Bundesrat
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«Mit Wein Staat machen» – Das passiert, wenn Bundesräte tief ins Glas schauen

Österreichs Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache rechtfertigt sein Skandal-Verhalten mit Alkoholkonsum. Was bewirkt Hochprozentiges auf dem politischen Parkett?

Sven Altermatt / ch media



Jean-Pascal Delamuraz, Bundesrat von 1984-1998.

Eine verblüffende Geschichte im Zusammenhang mit Alkohol und Politik dreht sich um Jean-Pascal Delamuraz, Bundesrat von 1984-1998. Bild: Karl Heinz Hug

Am Ende war der Alkohol schuld. Als dem österreichischen Vizekanzler Hans-Christian Strache ein heimlich gemachtes Video um die Ohren flog, berief er sich darauf, dass er unter Champagner und Wodka-Red-Bull ein «typisch alkoholbedingtes Machogehabe» an den Tag gelegt habe.

Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der FPÖ-Politiker vor den Wahlen 2017 einer vermeintlichen russischen Oligarchin unter anderem öffentliche Aufträge in Aussicht stellt und über verdeckte Wahlhilfe sinniert. Während des Treffens auf Ibiza schüttet er reichlich Alkohol in sich hinein. Der Skandal führte zum Rücktritt Straches und gipfelte schliesslich im Sturz der Regierung.

Österreichs Vizekanzler Strache tritt zurück (23. Mai 2019)

Nach dem Skandal-Enthüllungsvideo ist Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache von seinen Ämtern zurückgetreten. Video: © CH Media Video Unit

Seine Aussagen seien der «feuchtfröhlichen Urlaubsatmosphäre» geschuldet, behauptete Strache. «Es war eine besoffene Geschichte, und ich war in einer intimen Atmosphäre.» Der Politiker berauschte sich an seiner Macht. Und er führte vor Augen, wohin der Rausch eines Mächtigen führen kann.

«Mit Wein Staat machen»

Der deutsche Politologe und Psychologe Knut Bergmann hat sich eingehend mit dem Verhältnis von Politikern und Alkohol befasst. «Mit Wein Staat machen», so heisst sein Buch, das im vergangenen Herbst erschienen ist. Just in diesen Tagen kam bereits die dritte Auflage in die Buchläden.

Die Welt des diplomatischen Trinkens erforscht Bergmann, der für das Bundespräsidialamt in Berlin gearbeitet hat, vornehmlich in Deutschland. Sein ebenso unterhaltsames wie wissenswertes Werk ist eine deutsche Kulturgeschichte durchs Glas betrachtet. Bergmann seziert die politische Lebenskunst und geht der Frage nach, warum bei deutschen Staatsbanketten betont bescheiden ausgeschenkt wird. Obendrauf liefert er Alkohol-Anekdoten rund um Politiker und Diplomaten anderer Staaten. Auch aus der Schweiz.

Als der Wein den Protest dämpfte

Der Autor stiess hierzulande auf verblüffende Geschichten. Bemerkenswert sind besonders zwei, so Bergmann, «eidgenössisch-englischsprachige Episoden». Die eine spielt im Oktober 1991 und erzählt davon, wie zwei Bundesräte unter Einsatz bester Weine regelrecht über den Tisch gezogen wurden – ausgerechnet bei den Verhandlungen über den EWR-Beitritt, einem der heikelsten Dossiers der jüngeren Geschichte des Landes.

Der Schweizer Delegationsvorsteher Jakob Kellenberger und die Bundesraete Jean-Pascal Delamuraz und Rene Felber, v.l.n.r., an einer Pressekonferenz des Bundesrats zur Europaeischen Gemeinschaft (EG) und zum EWR, aufgenommen in Bern am 20. Mai 1992. Der Bundesrat informiert auch, dass er beschlossen hat, ein Gesuch fuer Beitrittsverhandlungen der Schweiz zur Europaeischen Gemeinschaft zu stellen. (KEYSTONE/Rolf Schertenleib)

Jean-Pascal Delamuraz (l.) und René Felber an einer Pressekonferenz zum EWR-Beitritt, 1992. Bild: KEYSTONE

Aussenminister René Felber (SP) und Wirtschaftsminister Jean-Pascal Delamuraz (FDP) trafen in Luxemburg ihre europäischen Amtskollegen, und zwar ohne Begleiter. Die Teilnehmerformel lautete «Ministers only».

Was dann passierte, schilderte der damalige Schweizer Chefunterhändler Franz Blankart später so: «Zunächst langer Aperitif, während dem sich die EG-Kommission und Island in einer Ecke über das Fischproblem unvermerkt einigten, sodass nur noch der Problemfall Schweiz übrig blieb.

Dann zu Tisch, der erste Gang, ein Fisch mit bestem französischem Weisswein, dann ein Filet de bœuf, wie es nur belgische Köche zustande bringen, serviert mit einem exzellenten Bordeaux, dann Verteilung eines 17-seitigen Dokuments in englischer Sprache.» Danach wurden die Bundesräte nach Blankarts Darstellung mit Detailfragen eingedeckt, immer nach dem Strickmuster: «Mr. Federal Counsellor, why are you opposed that cosmetics be put from category 1 to category 2?».

Delamuraz und Felber seien mit den Einzelheiten nicht hinreichend vertraut gewesen, konstatiert Bergmann, «und in Kombination mit ihren mangelnden Englischkenntnissen nicht mehr zum Widerstand gegen Änderungsvorschläge in der Lage». Die Schilderung des früheren Staatssekretärs Blankart bezeichnet der Autor als «eine absolute Rarität». Denn: «Normalerweise wird über derlei Geschehen der Mantel des Schweigens gebreitet oder der wahre Hergang verklärt.» Bei den EWR-Verhandlungen könnte dem Wein also gewissermassen eine protestdämpfende Wirkung zugekommen sein.

Diplomatie mit Schwips

Letztlich entscheide das Ziel des Gespräches, schreibt Bergmann, ob die Trunkenheit des Gegenübers diesem zuträglich sein könne oder nicht. Die «andere Seite des Suffs» legt eine weitere Anekdote mit helvetischer Beteiligung offen. Im Juli 1946 traf sich der Schweizer Diplomat Carl Burckhardt in Frankreich mit dem damaligen britischen Oppositionsführer Winston Churchill, einem der «grössten weltpolitischen Trinker aller Zeiten».

Hans Staub - Winston Churchill in Zurich, Switzerland, 1946. (KEYSTONE/Fotostiftung Schweiz/Hans Staub)

Hans Staub - Winston Churchill in Zuerich, 1946. (KEYSTONE/Fotostiftung Schweiz/Hans Staub)

Winston Churchill in Zürich, 1946. Bild: FOTOSTIFTUNG SCHWEIZ

Beim Essen unterhielten sich die beiden über die geplante Reise von Churchill in die Schweiz. Nach dem Treffen rapportierte Burckhardt besorgt an das Aussendepartement in Bern. Immer wieder habe Churchill in «ziemlich kühner Weise» zum Alkohol gegriffen, schrieb er. «Mit dem Ergebnis, dass ich die zweite Hälfte unseres Gesprächs als null und nichtig betrachten muss. Er sprach Worte, aber es war schwierig, deren präzise Bedeutung zu erkennen.»

Normalerweise trank Churchill kontinuierlich über den ganzen Tag verteilt geringe Mengen Alkohol. Nach zeitgenössischen Massstäben wäre er wohl ein Pegeltrinker. Als Churchill im September 1946 seine legendäre «Zürcher Rede» hielt, hätten sich seine Worte jedenfalls als «vollkommen klar» erwiesen, weiss Bergmann. 16 Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs forderte der Politiker die Einigung Europas, eine Rückbesinnung auf das gemeinsame Erbe als Antwort auf den Nationalismus.

Churchills Neigung zu Hochprozentigem war legendär. Der Staatsmann sprach gerne und freizügig über seinen Konsum. Den ersten Whisky soll der zweimalige Premierminister morgens im Bett getrunken haben. Dass ein Politiker Alkohol als Kraftstoff nutzt, dass er sich seine Schaffenskraft quasi ertrinkt: heute undenkbar. Er habe mehr vom Alkohol gehabt als der Alkohol von ihm, sagte Churchill einmal.

Knut Bergmann «Mit Wein Staat machen». Insel Verlag; 240 Seiten.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Juliet Bravo 03.06.2019 21:57
    Highlight Highlight Strache und Gudenus forderten die vermeintliche russische Oligarchin auch noch dazu auf, Österreichs grösstes Boulevardblatt die Kronenzeitung zu kaufen; damit sie die Redaktion in ihrem Sinne austauschen könnten. Ihre „Investition“ sollte die vermeintliche Oligarchin dann über FPÖeigene Stiftungen abrechnen, ohne dass das auffalle. Man müsse da unbedingt im legalen Rahmen bleiben.
    Dieser Strang gerät leider in den Hintergrund.

    Zum bsoffenen Teil: In den USA hat diese Strategie, alles aufs Bier zu schieben, bestens funktioniert. Brett Kavanaugh war erfolgreich ;)
  • malu 64 03.06.2019 20:41
    Highlight Highlight Etwas muss ja die Schuld tragen.
  • Sarkasmusdetektor 03.06.2019 20:40
    Highlight Highlight Alkohol als Kraftstoff undenkbar? Wohl kaum. Es gibt auch heute noch genug Leute, die ohne einem gewissen Pegel nicht funktionieren können, da machen Politiker bestimmt keine Ausnahme. Sie verstecken es einfach besser als früher, weil es sozial nicht mehr akzeptiert ist.
  • Namenloses Elend 03.06.2019 20:12
    Highlight Highlight Legendär auch..
    Play Icon
  • John What's on 03.06.2019 20:10
    Highlight Highlight Asoo... Wäre ich Strache, ich würde mich ducken und nie mehr blicken lassen! Will wohl dafür sorgen, dass man ihn nie mehr vergisst. (Wschlppen)
  • kettcar #lina4weindoch 03.06.2019 19:50
    Highlight Highlight Fällt mir schwer, hier an Zufall zu glauben... :-D
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