Schweiz
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Freiraum 30 Meter über dem Boden Dachterrasse auf der Zürcher Hochschule der Künste.  © zhdk/zvg

Die Zukunft liegt auf dem Dach: Eine Fläche so gross wie Glarus liegt brach

Auf Dächern und Fassaden hat es auch in zugebauten Städten noch freie Flächen für Mensch, Pflanze und Tier. Doch auch hoch oben über den Strassen wird es bald eng

Niklaus Vontobel / Schweiz am Wochenende



Die Schweiz verfügt über 1360 Quadratkilometer zusätzliche Fläche, könnten die Dächer und Fassaden aller Gebäu- de aufgefaltet und genutzt werden. So haben es die Ökonomen von Wüest Partner vorgerechnet. Sie kommen auf erstaunliche Zahlen: Rechnet man die Fläche aller Dächer zusammen, kommen 638 Quadratkilometer zusammen, was der Fläche des Kantons Glarus entspricht (siehe Grafik).

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zvg

Zählt man die Fassaden dazu, entsteht eine Fläche des Kantons Aargau. Dieser letzte Freiraum wird gerade entdeckt von Stadtverwaltungen, Investoren und Naturschützern. Dabei prallen unterschiedliche Interessen aufeinander.

Das Interesse an dieser unerschlossenen Fläche ist quasi mit der Bevöl- kerung gewachsen. 8.5 Millionen Einwohner haben die Statistiker zuletzt gezählt. Zugleich hat die Schweiz be- schlossen, nicht noch mehr Boden zuzubauen. Also müssen mehr Menschen auf der gleichen Fläche leben – insbesondere in den Städten und Agglomerationen. Da kommt das vergessene Grün auf den Dächern und an den Fassaden gerade recht. Doch hoffen darauf nebst Menschen auch Flora und Fauna.

Die Flucht vor Dichtestress unten auf der Strasse hat eine leichte Seite. In vier Städten wird es etwa einen Rooftop-Day geben. Vierzig bis fünfzig private Terrassen stehen offen, die sonst zu sind. «Wir wollten den Menschen so einen neuen Blick auf ihre Stadt geben», sagt Romano Strebel vom Stadtportal «Ron Orp» zur Idee. «Es wird bunt: Sonnenaufgangs-Yoga, Flohmarkt, Kurse, Filme, Weltmeisterschaft, Lesungen – natürlich Partys.» Doch: Um 22 Uhr endet auf den Dächern die grosser Freiheit. Die Nachbarn sollen ihre Ruhe haben, so will es der städtische Lärmschutz.

Auf Dächern und Fassaden treffen ökonomische und ökologische Interessen aufeinander. Rund acht Milliarden Franken liessen sich nämlich dort zusätzlich an Mieterträgen verdienen, wie Wüest Partner ausgerechnet hat. Auf den geeigneten Dächern und Fassaden müsste dafür Werbung oder «Urban Farming» betrieben werden, Solaranlagen könnten Strom produzieren und Gäste würden auf lauschigen Dachterrassen bedient.

Erträge von 8 Milliarden

Auf den grössten Teil der Dächer lassen sich Solaranlagen stellen. Rund 40 Prozent der Dachflächen wären dafür geeignet. In Spitzenzeiten könnten rund 75 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs gedeckt werden. Urban Farming ist auf immerhin 9 Prozent der Dachfläche möglich, vor allem moderne Hydrokulturen sind einträglich. Dabei werden Pflanzen auf Leitungen gezogen, die Nährstoffwasser transportieren. Werbung passt auf Dächer und Fassaden. Für Leuchtreklame werden an Genfer oder Zürcher Top-Lagen bis 8000 Franken pro Installation und Monat gezahlt, für Megaposter gar monatlich bis zu 70 000 Franken.

Die acht Milliarden Franken klingen für Investoren zurzeit besonders verlockend. Mit Staatsanleihen ist kaum Rendite zu holen. Wohnungen wurden enorm viele gebaut, die Mieterträge sinken daher gerade eher. Als wäre das Investoren-Leben nicht schweisstreibend genug, forderte diese Woche die Nationalbank schärfere Regeln. Im Markt für Wohnrenditeliegenschaften sind der Nationalbank die Risiken zu gross geworden. Und so flüchtet sich mancher Investor auf die Dächer.

Dort angekommen, muss jedoch manch einer feststellen: Stadtverwalter und Naturschützer sind schon da. In den noch 1360 Quadratkilometern an Dächern und Fassaden sehen sie eine der letzten Chancen, mehr Grün in Städte zu bringen. Ansonsten ist der Boden mancherorts zu 90 Prozent zugebaut. Grüne Dächer und Fassaden können in engen Städten zumindest teilweise die Natursehnsucht stillen. Sie holen Schadstoffe aus der Luft und kühlen das Klima.

Zürich gehört zu jenen Städten, die Dächer und Fassaden nicht sich selber überlassen wollen. Seit 1991 müssen dort Flachdächer von Gesetz wegen begrünt werden, seit 2015 zudem auf «ökologisch wertvolle» Weise. Die Substratschicht hat zum Beispiel mindestens zehn Zentimeter dick zu sein. Warum die Stadt selbst in solche Details regulatorisch eingreift, wird in einer eigenen Publikation – «Grün am Bau» – mit allerlei Fakten begründet.

Rund 1200 Pflanzenarten leben in Zürich, 12 000 bis 16 000 verschiedene Tierarten kreuchen und fleuchen hier. Die Vielfalt in Städten übersteigt oftmals jene in umliegenden Landwirtschaftsgebieten. Grüne Dächer und Fassaden bieten noch, was auf überdüngten Wiesen schon lange verschwunden ist. Feinstaub und giftige Stickoxide werden in grünen Strassenschluchten zu fast 60 Prozent aus der Luft genommen. In heissen Sommermonaten wandeln grüne Dächer fast 60 Prozent der Einstrahlung in Verdunstungskälte um, mit konventionellen Dächern wird daraus Wärme. Das Klima in der Stadt wird gekühlt, wobei Stadtbäume hier noch mehr leisten.

Naturschützer und Investoren zanken sich teilweise schon. Solarpanels und grüne Dächer etwa gelten vielerorts als unvereinbar. «Ja, da haben wir ein grösseres Problem», sagt Stephen Brenneisen, Experte für Stadtökologie an der Zürcher Hochschule ZHAW. Es habe sich die Ansicht verbreitet, auf grünen Dächern stiegen die Kosten für den Unterhalt von Solarpanels mit der Zeit unverhältnismässig. Bilder von überwachsenen oder gar zugewucherten Panels würden die Runde machen. «Dabei ist das kein Naturgesetz, sondern eine Frage der Planung.»

Indessen wird einiges unternommen, um Investoren und Naturschützer miteinander zu versöhnen. Die Stadt Zürich zum Beispiel rechnet vor, ein Gründach koste bei der Erstellung zwar deutlich mehr, schütze dafür aber die Abdichtung und halte so länger: bis zu 40 statt 25 Jahre wie konventionelle Kiesdächer. Damit hole man die Mehrkosten wieder herein.

Beim Bauchemiehersteller Sika, der seit Jahrzehnten schon Lösungen zur Dachbegrünung anbietet, sagt der Experte Markus Schindelholz: «Solarpanels und spriessendes Grün vertragen sich durchaus, wenn man es denn richtig macht.» An sich reiche dafür schon: die Solarpanels auf genügend hohe Ständer stellen; davor das Substrat dünner auftragen als darun- ter und dahinter, und ausschliesslich niederwüchsige Pflanzen aussäen.

Gefangen im Einheitsbrei

Grüne Fassaden könnten die Synthese von Rendite-Suche und Naturschutz ebenfalls schaffen. «Es ist viel gebaut worden, manches leider sehr ähnlich. Gleichzeitig stehen gerade in Neubauten ausserhalb der Stadtzentren viele Wohnungen leer», sagt Wüest-Partner-Experte Nico Müller. Grüne Aussenwände zusammen mit anderen kreativen Nutzungen von Dach und Fassade könnten helfen, dass sich ein Gebäude von der Masse abhebt. Das ökologische Gewissen schützt den Investor somit vor Einkommensverlusten. Noch ist jedoch unsicher, ob grüne Fassaden eine blosse Modeerscheinung bleiben.

Was dafür spricht, dass sie ihren festen Platz in den Städten finden: Architekten können heute grüne Wände eher nach ihrem Anspruch formen. Module werden industriell hergestellt, die Grössen sind anpassbar und werden zu «lebenden Mauern» zusammengefügt. In einer Dissertation zu grünen Fassaden heisst es dazu: «So gelangt das Naturthema in die Städte, ohne dort den üblichen Interessenkonflikt auszulösen zwischen Natursehnsucht und dem Anspruch der Architekten.» In diesem Konflikt verliere sonst immer die Natur. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Evan 24.06.2018 12:34
    Highlight Highlight Dächer nutzen und höher bauen, vor allem in der Nähe von Bahnhöfen wurde viele Vorteile mit sich bringen.
    1 1 Melden
  • grandvlad 24.06.2018 11:05
    Highlight Highlight Kreativität und unkonventionelle Ideen werden immer gefragter; dagegen sprechen die immer strengeren Gesetzte....
    5 5 Melden
    • Nevermind 24.06.2018 16:36
      Highlight Highlight Lustig. Sind es doch die immer strengeren Energiegesetze die dazu führen, dass die Häuser immer weniger Energie verbrauchen und dafür mehr Energie produzieren.

      Das hat auch nichts mit Kreativität oder unkonventionellen Ideen gemein. Es sind einfach Stand der Technik und der gesetzliche Zwang diesen zu nutzen.
      2 0 Melden
  • salamandre 24.06.2018 10:20
    Highlight Highlight Nur weil das Dach nicht flach, es nicht automatisch steil ist...liebe Watsons.
    Es wären dann Sattel, oder Giebeldächer.
    16 3 Melden
  • Ein watson-Leser 24.06.2018 09:53
    Highlight Highlight Wäre mal noch interessant zu wissen, wie viele Prozent der Steildächer für Photovoltaikanlagen geeignet sind. Und wie viel Energie so jährlich produziert werden könnte...

    Eigentlich sollte man für Neubauten eine Installationspflicht für eine Photovoltaikanlage einführen. Kostet mittlerweile nicht mehr so viel mehr als die Ziegel.

    Das hätte der regen Bauaktivität in der Schweiz sicher einen bedeutenden Einfluss auf den Gesamtanteil an erneuerbaren Energien...

    Und wenn der Bund dann auch noch Batteriespeicher in Einfamilienhäusern fördern würde, könnten Spitzenlasten abgefangen werden.
    16 3 Melden
    • Lienat 24.06.2018 12:31
      Highlight Highlight Was die Energiemenge betrifft: Pro Quadratmeter geeigneter Dachfläche kannst Du pro Jahr mit 120kWh rechnen (15% Wirkungsgrad, 800 Vollaststunden => sehr vorsichtige Annahmen!). Gemäss Artikel gibt es gut 247 Quadratkilometer geeignete Dachflächen. Das ergibt eine Jahresenergieproduktion von knapp 30 Terrawattstunden was fast 50% des jährlichen Elektrizitätsverbrauchs ist (von dem jetzt bereits 60% aus Wasserkraft und daher erneuerbar sind). Die Produktion wäre so gesehen kein Problem. Produktion und Verbrauch in Einklang zu bringen, ist dann schon etwas schwieriger.
      4 0 Melden
  • fcsg 24.06.2018 08:11
    Highlight Highlight Macht es überhaupt Sinn ein Flachdach, das komplett mit Solarpanelen bedeckt ist zu begrünen? Die Zwischenräume, in denen etwas wachsen kann, sind da so klein, dass Aufwand und Ertrag einer Begrünung kaum in einem Verhältnis stehen. Der Grundsatz, dass Dachflächen genutzt werden, ist natürlich sinnvoll, doch sollte dabei auch eine gewisse Flexibilität erhalten bleiben.
    29 9 Melden
    • esmereldat 24.06.2018 09:03
      Highlight Highlight Es wachsen auch Pflanzen unter den Panels, nicht nur dazwischen. Das Dach kann also vollflächig begrünt werden.
      10 3 Melden
    • lilie 24.06.2018 10:51
      Highlight Highlight @fscg: Bin keine Fachfrau, aber müssen Flachdächer nicht immer wieder mit Gift besprüht werden, damit dort nichts wächst? Auch unter den Solarpaneln würde ja vermutlich etwas wachsen, wenn man es lässt, gibt ja auch schattenliebende Pflanzen. :)
      3 6 Melden
  • lilie 24.06.2018 06:57
    Highlight Highlight Die Nutzung der Dächer ist ja unterdessen fast Pflicht! Ob es dabei wirklich im Einzelfall wirklich einen Konflikt zwischen Begrünung und Solarpanels geben muss, glaube ich nicht: Steildächer bieten sich doch eher an für Solarpanels (und Wärmekollektoren, warum redet eigentlich niemand mehr davon?!), Flachdächer eher für Begrünung und, falls die Belastbarkeit gegeben ist, Dachterrassen.

    Werbeflächen an Wohnhäusern aber: Ich hoffe, das bleibt nur der feuchte Traum von ein paar Werbefuzzis, die keine Dachterrasse haben, um mal auszuspannen!
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    • Ein watson-Leser 24.06.2018 09:59
      Highlight Highlight Wenn nicht ein Pool damit beheizt werden soll, sind Wärmekollektoren weniger sinnvoll. Früher war oft der Preisunterschied zu Photovoltaikmodulen noch ein Argument... doch die Preise sanken in dem letzten Jahren deutlich... Der durch PV gewonnene Strom kann im Haus für die Wärmepumpe eingesetzt werden um so den Boiler zu heizen oder direkt im Haus verbaucht werden oder ins Netz oder eine Batterie eingespiesen werden... Wenn ein mit Wärmekollektoren betriebener Boiler seine Zieltemperatur erreicht hat, kann die Sonnenenergie vom Dach meist nicht mehr genutzt werden...
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    • Bosshard Matthias 24.06.2018 15:57
      Highlight Highlight Solarpanels sind nicht die Lösung sie sind eine gute Ergänzung lösen niemals unsere Energie Probleme. Ich rede aus Erfahrung mit meinem 18kw Feld. Zwänge verteuern nur die Mieten wollen Sie das und dem Urbanen Dach Schwachsinn stimmen nur unwissende zu den da im Sommer sehr heiss viel Wasser verbraucht werden muss ansonsten alles im nu verbrannt ist. Ja was nun Energie und Wasser sparen oder Bepflanzen? Ich denke 99% der Leser haben im Sommer noch nie auf einem Dach an der Sonne die Temperaturen gemessen diese steigen locker auf 50 Grad. Nicht umsonst ist das Projekt in BS Pleite .
      0 2 Melden

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