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Interview

«Ich lache gerne – aber nicht, worüber man nicht lachen kann»

Franz Hohler liess sich im Frühling medienwirksam impfen. Ein Parteibuch hat er nicht. Er sagt, warum er nicht mehr als Satiriker auf der Bühne steht, aber an Klimademos die «Weltuntergang»-Ballade singt und in seinem neuen Erzählband das Unheimliche liebt.
11.10.2021, 04:08
Hansruedi Kugler und Daniele Muscionico / ch media
Bild: Chris Iseli

«Geduld» steht auf dem Bild vor Franz Hohlers Schreibtisch. Dort sitzt der 78-jährige Schriftsteller und Kabarettist immer noch jeden Tag. Im geräumigen Arbeitszimmer im obersten Stock seines hinter hohen Bäumen versteckten Hauses unweit vom Bahnhof Oerlikon empfängt er uns zum Gespräch.

Geduld und Nachdenklichkeit sind bei ihm immerzu gepaart mit seinem typischen, verschmitzten Hohler-Lächeln, das ihn zu einem der beliebtesten Schweizer gemacht hat, der wohl schon in jeder Bibliothek Lesungen gehalten hat.

In einer Ihrer neuen Geschichten begleitet Sie die Erzählung «Das verlorene Lachen» von Gottfried Keller auf dem Weg zu Ihrer Alphütte im Tessin. Wann vergeht Franz Hohler das Lachen?
Franz Hohler:
Es gibt so viele niederschmetternde Nachrichten, dass ich gar nicht daran denke, darüber zu lachen. Ob das Afghanistan ist oder die Ablehnung des CO2-Gesetzes (lacht), und schon lache ich darüber.

Das ist ein ungläubiges Lachen.
Ja, ich kann es fast nicht fassen. Die Vorstellung ist ja weit verbreitet, dass jemand, der auch wegen seiner humoristischen Texte bekannt ist, auch ein fröhlicher Mensch sei, der über alles lachen kann. Das stimmt überhaupt nicht.

Sie sind kein fröhlicher Mensch?
Doch. Im Prinzip schon. Ich bin ein Lebensoptimist und freue mich an allem, worüber man sich freuen kann. Ich lache gerne, worüber man lachen kann. Aber nicht gerne, worüber man nicht lachen kann.

Welche Reaktion wünschen Sie sich bei Ihren neuen Erzählungen? Lächeln? Oder soll einem das Lachen vergehen?
Ich finde es schön, wenn man die Leute überraschen kann. Das muss weder ein Lächeln noch ein Weinen, sondern kann schon eine leichte Verwunderung sein. Wenn man als Leser denkt: Was, wo geht das hin? Wo will er mit mir hin?

Gottfried Keller schiesst am Ende eine scharfe Pointe gegen Kirche und Religion. Sie hingegen wollen keine Schärfe.
Das muss ich ja auch nicht. Der Keller ist schon scharf genug.

Aber dann muss man bei Gottfried Keller nachlesen.
Es ist doch schön, wenn meine Nacherzählung den Wunsch weckt, die Originalerzählung zu lesen. Darin hat es einige groteske, unheimliche Elemente, die mich faszinieren. Meine Erzählung geht eher der Frage nach, unter welchen Umständen man Literatur liest. Ich lese meistens, wenn ich unterwegs bin. Plötzlich sieht man da Parallelen. Etwa wenn in der Realität ein Förster kommt und sagt, diese Bäume müssen weg – wie in der Erzählung von Keller.

Im Frühling haben Sie sich medienwirksam einspannen lassen für eine behördliche Impfkampagne. Ist da der kritische Satiriker nicht etwas rasch zum staatstragenden Intellektuellen geworden?
Eher zum Gemeinschaftstragenden. Ich sehe das als Aufforderung, das Bewusstsein zu stärken, dass wir aufeinander angewiesen sind. Ich bin ja nicht Feind, sondern Teilnehmer dieses Staates. Im Übrigen war Gottfried Keller auch staatstragend – ohne negativen Beigeschmack. Es bekommt sofort etwas Despektierliches, wenn man staatstragend sagt. Solche Reaktionen habe ich natürlich auch gehört.

Hatten Sie damit gerechnet?
Ja. Ich hatte nicht sofort ins Telefon gerufen: Ja, klar, ich mache das, und ist das Fernsehen auch da? Nein, ich habe mir das gut überlegt, hatte aber schon früh den Bundesrat verteidigt. Daraufhin hörte ich überraschte Reaktionen, im Stil von: Der Hohler ist doch sonst gegen alles. Mein Auftritt entsprach offenbar nicht dem Image des Rebellen, das ich eine Zeit lang hatte.

Für die Generation Ü50 ist Franz Hohler verknüpft mit seinem «Dienschtverweigerer»-Song, mit dem Sie vor 40 Jahren vom Schweizer Fernsehen zensuriert wurden. Heute wird nicht mal Live-Sex auf einer Theaterbühne zum Skandal. Was ist da geschehen?
Vielleicht haben sich einige mal gefreut, endlich mal Live-Sex auf einer Theaterbühne zu sehen.

Franz Hohler in seinem Arbeitszimmer.
Franz Hohler in seinem Arbeitszimmer.Bild: Chris Iseli

Vor 50 Jahren wäre das nicht möglich gewesen.
Ja, aber es wäre auch «Ehe für alle» nicht möglich gewesen. Ich sehe das als Fortschritt. Sex auf der Bühne ist Resultat einer Enttabuisierung.

Ist die heutige Gesellschaft so tolerant?
Das würde ich so nicht sagen. Die Diskussionen um die Corona-Massnahmen sind ja alles andere als tolerant. Da tauchen Grabenkämpfe auf, wie sie einen an den Kalten Krieg erinnern. Zur «Ehe für alle»: Ich habe mal mit dem Schwulen Männerchor Zürich einen Schubert-Abend gemacht. Die haben mir erzählt, wie sie Mühe gehabt hätten, einen Probenraum zu finden. Das war noch in den 1990er Jahren! Das gehört auch zur Enttabuisierung.

Sie waren lange ein politischer Kabarettist. Hätten Sie Lust, bei den jungen, frechen Kabarettisten wie Deville oder Patti Basler mitzumachen?
Nein, die satirische Form habe ich lange genug gemacht. Im Laufe des Alterns spürte ich den Wunsch, wieder mehr Literatur zu schreiben. Aber für andere schreibe ich weiterhin Stücke mit satirischen Elementen, etwa «ÖV», das im Bernhard Theater, oder «Cengalo, der Gletscherfloh» für Kinder, das im Stadttheater Bern gespielt wurde.

Ihre Lieder singen Sie nicht mehr?
Doch. Kürzlich den «Weltuntergang» an einer Klimademo in Bülach, wo übrigens auch Patti Basler dabei war. Texte schreibe ich auch weiter. In meiner Ansprache von Königin Corona an das Volk heisst es, dass das nur die Hauptprobe war, bevor das wirkliche Stück gespielt wird, bei dem es um alles geht.

Wollten Sie nie, wie etwa Ihr Schriftstellerkollege Adolf Muschg, aktiv in die Politik?
Nein. Muschg kann froh sein, dass er nicht gewählt worden ist. Die Realpolitik absorbiert einen unglaublich. Der Maler Max Bill und der Kabarettist Alfred Rasser wurden in den Nationalrat gewählt, beide für den Landesring der Unabhängigen, das war ein Sammelbecken für jene, die weder Sozialisten noch Bürgerliche sein wollten. Aber ich wollte es nie machen.

Hat Franz Hohler ein Parteibuch?
Nein, nie gehabt. Ich wollte mich nicht in interne Diskussionen verstricken. Aber ich finde es gut, wenn Autoren wie Peter Bichsel sich lebenslang bei den Sozialdemokraten engagieren.

Keine Parteizugehörigkeit, aber ein entschiedenes Interesse für Esoterisches. Sind Sie mit Ihrem neuen Erzählband zu den Esoterikern übergelaufen? Das Übersinnliche, das Mystische, Unerklärliche scheint eine Art roter Faden.
Das hat mich immer interessiert. Das Surreale, das, was hinter der Realität liegt, finden Sie bereits in meinen ersten Erzählungen. Zum Beispiel bei «Ein Haustier», wo jemand in einer Zoohandlung ein Tier kauft, ohne zu wissen, was es ist. Der Tierhändler weiss es auch nicht, weil die Zollpapiere verschwunden sind. Nach und nach stellt sich heraus, dass das Haustier ein Teufel ist. Auch «Die Rückeroberung» ist ein Bild für das Unbeherrschbare, das auf unerklärliche Weise ausbricht. Das gehört schon fast zu meinen Erzählprinzipien.

Mit der Pandemie ist das Unerwartete über uns hereingebrochen. Ist es denkbar, dass der Moment des Schreckens in Ihren Geschichten uns deshalb so anspringt?
Das kann schon sein. Die Ballade «Der Weltuntergang» entstand 1973. Sie beschreibt den Klimawandel, der vom Club of Rome vorausgesehen worden war. Ich wollte dem einfach eine poetische Form geben. Oder dann Fukushima – damit habe ich immer gerechnet. Das war auch der Grund für meine Skepsis gegenüber der Atomkraft.

Woher kommt diese Welthaltung, die immer mit dem Unerwarteten rechnet?
Vielleicht aus einer Freude, etwas auszudenken, was nicht ganz normal ist. Das hat mir immer Spass gemacht. Ich las immer schon die fantastischen Autoren wie Edgar Allen Poe. Franz Kafka ist einer meiner Lieblinge. Da lauert immer auch ein Schrecken. Aufgewachsen bin ich als Sohn eines kulturell aktiven Lehrerpaars. Am spielerischen Denken haben sie mich nie gehindert. Schon in der Schule habe ich Geschichten mit surrealen Elementen geschrieben. Ich war immer hinter dem Unerwarteten her.

Ihre Figuren sind einerseits faszinierend. Anderseits materialisiert sich in ihnen der Autor mit seinen Lebensthemen. Seine Vorlieben für Vögel, fürs Wandern, für das Teetrinken, die Not seiner schwachen Blase, die ihn nachts weckt. Was ist da passiert?
Ich nehme meine Geschichten nie aus dem Nichts. Was Sie aufgezählt haben, das hat mit meiner Befindlichkeit zu tun. Aber ich denke, was mit mir zu tun hat, hat auch mit anderen zu tun.

Die Geschichte von Oliver B., der aus einem Impuls heraus seine Karriere wegschmeisst, führt zur Frage: Gab es in Ihrem Leben Momente, wo es in eine ganz andere Richtung hätte gehen können?
Es gab immer wieder Momente, wo ich mich fragte, ob ich diesen Weg als freischaffender Künstler weiter gehen soll.

Von aussen sieht der Weg gerade aus.
Ja, von hinten her betrachtet. Aber ich bin froh, dass ich mich so früh entschieden habe. Ich bin nach zwei Jahren aus dem Studium ausgestiegen. Es gab einige Kollegen, die zuerst ihr Studium abgeschlossen haben und danach auch gerne so etwas gemacht hätten. Aber dann kam schon die erste Lehrerstelle, das erste Kind, dann das zweite Kind. Dann lief das plötzlich ganz anders. Das ist wie bei Beziehungen.

Lebenskrisen, die zu Beziehungskrisen geworden sind?
Das gab es durchaus. Mein Leben verlief nicht immer geradlinig.

Kann man davon mal in einem autobiografischen Roman lesen?
Nein, (lacht) das müssen Sie alles zusammenkratzen aus den Erzählungen.

Dann kommen wir nochmals mit einer Liste von Beziehungskonflikten in Ihren Geschichten, um zu fragen, was davon im realen Leben von Franz Hohler so passiert ist.
Ich werde sicher keine Autobiografie schreiben. Ich muss es nicht machen.

Was müssen Sie noch machen?
Ah, das war jetzt ein Steilpass. Ich gehe davon aus, dass ich nichts mehr machen muss. Aber ich bin gerade an einem Projekt. Als der erste Lockdown zu Ende war, im Mai 2020, und wir Oldies wieder rausgehen durften, bin ich nach Schaffhausen gefahren und von dort rheinaufwärts nach Diessenhofen gelaufen, weil ich das ein so schönes Städtchen finde. Da dachte ich, ich könne doch nächstes Mal weitergehen und dann bis zur Quelle weiter. Ich habe dabei immer etwas geschrieben.

Aber wenn Sie in Schaffhausen starten, kommen Sie viel zu schnell ins Paradies.
Richtig, das Alt Paradies wird natürlich erwähnt. Paradies, wir freuen uns auf Sie, heisst es dort. Ein wunderschöner Ort. Jetzt bin ich mit meinem Weg in Tavanasa, wo Arno Camenisch aufgewachsen ist. Es ist schon eigentümlich, Literatur bringt uns dorthin, wo wir noch nie waren und schon sind wir zu Hause.

Ach was, schon verlässt uns die Ehefrau, schon brennt ein Hotel nieder in Ihren Erzählungen. Sie selbst schreiben ja lauter Schauergeschichten.
(lacht)

In einer Ihrer Geschichten gibt es einen chinesischen Vogelstimmenimitator. Kennen Sie tatsächlich einen solchen?
Auf einer China-Künstlerreise 1982 mit Dimitri und Polo Hofer trafen wir verschiedene Kulturschaffende. Einmal traten Vogelstimmenimitatoren auf, die von ihrer langen Ausbildung erzählt haben. Ich habe gefragt, ob sie dafür eine Membran in den Mund nehmen. Aber die Imitatoren benutzen gar keine Hilfsmittel.

Sie sind einer der erfolgreichsten Schweizer. Beim Schweizer Buchpreis waren Sie noch nie nominiert. Ärgert Sie das?
Nein, daran bin ich selbst schuld. Weil ich meinem Verlag gesagt habe, er solle meine Bücher gar nicht erst einreichen. Die Bedingungen passen mir nicht. Wird man nominiert, verpflichtet man sich zu vielen Lesungen mit den anderen Nominierten an ganz verschiedenen Orten. Meine eigenen Lesungen habe ich aber jeweils schon früh abgemacht, die dann mit diesen Buchpreislesungen kollidieren würden.

Als erfolgreicher Autor sind Sie privilegiert. Jüngere Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen Preise gewinnen und Lesungen halten, damit sie überhaupt weiterschreiben können.
Ja, als der Preis kreiert wurde, war ich auch schon ein älterer Herr und brauchte diese Aufmerksamkeit nicht mehr.

In Kritiken heisst es gelegentlich, der Franz Hohler sei ein Meister der Kurzform, aber beim Roman funktioniere das nicht so recht. Halten Sie sich selbst für einen guten Romanautor?
Jetzt droht das Fettnäpfchen des Selbstlobs. Ab und zu habe ich einfach das Gefühl, das sei nun ein Stoff für eine längere Geschichte. Etwa beim ersten Roman «Der neue Berg», wo ich beschreibe, wie in der Nähe von Zürich ein Vulkan ausbricht und die Vorgeschichte dazu erzähle, nämlich ob jemand diese surreale Gefahr ernst genommen hat. Das war Ende der 80erJahre und geprägt vom Chemiebrand in Basel, auch Tschernobyl spielte hinein. Ob das nun in meine Schublade passt, in die ich gerne gesteckt werde, ist nicht mein Problem.

Ihre neuen Geschichten haben meist ein offenes Ende. Man fragt sich, wie es weitergeht, etwa mit der Frau in «Geburtstagskalender», die fremdgehen will. Das ist ein wenig gemein von Ihnen.
Ich selbst denke halt als Leser auch gerne weiter. Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Das wäre doch ein schöner Schlusssatz unseres Interviews. (aargauerzeitung.ch)

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