Das gab es noch nie: Ein Eishockey-Spiel ist im Jahr 2013 die Sportübertragung mit den meisten TV-Zuschauern. Fast 1,2 Millionen Schweizer drücken der Hockey-Nati im Final gegen Schweden die Daumen. Es nützt leider nichts. Das Spiel geht 1:5 verloren, obwohl Roman Josi die Nati in der fünften Minute in Führung bringt und obwohl es bis zur 47. Minute erst 1:2 steht.
Doch die Niederlage schmerzt nur kurz. Letztlich überwiegt die riesige Freude über das Erreichte: Erstmals nach 60 Jahren gewinnt die Schweiz an einer Eishockey-WM wieder eine Medaille. Silber glänzt beinahe wie Gold.
Mit viel Vorschusslorbeeren reist die Auswahl von Trainer Sean Simpson nicht zur WM. Das Ziel lautet, wie fast immer, in die Viertelfinals vorzustossen. Doch dann beginnt das Turnier mit einer ersten, positiven Überraschung. Die Schweiz schlägt Gastgeber Schweden mit 3:2. Danach muss mit Kanada ein weiterer Mitfavorit dran glauben, wieder siegt die Schweiz mit 3:2 – wenn auch erst im Penaltyschiessen.
In beiden Spielen schiesst Nino Niederreiter ein Tor, der NHL-Stürmer trifft auch in der dritten Partie. Die Schweiz schlägt Tschechien mit 5:2 und hat die Viertelfinal-Qualifikation schon fast im Sack. Die Nati lässt auch in den weiteren Partien nichts anbrennen: Sie bezwingt der Reihe nach Slowenien (7:1), Dänemark (4:1), Norwegen (3:1) und Weissrussland (4:1). Die Vorrunde schliesst die Schweiz mit 7 Siegen in 7 Spielen als Gruppensiegerin ab.
In die Viertelfinals war die Schweiz in den Jahren zuvor an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen schon öfter vorgestossen. Aber stets war in der Runde der letzten Acht Schluss. Dieses Mal sollte alles anders werden. Die Mannschaft spürt, dass wirklich etwas drinliegt. Denn anders als bei früheren Exploits kann die Nati nun auch spielerisch überzeugen. Routinier Martin Plüss erinnert daran, dass man früher hinten reingestanden sei und dann gekontert habe, «aber in diesem Jahr waren es alles herausgespielte Siege.»
Die Schweiz geht also selbstbewusst in den Viertelfinal gegen die Tschechische Republik. Trainer Sean Simpson kündigt an: «Dieses Team ist noch nicht zufrieden mit dem, was es erreicht hat. Es will mehr.» Und es kriegt mehr. Die Schweiz spielt in den ersten beiden Dritteln sackstark, sie führt mit 2:0 und lässt im Schlussabschnitt nur einen Gegentreffer zu. Erstmals seit 1998 steht die Hockey-Nati im WM-Halbfinal.
Nun wartet ein happiger Brocken: Die Vereinigten Staaten. Gleich mit 8:3 fegen die US-Boys im Viertelfinal Russland vom Eis. Aber Simpson will lieber über das eigene Team sprechen als über den nächsten Gegner: «Jetzt werden wir gefährlich. Denn nun können wir ohne Druck aufs Eis gehen und um eine WM-Medaille spielen.»
Im Halbfinal drückt die Schweiz von Beginn an aufs Gaspedal. Sie hat einige sehr gute Chancen, um früh in Führung zu gehen. Doch es klappt erst bei Spielmitte: Niederreiter erzielt nach Zuspiel von Plüss das 1:0.
Nun schlägt die grosse Stunde von Reto Berra. Mal für Mal stoppt der Goalie die amerikanischen Angriffe, er hält seinen Kasten rein. Und als Julian Walker in der 51. Minute einen Konter erfolgreich abschliesst, steht es 2:0. Nur noch sehr wenig fehlt zum historischen Einzug in den WM-Final – und damit zur ersten Medaille seit Bronze im Jahr 1953.
Die Schweiz übersteht auch die letzten Minuten, Reto Suri gelingt 19 Sekunden vor dem Ende gar noch das 3:0 ins leere Tor. «Das war das Spiel aller Spiele, besser geht es nicht», jubelt der «SonntagsBlick». Leider behält die Zeitung recht: Der WM-Final gegen Schweden geht dann 1:5 verloren. Erstmals seit 27 Jahren wird ein Gastgeber auch Weltmeister.
Die Schweiz verpasst eine Chance, wie sie sich ihr vielleicht lange nicht mehr bietet. Aber auch mit der Silbermedaille schreibt die Hockey-Nati Sportgeschichte und sorgt für Begeisterungsstürme. Das Tüpfli aufs i ist die Auszeichnung von Roman Josi zum wertvollsten Spieler der ganzen WM: Noch nie zuvor wurde ein ein Schweizer zum Turnier-MVP gekürt.
Eine Chance, die sich vielleicht lange nicht mehr bietet? Es dauert bloss fünf Jahre, da greift die Schweiz erneut nach dem WM-Titel. Doch wieder steht ihr Schweden im Weg. Im Final der WM 2018 in Kopenhagen geht die Nati durch Nino Niederreiter und Timo Meier zwei Mal in Führung – doch am Ende holen sich die «Tre Kronor» WM-Gold dank einem 3:2-Sieg im Penaltyschiessen.