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Kaum der Eismeister, sondern eher einer seiner «Marsmenschen» in einem Bus in der Olympia-Bubble.
Kaum der Eismeister, sondern eher einer seiner «Marsmenschen» in einem Bus in der Olympia-Bubble.Bild: keystone
Ringmeister Zaugg

Super Bowl, Ambris Seele und kein Bier in Peking

Amerika, Ambri und die Olympischen Spiele verschmelzen auf einer Busfahrt in Peking. Gelebte Globalisierung.
16.02.2022, 05:22

Was bedeute eigentlich Globalisierung? Nein, nein, der Chronist führt in Peking keine Debatte über die Globalisierung. Aber er hat an praktischen Beispielen überaus lehrreiche Naherfahrungen zum Thema gemacht.

Der Chronist fährt mit dem Bus zum Stadion. Zum Halbfinal Schweiz gegen Kanada der Frauen. Mit ihm reisen Paolo Duca und drei Kollegen vom staatstragenden Tessiner Fernsehen. Ambris Sportdirektor arbeitet hier als TV-Experte.

Sportchef von Ambri-Piotta: Paolo Duca.
Sportchef von Ambri-Piotta: Paolo Duca.Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Nun eine Quizfrage: Wenn Ambris Sportchef plus drei TV-Kumpels aus dem Tessin und ein Chronist in Peking in einem Bus zu einem Olympischen Halbfinal fahren: Worüber unterhalten sie sich während 40 Minuten?

A) Über den Playoff-Final von 1999 zwischen Ambri und Lugano.

B) Über die ungenügenden Leistungen der Ausländer von Ambri in dieser Saison.

C) Über die Super Bowl in Amerika.

D) Über Filippo Lombardis politische und sonstige Verdienste.

Wenn so gefragt wird, kann es wahrscheinlich nur C) sein. So ist es in der Tat. Es wäre ja höchst unanständig, den Sportchef von Ambri so fern der Heimat über die Leistungen seines ausländischen Personals zu befragen. Das wäre sogar respektlos. Es gibt ja genügend andere Themen rund um unser Hockey.

Also: Immer, wenn der Chronist das Gefühl hat, Paolo Duca, sonst die Diskretion in Person, beginne hier in der Olympischen Romantik bald ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern und Interna zu verraten, passiert schon wieder etwas bei der Super Bowl in Amerika drüben. Wir werden unterbrochen, kommen vom Thema ab.

Der Chronist muss ständig wieder von vorne anfangen und kommt einfach nicht weiter.

Einer verfolgt nämlich das Endspiel des Football Championats auf seinem Smartphone und hält uns über das Spielgeschehen auf dem Laufenden. Es ist der entscheidende Touchdown der Rams, der uns in dem Moment schon wieder unterbricht, in dem Paolo Duca auf einmal Langnau thematisiert.

Die lustigen Vier vom Tessiner TV sind für Aussenseiter Cincinnati. Logisch, sie sind ja daheim auch für den Aussenseiter Ambri. Wie die meisten Cronisti ennet dem Gotthard.

Die Entscheidung ist gefallen. Die Rams haben gewonnen. Einer seufzt: «Aussenseiter gewinnen eben nie …» Gibt Paolo Duca weise zu bedenken: «Wenn wir 1999 Meister geworden wären, gäbe es Ambri heute nicht mehr.» Weil dann Ambri Schaden an der Seele genommen hätte. Nun ist es an den Rams, nicht Schaden an der Seele zu nehmen.

Auch das ist Globalisierung: Philosophieren über Ambri und seine Seele während einer Busfahrt in China und einer Super Bowl-Direktübertragung. Ein schönes Beispiel für die Globalisierung liefert später am gleichen Tag auch Frauen-Nationaltrainer Colin Muller. «Ich habe die Super Bowl vor dem Halbfinal im Trainerraum verfolgt. Wenn mir jemals jemand gesagt hätte, der Tage komme, an dem ich als Trainer in China, eingeschlossen in einer Blase und ohne ein Bier die Super Bowl schauen werde – ich hätte ihn für verrückt erklärt.»

Ein Eishockeytrainer, geboren in Toronto, mit Wohnsitz in der Schweiz, schaut ohne Bier Super Bowl im Bauch eines Stadions in Peking: Gelebte Globalisierung auch das.

Globalisierung auch das. Oder völkerverbindend. So wie es Baron de Coubertin, der Gründer der modernen Spiele wollte. Zu einer Zeit, als es das Wort Globalisierung noch nicht so allgemein gebräuchlich war wie heute.

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Die besten Bilder der Olympischen Spiele 2022 in Peking

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1 Kommentar
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Die Olympischen Spiele brauchen die NHL nicht
Das Hin- und Her um die Teilnahme der NHL Stars war das grosse Thema vor dem olympischen Eishockey-Turnier. Es war bloss olympischer Theaterdonner. Die Geschichte lehrt uns und Peking 2022 hat es einmal mehr gezeigt: Olympia braucht die NHL-Stars nicht.

Der «Planet Eishockey» ist klein. Die Banden und Stadionmauern versperren den Blick hinaus in die Wirklichkeit der grossen Sportwelt.

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