlizenz ermöglicht vorne den Einsatz des lettischen Nationalstürmer Miks Indrasis. Er wird im Schlussdrittel Biels grösste Chance zum wahrscheinlich entscheidenden 1:0 vergeben.

Noch nie hat ein Trainer ohne grosse Not und Niederlage in einer Playoffserie sein Team so tiefgreifend verändert. Die Rechnung ist fast aufgegangen. Aber eben nur fast. Nun wird aus diesem Viertelfinal definitiv ein Drama. Schon wieder. Es war 2019 ein Drama, als die Bieler im 6. Spiel auf eigenem Eis gegen den SCB 0:1 verlieren, den Finaleinzug und wohl auch den Titel verpassen. Es ist ein Drama, als die Bieler vor einem Jahr im letzten Spiel in die Pre-Playoffs rutschen und gegen die Lakers scheitern. Die grosse, die bange Frage ist: Kann Biel in den Playoffs ein Drama gewinnen?

P.S. Für einen Bieler ist die Rechnung schon aufgegangen. Elien Paupe (26) sucht noch immer einen neuen Klub. Biel hat ihm längst mitgeteilt, dass es keine Verlängerung gibt. Eigentlich ist er mit Langenthals Sportchef Kevin Schläpfer einig. Aber er wartet noch mit der Unterschrift. Weil er nach wie vor hofft, in der höchsten Liga bleiben zu können. Seine letzte, einzige Hoffnung heisst Ajoie. Dort wird ein zweiter Torhüter neben Tim Wolf gebraucht. Und nun dieser Auftritt im Hallenstadion! Bessere Werbung in eigener Sache ist gar nicht möglich. Was zögert Ajoie noch? Aber Kevin Schläpfer sagt: «Bei uns wird er die Nummer 1 sein. Bei Ajoie nicht. Wenn er jetzt nicht zu uns kommt, wird er eine ewige Nummer 2 bleiben …» Die Rechnung für Elien Paupe wird aufgehen: Entweder wird er die Nummer 2 in Ajoie oder die Nummer 1 in Langenthal. Und da er noch nicht unterschrieben hat, wird er nach der grandiosen Leistung im Hallenstadion vielleicht sogar etwas mehr Lohn herausholen. Kevin Schläpfer beruhigt: «Es kommt schon gut …»

Antti Törmänen hat noch nicht entschieden, wen er am Dienstag ins Tor stellen wird. Er weiss auch noch nicht, ob Yannick Rathgeb wieder eingesetzt werden kann und ob Luca Cunti erstmals in diesen Playoffs spielen kann.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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navigator
28.03.2022 10:20registriert Januar 2015
WEr ist eigentlich der überlaut schreienden My Sports Live-Kommentator.? Enthusiasmus ist ja schön, über dieses übertriebene Geschrei bei einem Tor, was soll das .... ? bei mir geht gleich der Tinnitus an ...
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