Basel
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Wie Y. S. als Erdogan-Spitzel verdächtigt wurde und das sein Leben zerstörte

Für Y. S. ist nichts so, wie es einmal war.  Bild: chris iseli

Y. S. soll als Polizeiassistent für Erdogan spioniert haben. Der Vorwurf erwies sich als haltlos. Doch für Y. S. war nichts mehr wie zuvor. Erstmals erzählt er seine Geschichte.

17.04.18, 07:11

Annika Bangerter / Nordwestschweiz



Vor einem Jahr fand sich Y. S., Sicherheitsassistent bei der Basler Polizei, plötzlich auf der anderen Seite. Es war ein Donnerstag im April. Der türkischstämmige Basler sass in einem internen Weiterbildungskurs, als ihm der Kursleiter vor der Mittagspause ein Zeichen gab. Es sehe nicht gut für ihn aus. Kurz darauf musste Y. S. seine Schlüssel und seinen Dienstausweis aushändigen. Er war per sofort von der Arbeit suspendiert, Kollegen verhafteten ihn.

Zu diesem Zeitpunkt sorgte sein Fall bereits seit Tagen landesweit für Schlagzeilen. Der Auslöser war ein Bericht in der «Basler Zeitung» (BaZ). Darin wurde Y. S. als «Erdogan-Spitzel» verdächtigt. Er soll die Daten einer türkischstämmigen Person im Polizeisystem abgefragt und sie an eine Lobby-Organisation weitergegeben haben, die dem umstrittenen Präsidenten Erdogan nahe steht. Ein Verdacht, der sich nicht bestätigte. Dies gab die Basler Staatsanwaltschaft Monate später, im Juli, bekannt.

Da war es bereits zu spät: In der öffentlichen Wahrnehmung gab es in Basel einen Spitzel. Politiker von links bis rechts hatten Vorstösse eingereicht. Und die Behörden mussten sich zumindest die Frage gefallen lassen, wie sie mit ihrem Vorpreschen die öffentliche Meinung zementierten. So richteten sie noch während den laufenden Untersuchungen eine E-Mail-Adresse ein. Über diese konnten sich potenzielle Spitzelopfer melden. Diese Anlaufstelle diente vielen als Beweis für die Existenz eines Spions.

Y. S. hatte bislang geschwiegen. Der Mann hinter den Initialen vermied jeglichen Kontakt zu den Medien. Exklusiv spricht er mit der «Nordwestschweiz» darüber, wie die falsche Spitzel-Geschichte sein Leben veränderte.

Bild: chris iseli

Wir treffen Y. S. bei seinem Anwalt. Er ist angespannt, schwankt zwischen Skepsis und Vorsicht. Ein Mann Ende der 30er. Schwarzer Pullover, Jeans. Ein Aktenordner vor sich, gefüllt mit Zeitungsartikeln, Dokumenten. Er sieht älter und verbrauchter aus, als auf den Fotos, die er vor knapp eineinhalb Jahren auf den sozialen Netzwerken postete. Das Gesicht aufgequollen, der Blick flackernd. Er beginnt zu erzählen:

Vor einem Jahr hat sich mein Leben in wenigen Tagen komplett verändert. Beruflich wie privat. Meine Familie, meine Partnerin und die engsten Freunde stehen zwar nach wie vor hinter mir. Das restliche Umfeld hat sich aber abgewandt. Auch Menschen, die mich seit Jahrzehnten kennen. Treffe ich zufällig einen alten Bekannten, spüre ich das Misstrauen schon bei der Begrüssung.

Heute noch?
Ja, dass die Staatsanwaltschaft mich vom Vorwurf der Spionage freigesprochen hat, spielt keine Rolle. Der Spion bleibt an mir haften, ich bin abgestempelt. Bis heute meide ich deshalb Örtlichkeiten, an denen sich viele Menschen aufhalten. Ich will nicht, dass sich jemand durch meine Anwesenheit provoziert fühlt oder gar das Gefühl hat, sich beweisen zu müssen. Im Sinne von: «Jetzt zeigen wir es dem Spion.» Eine solche Situation eskaliert schnell.

Wurden Sie bedroht?
Indirekt. Es wurde mir «geraten», den Kanton oder gar das Land zu verlassen. Solche Nachrichten kamen nicht auf persönlichem Weg zu mir. Sondern Freunde von mir wurden beauftragt, sie mir zu übermitteln.

«Seit einem Jahr leide ich an Schlafstörungen. Einige Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.»

Y. S.

Haben Sie darüber nachgedacht, Basel zu verlassen?
Nur als Gedankenspiel. Manchmal denke ich, ein Wegzug wäre das Beste. Aber es käme mir vor, als würde ich aufgeben, den Kopf in den Sand stecken. Ich bin in Basel geboren und aufgewachsen. Ich bin hier verwurzelt. Zudem würden sich meine gesundheitlichen Probleme dadurch wohl kaum lösen. Seit einem Jahr leide ich an Schlafstörungen. Einige Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Etwa das meines Vaters. Auch ihn belastet die Geschichte stark. Kurz nachdem er davon erfahren hatte, platzte ein Blutgefäss und riss seine Lippen auf. Ein Arzt sagte ihm, das sei stressbedingt. Ich habe meinen Vater noch nie in solch einer Verfassung gesehen. Ich wusste nicht, wie damit umgehen.

Bild: chris iseli

Haben Sie sich psychologische Hilfe geholt?
Ja, aber ich musste lange suchen. Wenn ich Psychotherapeuten anrief, fragten sie mich, was mein Thema sei. Erklärte ich ihnen, ich sei Y. S. und würde der Spionage verdächtigt, hiess es jeweils: Terminlich sehe es schwierig aus. Eine Sitzung sei frühestens in einigen Monaten möglich.

Der Fall von Y. S. ist komplex. Medien, Politik und Behörden wiegelten sich nach dem ersten Zeitungsartikel gegenseitig auf. Die Empörungswelle erfasste sie gleichermassen. Falschmeldungen wurden verbreitet: Y. S. in die Nähe der Terrorgruppe IS gerückt, des Velodiebstahls und der Hehlerei beschuldigt. Dennoch wäre es zu einfach, die Geschichte mit medialer Sensationsgier und amtlicher Überforderung zu erklären. Denn die Figur Y. S. als vermeintlicher Erdogan-Spitzel passte perfekt in die damals aufgeladene Stimmung.

Ab Sommer 2016 riss der gescheiterte Putschversuch in der Türkei auch in die hiesige Diaspora tiefe Gräben. Erdogan-Unterstützer, Kurden, Gülen-Anhänger: Die Lager standen sich in der Schweiz unversöhnlich gegenüber. In sozialen Netzwerken wurde beschimpft, beleidigt, gehetzt. Anfang 2017 gab es Hinweise, dass im Umfeld der hiesigen türkischen Gemeinden Spionage verübt worden sei. Das verunsicherte Erdogan-Kritiker tief. Ihre Ängste nahmen zu, als türkische Behörden mindestens drei Basler Kurden in Istanbul festnahmen. Sie berichteten, dass ihnen ihre Kritik an Erdogan auf Facebook zum Verhängnis wurde.

16. Juli 2016 in Istanbul: Putschversuch gegen Präsident Erdogan. Bild: EPA/EPA

Auch Y. S. war auf den sozialen Netzwerken aktiv. Er gab sich dort als begeisterter Anhänger Erdogans zu erkennen. Zu begeistert, befand der Schweizer Nachrichtendienst – und meldete dies den zuständigen kantonalen Behörden. Sie stuften seine Äusserungen als «unvereinbar» mit seinem Job als Sicherheitsassistent ein. Auch die Polizei als Arbeitgeber wurde informiert.Nach seiner kurzzeitigen Festnahme drang diese Vorgeschichte tröpfchenweise an die Öffentlichkeit – und nährte die Spitzel-These. Dabei gingen aber zwei Fakten unter: Vor dem «BaZ»-Artikel hatten die Behörden monatelang keine Handhabe für personalrechtliche Konsequenzen gesehen. Und nachdem der Spionage-Vorwurf medial lanciert war, nahm sich die Bundesanwaltschaft des Falles nicht an. Hätte es konkrete Hinweise gegeben, wäre dies ihre Pflicht gewesen.

Wie sicher sich Y. S. seiner Sache war, zeigte sich an seiner ersten Reaktion:

Es war ein Samstagmorgen, ich war soeben mit meiner Freundin aus den Ferien zurückgekehrt. Ein Freund rief mich an und sagte: «Du bist in der Zeitung. Es ist schlimm.» Ich fuhr sofort zum Polizeiposten in Riehen, zu meinem Arbeitsplatz. Da liegen immer die aktuellen Zeitungen. Als ich den Artikel las, war ich schockiert – und rief meinen Chef an.

Die Geschichte drehte monatelang weiter. Haben Sie die Berichterstattung verfolgt?
Am Anfang, doch dann bekam ich Angst. IS, Velo-Hehlerei – was würde als Nächstes kommen? Solche Anschuldigungen waren stets aufs Neue ein Schock für mich. Sie trafen mich unvorbereitet – auch wenn die Inhalte teils absurd und widersprüchlich waren. Ein Journalist hat mich beispielsweise im ersten Artikel als Clubgänger beschrieben, der gerne Drinks in die Kamera hält. Kurz darauf rückte er mit einem vermeintlichen IS-Glaubensbekenntnis heraus. Das war lächerlich. Welcher IS-Anhänger würde in Clubs Cocktails trinken?

«Ein Freund rief mich an und sagte: ‹Du bist in der Zeitung. Es ist schlimm.›»

In den sozialen Medien haben Sie vorgängig auch ausgeteilt. Etwa als Sie dazu aufriefen, Gülen-Anhänger zu melden.
Das wurde aus dem Kontext gerissen. Ich habe das nicht wörtlich gemeint. Das Gülen-Netzwerk ist in der Türkei als Terrorgruppe eingestuft. Sie waren massgeblich am Putsch beteiligt, bei dem Menschen starben. Ich bin der Meinung, dass Verantwortliche für ihr Handeln geradestehen müssen. In der Türkei wie in der Schweiz.

Bild: chris iseli

Sie sehen kein Problem in Ihren Einträgen?
Nein, ich habe nichts Verbotenes gemacht. Es ist doch nicht illegal, wenn ich mich als türkischer Staatsbürger öffentlich zu Erdogan bekenne. Könnte ich in der Schweiz abstimmen, würde ich dasselbe tun und jene Partei offen unterstützen, die mir politisch am nächsten ist. Wo liegt das Problem?

Der Fall Y. S. ist bis heute nicht abgeschlossen. Bei den Untersuchungen wurden seine Logins angeschaut. 3000 Personenabfragen. 162 davon soll Y. S. ohne dienstlichen Auftrag gemacht haben. Das wirft ihm die Basler Staatsanwaltschaft vor. Für den mutmasslichen Amtsmissbrauch beantragt sie eine Busse von 1800 Franken. Dazu die Verfahrenskosten von über 11 000 Franken. Y. S. weist den Vorwurf vollständig von sich. Weil er sich gegen die Strafe wehrt, kommt sein Fall nächste Woche vor Gericht. Y. S. hofft, wieder zur Polizei zurückkehren zu können. Zurück auf die richtige Seite. 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Follower 17.04.2018 15:35
    Highlight Ohne relevante Beweise und ohne Straftat begangen zu haben, wird eine Person „zum Abschuss“ (durch die Medien) freigegeben und verliert seinen Job. Es könnte also jeden von uns treffen, wenn wir zufällig nicht gerade der Mainstream-Meinung entsprechen?
    0 5 Melden
  • ...nachgedacht... 17.04.2018 13:58
    Highlight ...wann realisieren Social Media Benutzer dass die Inhalte in ihrem Account ein sich im öffentlichen Netz befindliches digitales Album ihres Denkens und Handelns sind..?...wäre es wie vor dem digitalen Zeitalter nur auf Papier könnte man es wenigstens verbrennen...einmal im Netz bleibt es digital eingebrannt und kann – gerechtfertigt oder nicht – als «Beweismittel» herangezogen werden...viele Existenzen, wie die von Y.S., wurden wegen einem dummen Eintrag zerstört...viele Menschen sitzen deswegen im Gefängnis...viele haben den Job verloren...Ich habe mein FB gelöscht...und vermisse es nicht...
    5 4 Melden
  • axantas 17.04.2018 11:44
    Highlight "Das Gülen-Netzwerk ist in der Türkei als Terrorgruppe eingestuft." - In der Türkei, aber nicht in der Schweiz

    "Ich bin der Meinung, dass Verantwortliche für ihr Handeln geradestehen müssen. In der Türkei wie in der Schweiz." - Die Rechtslage in der Schweiz ist also unerheblich.

    Wie kann jemand bei der Polizei arbeiten, wenn er Leute verurteilen will, die hier gar kein Vergehen begangen haben? Ich möchte ihm nicht als Polizisten begegnen mit dieser Auffassung eines Rechtsstaats.

    Wie viele Leben zerstört Herr Erdogan, indem er ALLE kritischen Stimmen einfach ins Gefängnis steckt?
    34 0 Melden
  • Pasch 17.04.2018 10:40
    Highlight "Das Gülen-Netzwerk ist in der Türkei als Terrorgruppe eingestuft."

    Mit diesem Satz buxiert sich der Herr selbst ins Abseits, eine gewisse Motivation ist unverkennbar. Sich jetzt als Täter in die Opferrolle zu begeben, funktioniert auch nur in der CH.
    Ihm müsste es lebenslang untersagt bleiben sich auch nur einer Personendatenbank zu nähern, geschweige denn einen polizeilichen Dienst nachzugehen.
    42 3 Melden
    • zialo 17.04.2018 21:34
      Highlight Hatte das auch geschrieben, wurde leider zensuriert. Gut das sie auf den Punkt hinweisen.
      3 0 Melden
  • AfterEightUmViertelVorAchtEsser 17.04.2018 10:39
    Highlight Der Arme. Wenn er sich in der Schweiz so unwohl fühlt, soll er doch zurück zu seinem geliebten Diktator. Sorry, mein Mitleid hält sich in Grenzen.
    38 4 Melden
  • Triumvir 17.04.2018 10:34
    Highlight Anhänger eines Diktators sollen bitte in das entsprechende gelobte Land ausreisen. Der Job eines Hilfspolizisten ist mit solch einer Einstellung ganz klar unvereinbar!
    36 1 Melden
  • Ehringer 17.04.2018 10:25
    Highlight Wer einen Despoten wie Erdogan unterstützt, hat in meiner Schweiz nichts bei der Polizei verloren, sorry Y.S.

    Das ist natürlich dennoch IN KEINSTER WEISE eine Entschuldigung für unbegründete Anschuldigungen und Verleumdung. In meiner Schweiz hat auch so etwas keinen Platz.

    *Zum Glück hat sich meine Schweiz ja für einen ausgebauten Überwachungsstaat entschieden. Somit passiert das sicher niiiiiiiiie mehr* *Ironie off*
    28 1 Melden
  • meine senf 17.04.2018 10:16
    Highlight Hoffe mal, dass der von der Polizei nicht an Kurden-Demos eingesetzt wird ...

    Ausserdem erkennt er nicht, dass er selber gleichzeitig Fan und Opfer von Erdogan ist. Das Perfide an Spitzel-Systemen ist ja nicht nur die Spitzelei als solches, sondern auch die eventuell falschen Verdächtigungen und das allgemeine Misstrauen, die dadurch aufkommen.
    27 0 Melden
  • WeischDoch 17.04.2018 09:46
    Highlight Bitte nicht. Wollen wir wirklich solche anti-demokraten (Erdogan-Freund) als Polizisten sehen? Die Ansichten solcher Menschen passen einfach nicht in unsere Schweiz. Wir sind demokratisch und menschlich weil wir daran glauben und nicht weil es unserer Partei gerade passt!
    83 5 Melden
  • Repplyfire 17.04.2018 09:31
    Highlight Irgendwie Karma, dass diese Person, welche mittels Socialmedia zur Denunzation Andersedenkender aufruft und aus einem sicheren Drittland Erdogan wählt, selber der Medienhetzte und Vorverurteilung Kritik übt.
    113 3 Melden
  • Ridcully 17.04.2018 08:35
    Highlight Ja, der Fall ist sicher komplex und darf nicht im Schwarz/Weiss-Raster gesehen werden.
    Nur entbehrt es nicht einer gewissen Ironier, dass sich ein Anhänger eines Diktators den Vorzüger einer liberalen Gesellschaft erfreut. Und er sollte sich mal ausmahlen, was Ihm unter Erdogan in der Türkei passiert wäre, wenner dort einer falschen Beschuldigung der Siponage ausgesetzt wäre...
    118 4 Melden

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