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Erkenntnisse einer Schwangeren, Teil II: Die Mamamafia

Bild: shutterstock

Gewöhn' dich dran: Du hast keine Ahnung. Von nichts.



Disclaimer

Falls der Titel nicht Warnung genug war, möchte ich darauf hinweisen, dass es im folgenden Text um meine Schwangerschaft geht. Obacht: Kann Spuren von Hormonen, Käseschmiere und Baby-Mama-Drama enthalten. Wegklicken ist bei Desinteresse mehr als erlaubt. So long und vill Liebi.

PS: Falls Ihr Euch grade fragt, ob das jetzt «noch so ein nerviger Mama-Blog» sei, kann ich Euch versichern: Nein, ich kann auch Katzen. Ich bin eine Frau gegen 40, was habt Ihr erwartet?

Ich wurde ja gewarnt. Immer wieder. «Mütter-Mafia», sagten sie. Darüber musste ich immer etwas lachen. «Wart’s ab», kam die Antwort. Ich hätte nicht für möglich gehalten, a) wie recht die Warnenden hatten und b) wie oft ich genau diesen Satz noch hören würde.

Damals aber war ich unwissend, «So schlimm kann’s nicht sein», war ich der Überzeugung – heute, bald im 5. Monat, erwarte ich jeden Abend einen blutverschmierten Nuggi in meinem Bett.

Man muss das mit der «Mütter-Mafia» etwas spezifizieren, denn der Ausdruck ist etwas irreführend. «Mafia» würde nämlich suggerieren, dass da eine Form von Gemeinschaft besteht. Dabei ist das soziale Konstrukt, das zu beschreiben ich hier gleich versuchen werde, mehr ein «Alle-Gegen-Alle». Mit Milcheinschuss. Dabei ist es komplett egal, wann dieser Milcheinschuss stattgefunden hat.

Die Mamamafia ist, was das Wohlwollen und die Geheimhaltung angeht, eine Art Mischung zwischen Crossfit und den Illuminati – also so geheim wie Crossfit und so wohlwollend wie die Illuminati.

Angefangen hat das alles eigentlich relativ harmlos, fast schon liebevoll. Mir fiel auf, dass in der Sekunde, als ich kundtat, dass ich schwanger bin, mit einigen mitlesenden Müttern etwas passierte. So bekam ich in den Tagen nach der Ankündigung mehr als 300 private Messages mit Gratulationen. Soweit, so gut. Das ist ja etwas Schönes und wahnsinnig lieb gemeint, nur hatten mehr als 30 (!) dieser Messages Bilder von Neugeborenen im Anhang. Irgendwelche Neugeborene, wohlgemerkt. Also, schon die Kinder der Absenderinnen (hoffe ich jetzt mal), aber Kinder, von deren Existenz ich nicht wusste und mit deren Müttern ich noch nie ein Wort gewechselt hatte. Da sass ich nun und schaute mit einer Mischung aus Schock und Amüsement auf die kleinen, mehr oder minder hübschen Shrimp-Menschlein und wusste nicht recht, was ich denken sollte. Würde die Geburt meines Kindes auch mich dazu veranlassen wird, ein unverpixeltes Bild meines Nuggets in den Äther hinaus und an eine mir privat gänzlich unbekannte Person zu schicken? Ich glaube nicht (sehrsehrsehr fest nicht), aber ich kann’s ja letztlich nicht wissen. Dieses Oxytocin macht ja ganz lustiges Zeugs mit einem, ich bin Neuropsychologin genug, das zu wissen.

Es stellte sich eine Erkenntnis ein: Wenn es um Mutterschaft geht, fallen Hemmungen, und das in einem Ausmass, das ich nie für möglich gehalten hätte. Auch, was die Kommunikation angeht, online, aber auch direkt. «Häsch au so wundi Nippel?», «Was händs für e Farb, meh Salami oder Chorizo?», «Wie gaht’s em Schleimpfropfe uf dim Muetermund?», «Häsch au Uusfluss?», «Ehner zähflüssig oder meh glibbrig?», «Wie gaht’s dinere Libido?» Und so weiter.

Ich bin ja weiss Gott sehr für offene Kommunikation, aber ich will nicht mit wildfremden Frauen über meinen Zervix-Schleim oder darüber sprechen, ob mein Atem nach faulen Eiern riecht. Wirklich nicht. Ich kann ehrlich gesagt auch nicht sagen, was ich machen werde, wenn mir das erste Mal jemand ungefragt an den Bauch greift. Vor allem, weil’s mich im Moment nur schon aggressiv macht, wenn jemand in 20 Meter Entfernung in meine Richtung atmet. Ich rechne mit einer Mischung aus Kung-Fu, Hysterie und Heulkrampf. Auch das mit dem Anfassen soll definitiv passieren, wurde mir prophezeit – auch da dachte ich einst «EH NÖD», aber ich traue meiner Intuition in solchen Belangen mittlerweile nicht mehr.

Das alles wäre ja noch harmlos. Austausch und Neugierde, Teilen von Glücksmomenten und Identifikation, weil man in derselben Situation ist/war... Kann ich alles irgendwie nachvollziehen.

Aber wehe – WEHE! – man macht/sagt/schreibt irgendetwas Kontroverses bezüglich Schwangerschaft/Geburt/Elternschaft. FÜRIO DE ZEUSLI CHUNT! Falls Ihr Euch jetzt fragt, was in solchen Belangen unter «kontrovers» fällt, gibt es darauf eine simple Antwort: Alles. Sogar Dinge, die man nicht macht/sagt/schreibt. «Unterlassene MILFeleistung» heisst das, ich habe es soeben erfunden und es ist ab sofort offiziell ein Verbrechen.

Ich wurde noch nie so oft als Mutter kritisiert und ich BIN NOCH KEINE MUTTER.

Du hast zu früh verraten, dass du schwanger bist. Du hast zu spät verraten, dass du schwanger bist. Du hättest gar nicht verraten sollen, dass du schwanger bist. Bitte rechtfertige, dass du einen Pränataltest hast machen lassen. Bist du sicher, dass du noch so viel arbeiten solltest? Willst du nicht etwas mehr/weniger Sport machen? Was, du hast noch keinen Geburtsplan? Was, du hast schon einen Geburtsplan? Du hast bis Ende September Lesungen, bei Geburtstermin im Oktober, findest du das verantwortungsvoll? Du hörst Ende September schon mit Arbeiten auf? Aso, wägem Impfe ... Du hättest nicht sagen sollen, welches Geschlecht dein Kind hat, das soll es später selbst entscheiden.

AAAAAAAAH!

Und immer und immer und immer wieder dieses gottver****te «WART’S AB!» Ich glaube, wenn ich mal auf dem Sterbebett liege, heisst’s: «WART’S AB, wenn dein Sohn erst mal pensioniert ist, dann hast du dann das Geschenk! Sobald er seinen eigenen Schrebergarten hat, siehst du ihn NIE WIEDER!»

Es ist wirklich erstaunlich, sobald man irgendwas über seine Schwangerschaft äussert, fühlt man sich in den Chindsgi zurück versetzt: Wenn ein Kind mit Angeben anfängt und alle anderen mitziehen, bis der blöde Silvio irgendwann wieder raus-pääpet, sein «Papi habe imfall einen Panzer!» Genau dasselbe machen gewisse Mütter.

«Nur viermal Kotzen am Tag? Pah! Das ist ja noch gar nichts!», «Wenn ich einen so einfachen Job wie du hätte, wäre das mit der Schwangerschaft einiges easier verlaufen», «Nur 48 Stunden Wehen? Paradiesisch!», «Ja gut, mit einer PDA kann das ja jede – also jede, der das Wohl ihres Kindes nicht ganz so wichtig ist», «Was, deiner hat mit 15 schon durchgeschlafen? Das ist ja ein Spaziergang!», «Ich habe stehend in einem Wasserfall im Regenwald geboren, die Marseillaise singend. Rückwärts. Auf Latein.»

Das alles läuft darauf hinaus, dass «man imfall mehr Expertise hat», in einem Gebiet, das so unglaublich facettenreich und individuell ist, dass es, nebst gewissen wissenschaftlichen Fakten (und auch die sind teils wildester Interpretation überlassen), kaum Expertise gibt. Warum die Mamamafia andere (werdende) Mütter nicht in Ruhe lassen kann, ist mir ein Rätsel. Der Kampfgeist scheint unermüdlich.

Mir fällt das auch immer wieder auf, wenn ich Diskussionen unter Artikeln lese, in denen mal wieder der Nuggigraben (also der Graben zwischen Eltern und Nicht-Eltern) bewirtschaftet wird. Zuerst geht man als geschlossene Mütter-Einheit frontal auf kinder- bzw. eltern-kritische Kommentare von Kinderlosen los, nur um sich im Anschluss noch gegenseitig wegen der Frage zu zerfleischen, wer die ultimativere Supermutter ist.

Gottlob sind bei weitem nicht alle Mütter so, denn mir wurde gesagt, dass das alles mit der Geburt des Kindes noch viel schlimmer wird.

Das hat dann aber einen entscheidenden Vorteil: Dann bin ich Mutter und kann im Internet die Posts von Schwangeren mit «WART’S AB!» kommentieren gehen – und alle entstehenden Diskussionen damit beenden, dass mein Sohn imfall einen Panzer hat.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (37) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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