History
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Flugblätter waren im 15. Jahrhundert die Boulevardmedien von heute und stillten die Sensationslust der Gesellschaft.

Flugblätter waren im 15. Jahrhundert die Boulevardmedien von heute und stillten die Sensationslust der Gesellschaft. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Die Geburt der Boulevardmedien

Durch den Buchdruck konnten die Menschen ab Ende des 15. Jahrhunderts mit gedruckten Neuigkeiten versorgt werden. Nicht wenige dieser News waren ungewöhnliche Geschichten, die mitunter auch Angst und Schrecken verbreiten konnten.

Dominik Landwehr / Schweizerisches Nationalmuseum



Flugblätter waren die ersten Massenmedien der Geschichte. Sie versorgten die Menschen ab Ende des 15. Jahrhunderts mit gedruckten Neuigkeiten. Oft waren sie illustriert, denn viele Zeitgenossen konnten nicht lesen und waren deshalb nur über Bilder anzusprechen.

Ein grosser Teil der Flugblätter berichtet über Himmelserscheinungen. So etwa die Nachricht von einem Sonnenring über Nürnberg vom 12. Mai 1556. Solche Darstellungen, mit hoher Kunstfertigkeit ins Holz geschnitzt und von Hand koloriert, wirken auf den heutigen Betrachter gefällig, teilweise gar dekorativ. Fast alle dieser Erscheinungen lassen sich physikalisch einfach erklären: Im vorliegenden Fall sind es Eiskristalle, welche für einen Ring um die Sonne sorgten. Der Verfasser der Flugschrift sah darin aber ein Zeichen des Himmels und eine Ermahnung, nicht vom rechten Glauben abzukommen. Der rechte Glaube war in jener Zeit der evangelische Glaube, den Martin Luther gepredigt hatte.

Sonnenring über Nürnberg, 1556.

Sonnenring über Nürnberg, 1556. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Das Muster wiederholt sich in weiteren Einblattdrucken, so zum Beispiel in einem nur schwarzweiss überlieferten Druck von 1566 aus Basel. Hier werden Kugelerscheinungen am Himmel beschrieben, für die es bis heute keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt. Die Erscheinung dürfte aber keine Einbildung gewesen sein, finden sich doch in der zeitgenössischen Literatur weitere Berichte von ähnlichen Beobachtungen. Auch hier werden diese Himmelserscheinungen als göttliches Vorzeichen interpretiert. Der Autor ruft sein Publikum zur Busse und zu einem Gebet für göttlichen Beistand gegen die Türken auf.

Kugelerscheinungen in Basel 1566.

Kugelerscheinungen in Basel 1566. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Fast ebenso rätselhaft ist die Beschreibung eines Kornregens vom 23. März 1550 in Kärnten. Hier soll es während zweier Stunden Korn vom Himmel geregnet haben – die Bauern hätten das Korn vermahlen und daraus Brot gebacken. Die Geschichte hat die Zeitgenossen so beschäftigt, dass das Flugblatt auch in anderen Regionen nachgedruckt wurde. Für die Erscheinung fand man im 19. Jahrhundert eine plausible Erklärung: Demnach handelt es sich um eine Flechte, die vom Wind über grosse Distanzen geblasen wurde. Davon wussten die Zeitgenossen im 16. Jahrhundert allerdings nichts. Für sie war es das biblische Manna, das vom Himmel herunterfiel, und natürlich war auch das ein göttliches Zeichen. Ebenfalls vom Himmel fielen Heuschreckenschwärme. Sie sorgten für Angst und Schrecken und sind entsprechend dramatisch dargestellt.

Die Sammlung eines Zürcher Pfarrers

Die Flugblätter wären nicht erhalten, wenn sie nicht ein Zeitgenosse aus dem 16. Jahrhundert sorgfältig gesammelt und aufbewahrt hätte: der Zürcher Pfarrer Johann Jakob Wick (1522-1588). Er erhielt dabei Unterstützung vom Zwingli-Nachfolger Heinrich Bullinger (1504-1575). Wick war wie viele seiner Zeitgenossen erschüttert von den Wirren und Grausamkeiten der Reformationszeit und sammelte über 30 Jahre die Zeichen seiner Zeit. Für Jakob Wick waren es Zeichen der Endzeit. Nüchtern gesehen waren es Nachrichten, doch keiner machte sich die Mühe, zwischen wahr und falsch, Fakten und Gerüchten zu unterscheiden. Im Gegenteil. Je deftiger eine Geschichte war, desto mehr schien sie die ehrbaren Absichten des meist anonymen Autors zu untermauern. Eine Parallele zu «Fake News» und der Boulevardpresse des 20. Jahrhunderts ist nicht von der Hand zu weisen.

Wickiana, die Sammlung von Jakob Wick, ist also aktueller, als man im ersten Moment denkt. Himmelserscheinungen sind allerdings bei weitem nicht die einzigen Zeugnisse, die der Zürcher sammelte: Bei ihm finden sich auch Berichte von Hexenverbrennungen, Feuersbrünsten oder einer furchtbaren Explosion im Pulverlager des ungarischen Temesvar im Jahr 1576. Besondere Aufmerksamkeit erhielten in jener Zeit auch Berichte von Missgeburten bei Mensch und Tier. Und hier war man ebenfalls weit entfernt von naturwissenschaftlichen Erklärungen. Missbildungen zeigten sich zudem bei Pflanzen und Tieren. So sind zahlreiche Berichte von Wunderähren erhalten, aber auch der Bericht einer Hornmissbildung bei einem Hirsch.

Absonderliches Hirschgeweih.

Absonderliches Hirschgeweih. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Am bizarrsten aus heutiger Sicht wirken aber die drastischen Darstellungen der Reformationspolemiken: Eine Jesuitenschule wird hier als Versammlung von Tieren dargestellt. Der Papst erscheint als grosses, hässliches Schwein, die so genannte Papstsau, und spielt auf Papst Paul IV (1476 – 1559) an. Der Papst war ein glühender Verfechter der Inquisition und ein Antijudaist. Die Schüler sind Hunde, die von anderen Hunden unterrichtet werden. Das dürfte eine Anspielung auf den Freiburger Jesuiten Petrus Canisius sein (1521 – 1597). Im Namen Canisius steckt der lateinische Begriff canis für Hund. Die Wickiana ist auch ein Beispiel für die grassierende Judenfeindlichkeit der damaligen Kirche: So findet sich das Bild einer Hinrichtung von zwei Juden, die angeblich zwei Christenkinder kaufen wollten, wohl um einen Ritualmord zu begehen.

Reformationspolemik gegen die Jesuiten – im Zentrum des Bildes die Papstsau, ein beliebtes Motiv in jener Zeit.

Reformationspolemik gegen die Jesuiten – im Zentrum des Bildes die Papstsau, ein beliebtes Motiv in jener Zeit. Bild: Zentralbibliothek Zürich

Die Sammlung des Pfarrers Johan Jakob Wick in der Zentralbibliothek Zürich wird seit der Reformationszeit sorgfältig gepflegt. Sie umfasst 25 Bände mit über 1000 Illustrationen. 1925 wurden aber die 431 Einblattdrucke aus den gebundenen Büchern herausgelöst, damit sie besser konserviert werden können. Sowohl die handschriftlichen Bände als auch die Einblattdrucke sind digitalisiert und offen zugänglich. Sie gehören deshalb auch zu den meistgefragten Beständen der Institution. In den nächsten Monaten will man die Erschliessung überarbeiten, so dass der Zugang zu den Einblattdruckern noch einfacher wird.

Bericht über die Geburt eines missgestalteten Kalbes mit zwei Köpfen aus dem Jahr 1555.

Bericht über die Geburt eines missgestalteten Kalbes mit zwei Köpfen aus dem Jahr 1555. Bild: Zentralbibliothek Zürich

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Die Geburt der Boulevardmedien» erschien am 3. August. blog.nationalmuseum.ch/2020/08/flugblaetter-boulvardmedien

Mehr vom Blog des Nationalmuseums übernommene Beiträge:

Wenn sogar Fox News Trump attackiert...

Video: watson/een

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Sexismus in den Medien

Wie Medien ihre Themen auswählen – ein Erklärungsversuch

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

11
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • AfterEightZuHauseUmViertelVorAchtEsser____________ 11.08.2020 14:08
    Highlight Highlight 🙄

    Benutzer Bild
  • Hans Peter (2) 10.08.2020 15:32
    Highlight Highlight Endlich weiss ich, woher der Begriff Wikipedia kommt. ;-)
  • Cirrum 10.08.2020 11:15
    Highlight Highlight Erst dank SChriften war es möglich, grosse Reiche zu schaffen, denn man brauchte kollektive Myten, die den Menschen einen gemeinsamen Glauben gaben und die zusammenarbeit mit sovielen Menschen erst möglich machten.. Natürlich auch zur Organisation von Essen, Steuern usw. Sonst wäre es gar nicht möglich gewesen, so viele Menschen zu organisieren.
  • Rethinking 10.08.2020 06:05
    Highlight Highlight „Oft waren sie illustriert, denn viele Zeitgenossen konnten nicht lesen und waren deshalb nur über Bilder anzusprechen.“

    Das geht heute mit den Videos wieder in dieselbe Richtung...
  • Blitz 09.08.2020 22:19
    Highlight Highlight Schade das heute nicht mehr ins Holz geschnitzt wird!! Es würde sicher viel weniger .........!!
  • Andre Buchheim 09.08.2020 21:54
    Highlight Highlight Ein kleiner Schatz, für mich als Historiker sehr spannend. Danke für den informativen Bericht. Vieles hatte ich schon gehört, spannend, dass man für die Kugel-Erscheinungen am Himmel keine Erklärung gefunden hat, die haben mir schon Anfang der 90er Kopfzerbrechen bereitet.
    Das Bild von dem Lichtkreis um die Sonne, so ein Phänomen habe ich live mal gesehen, sieht alchymistischen Allegoriebildern frappant ähnlich. Und ja, ich finde das auch dekorativ und die gedeckte Farbgebung für's Auge sehr angenehm.
    Hebt bitte gern weitere solcher archäologischen Schätze.
  • Dave1974 09.08.2020 20:20
    Highlight Highlight Also dem heutigen Jornalismus teilweise wirklich sehr ähnlich.

    Ähm, nicht falsch verstehen - damals war vieles noch einfach verdreht und nicht vielfach.

    Und bitte das "teilweise" beachten. ;)

  • Knacker 09.08.2020 19:22
    Highlight Highlight Gutes Video vom Youtuber "Mythen Metzger" über die Himmelserscheinungen:

    Play Icon
    • DiniMuetter 09.08.2020 21:28
      Highlight Highlight Hab ich auch dran gedacht! Sonst noch irgendwelche Schlingel anwesend?
    • Andre Buchheim 09.08.2020 21:56
      Highlight Highlight Ich halte das Phänomen eher für natürlichen, möglicherweise auch außerirdischen Ursprungs, aber nicht einer außerirdischen Intelligenz zuordnen.
    • AGirlisNoOne 10.08.2020 00:42
      Highlight Highlight Da hat Doctor Who wohl ein ein paar Darliks abgewehrt...!

Das Dorf geflutet – der Untergang von Innerthal

Am 9. August 1924 wurde die Kirche von Innerthal gesprengt. Danach kamen die Fluten. Grund dafür war der wachsende Strombedarf der Schweiz und damit verbunden der Bau eines Stausees.

1924 ist das sonst so ruhige Wägital im Kanton Schwyz ein beliebter Ausflugsort. Denn die Menschenmassen, die zu Fuss oder per Velo den Taleinschnitt südlich von Siebnen in der March besuchen, wollen die Grossbaustelle besichtigen und den national bekannten Ort der Trauer ansehen. Bald wird das Elektriztätskraftwerk Wägital den Talboden fluten und damit auch die 336 Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes Innerthal vertreiben.

Die Schaulustigen wollen den Ort der angesagten Katastrophe noch …

Artikel lesen
Link zum Artikel