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1989 wurde ein erstes Projekt für ein neues Basler Joggeli vorgestellt, auch im Hinblick auf die WM 1998.
1989 wurde ein erstes Projekt für ein neues Basler Joggeli vorgestellt, auch im Hinblick auf die WM 1998.Bild: KEYSTONE
Unvergessen

Wie die Schweiz sich für die Fussball-WM 1998 bewarb – und total blamierte

2. Juli 1992: Vor einem Vierteljahrhundert wollte die Schweiz die WM selber ausrichten. Heute kann oder will sich kaum mehr jemand daran erinnern – mit gutem Grund.
02.07.2018, 00:0502.07.2018, 06:36

Es ist mittlerweile fast zur Normalität geworden, dass die Schweiz an grossen Turnieren teilnimmt. Das war vor 30 Jahren noch anders, die Nati scheiterte mit unschöner Regelmässigkeit in der Qualifikation. Da wirkte es verlockend, selber eine Weltmeisterschaft auszutragen und als Veranstalter direkt teilnehmen zu können. Tatsächlich bewarb sich die Schweiz für die WM 1998.

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Obwohl das gar nicht so lange her ist, kennt heute kaum noch jemand diese Episode. Selbst Sportkollegen auf der watson-Redaktion reagierten mit Erstaunen und fragenden Blicken. Das ist kein Wunder. Auf der Website des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) wird die Kandidatur ebenfalls totgeschwiegen. Denn sie war alles andere als ein Ruhmesblatt.

Havelanges Schwärmerei

Begonnen hatte alles an der WM 1986 in Mexiko. FIFA-Präsident Joao Havelange schwärmte dem damaligen SFV-Präsidenten Heinrich Röthlisberger vor, wie schön es wäre, wenn die Schweiz als Sitz des Weltverbands zum zweiten Mal nach 1954 eine Weltmeisterschaft ausrichten würde. Röthlisberger nahm dies anfangs nicht ernst, doch dann fing er Feuer: «Je mehr man sich mit dem Projekt befasst, desto weniger wirkt es utopisch», sagte er der Zeitung «Sport».

Dabei hätte er gewarnt sein müssen. Mexiko war zum zweiten Mal in nur 16 Jahren Gastgeber der WM, weil der ursprünglich geplante Veranstalter Kolumbien nicht in der Lage war, das aufwändige Turnier durchzuführen. Auch war man sich beim SFV bewusst, dass die Schweizer Stadien nicht WM-tauglich waren. Die Kandidatur werde einen Modernisierungsschub auslösen, hoffte man.

Der Entschluss stand fest: Die Schweiz bewarb sich für die Weltmeisterschaft 1998. Ein Patronatskomitee wurde gegründet, dem unter anderem die beiden Alt-Bundesräte Kurt Furgler und Leon Schlumpf angehörten. In den Schweizer Städten jedoch hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Ausser in Basel gab es kaum Projekte für neue oder renovierte Stadien.

Das Stadion Esp in Baden sollte mit Stahlrohrtribünen WM-tauglich gemacht werden.
Das Stadion Esp in Baden sollte mit Stahlrohrtribünen WM-tauglich gemacht werden.Bild: KEYSTONE

Die WM 1990 in Italien führte den Schweizern endgültig vor Augen, wie hoffnungslos rückständig ihre Infrastruktur war. Der Neuenburger Freddy Rumo, der seinen Intimfeind Röthlisberger als SFV-Präsident abgelöst hatte, sprach im «Blick» Klartext: «Wir müssen einsehen, dass eine WM für uns ganz einfach eine bis zwei Nummern zu gross geworden ist.»

«WM der Provisorien»

Diese Einsicht hielt nicht lange, denn die FIFA sandte Signale aus, sie wolle vom Gigantismus wegkommen. Insbesondere Generalsekretär Sepp Blatter machte seinen Landsleuten Mut. Diese nahmen sein Geschwurbel für bare Münze. Die Kandidatur für 1998 wurde neu lanciert, als «WM der Provisorien». Man wollte kaum neue Stadien bauen, sondern die bestehenden aufmotzen.

In das Dossier wurden deshalb neben Städten wie Basel, Bern, Zürich, Genf, Lugano und Lausanne auch Kleinstadien wie das Esp in Baden oder das Lachen in Thun aufgenommen. Die Provinzarenen sollten mit Stahlrohrtribünen auf WM-Format hochgerüstet werden. Die Erschliessung für die Zuschauer sollte durch temporäre Bahnhöfe aus Holz erfolgen.

Die Katastrophe von Bastia

Im Ausland amüsierte man sich über die Schmalspur-WM. Auch die FIFA hatte ihre hehren Absichten längst über Bord geworfen und wies auf Mängel im Dossier hin. Das Schweizer Komitee aber blieb unbeirrbar, auch weil Freddy Rumo, der nach höheren Weihen strebte, lavierte. Und weil selbst seriöse Medien in totaler Verkennung der Realität die WM-Pläne bejubelten.

Die kollabierte Tribüne im Stade Furiani in Bastia.
Die kollabierte Tribüne im Stade Furiani in Bastia.Bild: KEYSTONE

Dann geschah das Unheil: Im Mai 1992, knapp zwei Monate vor der WM-Vergabe, stürzte im Stadion von Bastia auf Korsika eine Stahlrohrtribüne ein. 17 Menschen kamen ums Leben. Die FIFA verbot provisorische Bauten in Stadien. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte der SFV die Schweizer Bewerbung zurückziehen müssen, doch er hielt verbissen daran fest.

Wegen «technischer Mängel» abgewiesen

Die Kandidatur sei nicht erst seit der Stadion-Tragödie von Bastia zum Scheitern verurteilt gewesen, kritisierte die NZZ. Der Entscheid, an ihr festzuhalten, zeuge «von einer Fehleinschätzung eigener Chancen mit einem Stadionkonzept provisorischen Charakters sowie einem mangelhaft ausgebildeten Sensorium für die Stimmung in massgebenden Funktionärsetagen».

Die Zeitung brachte es auf dem Punkt. Die Schweizer hatten mit ihrem Hang zur Eigenbrötlerei nicht realisiert, wie sehr sie mit ihren WM-Plänen neben den Schuhen standen. Bei der Vergabe am 2. Juli 1992 in Zürich wies die FIFA das Dossier wegen «technischer Mängel» zurück. Den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 1998 erhielt Frankreich, es setzte sich gegen Marokko durch.

Die Blamage für die Schweiz war total. Immerhin erwies sie sich als lernfähig. Für die Europameisterschaft 2008 bewarb sie sich nicht mehr im Alleingang, sondern gemeinsam mit Österreich. Die Doppelkandidatur erhielt den Zuschlag auf Anhieb. Die Euro 2008 war für die Schweiz sportlich zwar ein Flop, als Anlass aber blieb sie ein unvergessliches Erlebnis. Während die peinliche WM-Bewerbung in den Mantel des Vergessens gehüllt wurde.

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5 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pana
02.07.2018 04:19registriert Juni 2015
"die FIFA sandte Signale aus, sie wolle vom Gigantismus wegkommen"

Einfach nur LOL :D
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Zum Kommentar
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Joe Smith
02.07.2018 00:30registriert November 2017
«Die Schweizer hatten mit ihrem Hang zur Eigenbrötlerei nicht realisiert, wie sehr sie … neben den Schuhen standen.» Das kommt mir doch irgendwie sehr vertraut und aktuell vor. Die damalige Lösung tönt für heutige Ohren allerdings recht utopisch: «Immerhin erwies sie sich als lernfähig. Für die Europameisterschaft 2008 bewarb sie sich nicht mehr im Alleingang.»
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