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Bezahlen Amazon und Co. bald massiv mehr Steuern? Alles zur globalen Steuerreform

05.07.2021, 15:35

130 Länder haben sich diese Woche auf eine umfassende Steuerreform geeinigt. Optimisten sprechen von einem historischen Durchbruch im Kampf gegen Steuervermeidung. Weltkonzerne wie Amazon, Facebook und Apple - allesamt Gewinner der Corona-Krise - sollen künftig stärker zur Kasse gebeten werden. Allerdings haben unter dem Dach der Industriestaaten-Organisation OECD nicht alle Länder mitgezogen, was Unternehmen weiterhin Möglichkeiten geben dürfte, Gewinne in Niedrigsteuerländer zu verschieben. Ausserdem gibt es Ausnahmen für bestimmte Branchen. Ob die Reform wirkt, dürfte sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Warum sind überhaupt Änderungen nötig?

Die Steuerregeln passen nicht mehr zum Digitalzeitalter. Viele Unternehmen - besonders die Internet-Riesen - haben in Ländern, in denen sie prächtig Geld verdienen, keine physische Präsenz mehr - also etwa Fabriken wie klassische Industriekonzerne. Ihre Gewinne basieren auf Patenten, Software und Lizenzeinnahmen. Diese haben sie aber in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in Niedrigsteuerländer verschoben. So zahlen die grössten Konzerne der Welt oft deutlich weniger Steuern als etwa ein Mittelständler oder der Bäcker von nebenan. Und Länder mit riesigen Bevölkerungen - Indien und Brasilien zum Beispiel - sind für grosse Konzerne wichtige Märkte, ihre Steuern zahlen sie aber in Irland oder auf den Kanal-Inseln.

Das US-Unternehmen Amazon steht immer wieder in der Kritik, weil es kaum Steuern zahlt.
Das US-Unternehmen Amazon steht immer wieder in der Kritik, weil es kaum Steuern zahlt.
Bild: keystone

Auch die Schweiz profitierte vom bisherigen Steuerregime. Der Entscheid der führenden Industrienationen für eine weltweite Mindeststeuer von 15 Prozent für Grosskonzerne ist daher nach Einschätzung von Ökonomen keine gute Nachricht für die Schweiz. Insbesondere gewisse Kantone würden unter Druck geraten. «Die Steueroasen - oft sehr kleine Staaten - werden leiden, aber das ist ja auch das Ziel», sagte ETH-Wirtschaftsprofessor Jan-Egbert Sturm in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Diese Länder müssten sich etwas einfallen lassen, wie sie attraktiv bleiben könnten, auch mit höheren Steuersätzen. Auch die Schweiz werde mittelfristig nicht darum herumkommen, sich dem Entscheid zu fügen.

Was soll nun geändert werden?

Für Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 750 Millionen Euro soll künftig eine effektive Mindeststeuer in Höhe von 15 Prozent gelten. Jede Regierung kann zwar weiterhin ihre eigenen Sätze festlegen. Zahlt ein Konzern im Ausland aber beispielsweise nur zehn Prozent, könnte das Heimatland des Unternehmens die Differenz zur Mindeststeuer verlangen.

Besonders grosse und profitable Unternehmen - mit einem Jahresumsatz von mindestens 20 Milliarden Euro und einer Ertragsmarge von mehr als zehn Prozent - sollen stärker als bisher in den sogenannten Marktstaaten Steuern abliefern. Das sind oft Schwellenländer. Die Marge soll berechnet werden als Vorsteuergewinn im Verhältnis zum Umsatz. Bei der Umsatzschwelle soll, sieben Jahre nach Inkrafttreten der Neuregelung, geprüft werden, ob es sinnvoll ist, sie von 20 auf zehn Milliarden Euro abzusenken.

Der ETH-Ökonom Sturm erwartet vor diesem Hintergrund eine gewisse Steuerharmonisierung innerhalb der Schweiz. «Der kantonale Steuerwettbewerb wird kleiner.» Sturm erklärte, mobile Branchen könnten dabei eventuell abwandern, dazu gehöre etwa die Rohstoffbranche, die ihre Handelstätigkeiten faktisch von überall ausüben könne. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass es schlimme Konsequenzen haben werde, sagte Sturm. Für einen Unternehmer sei die Steuerlast nur ein Kriterium von vielen, die über Investitionen und einen Standort entscheiden würden.

Wie viele Konzerne werden betroffen sein?

Bei der Mindeststeuer werden es Experten zufolge weltweit 7000 bis 8000 Firmen sein. Bei der Neuverteilung von Besteuerungsrechten zwischen den Ländern soll die technisch komplizierte Regelung auf rund 100 Konzerne beschränkt werden. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, schätzt, dass die Mindeststeuer in Deutschland einige Hundert Unternehmen betreffen wird. Laut «Spiegel» zählen gemessen am Umsatz VW, Daimler, BMW, die Allianz, die Telekom sowie Siemens und Bosch zu den 100 grössten Firmen der Welt. Jedoch seien sie derzeit alle nicht profitabel genug, um das zweite Kriterium zu erfüllen und tatsächlich zusätzliche Steuern abführen zu müssen.

In der Schweiz dürften laut Experten etwa 250 Konzerne von den neuen Regelungen betroffen sein.
In der Schweiz dürften laut Experten etwa 250 Konzerne von den neuen Regelungen betroffen sein.
Bild: keystone

In der Schweiz haben rund zwei Drittel aller Kantone eine Gewinnsteuer unter 15 Prozent. Gemäss dem «Swiss Tax Report 2021» des Prüf- und Beratungsunternehmens KPMG reicht die Bandbreite der ordentlichen Gewinnsteuerbelastung im Jahr 2021 je nach Kanton von 11.5 bis 21 Prozent. Die KPMG-Steuerexperten rechnen damit, dass etwa 250 Konzerne in der Schweiz die vorgegebene Umsatzschwelle von 750 Millionen Euro erreichen und somit von den Plänen betroffen sind.

Gibt es Ausnahmen?

Ja, aber nicht so viele wie zwischenzeitlich befürchtet wurde. Bei der Mindeststeuer sind internationale und gemeinnützige Organisationen sowie bestimmte Pensionsfonds und auch Investmentfonds von Grosskonzernen ausgenommen. Auch Gewinne aus dem Geschäft mit Containerschiffen werden ausgeklammert. In der anderen Säule - bei der Besserstellung von Marktstaaten - ist auf Druck von Grossbritannien die Finanzbranche ausgenommen. Experten argumentieren, anders als die grossen Internetfirmen werden Banken vor Ort etwa in China und Indien bereits streng reguliert. Bei der Mindeststeuer gibt es keine Bevorzugung der Finanzbranche. Ein Insider sagte, es sei schwierig gewesen, China an Bord zu bekommen. Ein US-Regierungsvertreter ergänzte, es gebe keine speziellen Ausnahmen für die Volksrepublik.

Wie werden die Ausnahmen bewertet?

In Deutschland stossen die Sonderregeln auf Kritik: Die Grünen-Finanzpolitikerin Lisa Paus sagte Reuters, der Kompromiss sei mit vielen Ausnahmen erkauft worden. «Die Einigung ist schon jetzt ein Schweizer Käse mit riesigen Löchern.» Besonders ärgerlich seien die Ausnahmen für die Finanzbranche. «Gerade Banken sind in den letzten Jahren immer wieder negativ durch Gewinnverschiebung aufgefallen. Selbst die OECD gibt zu, dass so der Steuerwettbewerb nicht beendet wird.» Die Finanzbranche sieht dies naturgemäss anders und begrüsste die Ausnahmen: «Denn diese sind aufgrund aufsichtsrechtlicher Vorgaben in den Staaten, in denen die Dienstleistungen erbracht werden, vor Ort tätig und zahlen auch dort Steuern auf die erwirtschafteten Gewinne», so der deutsche Privatbankenverband BdB.

Aus Verhandlungskreisen verlautete, alle G20-Staaten würden die Vereinbarung mittragen. Die insgesamt 130 Länder stünden für 90 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Ein Insider sagte, es werde eine Dynamik entstehen. Weitere Länder dürften sich deshalb anschliessen. Die Tür stehe offen.

Welche Länder sind nicht an Bord?

Von den 139 Ländern, die unter dem OECD-Dach am Verhandlungstisch sitzen, haben neun nicht unterschrieben. Davon sind drei aus Europa: Irland, Estland und Ungarn - allesamt für niedrige Steuersätze bekannt. Irlands Finanzminister Paschal Donohoe sagte, er habe wegen der Mindeststeuer nicht zustimmen können, werde die Verhandlungen aber weiter begleiten. In Irland gilt eine Unternehmensteuer von 12.5 Prozent, oft sind es effektiv aber weniger.

Auf Barbados werden vor allem Ferien gemacht und Steuerschlupflöcher gefunden.
Auf Barbados werden vor allem Ferien gemacht und Steuerschlupflöcher gefunden.
Bild: AP

Ausserdem haben Peru, Sri Lanka, Kenia, Nigeria, Barbados sowie der Karibik-Staat Sankt Vincent und die Grenadinen die OECD-Einigung nicht unterschrieben. Andere Steueroasen zogen dagegen mit, unter anderem Bermudas, die Kaiman-Inseln sowie die Britischen Jungferninseln. US-Präsident Joe Biden sagte, der Unterbietungswettbewerb zwischen den Staaten werde mit der Mindeststeuer durchbrochen. Ob dies wirklich gelingt, wird sich aber vermutlich erst noch zeigen.

Ab wann soll die Reform greifen?

Letzte technische Details sollen bis Oktober geklärt werden. Dann soll auch ein Plan für die Umsetzung stehen. Diese wird für 2022 angepeilt. Die Neuregelung würde dann ab 2023 gelten. Ein Sprecher des deutschen Bundesfinanzministeriums sagte, es sei ein ambitionierter Zeitplan. Er sei aber zuversichtlich, dass er eingehalten werden könne. In der EU hat Frankreich im ersten Halbjahr 2022 die Ratspräsidentschaft inne und damit die Aufgabe, hier die bei Steuerthemen erforderliche Einstimmigkeit für die Umsetzung herbeizuführen.

Mit wie viel Mehreinnahmen wird gerechnet?

Die OECD rechnet bei einer Mindeststeuer von 15 Prozent mit Mehreinnahmen von rund 150 Milliarden Dollar pro Jahr. Bei der anderen Säule - der Verteilung von Besteuerungsrechten - sollen die Marktstaaten zusätzlich mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr vom Steuerkuchen abbekommen.

Für Deutschland gehen Experten davon aus, dass bei den Besteuerungsrechten das Land unter dem Strich nicht verlieren wird. Die Mindeststeuer von 15 Prozent würde laut Berechnungen der EU-Steuerbeobachtungsstelle, einem unabhängigen Analysehaus, Deutschland pro Jahr 5.7 Milliarden Euro zusätzlich einbringen. Dies gilt unter Steuerexperten als Untergrenze. Es könnten auch zehn bis 20 Milliarden Euro werden. Für die gesamte Europäische Union geht die EU-Steuerbeobachtungsstelle von fast 50 Milliarden Euro zusätzlich aus. Grösster Gewinner dürften aber die USA sein, weil heimische Konzerne wie Amazon, Apple und Google Steuersparmodelle im Ausland besonders aggressiv nutzen.

Was sind die Folgen für die Schweiz?

Welchen Einfluss hat die Steuerreform auf die Schweiz?
Welchen Einfluss hat die Steuerreform auf die Schweiz?
Bild: KEYSTONE

Um über konkrete Folgen und mögliche Gegenmassnahmen zu urteilen, sei es noch zu früh, sagen derweil Schweizer Steuerexperten. Um das Steueraufkommen längerfristig zu erhalten, raten etwa die Experten von KPMG dazu, neben Steuererleichterungen in anderen Bereichen, vor allem anderen Standortfaktoren wie Infrastruktur und Bildung mehr Rechnung zu tragen.

Steuerarbitrage werde indes bis auf Weiteres möglich bleiben. «Die Schweiz braucht aber auch etwas Kompensatorisches, um die höheren Löhne zu rechtfertigen», heisst es dazu im Steuerbericht von KPMG. Tiefere Steuern dürften zudem längerfristig sowieso nicht ausreichen, um im internationalen Standortwettbewerb mitzuhalten: «Andere Faktoren wie freier Marktzugang ohne Handelshemmnisse, Zugang zu Talentpools im In- und Ausland, sehr gute Infrastruktur und ein ausgezeichnetes Bildungssystem werden an Wichtigkeit gewinnen.» Einig ist man sich zudem darüber, dass ein fehlendes Rahmenabkommen mit der EU für die Schweiz deutlich schwerwiegendere Auswirkungen haben könnte als die geplante globale Mindestbesteuerung. (leo/sda/awp/reu)

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