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«Religion spielt hier keine Rolle» – das sagen junge Muslime zur Handschlag-Weigerung 

Zwei muslimische Schüler verweigern ihrer Lehrerin den Handschlag und die halbe Schweiz steht Kopf. Wir haben junge Muslime gefragt, was sie von der ganzen Sache halten. Das sind ihre Antworten.
07.04.2016, 07:0608.04.2016, 10:32
Daria Wild, William Stern, Leo Helfenberger

Nizar

Nizar ist 22, in der Schweiz aufgewachsen und praktizierender Muslim. Er bereist gerade mit seiner Freundin die Welt.

«Diese Diskussion ist übertrieben. Ich bin selber praktizierender Muslim und verstehe, wenn jemand den Händedruck aus religiösen Gründen verweigert. Solange dies höflich und mit Geduld erklärt wird, sehe ich kein Problem. Wenn man frech zu den Lehrern ist, sie beschimpft oder ihnen sogar droht – das dagegen geht gar nicht. Das ist respektlos. Das müsste der Schweizer Gemeinde in einem solchen Fall mehr Sorgen bereiten! Die Schweiz sollte anfangen, sich auf wirklich brisante Dinge zu fokussieren anstatt einen Wirbel zu machen aufgrund eines verweigerten Händedrucks.»

Samir

Samir ist in der Schweiz aufgewachsen. Als Kind und als jugendlicher ging er regelmässig in die Moschee. Mittlerweile bezeichnet er sich als nicht mehr streng religiös. Samir trinkt Alkohol. Auf Schweinefleisch verzichtet er.

bild: zvg
«Das war ganz klar eine unnötige Aktion der Schüler. Ich glaube nicht, dass das zwei fromme Typen waren, die das aus Überzeugung machten, sondern eher zwei kleine Rebellen, die mal testen wollten, wie weit sie gehen können. Grundsätzlich gründen aber solche extremen Haltungen auf dem Ausleben des Glaubens im Elternhaus.
Ich bin klar der Meinung, dass eine muslimische Person, die hier lebt, sich den hiesigen Regeln anpassen sollte. Genauso wie ein Schweizer sich an die Scharia halten muss, wenn er in Saudi-Arabien ist. Das ist für mich schlicht und einfach gesunder Menschenverstand. In diesem Sinne ist es respektlos, einer Lehrerin die Hand nicht zu geben. Grundsätzlich ist es mir aber egal, dass mit diesen beiden Schülern eine Sonderregelung vereinbart wurde.
Es ist krass, wie diese Geschichte so eskaliert ist. Wegen so einem Seich! Dass sich Muslime dazu äussern müssen, ist ein Witz. Vor sieben Jahren hätte das sicher nicht für so viel Aufsehen gesorgt, aber jetzt passt die Story wohl grad gut zum politischen Klima. Dass solche Diskussionen in Zukunft wahrscheinlich noch öfters geführt werden, ist schade. Sie schaffen nur Zwiespälte.»

Gürkan

Gürkans Eltern sind aus Kurdistan. Der 16-jährige Oberstufenschüler hat religiöse Eltern, ist aber selber kein praktizierender Muslim. 

«Zur Integration gehört dazu, dass man Lehrern die Hand schüttelt, wenn das verlangt wird. Jeder kann selber entscheiden, wie er seinen Glauben auslegt, aber wenn das mit Schulregeln nicht vereinbar ist, muss das akzeptiert werden. Ich finde die Schule hätte von den beiden Schülern fordern können, dass sie sich anpassen.»

Karim

Karim ist in der Schweiz aufgewachsen. Sein Vater ist praktizierender Muslim, ursprünglich aus Jemen, seine Mutter Katholikin. Der 22-Jährige Publizistik-Student betet heute noch ab und zu.

«Meine Eltern erzogen mich zu Anstand und Respekt. Für mich wäre das deshalb keine Frage, ob ich einer Autoritätsperson die Hand schütteln darf oder nicht. Ob ich Verständnis habe für die beiden? Ich kann nicht beurteilen, wie gläubig sie wirklich sind. Vielleicht müssen sie sich auch einfach etwas beweisen. Dann ist's wirklich unverständlich. In meinem Freundeskreis – und ich kenne einige Muslime – habe ich auf jeden Fall noch nie so etwas gehört. Deshalb nervt es mich, dass ich darauf angesprochen werde. Es betrifft mich ja eigentlich nicht. Ich glaube, die Schule hat schon richtig reagiert. Wenn die auf Konfrontation mit den Schülern gegangen wäre, hätte es wohl ein noch grösseres Theater gegeben.»

Ajla

Ajlas Eltern sind Bosnier und Muslime. Die 16-jährige ist in Olten aufgewachsen und besucht dort die Oberstufe. Sie bezeichnet sich als nicht religiös.

«Religion spielt in dieser Diskussion keine Rolle. Egal, ob muslimisch oder christlich: Einer Lehrerin gibt man die Hand, wenn das die Regel ist. Muslimische Schüler sind nicht anders als die anderen, deshalb sollten auch nicht einzelne eine Sonderbehandlung bekommen.»

Veli

Velis Eltern sind aus der Türkei. Veli ist in der Schweiz aufgewachsen und besucht wie Ajla die Oberstufe in Olten. Der 16-Jährige ist praktizierender Muslim. Er betet, wenn möglich, fünf Mal am Tag.

«Es gibt unter den Muslimen solche, die streng religiös sind und solche, die nicht so religiös sind. Meine Cousine zum Beispiel ist sehr religiös. Die macht das auch, sie gibt keiner fremden Person die Hand. Das sollten Nicht-Muslime akzeptieren. Die Menschen sollten aufhören, unsere Religion zu durchleuchten und zu sagen, was man tun soll und was nicht. Die Schweiz ist ein Land, in dem man frei ist. Wir strengen Muslime leben nun mal so. Wir glauben an Gott, machen das, was unser Prophet sagt, und versuchen danach zu leben. Natürlich geht das nicht immer, und gerade in der Schule läuft das vielleicht anders. Aber ich finde es gut, akzeptiert die Basler Schule den Entscheid der beiden Schüler.»

Doruntina

Die 17-Jährige ist in der Schweiz aufgewachsen und besucht in Zürich das KV. Ihre Eltern stammen aus Mazedonien. Sie sagt von sich, sie glaube an Gott, lebe ihren Glauben aber nicht streng.

bild: zvg
«Für mich hat das Ganze nichts mit Religion zu tun, es ist vielmehr eine Frage des Respekts gegenüber der Lehrerin. Dass die Eltern das Verhalten ihrer Kinder nicht nur tolerieren, sondern auch noch unterstützen, kann ich nicht nachvollziehen. Ich hätte mir von der Schulleitung ein konsequenteres Durchgreifen gewünscht. Dass aus einem so kleinen Fall nun eine nationale Diskussion entstanden ist, finde ich völlig übertrieben.»

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79 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fredu
07.04.2016 08:44registriert Februar 2016
Schon Ihre Überschrift ist falsch. Nur die 2 Frauen haben gesagt, dass es nichts mit Religion zu tun hätte.
Nur der Samir hat es kapiert: "Ich bin klar der Meinung, dass eine muslimische Person, die hier lebt, sich den hiesigen Regeln anpassen sollte. Genauso wie ein Schweizer sich an die Scharia halten muss, wenn er in Saudi-Arabien ist". Genau so!
Ich war selber auch 10 Jahre ausgewandert, ich konnte dort auch nicht sagen "ich bin Schweizer, ich mache das hier wie ich will", es ist selbstverständlich dass man sich im Gastland anpasst, das hat mit Respekt zu tun!
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URSS
07.04.2016 08:04registriert März 2014
Es geht doch nur um einen Händedruck , meinen religiöse Muslime .Das soll doch nicht so aufgebauscht werden. Ja das finde ich auch liebe religiöse Muslime. Es geht nur um eine Respektsbezeugung und nicht um einen sexuellen Akt...
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amRhein
07.04.2016 08:41registriert März 2016
Auch wenn man eine Diskriminierung «höflich und mit Geduld erklärt» erklärt, bleibt es eine Diskriminierung.

«Das sollten Nicht-Muslime akzeptieren.» Zuallerst sind wir Menschen und Mitbürger. Religion ist Privatsache. Die darf jeder für sich leben, wie es ihm/ihr gefällt. Andern seine eigene Religion aufdrücken, verstösst gegen die Religionsfreiheit.

Was ich nicht verstehe, warum gewisse Gläubige (Muslime, Christen usw) meinen, ihre religiöses Verständnis müsste von den andern Menschen geteilt oder akzeptiert werden.
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