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Analyse

18 Geimpfte sind an Covid gestorben: «Nicht besorgniserregend»

Wir werden täglich mit Zahlen bombardiert. Und es ist oft schwierig, sie in die richtige Perspektive zu rücken, um ihre Bedeutung zu verstehen.
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28.07.2021, 20:47
Fabien Feissli
Fabien Feissli
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Die Nachricht machte gestern in den Schweizer Medien grosse Schlagzeilen: 18 vollständig geimpfte Menschen sind im Zeitraum zwischen Januar und Juli 2021 an Covid gestorben. Gleichzeitig infizierten sich 300 Personen, die als vollständig geimpft galten. Diese beiden Zahlen lösten auf Twitter, Instagram und Co. heftige Diskussionen und sogar Besorgnis aus.

Es lohnt sich dabei, einen genaueren Blick auf die Daten zu werfen. «Als ich diese Zahlen sah, fand ich sie sehr positiv und beruhigend», sagt Yves Tillé, Statistikprofessor an der Neuenburger Universität. Er erklärt: «Wenn dank des Impfstoffs jährlich ‹nur› 36 Menschen an Covid in der Schweiz sterben, können wir damit leben. Die Zahl der Menschen, die jedes Jahr an Grippe sterben, ist viel höher.»

«18 Todesfälle in sechs Monaten? Das ist noch gar nichts. Wenn wir 36 Covid-Todesfälle pro Jahr haben, ist das keine grosse Sache mehr.»
Yves Tillé, Statistikprofessor

Die Krux der Statistik steckt in der Art und Weise, wie sie betrachtet und in welche Relation sie gesetzt wird. Ein Beispiel? Nehmen wir die 18 Geimpften, die zwischen Januar und Juli 2021 verstarben. Im gleichen Zeitraum starben in der Schweiz 1100 Menschen an Covid. Eine kleine Rechnung genügt, um zu erkennen, dass es sich bei 98,5 Prozent der Verstorbenen um Ungeimpfte handelt.

Geimpft und infiziert zu sein ist nicht ungewöhnlich

Das sieht auch Alessandro Diana, Spezialist für Infektionskrankheiten, so: «Ja, einige geimpfte Menschen haben sich infiziert. Betrachtet man aber das Verhältnis, sind wiederum viel mehr ungeimpfte Personen infiziert.» Seinen Schätzungen zufolge schützt die Impfung zu 88 Prozent gegen Infektionen und 96 Prozent vor Hospitalisierungen.

Konkret bedeutet das, dass von 100 geimpften Personen nur gerade mal noch 12 erkranken und vier Menschen Komplikationen erleiden könnten. Hochgerechnet auf die 4,8 Millionen vollständig Geimpften in der Schweiz, sind statistisch gesehen rund 576'000 Schweizerinnen und Schweizer einem Risiko ausgesetzt, sich trotz Impfung mit dem Coronavirus zu infizieren. Und an dieser Zahl ist nichts Ungewöhnliches.

Frédéric Schutz, Statistiker an der Medizin-Fakultät der Universität Lausanne, geht noch weiter und überspitzt: «Wenn alle in der Schweiz geimpft wären, würde es bei 100 Prozent der Menschen, die an Covid gestorben sind, um Geimpfte handeln. Uns ist klar, dass diese Zahl keinen Sinn mehr ergibt.» Und doch zeigt sie auf, welche Schlussfolgerungen aus statistischen Werten gezogen werden können.

«Eine Zahl allein bedeutet noch nichts. Das grosse Problem ist zu wissen, was genau hinter den Daten steckt.»
Frédéric Schutz, Statistiker an der medizinischen Fakultät der Universität Lausanne

Für Frédéric Schutz ist daher auch die Zahl der «18 Toten» in der Gesamtsicht «nicht besorgniserregend»: «Rein statistisch gesehen, ist das eine gute Nachricht. Aber man darf die Statistiken nie ohne die menschliche Geschichte dahinter betrachten

Nicht über alle Zahlen kann gut berichtet werden

Alessandro Diana weist zudem darauf hin, dass es notwendig ist, einen Schritt zurück zu gehen, um überhaupt die verschiedenen Zahlen verstehen und sie in einen Zusammenhang stellen zu können. «Liest man diese Rohdaten, so legen sie nahe, dass der Impfstoff nicht wirkt. Unser Gehirn, das schnelle Schlussfolgerungen mag, kommt gar zum Fazit, dass mit der Impfung eine Todesgefahr miteingeht.»

Er sieht deshalb die Gesundheitsexpertinnen und -experten sowie die Behörden in der Verantwortung. Sie müssten eine echte Aufklärungs- und Kommunikationsarbeit leisten, um denjenigen, die unsicher sind, gute Antworten geben zu können. Alessandro Diana erwähnt dabei, wie er selbst mit Skepsis umgeht: «Ich bringe den Vergleich mit dem Sicherheitsgurt: Er erhöht die Überlebenschancen, aber man kann auch sterben, wenn man ihn trägt.»

Matti Langel, Leiter der Forschungs- und Methodikabteilung beim Genfer Amt für Statistik, sagt zur öffentlichen Reaktion nach dem Publikwerden der 18 Verstorbenen: «Als ich diese Zahl sah, dachte ich sofort: Sie wird missverstanden oder gar missbraucht werden können.»

«Wir leben heute in einer Datengesellschaft, und wir sollten in der Schule lernen, wie man mit all diesen Zahlen umgeht und sie analysiert.»
Matti Langel vom kantonalen Amt für Statistik in Genf

Der Experte räumt jedoch ein, dass es nicht immer leicht ist, solche Daten allgemeinverständlich zu machen. «Wir werden täglich mit Zahlen bombardiert. Manchmal fehlt auch jenen Personen, die solche Statistiken produzieren und kommunizieren, an einer Art Filter um zu erkennen, welche Daten wirklich interessant sind und welche relevante Informationen für die Bevölkerung sind.»




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