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Ein Flüchtlingskind in einem Auffanglager.
Ein Flüchtlingskind in einem Auffanglager.bild: shutterstock

Investment Manager: «Vielleicht ist die Zuwanderung die Lösung für Europas Probleme»

Griechen-Tragödie, China-Crash, Ukraine und IS – wie verkraftet das die Weltwirtschaft? John McNeill, Investment Manager bei der britischen Kames Capital erklärt, warum ein Zyklus zu Ende geht und weshalb die Migration aus Afrika langfristig ein Segen für Europa sein kann. 
17.07.2015, 07:5817.07.2015, 20:56

John McNeill, wie steht es eigentlich derzeit um die Weltwirtschaft? 
Wir befinden uns in einem sehr ungewöhnlichen Zyklus. Nach jeder Finanzkrise erfolgt die Erholung der Wirtschaft nur sehr langsam. Es dauert lange, bis Unternehmen und private Haushalte ihre Schulden wieder einigermassen geregelt haben.

Mit anderen Worten: Die Krise ist noch keineswegs überwunden?
Typisch für die 2008 ausgebrochene Krise ist, dass die Schulden nicht abgebaut, sondern einfach verschoben worden sind, vor allem von den Banken zur öffentlichen Hand. Deshalb sind heute viele Staaten so hoch verschuldet. 

John McNeill, Investment Manager bei Kames Capital
John McNeill, Investment Manager bei Kames Capitalbild: pd

Und wir haben verrückte Zuständen bei den Leitzinsen, in der Schweiz sogar negative Zinsen. Wie kommen wir aus dieser Nummer wieder heraus?
Es wird sehr schwer werden. Weil die Staatsschulden so gross geworden sind, haben selbst kleinste Änderungen der Leitzinssätze gewaltige Auswirkungen. In den USA beispielsweise würde die Wirtschaft heute Leitzinsen in der Höhe von vier bis fünf Prozent vertragen. Wegen der Schuldensituation werden wir jedoch höchsten auf zwei Prozent kommen. 

«Man erstreckt diesen Schuldenerlass jetzt einfach auf eine sehr lange Frist und hofft, dass man ihn so zum Verschwinden bringen kann.»

Bis vor kurzem schien sich die europäische Wirtschaft endlich zu erholen. Hat die endlose griechische Krise diesen Aufschwung wieder abgewürgt?
Nein, die Europäische Zentralbank hat zum Glück im Frühling ihre Geldpolitik endlich umgestellt und wie die US-Notenbank und die Bank of England viel mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Das hat sich sehr positiv ausgewirkt. Die Wirtschaft der Eurozone könnte dieses Jahr um etwa zwei Prozent zulegen. Dieses Wachstum ist jedoch sehr ungleich verteilt. Am meisten profitiert Deutschland

Führt das nicht zu noch heftigeren politischen Spannungen innerhalb der Eurozone?
Deutschland argumentiert sehr moralisch: Wenn man viel exportiert, ist man fleissig und tugendhaft. Wenn man viel importiert, ist man faul und dekadent. Das ist Unsinn. Deutschland kann nur exportieren, wenn andere Schulden machen, und diese Gleichung geht nicht mehr auf.

Dummerweise kann man mit den Deutschen darüber nicht diskutieren. Sie lehnen diese banale Logik strikte ab.
Leider. Wir müssen jedoch auch ein bisschen Verständnis für den deutschen Steuerzahler aufbringen. Er hat das Gefühl, er müsse für alles aufkommen, für die Ostdeutschen und jetzt für die Griechen. Was dabei vergessen geht: Der Euro ist vor allem für Deutschland ein Segen.

«Zwischen 2009 und 2013 haben die Kredite in China unglaublich rasch zugenommen. Bisher hat eine solche Kredit-Ausdehnung immer in einem Crash geendet.»

Warum tut sich Deutschland so schwer mit einem Schuldenschnitt, obwohl längst alle wissen, dass er nicht mehr zu vermeiden ist?
Man erstreckt diesen Schuldenerlass jetzt einfach auf eine sehr lange Frist und hofft, dass man ihn so zum Verschwinden bringen kann. Es ist wie in einer japanischen Oper: Alle machen komische Bewegungen und alle wissen, wie es herauskommen wird: Griechenland wird seine Schulden niemals zurückzahlen. Aber in 10 bis 15 Jahren werden andere den Kopf dafür herhalten müssen.

Europa hat sich in den letzten Wochen verändert. Sind die politischen Folgen der Griechen-Krise nicht sehr viel schlimmer als die finanziellen?
Ich bin Experte für Finanzmärkte, nicht für Geopolitik. Aber es stimmt: Europa ist jetzt möglicherweise aus dem Gleichgewicht gekommen. Aber ich denke, dass dies wieder korrigiert werden kann. Die EU kann sich erstaunlich gut veränderten Umständen anpassen. Manche Investoren haben viel Geld verloren, weil sie das unterschätzt haben. 

Was ist in China los?
Der Mini-Crash an den Börsen ist nicht so wichtig. Mehr Sorgen macht uns die Tatsache, dass die Finanzmärkte offenbar davon ausgehen, dass die Regierung die Wirtschaft bis ins Detail managen kann. Das ist eine Illusion. Je mehr Markt die chinesische Wirtschaft hat, desto schwieriger wird es sein, sie zu kontrollieren. 

China hat massenhaft Dollar und andere Devisen. Warum sollte es nicht gelingen?
Weil es sehr schwierig ist, eine so riesige, auf Export eingestellt Volkswirtschaft umzustellen und den Binnenmarkt zu forcieren. 

Es gibt zwei sehr gegensätzliche Thesen. Die eine sagt: In China gibt es eine riesige Blase, die bald platzen wird. Die andere sagt: Unsinn, die Regierung hat alles im Griff. Wer hat Recht?
Zwischen 2009 und 2013 haben die Kredite in China unglaublich rasch zugenommen. Bisher hat eine solche Kredit-Ausdehnung immer in einem Crash geendet. Was aber bedeutet ein Crash in China? Dass sich das Wirtschaftswachstum von acht auf vier Prozent verringert? Wir können es derzeit nicht abschätzen.

Die amerikanische Wirtschaft scheint derzeit in bester Verfassung zu sein. Oder täuscht der Eindruck?
Der Dollar ist gegenüber dem Euro nach wie vor ziemlich stark. Doch ich denke nicht, dass die US-Notenbank noch dieses Jahr die Leitzinsen erhöhen sollte. Ich gehe aber davon aus, dass sie dies gegen Ende dieses Jahres tun wird.

Was werden die Folgen für die Weltwirtschaft sein?
Ein kräftiger Wachstumsdämpfer. Vor allem die Schwellenländer – Länder wie Brasilien, Südafrika oder die Türkei – werden leiden. Viele Unternehmen haben sich in Dollar verschuldet und müssen dann mehr Zinsen bezahlen. 

«Europa ist jetzt möglicherweise aus dem Gleichgewicht gekommen. Aber ich denke, dass dies wieder korrigiert werden kann.»

Zu Beginn des Jahres waren die meisten Experten sehr optimistisch für das Jahr 2015. Wie sieht es nach einer Halbzeit aus?
Wir gehen davon aus, dass sich die Weltwirtschaft wie in den letzten Jahren langsam erholen wird. Doch wir glauben auch, dass sich der Business-Zyklus seinem Ende zuneigt. Die zu erwartenden Leitzinserhöhungen werden dazu führen, dass die Bedingungen härter werden. 

Wo sehen Sie die grössten Gefahren?
In der Demographie. Europa wird immer älter. Gleichzeitig haben wir im Nahen Osten und in Afrika eine junge und ehrgeizige Bevölkerung, die im eigenen Land keine Perspektive hat.

Sind die eigentliche Gefahr also die Zuwanderungsströme?
Nein, vielleicht sind die Zuwanderungsströme die Lösung für die überalterten Länder wie Italien oder Deutschland. Zumindest langfristig. Kurzfristig ist der Flüchtlingsstrom allerdings eine gewaltige Herausforderung. 

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