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FIFA President Gianni Infantino, left, gestures as Russian President Vladimir Putin stands underneath an umbrella watched by French President Emmanuel Macron after the final match between France and Croatia at the 2018 soccer World Cup in the Luzhniki Stadium in Moscow, Russia, Sunday, July 15, 2018. France won the final 4-2. (AP Photo/Matthias Schrader)

Wladimir Putin war unbestritten der Schirm-Herr der WM. Bild: AP/AP

Der grosse Sieger der Fussball-WM heisst Wladimir Putin

Die Weltmeisterschaft könne Russland positiv verändern, hiess es im Vorfeld. Am Ende kam es, wie es kommen musste: Das Turnier erwies sich als grandiose PR-Show für das System Putin.

16.07.18, 16:44 16.07.18, 17:49


Eine Szene ganz am Ende sagte so ziemlich alles aus über die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland. Als es während der Siegerehrung nach dem Final im Moskauer Luschniki-Stadion wie aus Kübeln zu schütten begann, war nur für einen sofort ein Schirm zur Stelle: Wladimir Putin. Er stand im Trockenen, während die anderen Honoratioren in Nullkommanichts klatschnass waren.

Selbst die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic wurde nicht gerade gentlemanlike im Regen stehen gelassen. Besser lässt es sich nicht ausdrücken, wer nicht nur am Finaltag, sondern während des ganzen Turniers die Hauptperson war. Dabei hatte sich Putin sehr zurückgehalten. Er war nur zum Eröffnungs- und zum Endspiel im Stadion erschienen. Selbst die Parforceleistung der russischen Nationalmannschaft konnte ihn nicht zum Besuch bewegen.

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Der Präsident müsse eben regieren, hiess es aus dem Kreml. Eine clevere Strategie. Die Reizfigur Wladimir Putin trat während des 31-tägigen Spektakels in den Hintergrund und überliess die Bühne dem russischen Volk. Dieses zeigte sich von seiner besten Seite. Berichterstatter und Fans zeigten sich sehr angetan von der Freundlichkeit der Russen und der tadellosen Organisation.

«Die Russen waren tolle Gastgeber»

Beides ist nicht selbstverständlich in einem Land, in dem ausserhalb der Metropolen so manches an sowjetische Zeiten erinnert. SRF-Kommentator Sascha Ruefer jedenfalls konnte sich während des Finals kaum einkriegen vor Begeisterung: «Die Russen waren tolle Gastgeber, haben viele Vorurteile entkräftigt, bravo.» Die «Putin-Versteher» werden es mit Freude gehört haben.

Aber wird die erfolgreiche WM Russland in eine positive Richtung verändern?

Im Vorfeld wurden entsprechende Hoffnungen geäussert. In Provinzstädten, «die auch Jahrzehnte nach dem Untergang der Sowjetunion isoliert leben, beschallt vom Kreml-treuen Staatsfernsehen», würden nun plötzlich «Millionen gut gelaunter Ausländer» auftauchen, hiess es etwa im «Tages-Anzeiger». Wenn Russen und Europäer nach den Spielen zusammensässen, würden sie schnell merken, «dass die Welt nicht so schwarz und weiss ist, wie es die Propaganda darstellt».

So weit die schöne Idee. Allerdings kamen keine «Millionen» nach Russland. Vor allem aus dem nahen Europa reisten deutlich weniger Fans an als aus dem fernen Mittel- und Südamerika. Woran liegt dieses eigenartige Missverhältnis? An der Fan-ID, die immerhin eine visafreie Einreise ermöglichte? An Vorurteilen gegenüber Osteuropa? Oder doch am negativen Image Russlands wegen seiner aggressiven Aussenpolitik und seiner schamlosen Einmischung in demokratische Prozesse?

«Ein Ausschnitt der Wirklichkeit»

Umgekehrt wird der Westen in Russland mal als feindselig und dann wieder als dekadent und dem Untergang geweiht dargestellt. In manchen Fällen mag die WM dazu beigetragen haben, solche Klischeevorstellungen zu überwinden. Aber einen grundlegenden Wandel darf man nicht erwarten, dazu ist dieses Land zu riesig. Selbst in Rostow oder Saransk war das WM-Geschehen auf einen überschaubaren Bereich zwischen Innenstadt und Stadion beschränkt.

«Die Fans und die nur kurzzeitig in Russland arbeitenden WM-Reporter haben eine Ausnahmesituation erlebt, sie haben nur einen Ausschnitt der russischen Wirklichkeit gesehen», kommentierte die frühere Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau. Für die NZZ ist es nicht ersichtlich, «weshalb sich Russland insgesamt durch diese WM nachhaltig verändern sollte».

«Es gibt viele Ungerechtigkeiten»

Die schönen Bilder aus Russland täuschen nicht darüber hinweg, dass die Repressionsschraube eher angezogen wird. Das Gesetz, das ausländische Medien als «Agenten» einstuft, soll auf einzelne Journalisten ausgedehnt werden. Und im Fall des ukrainischen Filmregisseurs Oleg Senzow, der seit vier Jahren wegen «Terrorverdachts» in einem Straflager inhaftiert ist und sich seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik befindet, zeigte die Regierung keinerlei Entgegenkommen.

FILE - In this Aug. 25, 2015 file photo, Oleg Sentsov stands behind bars as his verdict is read at a court in Rostov-on-Don, Russia. Sentsov, a prominent Ukrainian filmmaker, was convicted of conspiring to commit terror attacks and sentenced him to 20 years in prison.  Margaret Atwood, Stephen Sondheim and Patrick Stewart are among dozens of artists and journalists calling for the release of Sentsov,  a critic of Russia's annexation of Crimea. (AP Photo, File)

Oleg Senzow befindet sich seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik. Bild: AP/AP

Als FIFA-Präsident Gianni Infantino, der das Turnier in Russland als «beste WM der Geschichte» rühmte, an seiner Medienkonferenz vom Freitag auf die Menschenrechtslage angesprochen wurde, meinte er nur, es gebe «viele Ungerechtigkeiten». Das sei aber nicht nur in einer Region oder einem Land der Fall, «sondern in der ganzen Welt». So kann man es auch sehen.

Wladimir Putin kann zufrieden sein. Die Fussball-Weltmeisterschaft ist geworden, was er sich erhofft hat. Eine grandiose PR-Show in eigener Sache. Ob sie langfristig zu einer Öffnung des Landes beitragen wird, muss sich zeigen. Allerdings darf man von Sportevents nicht zu viel erwarten.

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • stamm 16.07.2018 23:55
    Highlight Krass! Weil alles reibungslos verlaufen ist, wird der ``Regnschirm-Skandal`` gegen Putin verwendet. Bravo Russland! Einen solchen Anlass ohne terroristischen Akte! Darf man sich gar nicht vorstellen, wenn Frankreich diesen Anlass organisiert hätte.....aber soweit wird es nie und nimmer kommen nach diesem Freudentaumel in Frankreich.....wetten!
    3 3 Melden
  • wiisi 16.07.2018 21:24
    Highlight Würde Putin die WM derart für seine politische Agenda nutzen wie es derzeit Macron macht, es wäre die Hölle los!
    20 4 Melden
  • wiisi 16.07.2018 21:22
    Highlight Die Weltmeisterschaft verändert Russland nicht wie im Titel beschrieben. Nur unser Blick vielleicht ein bisschen auf Russland. Auch die Schweiz versucht sich im Ausland gut zu verkaufen, was ist denn so schlimm daran?
    Russland ist auf dem richtigen Weg, finde ich - das kommt schon. Dauernd ein Bedrohungszenario aufzubauen als Journalist hilft weder dem Russen, noch uns am Ende. Und es ist eh das Meiste auch nur PR in unseren Medien. Schade sind so viele hier besessen davon in Russland und Putin immer nur das Schlechte zu suchen.
    Mich freuts, dass einige Vorurteile abbauen konnten!
    3 2 Melden
  • Luca Brasi 16.07.2018 20:36
    Highlight Dem gemeinen Fußballfan und Sascha Ruefer ist doch bei jedem Turnier egal, wo es stattfindet, solange es für SIE reibungslos läuft. Das Bier sollte einfach kühl sein, die Hotdogs lecker und die weibliche Volunteer ein hübsches Lächeln haben.
    Man macht am Anfang einen auf moralisch betroffen, um sich das Gewissen zu beruhigen, aber während dem Turnier ist es den Medienschaffenden vor Ort, den Spielern und den Fans schnurzpiepegal, was sonst in einem Land abgeht. War in Argentinien 1978 auch nicht anders. Schlußendlich bringt ein Turnier TV-Quoten oder Clicks und Werbeeinnahmen bei Newsportalen.
    9 0 Melden
  • ThomasHiller 16.07.2018 19:34
    Highlight Interessante Analyse.
    Und wie es genau anders in der Analyse aussehen kann zeigt t-online.de (das man eigentlich mittlerweile als eine Art Schwester von watson bezeichnen kann?):

    https://www.t-online.de/sport/fussball/id_84115858/wm-fazit-freiheit-nach-schlagloch-prinzip-wie-putins-plan-nicht-aufging.html
    5 1 Melden
  • Radiochopf 16.07.2018 19:06
    Highlight Statt Russland mehr zu isolieren, helfen genau solche Anlässe! Die Gäste merken das vieles über Russland Propaganda ist und umgekehrt genauso! Glaubt ihr die Russen sehen die friedlichen Fans aus der ganzen Welt als Feinde und himmeln Putin nich mehr an?meint ihr die Russen lieben Putin mehr wegen der Schirm-Szene? wo sind die Fussball-Fans die nun schlecht über Russland und die Menschen reden nach ihrem Besuch? Da müsste es Millionen geben die nun über diese schreckliche Land und Leute berichten.. die Gewinner waren das russische Volk und die Gäste, aber man kann auch alles schlecht machen
    10 2 Melden
  • Pisti 16.07.2018 18:57
    Highlight Dass kaum Europäer in Russland zu sehen waren liegt wohl eher am sinkenden Wohlstand, als an Vorurteilen und Misstrauen gegenüber Russland. Das Bild dass es immer weniger Europäer vor Ort hatt, trifft ja auch auf andere Destinationen zu.
    5 2 Melden
    • Luca Brasi 17.07.2018 08:37
      Highlight Erklärt aber nicht warum massiv mehr Lateinamerikaner in Russland waren.
      An der EM vor 2 Jahren in Frankreich waren viele Fans unterwegs.
      1 1 Melden
    • Pisti 17.07.2018 11:06
      Highlight Auch in vielen Lateinamerikanischen Ländern ist der Wohlstand zumindest minim gestiegen. Kolumbien und Peru zum Beispiel haben recht aufgeholt. Zudem sind diese Länder natürlich auch komplett verrückt nach Fussball. Aber natürlich ist es auch so dass Russland traditionell gute Beziehungen pflegt mit den Lateinamerikanischen Staaten.
      2 0 Melden
    • Luca Brasi 17.07.2018 11:27
      Highlight Das mag ja stimmen, aber ist das Lohnniveau wirklich mit demjenigen der Westeuropäer zu vergleichen plus anfallende Flugkosten, etc.?
      Bei der EM in Frankreich waren die Fans doch recht stark vertreten (gut, u.a. v.a. Nordiren und Iren).
      Ich glaube, dass doch ein gewisser Teil der ausbleibenden Fans aus Westeuropa mit Misstrauen und Vorurteilen zu tun hatte. Aber wie bei vielen Themen ist es wahrscheinlich auch hier ein Mix aus allem.
      0 0 Melden
  • Bene86 16.07.2018 18:23
    Highlight Es geht eben nicht gänzlich ohne Gebashe.

    Hätte die WM Skandale erlebt, hätte sich der westliche Journalismus wie ein ausgehungerter Wolf darauf gestürzt.

    Nun ist aber nichts vorgefallen. Keine Terrorgefahr, keine Hooligans und ein reibungsloser WM-Ablauf. Das muss nun die westl. Presse zähneknirschend hinnehmen.

    Ah nein Moment, der Regenschirm-Skandal wird jetzt insb. den deutschen Medien ausgeschlachtet, so intensiv es halt nur geht. Man spührt das Zähnegefletsche auch aus diesem Aftikel gut genug heraus.

    Apropo "Russen-Versteher:.... Darf man euch USA-Versteher nennen?
    10 2 Melden
  • sir_kusi 16.07.2018 17:41
    Highlight Hat der Autor diesen Text im Büro in Zürich geschrieben, mit Infos vom „Hören-Sagen“ (bzw aus Artikeln anderer Journalisten), oder war er tatsächlich vor Ort und hat mit den Leuten gesprochen?
    3 0 Melden
  • the guy who did nothing wrong 16.07.2018 17:28
    Highlight Ich finde hier kann man Russland mal loben, man sollte nicht immer eine WM mit Menschenrechten ankoppeln oder mit der Korruptionsbilanz solange die Organisation hervorragend war. Was dannach kommt wird man in ein paar Jahren sehen, zumal die Stadien auch nachher benutzt werden. Das dauert ein paar Jahre bis man denn nach WM Effekt sehen kann, in DE hat es sehr gut geklappt in SA 2010 und Brasilien war es katastrophal was nachher passierte.
    93 18 Melden
    • midgo 16.07.2018 18:32
      Highlight Mit WM Effekt meinen sie lediglich die weitere Nurzung der Stadien? Tiefschürfende Kommentar, wirklich....
      Btw. die Hitler-Olympiade war auch hervorragend organisiert gewesen. Freuen wir uns nun auf Kuweit. Das wird sicher auch hervorragend. Mit viel Geld lassen sich schöne potemkinsche Dörfer bauen, hervorragende. Der Effekt selbiger war allerdings nicht Nachhaltig, die Romanows mussten bitter für die 'Selbst'-Täuschung bezahlen.
      2 9 Melden
    • DerTaran 16.07.2018 18:37
      Highlight Nein, stimmt schon, Menschenrechte sind sowas von überbewertet!
      3 7 Melden
  • Gipfeligeist 16.07.2018 17:17
    Highlight Und während der gesammten WM wurden die Zustände in Russland totgeschwiegen. Ja, die Putin-WM war ein voller Erfolg und die Medien haben brav mitgespielt
    28 62 Melden
  • rodolofo 16.07.2018 17:09
    Highlight Schon die Römer bauten und festigten ihr Imperium mit "Brot und Spielen", sowie mit ruhmreichen Feldzügen, die reiche Beute an Gold und Sklaven brachten.
    Aber die Jagd nach Imperialen Prestige-Erfolgen, wie dem Durchführen von Olympiaden und Weltmeisterschaften hat einen Haken: Sie ist enorm kostspielig und kann ein Land auch ruinieren!
    Die Walliser jedenfalls waren so schlau genug, auf ein solches super-teures Spektakel zu verzichten.
    (Sehr zum Ärger ihres "Oligarchen" Constantin...)
    59 29 Melden
  • Angelo C. 16.07.2018 17:08
    Highlight Gute Analyse - richtig kombiniert 🤔!

    Nach Sotschi haben Putin und Russland eine exzellente Fussball-WM organisiert und präsentiert:

    Schön ausgebaute Stadien, gastfreundliches Ambiente für Fans aus aller Welt, reibungslose Organisation, spannende Spiele - und einfach alles was zu einem gelungenen Anlass dieser Art gehört. Neidlos anerkannt!

    Und so wird er sehr wohl von diesen Anlässen profitieren, zumal der Westen nichts unversucht lässt, ihm und seinem Land ans Bein zu pinkeln. Die ganze, auch die politisch eher neutrale Welt, hat das ganze Spektakel live im TV konsumiert - optimale PR 😉!
    112 19 Melden
    • swisskiss 16.07.2018 17:52
      Highlight Angelo C.: Solange die "politisch eher neutrale Welt" ( oder die apolitische Welt?) nicht zwischenShow /Spiele und Realität/ Brot unterscheidet, sind vordergründiges Wirken wichtiger als nachhaltiges Handeln. Dies führt dazu, die positive Einschätzung wie dieser WM, auf Person, Politik und Status eines Herrn Putin zu übertragen. Diese richtig erkannte PR für Imagepflege, ist die Grundsubstanz JEDES Politikers, der sein eigenes Bild aufwerten will. Von Putin über Macron bis Trump. "Ans Bein pinkeln" ist die Konfrontation der "eher neutralen Welt" mit der politischen Realität dieser Politiker.
      5 2 Melden

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