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Kommentar

Der Anschlag von Kabul: Das brutale Ende von 20 Jahren Lüge

Bild: keystone
Joe Biden schwört Vergeltung für die Anschläge in Kabul. In seiner schwersten Krise muss er die Folgen eines Krieges erklären, der viel zu lange nicht hinterfragt wurde.
27.08.2021, 07:3927.08.2021, 12:16
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Irgendwann stützte sich Joe Biden vor laufenden Kameras im Weissen Haus auf die Mappe seines Redemanuskripts. Unmittelbar zuvor hatte der Präsident das erste Mal so etwas wie authentische und auch emotionale Worte für das Drama in Afghanistan gefunden.

Biden sprach von einem «schweren Tag» nach den Anschlägen in Kabul, bei dem auch US-Soldaten starben. «Wir haben, wie viele von Ihnen, eine Ahnung davon, was die Familien dieser tapferen Helden heute fühlen», sagt der Präsident, dessen später verstorbene Sohn Beau als Offizier im Irak war. «Man hat das Gefühl, als würde man in ein schwarzes Loch in der Mitte der Brust gesaugt. Es gibt keinen Ausweg. Mein Herz schmerzt für Sie.»

Bidens Rede war ein Balanceakt, in dem der Präsident die gefallenen Soldaten als Helden pries, Mitgefühl für die zivilen Opfer ausdrückte und gleichzeitig die Fortsetzung der Evakuierungsmission ankündigte und Vergeltung schwor. Es ist die bislang schlimmste Krise in seiner Präsidentschaft.

Seit dem auf allen Ebenen gescheiterten Truppenabzug aus Afghanistan reagiert Biden nur noch, er hat nicht mehr die Kontrolle über eine Situation, die so schnell eskaliert war. Und nun die verheerenden Anschläge in Kabul, bei denen mindestens 60 Zivilisten und 13 US-Soldaten starben. Einmal mehr muss sich der Präsident an seine Bürgerinnen und Bürgern wenden. Es war der tödlichste Tag für die US-Armee in Afghanistan seit 2011, der IS-Ableger soll verantwortlich sein.

Biden reagierte darauf in typischer amerikanischer Präsidentenmanier. «Wir werden euch jagen», kündigte er an. Und zitierte, ebenso klassisch, die Bibel. Das Buch Jesaja, Altes Testament: «Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?» Und, so Biden, es seien die amerikanischen Soldatinnen und Soldaten die immer wieder antworten würden: «Hier bin ich, sende mich.»

Heldenverehrung, Rache und die Rettung ins Göttliche

Heldenverehrung, Rache und die Rettung ins Göttliche. Joe Bidens Dreiklang kann nicht seine Fehler beim Abzug der Truppen verdecken. Er wird nicht über das hinwegtäuschen, was dieser furchtbare Tag in Afghanistan einmal mehr gezeigt hat und was das eigentliche Drama ist: Dass die letzten Tage dieses Krieges das brutale Ende von 20 Jahren Lüge sind.

Einer Lüge, die ein Grossteil der Amerikanerinnen und Amerikaner auf beiden politischen Seiten zunächste geglaubt, irgendwann hingenommen und bis zum Ende oft genug nur halbherzig hinterfragt hat, als es nur noch darum ging, die Truppen heim zu holen.

Sieben Tage nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hatte George W. Bush als Präsident eine gemeinsame Resolution des Kongresses unterzeichnet, die die Anwendung von Gewalt gegen die für die Angriffe Verantwortlichen genehmigte. Die Regierung rechtertigte damit nicht nur die Invasion in Afghanistan, sondern später auch das Gefangenenlager in Guantanamo oder das weitreichende Abhören der eigenen Bürgerinnen und Bürger ohne richterlichen Beschluss.

Alles im Namen der Verteidigung der amerikanischen Nation, des amerikanischen Ideal von Freiheit und Demokratie. Nach den unfassbaren Bildern der brennenden und einstürzenden Türme in New York konnte sich das Land dahinter vereinigen, ja die gesamte westliche Welt versammelte sich für einen Moment hinter den Vereinigten Staaten.

Das Selbstbild einer Nation

Mit den Jahren wurde die Angst vor der Angreifbarkeit im eigenen Land wieder kleiner, der weit entfernte Krieg rückte in den Hintergrund, die Mechanismen seiner Erzählung übten sich ein. Die Präsidenten und ihre Generäle vermeldeten wahlweise Erfolge oder Durchhalteparolen: Bush empfing den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai im Weissen Haus und verkündete strategische Partnerschaften mit einer nunmehr demokratisch gewählten Regierung. Barack Obama feierte den Tod Osama Bin Ladens, Donald Trump glaubte noch an einen Kampf, der zu gewinnen sei, bevor er schliesslich seinen «Friedensdeal» mit den Taliban schloss. Und Joe Biden wollte den verlorenen Krieg nur noch zu einem Ende bringen, ohne ein Scheitern Amerikas einzugestehen. 

Und die Bürgerinnen und Bürger hörten allem zu und übten wiederum ihre eigene Erzählung ein: Veteranen wurden ins Licht von Sportstadien und anderen Bühnen gestellt, um ihnen öffentlich mit Nationalhymne für ihren patriotischen Einsatz zu danken. «Thank you for your service» ist schnell gesagt, schnell wieder verdrängt und so viel leichter, als sich die Frage zu stellen, warum man diesen Krieg eigentlich so lange ertragen, so lange zugelassen hat.

Antworten darauf lassen sich in vielem finden.

Jetzt auf

Weil es ins Selbstbild einer Nation passte, die sich militärisch gern als als unbesiegbar gibt.Weil es nicht ein neues Vietnam geben sollte, das dieses Bild der Unbesiegbarkeit doch schon einmal erschüttert hatte. Weil man nicht aufgibt, niemals – noch so ein Selbstverständnis.

Weil das, was Joe Biden nun negiert, eben doch Teil der Mission war: Amerikas Vorstellungen von Werten und Demokratie in die Welt zu tragen, egal, ob das funktionieren konnte oder, wie sich schon seit Jahren deutlich wurde, eben nicht.

Und schliesslich, weil eben alle Präsidenten ihre Erzählungen parat hatten, immer wieder mal bessere und mal schlechtere Argumente vorbrachten, um die Lüge vom Sinn dieses Krieges und vom schon lange illusorisch gewordenen Sieg aufrecht zu erhalten.

Das alles ist allerspätestens in diesen letzten Tagen mit den erschütternden Bildern aus Kabul in sich zusammengefallen. Unbeugsam müssten sie alle nun bleiben, sagte Joe Biden in seiner Rede noch. Unbeugsam müssen die Amerikaner nun vor allem darin sein, die Lügen über den Krieg in Afghanistan endlich aufzugeben.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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