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Olympia 2022 stellt auch Chef de Mission Ralph Stöckli vor Herausforderungen.
Olympia 2022 stellt auch Chef de Mission Ralph Stöckli vor Herausforderungen.Bild: keystone
Interview

Missionschef Ralph Stöckli: «So wenig Antworten kurz vor Olympia habe ich noch nie erlebt»

Mit Peking 2022 stehen bereits die zweiten Olympischen Spiele im Zeichen der Coronavirus-Krise. Der 45-jährige Ralph Stöckli reist am Freitag, zwei Wochen vor der Eröffnungsfeier, nach China. Unzählige Fragen sind noch offen.
20.01.2022, 18:07
Hans Leuenberger / keystone-sda

Ralph Stöckli, Sie steigen am Freitag zum wiederholten Mal als Chef de Mission von Swiss Olympic ins Flugzeug. So viele Ungewissheiten wie für die Reise nach Peking hatten Sie wohl noch nie im Gepäck?
Ralph Stöckli: «Ja, absolut. So wenig Antworten auf Fragen kurz vor den Olympischen Spielen, das habe ich noch nie erlebt. Aber ich bringe Verständnis auf. Das IOC und der Veranstalter standen und stehen vor riesigen Herausforderungen.»

Welche Ungewissheiten plagen Sie am meisten?
«Es sind deren zwei. Erstens: Wer ist gesund zum Zeitpunkt der Abreise? Derzeit sind fast alle Sportlerinnen und Sportler unterwegs, gleichzeitig fegt die Omikron-Welle über Europa hinweg. Bis zum Tag der Abreise bleibt die Ungewissheit, ob man in den Flieger steigen darf. Und zweitens: Was passiert bei einem positiven Fall auf das Coronavirus vor Ort? Vieles ist definiert, aber wie die Umsetzung aussieht, wird sich in Peking zeigen.»

Um als Ungeimpfte bei Olympia Teilnehmen zu können, muss Patrizia Kummer drei Wochen lang in Quarantäne.
Um als Ungeimpfte bei Olympia Teilnehmen zu können, muss Patrizia Kummer drei Wochen lang in Quarantäne.Bild: KEYSTONE

Der erste Punkt dürfte Ihnen wesentlich mehr Sorgen bereiten.
«Ja. Sitzt man im Flugzeug, ist die grösste Hürde genommen. Es wartet dann noch eine kleinere Hürde bei der Ankunft, um auch tatsächlich in die Blase zu gelangen. Aber wir gehen davon aus, dass wer in der Schweiz zweimal negativ getestet worden ist, der startet auch. Denn die Bubble dürfte sehr sicher sein. Da wird alles Menschenmögliche gemacht. Und falls im Olympia-Team vor Ort ein positiver Fall auftritt, kann sehr schnell gehandelt werden – die Athleten lassen sich ja täglich testen.»

Heisst das im Umkehrschluss: Wer vor dem Abflug positiv auf das Coronavirus getestet wird, der muss den Medaillentraum begraben?
«Nicht zwingend. Letztlich entscheidet der Faktor Zeit. Verlangt werden in einem solchen Fall für die Einreise vier negative Tests mit einem Abstand von je 24 Stunden. Mit einem positiven Test in Peking hingegen dürfte es sehr schwierig werden.»

Selektioniert Swiss Olympic auf Vorrat, um Covid-19-Ausfälle zu kompensieren?
«Im Grundsatz kann man den Quotenplatz wieder besetzen, wenn eine Athletin oder ein Athlet den nationalen Anforderungen genügt. Wir habe einige, die trotz erfüllten Vorgaben nicht selektioniert wurden, weil andere besser waren. Die können nachrutschen, sofern es mit der Zeit aufgeht. Diese Longlist gibt es im Übrigen nicht erst seit der Corona-Pandemie. Es drohen auch Ausfälle wegen Verletzungen.»

Peking sind nicht die ersten Spiele unter dem Covid-19-Regime. Was ändert im Vergleich zu Tokio im letzten Sommer?
«Die Eigenverantwortung ist noch grösser und die Durchmischung des Teams wird noch geringer sein. Da hilft uns auch das Setting vor Ort mit den drei Clustern.»

In China werden auch die Athletinnen und Athleten regelmässig getestet.
In China werden auch die Athletinnen und Athleten regelmässig getestet.Bild: keystone

Die gängigen Massnahmen wie Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen oder boostern mindern das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus massiv. Geben Sie den Aktiven noch zusätzliche Tipps mit auf den Weg?
«Wir haben mit den Sportverbänden Konzepte erarbeitet, damit Athletinnen und Athleten nicht extra wegen der Olympia-Selektion eine zusätzliche Reise antreten müssen, sprich wegen des Ansteckungsrisikos verzichten dürfen. Dieses Angebot wurde aber kaum genutzt. Die Wettkämpfe ausserhalb von Olympia haben auch ihren Wert.»

«Ich spüre bei den Athletinnen und Athleten, wie sie sich nach dem Olympia-Wettkampf sehnen.»
Ralph Stöckli

Sie haben in Ihrer Olympia-Crew erstmals die Botschaft vor Ort integriert. Weshalb?
«Das Bubble-Konzept macht die Zusammenarbeit mit der Schweizer Botschaft schwierig: Sie kommen nicht rein, wir nicht raus. Für das Corona-Management benötigen wir eine Person, die chinesisch spricht, die Kultur kennt, Übersetzung macht. Aber es können auch banale Dinge wie der Verlust des Schweizer Passes anfallen.»

Ihre wichtigste Aufgabe bleibt trotz Covid-19, eine leistungsfördernde Atmosphäre im Team hinzukriegen. Wie schaffen Sie das?
«Bereits Tokio hat gezeigt, dass auch ohne Anstossen bei den Medaillenfeiern eine gute Stimmung herrscht. Unsere Unterstützung kam an, auch wenn es in Peking noch etwas steriler ablaufen wird als in Tokio. Ich spüre bei den Athletinnen und Athleten, wie sie sich nach dem Olympia-Wettkampf sehnen.»

Zur Person:
Der ausgebildete Sportlehrer und frühere Spitzencurler Ralph Stöckli nahm als Aktiver zweimal an Olympischen Spielen teil. 2006 in Turin verpasste er als Skip mit seinem Team die Halbfinals, 2010 in Vancouver gewann er im entscheidenden Match als Nummer 4 spielend (wichtigste Position) die Bronzemedaille. Der 45-Jährige arbeitet seit 2011 bei Swiss Olympic in verschiedenen Funktionen. Peking 2022 sind seine vierten Spiele als Chef de Mission. (dab/sda)

Die Sportnation Schweiz, die ihre Hausaufgaben macht. Kann das schwierige Setting für Peking wie schon in Tokio zum Vorteil gereichen?
«Ich denke schon. Wir versuchen alles, um die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu bieten, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Trotzdem kann Unvorhergesehenes passieren. Wer sich mental darauf einstellt und dies auch akzeptiert, der kann durchaus profitieren.»

Ohne die Pandemie wäre die zu erwartende Kälte das grosse Gesprächsthema. Können all die Erfahrungen von Pyeongchang 2018 umgesetzt werden, oder ist dies wegen der Einschränkungen in der Bubble nicht der Fall?
«Die Kälte ist wie die Hitze eine Herausforderung im Leistungssport. An die Hitze kann sich der Körper anpassen, bei Kälte ist dies weniger der Fall. Gleichwohl gibt es Einflussmöglichkeiten, insbesondere im Bereich der Ausdauer: Ergometer in Wachscontainer, Vorerwärmung der Lunge oder Materialen bei den Kleidern. Das wird umgesetzt. Aber insgesamt fällt der Support kleiner aus, weil im Gegensatz zu anderen Spielen nur akkreditierte Personen vor Ort sind. Extern darf niemand anreisen, was sonst jeweils der Fall war.» (dab/sda)

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Die Austragungsstätte der Olympischen Spiele 2022 in Peking

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