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1930 in Zürichtal: Imker-Familie Vollenweider. 
1930 in Zürichtal: Imker-Familie Vollenweider. 
Bild: Museum Zürichtal
Die Krim-Schweizer von Zürichtal

Wie Schweizer Lumpenproletarier die Krim-Halbinsel erblühen liessen

Die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer ist auch ein Stück Schweiz. Der Grossvater des Eisenbahnpioniers und ETH-Gründers Alfred Escher führte 1804 in einem Himmelfahrtskommando 247 Kolonisten auf die Krim. Die Überlebenden gründeten das Dorf Zürichtal.
05.04.2014, 17:26

Hier lebten die Familien Äberli, Buchmann, Gut, Hedinger, Hofstetter, Huber, Kleiner, Lüssi, Vollenweider und Wyss – 2500 Kilometer entfernt von ihrer Heimat. In den besten Zeiten von Zürichtal hatte die Schweizer Kolonie auf der Krim-Halbinsel 800 Einwohner, es war ein blühendes Paradies. Dem Pfarrbezirk Zürichtal gehörten sogar 33 Gemeinden an mit über 5000 Einwohnern, die alle Deutsch sprachen. 

Begonnen hat aber alles im tiefsten Elend. Um das Jahr 1800 führt das Ende der Handspinnerei und Weberei im Kanton Zürich zur Wirtschaftskrise. Die Männer müssen hohe Militärsteuern zahlen und werden zum Kriegsdienst gezwungen. Viele Familien nagen am Hungertuch, während die «gnädigen Herren» in Saus und Braus leben. 

Ein Lumpenproletariat soll die Krim aufbauen

Einer dieser «gnädigen Herren» – Hans Kaspar Escher – spekuliert mit französischen Wertpapieren und verliert dabei riesige Summen. Als er 1788 in Konkurs geht, umfasst die Gläubigerliste 236 Geschäftspartner und Escher reisst beinahe ganz Zürich in den finanziellen Abgrund.

Hans Kaspar Escher muss nach Russland flüchten, wo er Major eines Kavallerie-Regiments wird. 1803 macht er Zar Alexander I. den Vorschlag, auf der Halbinsel Krim «Schweizer Fabrikanten, Landwirte, Handwerker und Personen aus guter Familie mit Besitz» anzusiedeln.  

Die 1783 von den Türken eroberte Krim ist ein «von Gott vergessenes Land», das der Zar mit der Schweizer Elite aufbauen will. Deshalb verspricht Alexander I. jeder Schweizer Familie 70 Hektar Land, 500 Rubel Startkapital, Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und eine Befreiung vom russischen Militärdienst. Die 247 Kolonisten, die Hans Kaspar Escher rekrutiert, sind aber alles andere als eine Elite.

Der Major und sein Sohn Friedrich Ludwig Escher, auch er ein russischer Kavallerie-Offizier, befehligen vielmehr ein Lumpenproletariat: Verarmte Bauern, am Hungertuch nagende Weber und Handspinner, Tuch- und Hutmacher sowie je ein Arzt, ein Chirurg und ein Theologe. Die leersten Taschen von allen hat aber Hans Kaspar Escher, der sich von diesen Hungerleidern Geld leihen muss, damit er auf der Reise die Tagesrationen für die Kolonisten einkaufen kann: ein Pfund Brot und ein halbes Pfund Fleisch. 

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Ohne Geld 2500 Kilometer zu Fuss durch Europa – Mitten im Winter

Die Auswanderer marschieren am 4. Oktober 1803 los, ihr Hab und Gut auf Ochsenkarren und Leiterwagen geladen. Von Ulm aus fahren sie mit Flössen auf der Donau 600 Kilometer nach Wien, wo sie am 4. November halb erfroren eintreffen. Major Escher versucht verzweifelt, irgendwie Geld für die Weiterreise aufzutreiben. Am 24. November erhält Escher vom russischen Gesandten die notwendigen Mittel. 

Die Kolonisten fahren weitere 70 Kilometer der Donau entlang ins slowakische Bratislava (Pressburg). Dort fehlt es wieder an Geld, um mit Flössen die restlichen 1500 Kilometer bis Odessa am Schwarzen Meer zurückzulegen. Die Hälfte der Schweizer verlässt den unfähigen Major, so dass noch 120 Kolonisten übrig bleiben, die zu Fuss ins slowakische Ružomberok (Rosenberg) marschieren. Als sie an Weihnachten 1803 dort ankommen, bricht eine Pocken-Epidemie aus, an der 30 geschwächte Schweizer sterben. 

Die Überlebenden kommen nur knapp durch den Winter. Am 24. Mai 1804 geht der Exodus weiter. Von Ružomberok 1000 Kilometer über Lwiw (Lemberg) und Brody durch die Ukraine bis nach Cherson am Schwarzen Meer. Tag für Tag marschieren Männer, Frauen und Kinder 30 Kilometer neben den Ochsenkarren und ziehen dabei die Leiterwagen hinter sich her. Eine schier unmenschliche Leistung. 

Der unfähige Major Escher lässt die Siedler im Stich

Im Juli 1804 erreichen die Siedler endlich ihr Ziel: Major Escher führt sie in den Osten der Krim. Ein Jahr lang erholen sich Vater und Sohn Escher mit dem Geld des Zaren in einem Kurort am Schwarzen Meer von den Strapazen. Die 49 Gründerfamilien bauen derweil im Landesinnern Hütten aus geflochtenen Ästen. Ohne Geld für Saatgut und damit ohne Ernte überleben sie den Winter mehr schlecht als recht. 

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Im Sommer 1805 reiten Hans Kaspar und Friedrich Ludwig Escher zurück nach Petersburg. Der Kanton Zürich verhängt wegen des Konkurses und dieses Himmelfahrtskommandos eine «ewige Landesverweisung» gegen Major Escher, der 1831 in Petersburg stirbt.  

Ein Enkel des unfähigen Majors – der legendäre Alfred Escher – wird im 19. Jahrhundert zum erfolgreichsten Schweizer Finanzier, Industriellen und Eisenbahnpionier. Aber das ist eine andere Geschichte. 

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Die ersten Jahre leben die Zürichtaler im totalen Elend 

Einer der Briefe, in denen die Siedler ihr Elend schildern, erreicht den Zaren. Alexander I. schickt den Schweizer Kolonisten wenigstens einen Teil des versprochenen Startkapitals. 1805 kaufen sie damit das Gemeindegebiet der tatarischen Siedlung Dschailau nahe der Kleinstadt Staryj Krim, zwischen Feodossija und Simferopol. In Erinnerung an ihre Heimat taufen die Kolonisten das Dorf Zürichtal. 

Herkunftsgemeinden
155 der 247 Kolonisten stammen aus dem Kanton Zürich: Aeugst am Albis, Affoltern, Bonstetten, Ebertswil, Hausen am Albis, Heferswil, Metmenstetten, Ottenbach, Seebach und Wallisellen. Dazu kommmen noch Siedler aus den Kantonen Glarus, Solothurn, Freiburg und der Waadt.

Statt der versprochenen 70 Hektar gibt es für jede Familie nur 24 Hektar, insgesamt 1200 Hektar Land. Und in den ersten Jahren verzweifeln die Schweizer Siedler schier an der Natur: Im Sommer zerstören Heuschrecken-Schwärme die Ernte, im Winter erfriert das Vieh auf der Weide. 1812 sterben 40 Kolonisten «an hitzigem Fieber». Nur in Lumpen gehüllt, werden sie vergraben. 

Ausgerechnet der Krim-Krieg löst eine Blüte aus

Nach einigen Jahren erholt sich die Kolonie: Der Anbau von Weizen, die Viehzucht sowie die Obstkulturen und Weinberge tragen im doppelten Sinne des Wortes Früchte. 

«Zürichtal hat hinlänglich Wasser und Wald, bringt alle Arten von Getreide hervor. Der fruchtbare Baum kommt gut, wenn solcher gepflanzt wird. Insbesondere aber bringt das Land guten Tabak, Melonen, Wein und Safran hervor.»
Brief aus Zürichtal, um 1848

Zürichtal wächst, die Kolonisten können 2750 Hektar dazu kaufen und schon 1848 zählt der Pfarrer 74 stolze Bauernhöfe mit je 44 Hektar Land. Die stärkste Entwicklung verdankt Zürichtal aber ausgerechnet dem Krim-Krieg (1853 bis 1856) zwischen Russland und den Alliierten aus der Türkei, Frankreich, Grossbritannien sowie dem Königreich Sardinien. 450’000 Soldaten sterben auf dem Schlachtfeld. Weil die Kolonisten in Zürichtal keinen Kriegsdienst leisten müssen, können sie der russischen Armee ihre Ernte verkaufen und mit dem Gewinn weiteres Land erwerben. 

«Zürichtal ist von der Natur aus in vielfacher Hinsicht begünstigt», schreibt der Pfarrer nach Hause. Im Osten reichen die Weinberge und Obstkulturen bis an eine Hügelkette. Im Norden steht ein Wald mit schnell wachsenden Pappeln für Brennholz und Ulmen, die wertvolles Holz für Möbel und Felgen, Räder sowie Speichen von Karren und Kutschen liefern. 

Unberührtes Gebiet westlich der Ex-Kolonie
Unberührtes Gebiet westlich der Ex-Kolonie
Bild: Jürg Vollmer
Region um Zürichtal: Flüsse, kleine Seen, Wälder und Hügellandschaften 
Region um Zürichtal: Flüsse, kleine Seen, Wälder und Hügellandschaften 
Bild: Jürg Vollmer

Im Süden grenzt Zürichtal an ein Gebirge, «das an eine wahrhaft liebliche Schweizer Landschaft wie das Albis-Gebiet erinnert. Nach Westen hin liegt Zürichtal frei und ist auf Stunden weit schon sichtbar mit seinen roten Ziegeldächern, die sich einen Kilometer lang aneinander reihen».

Schweizer lernen von Russen, Georgiern und Tataren

Mitten unter Krim-Tataren, Russen, Georgiern und anderen Ethnien bleiben die Zürichtaler unter sich. Sie geben ihre Sprache, Traditionen und ihren protestantischen Glaube über Generationen weiter. 

Von ihren Nachbarn übernehmen die Schweizer Kolonisten nur das landwirtschaftliche Know-how – und die kulinarischen Spezialitäten. Von den Georgiern lernen sie, Früchte und Nüsse in Honig einzulegen und so für den Winter zu konservieren. Die Kinder lieben die Süssigkeit «Tschurtschchela», für die Haselnüsse und Walnüsse an einem Faden aufgereiht und dann wie beim Kerzenziehen in verdickten Traubensaft getaucht werden, bis sich eine dicke Schicht über die Nüsse gelegt hat. 

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Von den Krim-Tataren übernehmen die Zürichtaler den «Schaschlik»-Spiess mit Fleisch- und Gemüsestücken. Die kleinen Fleischstücke verkürzen die Garzeit und die Bauern haben Hauptgericht und Beilage «am Stück», was bei der Feldarbeit praktisch ist. Bei den Russen wiederum lernen die Kolonisten «Kwas» kennen, ein kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk aus Brot, Früchten, Beeren und Honig mit Gewürzen und Kräutern.

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Mit den Jahren haben sich auch Familien aus Süddeutschland in Zürichtal angesiedelt, so dass die Gemeinde 600 bis 750 Einwohner zählt, die eine Misch-Mundart von Zürcher Dialekt und Schwäbisch sprechen. 

Die sprichwörtliche Tüchtigkeit der Schwaben und der protestantische Arbeitsethos der Zürcher heben sie deutlich ab von den anderen Ethnien auf der Krim. So bauen die Zürichtaler statt Zieh-Brunnen mit ihrem oft verdreckten Wasser so genannte Lauf-Brunnen. Von Quellen oberhalb des Dorfes läuft frisches Wasser über Leitungen mitten ins Dorf. 

Dort stehen auch die Schule, die evangelische Kirche und das Pfarrhaus. Zürichtal wird Hauptort des Kirchenbezirkes von 36 Gemeinden und «die vornehmste Kolonie auf der Krim». Die Zürichtaler beschäftigen sogar russische Knechte und Mägde. 

Sowjets deportieren alle Zürichtaler

Nach der Oktoberrevolution von 1917 kommt der grosse Schock. Immer mehr Landbesitzer werden enteignet und 1941 werden die Zürichtaler Bauern zu «Staatsfeinden» erklärt. In Vieh-Waggons werden sie nach Kasachstan deportiert. Viele sterben an den Strapazen der tagelangen Fahrt und nur Lebensmittel-Rationen des Roten Kreuzes retten die Überlebenden in den Zwangsarbeitslagern vor dem Verhungern. 

Erst 1964 werden die Krim-Deutschen rehabilitiert, zu denen die Zürichtaler in der sowjetischen Terminologie gehören. Aber nur wenige Zürichtaler kehren in ihre Heimat auf der Krim zurück. Heute ist Zürichtal ein Dorf ohne Perspektiven. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Zürichtal in Zolotoe Pole umbenannt, russisch für «Goldfeld». Hauptarbeitgeber der 3500 Einwohner ist die ehemalige Sowchose für Wein- und Obstanbau. Genauer gesagt, sie war Hauptarbeitgeber: Die Arbeiter «erhalten den selber hergestellten Wein und Schnaps als Lohn, den sie auf dem Markt in Bargeld umsetzen müssen», schrieb der Schweizer Journalist Norbert Rütsche schon 2003. 

Gebäude und eine alte Frau als letzte Überbleibsel

An die Schweizer Kolonisten erinnern nur noch die Häuser und die Kirche, die der ukrainisch-orthodoxen Kirche übergeben wurde. Eine einzige Krim-Schweizerin findet der Journalist: Als er mit der 1919 geborenen Irma Tarusowa-Ille durch Zürichtal spaziert, kann sie noch von jedem Haus den damaligen Besitzer nennen: «Hier hat der Äberli gewohnt und dort der Dubs, da der Vollenweider und dort der Pfeifer.» 

Kirche von Zürichtal: Früher protestantisch, heute ukrainisch-orthodox
Kirche von Zürichtal: Früher protestantisch, heute ukrainisch-orthodox
Bild: Museum Zürichtal
Ex-Bauernhaus von Schweizer Kolonisten, das heute von Russen bewohnt wird
Ex-Bauernhaus von Schweizer Kolonisten, das heute von Russen bewohnt wird
Bild: Museum Zürichtal

Wenn Irma Tarusowa-Ille von früher erzählt, glaubt der Journalist, «auf dem Platz vor der Kirche Kindergeschrei in schwäbisch-schweizerdeutschem Dialekt zu vernehmen». Tatsächlich wird in Zürichtal noch ein einziges Mal das älteste Schweizer Volkslied gesungen, das die Krim-Schweizer aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Nachfahren von Krim-Schweizern und Krim-Deutschen aus der ganzen Welt singen das «Guggisberglied» zur Eröffnung des «Museum Zürichtal». 

Die Schweizer Botschaft in Kiew hat das Museum mit Dokumenten, Fotos, Karten und Briefen aus der Geschichte der Kolonie finanziert, und ebenso die Sanierung der Grundschule von Zolotoe Pole, die von 400 Schülern besucht wird. Damit Zürichtal doch noch eine Perspektive bekommt. 

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