Gesundheit
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Wie eine Arztpraxis teure Schutzmasken bestellte und bestenfalls «Scherzartikel» erhielt

Schutzmasken sind Mangelware, auch für Ärzte und Kliniken - ein gefundenes Fressen für schamlose Geschäftemacher.

Henry Habegger / ch media



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«Sahen vernünftig aus»: Schutzmasken, die die Arztpraxis bestellte. bild: ch media

Geschäftemacher versuchen, in der Corona-Krise aus der Angst und dem Elend der Bürgerinnen und Bürger Kapital zu schlagen. Auf Internet-Marktplätzen wimmelt es von dubiosen Abzocker-Angeboten zu Schutzmasken und Desinfektionsmitteln und weiterem mehr. Aber sogar bei arrivierten Händlern ist man nicht vor bösen Überraschungen gefeit, und selbst Ärzte werden Opfer von schamlosen Geschäftemachern.

Das erfuhren dieser Tage die Mitarbeitenden einer Spezialarztpraxis im Kanton Luzern, der die Schutzmasken auszugehen drohten. Das Personal machte sich auf die verzweifelte Suche nach Nachschub, klapperte Internetportale ab, und durchforstete Newsletter und Broschüren. Dann endlich stiess eine Mitarbeiterin auf das Angebot einer schweizerischen Handelskette, die auf Papeterie- und Büroartikel spezialisiert ist und auch Schutzmasken im Sortiment führt.

«Masken sahen vernünftig aus»

Die Mitarbeiterinnen waren zunächst skeptisch, dachten sich aber, dass der Büromaterialhändler, obwohl nicht vom Fach, eine «neue Lieferquelle gefunden» habe, wie sich eine Person ausdrückt, die über den Vorfall informiert ist und die hier nicht namentlich genannt werden möchte.

«Das Bild der Masken sah ganz vernünftig aus», sagt er, «und eine Assistentin bestellte 100 Masken.» Wenig später die grosse Enttäuschung und Ernüchterung, ja: Der Schock. «Was dann geliefert wurde, könnte nicht mal als Scherzartikel an der Fasnacht durchgehen». Die mit dem Fall vertraute Person beschreibt die gelieferten «Schutzmasken» so: «Durchsichtiges Papier mit zwei Gümmeli. Qualität Papiertaschentuch.»

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Was geliefert wurde, sah weniger vernünftig aus: «Durchsichtiges Papier mit zwei Gümmeli» ... bild: ch media

Untaugliche Ware, erst recht für eine Arztpraxis. Dabei hatte auch der Preis etwas ganz anderes versprochen: Knapp 320 Franken kosteten die 100 Masken.

Die Arztpraxis schickte die Lieferung postwendend zurück. Die Firma versprach, den Kaufpreis zu erstatten. «Das ist trotzdem eine riesige Sauerei», ärgert sich der Beobachter. «Der Arzt und die Assistentinnen arbeiten täglich bis zum Umfallen. Vor und nach jedem Patienten muss alles gereinigt und desinfiziert werden. Der Aufwand ist riesig. Das Team ist am Abend jeweils fix und fertig. Und da will man sie noch übers Ohr hauen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.»

Ein Blick ins Internet zeigt: Bei der Billigmaske handelt es sich um ein offenbar türkisches Fabrikat, auf jeden Fall wird es in der Türkei für umgerechnet etwa 50 Franken pro 100 Stück angeboten. Also weniger als einen Sechstel des Preises, den der Schweizer Händler verlangte.

Wie konnte es soweit kommen? CH Media konfrontierte den Händler: «Ihre Firma verkaufte laut unseren Informationen Billigstmasken an eine Arztpraxis, die dringend auf Schutzmasken angewiesen war. Ist Ihnen da ein Fehler unterlaufen oder wollen Sie auf diese Weise von der Corona-Krise profitieren?»

Wenig später meldete sich der Geschäftsführer persönlich per Telefon. Der Mann war zerknirscht. Er versuchte gar nicht erst, den Vorfall zu beschönigen. Die Maske sei zu einem völlig überrissenen Preis in den Verkauf gekommen. «Uns ist ein Fehler passiert, wir waren blauäugig. Wir haben die Masken umgehend aus dem Verkehr gezogen, als uns klar wurde, was wir da verkauften.»

Händler zahlte selbst «überrissenen Preis»

Der Geschäftsführer beteuert, dass es keine Absicht war. Seine Firma habe die Masken selbst ebenfalls zu einem völlig überrissenen Preis gekauft, dies aber in der Hitze des Gefechts zunächst nicht gemerkt. «Wir erhielten sie von einem Lieferanten, mit dem wir sonst gute Erfahrungen machen. Ich nehme an, auch der Lieferant zahlte schon zu viel.»

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... «Qualität Papiertaschentuch». bild: ch media

Detailhändler wie der fragliche Geschäftsinhaber sehen sich derzeit mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. In der Corona-Krise mussten sie ihre Läden schliessen, der Grossteil des Personals ist zu Hause. Nur der Online-Handel läuft noch weiter, die Umsätze sind aber eingebrochen.

Auch Trickbetrüger am Werk

Was derzeit aber sehr gefragt ist, bei Privatpersonen, aber auch von Arztpraxen und Kliniken, sind Artikel wie Schutzmasken oder Desinfektionsmittel. Ein Problem dabei ist allerdings: Mit medizinischen Schutzmasken kennen sich die meisten Händler nicht aus.

Er erhalte laufend Angebote für Schutzmasken und Dergleichen, sagt der Händler. Auch obskure bis kriminelle Angebote. Auch solche von Trickbetrügern, die durch gefälschte Emails an eine Abteilung in seiner Firma eine Grossbestellung zu überrissenen Preisen auszulösen versuchten. Die Gefahr, auf so etwas hereinzufallen, sei beträchtlich, gerade weil man personell «auf dem Zahnfleisch» laufe. «Wir arbeiten in einem völligen Ausnahmezustand», sagt der Mann, der mit seiner Firma seit mehr als zwei Jahrzehnten im Geschäft ist.

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44 Franken für einen Liter Desinfektionsmittel

Der Händler, der seinen Kunden die gesuchten Waren natürlich gerne anbieten möchte, auch weil er sein Geschäft ja über Wasser halten will, ärgert sich selbst auch über Wucherangebote, die er von Lieferanten erhält. «Uns wurde kürzlich Desinfektionsmittel für 44 Franken pro Liter angeboten» – etwa das Zehnfache des normalen Preises.

Ähnlicher Wucher ist bei den Atemschutzmasken im Gang. Etwa 10 Rappen kosten die Masken im China im Einkauf normalerweise. Jetzt, in der Corona-Krise, sind es etwa 20 Rappen. In Europa werden diese Masken manchmal für um die 4 Franken angeboten, also für das Zwanzigfache. Oft wird aber noch viel mehr verlangt. Es locken also riesige Gewinne.

Dabei sind es kaum Schweizer Detailhändler, die das grosse Geld machen. Der besagte Büromaterialhändler verkauft, nachdem er die Wucher-Maske aus dem Sortiment gekippt hat, jetzt unter anderem eine Atemschutzmaske des Typs 2 (PPF2). Preis: Gegen 4 Franken. Seine Marge betrage weniger als einen Franken.

Schamlose Krisen-Profiteure

Die gleiche Maske verkauft ein Schlaumeier auf dem Online-Marktplatz Ricardo derzeit für das Doppelte: 75 Franken für 10 Stück.

Das Geschäft mit der Angst der Leute. Ein anderer Wucherer verkauft abgelaufene eine «Surgical Face Mask», die einst für den «Pandemieschutz in der Schweiz» eingekauft und eingelagert worden sei. «Also wirklich beste Qualität», so der Anbieter. Preis: Für 1.60 das Stück, oder 50 Stück für 80 Franken.

Wie schamlos das ist, zeigt allerdings ein Vergleich: Die exakt gleiche Maske kann, neu und nicht abgelaufen, derzeit auch bei einer Online-Apotheke in Holland bestellt werden. Preis: Weniger als 12 Euro für 50 Stück. (bzbasel.ch)

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21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 7immi 29.03.2020 23:33
    Highlight Highlight Man darf nicht vergessen, dass hier nicht einfach das Produkt mit den gleichen Produktionskosten teurer verkauft wird. Eine hohe Nachfrage bedeutet auch, dass man einen höheren Aufwand hat, man muss zb. Mehrschichtig arbeiten, braucht mehr Material, das man teuer Zukaufen muss, uvm. Was natürlich nicht für Wucherpreise spricht, klar. Aber was ist Wucher?
    Drogerien mischen ihr eigenes Desinfektionsmittel und kaufen Kleinmengen der Grundstoffe ein (im Verhältnis zu den Industriebetrieben) und machen alles von Hand. Klar kostet es mehr. Es ist nicht einfach alles der "scheiss Kapitalismus" ...
  • B-Arche 29.03.2020 17:49
    Highlight Highlight In Deutschland verschenkt die Becks Brauerei den Alkohol (er entsteht aus dem Entfernen des Alkohols für alkoholfreies Bier) und stellt selber Desinfektionsmittel her - verkauft zum Selbstkostenpreis - und in der Schweiz machen Coop & Co mit rabiaten Preisaufschlägen satte Gewinne.
  • paule 29.03.2020 16:07
    Highlight Highlight Die Profis merken es und bei den anderern Brummt das Geschäft.
    Da sind halt Menschen im Spiel und da wird zu oft nicht fair gehandelt.
    In jeder Krise hat es zu jeder Zeit und in jeder Situation Profiteure und Verlierer geschaffen.
    • blueberry muffin 29.03.2020 16:43
      Highlight Highlight @ Paule ja zum Beispiel gab es in Rom mal eine Hungersnot und die Getreide Haendler trieben die Preise in die Hoehe.

      Der Caesar bestellte sie alle zu sich und liess sie hinrichten. Ab dann waren die Preise wieder tief.
    • paule 29.03.2020 17:45
      Highlight Highlight Bei der letzten Hungersnot hier bei uns waren die Lager auch voll bis unters Dach, nur werden hier die Schuldigen nicht hingerichtet.
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 29.03.2020 15:50
    Highlight Highlight Coop verkauft Handdesinfektionsmittel zu 200ml für 13 Stutz. Das dürfte unter dem Strich eine Gewinnmarge von weit über 1000% sein. Ich find's putzig, wie manche Menschen immer noch an das Gute im Menschen glauben. Aber Glaube versetzt bekanntlich Berge.
  • Samba 29.03.2020 15:15
    Highlight Highlight Geht das als vorsätzliche Tötung durch?
  • Michel Henkel 29.03.2020 14:14
    Highlight Highlight Ich weiss gar nicht was ihr habt? Man wollte doch reinen Kapitalismus, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Oder wird jetzt so manchem klar dass das mit der vorhandenen Menschheit irgendwie nicht so recht klappen will? Dass sich einige wenige auf Kosten vieler schamlos bereichern wollen ist ja wirklich keine neue Erkenntnis, siehe Managergehälter. Aber jetzt, ja jetzt geht es auf einmal direkt ans eigene Fleisch.
  • Muzze 29.03.2020 13:37
    Highlight Highlight Also da wird so viel Mist erzählt. Es gibt ja verschiedene Qualitäten. Die Typen N95 und KN 95 ( halten 95% der Viren ab) sind nicht für Fr. o.50 zu haben ! Derzeit beträgt der Einkaufspreis in China für mind. 2000 Stk. USD 1.70
    Dazu Flugfrachtkosten, die auch nicht billig sind.
    Das sagt ihnen ein erfahrener China erprobter Einkäufer
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 29.03.2020 18:25
      Highlight Highlight Ethanol ab 72% aufwärts bis 95% taugt wunderbar als Handdesinfektionsmittel. Man kann auch Brennsprit (99% Ethanol) nehmen und noch mit etwas Wasser vermischen. Stinkt einfach fürchterlich nach Vergällungsstoffen. Mehr braucht's eigentlich nicht. Bei Oberflächen sieht es anders aus. Diese können durch Ethanol angegriffen werden. Da wäre dan Isopropanol die Lösung.

      Man könnte also die Hände gut mit 80%igem Strohrum desinfizieren. Diesen gäbe es in Deutschland bei Discountern für gut 15 Euro pro 5dl. Riecht auch besser als diese Desinfektionsmittel.
  • techiesg 29.03.2020 12:52
    Highlight Highlight Sogar ein angesehenes Weingut verkauft einen Liter Desinfektionsmittel für 54.- CHF.
    Könnte hier nicht der Bund einen Preis festsetzen? Nur jetzt - nach der Krise natürlich nicht mehr.

    https://tobias-weingut.ch/produkt/desacol75-desinfektionsmittel-spritzflasche-pet-100-cl/
  • ChiliForever 29.03.2020 12:08
    Highlight Highlight Eventuell könnten sich in einigen Ländern zukünftig die Regeln zum Wucher etwas verschärfen...
  • BlickvonAussen 29.03.2020 11:58
    Highlight Highlight "Dabei sind kaum Schweizer Detailhändler, die das grosse Geld machen. "

    Ich sage immer wieder: Schweizer Humor ist hin und wieder unschlagbar.

    Beispiel 1, Medikament:
    Ein in der Schweiz hergestelltes Medikament kostet im Ausland signifikant, signifikant, signifikant weniger als in der Schweiz.

    Beispiel 2, Flughafen Zürich.:
    Die Hochpreisinsel in der Hochpreisinsel. 0.75l Mineralwasser in der Migros ca. 1 sfr. 0.75l Mineralwasser innerhalb der Sicherheitszone 6.X sfr.

    Beispiel 3: Migel-Liste vom BAG
    Der Preis eines Gegenstandes verzehnfacht sich mit einem ärztlichen Rezept.

  • Randalf 29.03.2020 11:29
    Highlight Highlight
    Also die Preise in den Apotheken und Drogerien haben es auch in sich.
  • Marhof 29.03.2020 11:22
    Highlight Highlight Wer Hygienemasken verkauft wie der erwähnte Büromaterialhändler sollte sich ein wenig mit der Materie auseinandersetzen. Schon die Abbildung auf der Verpackung zeigt, dass es sich um viel zu dünne Masken handelt.

  • p3kko 29.03.2020 10:54
    Highlight Highlight Bei Aliexpress sind gerade Aktionswochen. Man bekommt 50 FFP2 Masken (ohne Atemfilter) für gut 60 Franken (gerade unter der Zollgrenze) oder auch 100 3-lagige Hygienemasken für ca. 40 Franken. Alles inkl. Versand. Ich finde das jetzt nicht sooo tragisch.
  • Hades69 29.03.2020 09:29
    Highlight Highlight An den Pranger? Auf jeden Fall bestrafen und zu gemeinnuetziger Arbeit verdonnern.
  • Watcherson 29.03.2020 09:09
    Highlight Highlight Im Teleshopping kostet der Liter 133 Franken!!!
    Benutzer Bild
    • andrew1 29.03.2020 11:37
      Highlight Highlight Besser single malt whisky kaufen aus Schottland. Der itz günstiger
    • BlickvonAussen 29.03.2020 12:38
      Highlight Highlight Wooooooooooooooooooo genau!!! Ich muss zuschlagen. Das ist aber echt superbillig. Das ist ja gesetzwidriges Preisdumping!
      Apotheke 50ml Desinfektionsmittel 5.X Franken. Dreisatz: 1l kostet 200 Franken und mehr.
    • Filzstift 29.03.2020 16:23
      Highlight Highlight Wucher (Art. 157 StGB). Und da gewerbsmässig, winken ihm 1 bis 10 Jahre Haft. Und dass die Polizei durchgreift, sahen wir diese Tage ja.

      Good luck, diesem Teleshopping-Anbieter.

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