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Der Mythos Mens: Die ewige Angst der Männer vor dem bisschen Blut

Die Menstruation war den Menschen lange ein Rätsel. Seit Urzeiten erfuhr die menstruierende Frau eine Sonderbehandlung. Nicht, weil man sie schonen wollte, sondern weil man sie fürchtete. 

03.03.17, 08:34

anna rothenfluh



Die Frau ist für den Mann ein zwiespältiges Wesen. Heilsbringerin und Verderberin. Eva und Jungfrau Maria. Quell des Lebens und Macht der Finsternis: In den Mythen tritt sie in Gestalt der fruchtbaren Erde auf, doch auch der Tod ist ihr Werk – wird irdisches Leben geschaffen, birgt es immer auch schon dessen Ende in sich. 

Die Urgöttin Gaia stellt in der griechischen Mythologie die personifizierte (Mutter) Erde dar. bild: ravenseniors

Deshalb graust es den mythischen Mann vor seiner eigenen Entstehung und vor der Frau, in deren düsterem Mutterleib er seinem sicheren Tode entgegenwächst. Er projiziert das Grauen vor seiner Sterblichkeit in sie hinein. Durch sie wird er zum körperlichen, sterblichen Wesen degradiert.

Tod und Fruchtbarkeit sind verschwistert, und der dunklen Seite kann nur mit einer neuen Geburt beigekommen werden: Das ist der ewige Zyklus der Menschheit. 

Vom Zeitpunkt an, da ein Mädchen in diesen Zyklus einsteigt und fortpflanzungsfähig wird, beginnt sie auch, unrein zu werden. So haben das gewisse Naturvölker gesehen, ebenso die alten Ägypter, Griechen und Römer, und später auch die Juden, Christen und Moslems.

Im Gesetzbuch des Manu aus dem alten Indien steht geschrieben: 

«Weisheit, Tatendrang, Stärke und Lebenskraft eines Mannes, der sich einer durch die monatlichen Ausscheidungen verunreinigten Frau nähert, gehen endgültig verloren.»

Gesetzbuch des Manu

Diese Sichtweise rührt daher, dass man fürchtete, die weibliche Kraft wirke während dieser Tage am stärksten und vermöge gar über die männliche zu triumphieren. 

Indigene Völker

bild: watson

Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss berichtet von indigenen Gesellschaften, die ihre blutenden Frauen auf dem Dach ihres Hauses unterbrachten oder sogar aus dem Dorf verbannten. In ihrem unreinen Zustand durfte sie niemand sehen und schon gar nicht berühren. Ja, nicht einmal sich selbst durften sie anfassen.

Bei Völkern, die sich täglich entlausen, gab man der menstruierenden Frau ein Stöcklein, mit dem sie sich kratzen konnte. Andere gewährten den Schwestern oder Müttern der Blutenden, sie mit Werkzeugen zu füttern. Und alle Gegenstände, mit denen sie in dieser Zeit in Kontakt kam, mussten verbrannt werden. 

Auf den Aleuten glaubte man, das menstruierende Mädchen sei von einem gefährlichen Dämon besessen. Sieht sie während dieser Zeit ihren Vater, wird sie blind oder stumm.

Lévi-Strauss mit einem Tupi-Kawahib am Ufer des Flusses Machado in Brasilien, 1938. bild: gradhiva.revues

Von einem anderen Stamm ist überliefert, dass der monatliche Blutfluss mit dem Biss einer Schlange erklärt wurde. Die Frau pflegt in der volkstümlichen und später auch in der jüdisch-christlichen Vorstellung eine bedenkliche Verwandtschaft zu diesem Reptil. Und ihr Blut sei giftig wie das ihres Schwestertiers. 

Einzig bei mutterrechtlichen Indianerstämmen hatte die Menstruation auch positive Kräfte: Das Blut wurde für Liebestränke verwendet, als Heilmittel von Schnitt- und Quetschwunden. Und wenn die Männer in den Kampf zogen gegen die phantastischen Ungeheuer, die ihre Flüsse heimsuchten, hefteten sie ein in Menstruationsblut getränktes Faserbündel an ihr Boot. Denn seine Ausdünstungen brachten den übernatürlichen Feinden Verderben.

Antike

Gemälde von Lawrence Alma-Tadema.  bild: watson

In der Antike wurde die Periode als Abfluss von überschüssigen Säften interpretiert. Für Hippokrates war die Frau von Natur aus ein krankes Wesen und die Menstruation damit eine Art natürlicher Aderlass, die sie vor den Folgen ihrer Krankhaftigkeit bewahrt.

Aristoteles sah die Frauen als mangelhafte, weil zeugungsunfähige Männer, die nicht über das Stadium der Menstruation hinausgekommen sind. Der echte Mann sei wärmer und könne darum sein überschüssiges Blut kochen und als Samen ausscheiden, während sie eben nur blutet.

Gemäss Galen war der weibliche Säfte-Überfluss ihrem untätigen Leben geschuldet. Und Plinius beschrieb erstmals den giftigen Einfluss der menstruierenden Frau auf die Umwelt. Dieser Glaube sollte sich noch bis ins 20. Jahrhundert halten. 

«Die mit dem Blutfluss behaftete Frau verdirbt die Ernten, verödet die Gärten, richtet die Saaten zugrunde, bringt die Früchte zum Abfallen und tötet die Bienen; berührt sie den Wein, wird Essig daraus; die Milch verdirbt und gerinnt.»

Plinius der Ältere, Naturgeschichte

Mittelalter

Das Gemälde stammt von Arnold Böcklin. bild: watson

Für die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die im düsteren 12. Jahrhundert ihr heiliges Leben hinter dicken Klostermauern verbrachte, war die Regelblutung die Folge des Sündenfalls. Hätte Eva Adam nicht verführt, wären die «weiblichen Gefässe» alle unversehrt und für immer verschlossen geblieben. Und die Einzige, die sowieso nie menstruiert habe, sei die Heilige Jungfrau Maria. Sie habe schliesslich auch ohne Geschlechtsverkehr ein Kind empfangen. 

Franz von Stucks «Adam und Eva»: Eva ist an restlos allem schuld. Bereits die alten Perser glaubten, die Menstruation gehe auf die Verbindung der ersten Frau mit einer Schlange zurück. bild: wikipedia

Der Glauben an die Giftigkeit der Menstruation beherrschte das gesamte Mittelalter. Blumen würden verdorren, die Milch würde sauer und der Most vergäre. 

Für viele Christen war die weibliche Blutung schuld an den Plagen, die die mittelalterliche Bevölkerung so hartnäckig dezimierte: An der Syphilis, an der Lepra und sogar an der Pest.

Schon im dritten Buch Mose wird dem Mann der Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau streng untersagt. Widersetzt er sich diesem Gesetz bewusst, soll das Paar aus dem Volk ausgestossen werden und sterben.

«Wenn ein Weib ihres Leibes Blutfluss hat, soll sie sieben Tage unrein geachtet werden; wer sie anrührt, der wird unrein sein bis auf den Abend. Und alles, worauf sie liegt und worauf sie sitzt, wird unrein sein.»

3. Buch Mose

Neuzeit

Das Gemälde stammt von André Brouillet (1887) und zeigt den Neorologen Jean-Martin Charcot, der die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand präsentiert.  bild: watson

Um 1520 beschrieb Paracelsus das Menstrualgift «Menotoxin». Es gebe in der Welt kein Gift, das schädlicher sei, liess er sich in seinen Schriften verlauten. 

Die Aufklärung brachte nicht unbedingt Licht ins Mysterium der Menstruation. Für den Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau war sie eine Folge der verderblichen Zivilisation. Die Natur der Frau würde durch zu viel Essen und zu wenig Bewegung beeinträchtigt.

1827 entdeckte Carl Ernst von Bahr die weibliche Eizelle, und den Menschen begann allmählich der Zusammenhang zwischen Menstruation, Eisprung und Fortpflanzung aufzugehen. Daher vertraten viele Ärzte die Ansicht, dass jede zur Reife gebrachte Eizelle auch ihrer natürlichen Bestimmung zugeführt werden müsse. Die Frau sollte im Idealfall pausenlos schwanger sein und niemals menstruieren. 

Fortwährend schwanger, so wünschte man sich die Frau.

Wilde Theorien über das «periodische Irresein der Frau» und ihre «grosse Gemeingefährlichkeit» untermauerten indessen die teuflische Natur der Frau. Und die Giftigkeit ihres Mensblutes wurde noch immer mit einer beispiellosen Ausdauer zu beweisen versucht. 

1878 steht in einem Artikel des «British Medical Journal» geschrieben:

«Unzweifelhaft besteht die Tatsache, dass das Fleisch verdirbt, wenn es von Frauen berührt wird, die ihre Regel haben.»

British Medical Journal

Der Autor fügt seiner Beweisführung die ureigene Beobachtung hinzu, dass zwei Schinken in seiner Anwesenheit auf diese Weise verdarben.

Aufkärungsstunde 1929. bild: imgur

1920 glaubte der Wiener Professor Béla Schick den Giftstoff Menotoxin entdeckt zu haben. Auch er beobachtete Sonderbares. Blumen verwelkten in den Händen einer Menstruierenden. Und der Hefeteig habe sich gesträubt, in ihrer Gegenwart aufzugehen. Erst 1958 wurde die wissenschaftliche Debatte über die Existenz des Giftes zu Grabe getragen. 

Aus «Molly Grows Up», einem Aufklärungs-Film aus dem Jahr 1953. bild: screenshot youtube/shaggylocks

Als die Frauen im 20. Jahrhundert begannen, die von Männern dominierte Berufswelt zu bevölkern, proklamierte die Frauenheilkunde die Schonungsbedürftigkeit der Frau während der Menstruation: Die intellektuellen Fähigkeiten der Studentinnen würden während ihrer Regel leiden. Und Binden sollten vermieden werden, sie würden nur den natürlichen Blutfluss stoppen. Der Bestimmungsort der Frau sollte das Haus bleiben.

Fluch

Im Englischen bezeichnet das Wort «curse» auch die Monatsblutung. Und ja, sie ist tatsächlich ein Fluch. Nur kein giftiger, zerstörerischer. Und keiner, der die Manneskraft zum Versiegen bringt.

Heute kämpfen viele Künstlerinnen für die totale Enttaubuisierung der Regelblutung. Rupi Kauer zum Beispiel, die 2015 mit ihrem Menstruations-Bild eine weltweite Debatte auslöste.

Menstruation Copyright: Rupi Kaur / Instagram

Die Kanadierin Rupi Kaur hat 2015 eine Reihe von Menstruations-Bildern bei Instagram publiziert – kurz darauf löschte sie das soziale Netzwerk. Bild: Rupi Kaur

Oder die Amerikanerin Poppi Jackson, die sich in einem ihrer Werke in die Ecke eines alten Polizeigebäudes stellte, und auf einen abgewetzten Teppich menstruierte.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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