Interview
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epa05777769 Erik Fyrwald, CEO of Syngenta presents the 2016 Full Year Results of Syngenta at the Syngenta Headquarter in Basel, Switzerland, 08 February 2017. Syngenta has decreased its profit in 2016 by 12 percent to 1.18 billion dollars.  EPA/PATRICK STRAUB

Syngenta-Chef Erik Fyrwald. Bild: EPA/KEYSTONE

Interview

«Die Wissenschaft sagt klar: Bio-Produkte sind nicht gesünder»

Der neue CEO Erik Fyrwald spricht über die Zeit nach der Übernahme durch ChemChina, zum Bio-Trend und erklärt, warum Syngenta nicht zu einer chinesischen Firma wird.

Patrik Müller und Andreas Schaffner / Nordwestschweiz



Gegenüber dem Badischen Bahnhof in Basel befindet sich der Hauptsitz von Syngenta, des Pflanzenschutz- und Saatgutherstellers mit weltweit 28'000 Mitarbeitern. Von diesem ehrwürdigen Gebäude aus eroberte einst Ciba-Geigy die Weltmärkte. Nun hat hier Erik Fyrwald (57) sein Büro. Vor einem Jahr übernahm der norwegisch-amerikanische Doppelbürger den CEO-Posten. Seither ist viel passiert: Der chinesische Staatskonzern ChemChina hat Syngenta aufgekauft, kommende Woche wird die Übernahme abgeschlossen sein.

Herr Fyrwald, üben Sie schon fleissig Mandarin?
Erik Fyrwald: Wo hui jiang zhongwen yidian.

Wie bitte?
Das heisst: Ich bin daran, die Sprache ein bisschen zu lernen. Allzu hart arbeite ich aber nicht daran (lacht). Wichtiger ist, das Land und seine Kultur zu verstehen. Ich reise seit 1990 regelmässig nach China und kenne es sehr gut.

«Syngenta bleibt eine Schweizer Firma – mit chinesischem Eigentümer.»

Wenn Sie Sitzungen mit den neuen Eigentümern von Syngenta haben: Ist dann immer ein Dolmetscher dabei?
Ja. Einige Vertreter von ChemChina sprechen Englisch, aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ist ein Übersetzer dabei.

Bei Syngenta treffen die westliche und die chinesische Kultur aufeinander. Wie geht das?
Die Kulturen begegnen sich im Verwaltungsrat: Da werden zwei Personen von ChemChina Einsitz nehmen. Zwei weitere Vertreter von ChemChina sind ein Schweizer und ein Franzose. Die vier weiteren Vertreter im Verwaltungsrat haben nicht-chinesischen Hintergrund. Mit insgesamt vier Schweizern im Verwaltungsrat wird das Führungsgremium helvetischer denn je.

Syngenta wird nicht zu einer chinesischen Firma?
Nein. Sie bleibt eine Schweizer Firma – mit chinesischem Eigentümer. Der Hauptsitz bleibt in Basel, ebenso werden unsere übrigen Standorte im Aargau (Stein, Münchwilen und Kaisten, die Red.) in Dielsdorf ZH und in Monthey VS beibehalten. Es wird auch kein chinesisches Management eingeflogen werden. Wo wir die chinesische Kultur spüren: Bei der langfristigen Denkweise unserer Eigentümer.

Wie spüren Sie diese?
Die Chinesen interessieren nicht nur für das nächste Quartal und das nächste Jahr, sondern auch dafür, wie sich Syngenta bis 2025 oder 2030 entwickelt. Das ist in unserer Branche entscheidend: Wir investieren 1,3 Milliarden Franken pro Jahr in die Forschung. Wenn wir ein neues Pflanzenschutzprodukt entwickeln, investieren wir durchschnittlich mehr als 250 Millionen Dollar, und es braucht oft zehn oder mehr Jahre, bis es auf den Markt kommt. Viele westliche Investoren – insbesondere aktivistische Aktionäre und Hedge-Fonds – bringen die Geduld dafür nicht auf. Sie sparen lieber bei den Investitionen, damit sich der kurzfristige Gewinn verbessert und der Aktienkurs steigt. Die Chinesen ticken ganz anders.

«China fasziniert mich seit langem, seine Entwicklung seit den 1990er-Jahren ist beachtlich.»

Sie betonen, bei Syngenta würden die Chinesen gar nicht so viel ändern. Was macht Sie so sicher?
Es gibt Garantien für fünf Jahre: Beispielsweise dass die Forschungsausgaben nicht gesenkt werden, dass die Führungsorganisation bestehen bleibt, ebenso gibt es Standort-Garantien. Wichtiger aber ist, Chinas Motive zu verstehen: Ihr Ziel ist es, die Ernährungssicherheit für das chinesische Volk zu verbessern und die Landwirtschaft nicht nur in China, sondern auch in anderen Ländern zu entwickeln. China hat alles Interesse, dass Syngenta wächst und prosperiert. Zudem: Auch andere Übernahmen westlicher Unternehmen durch chinesische Investoren verliefen positiv – denken Sie an den italienischen Reifenproduzenten Pirelli oder den schwedischen Autobauer Volvo, um nur zwei zu nennen. Beide entwickelten sich seither sehr positiv.

Laut einem Bericht der «Financial Times» sollen ChemChina und Sinochem fusionieren. Was hätte das für Folgen für Syngenta?
Uns ist nichts bekannt über derartige Gespräche.

Sie sind ein liberaler, in den USA ausgebildeter Manager. Stört es Sie nicht, faktisch Staatsangestellter zu werden?
Das sehe ich nicht so. Ich bin der CEO eines global tätigen Unternehmens mit chinesischem Aktionariat. China fasziniert mich seit langem, seine Entwicklung seit den 1990er-Jahren ist beachtlich. 500 Millionen Menschen wurden aus der Armut befreit. China ist für die Weltwirtschaft zentral und hat durch seine Wirtschaftskraft den Wohlstand auch anderswo erhöht.

Sind die Chinesen die besseren Kapitalisten?
Jedenfalls sind sie sehr erfolgreich. Ich glaube, ChemChina passt gut zu Syngenta. Unser Aktionär wird uns helfen, die Türen für den chinesischen Markt zu öffnen. Wir sind dort heute bei Pflanzenschutzmitteln bereits der grösste Anbieter – allerdings mit einem Marktanteil von nur 6 Prozent. Beim Saatgut sind wir in China noch sehr klein. Da können wir noch stark wachsen.

Demonstration am 20. Mai

Über 40 Organisationen haben zur Demonstration gegen Monsanto und Syngenta aufgerufen, darunter Greenpeace, WWF und Pro Natura. «Wird neben der Fusion von Dow und Du Pont und der Übernahme von Syngenta durch ChemChina auch jene von Monsanto durch Bayer Realität, kontrollieren nur drei Agrokonzerne weltweit 61% des Saatgutmarktes und 65% des Pestizidmarktes. Ernährung darf nicht den Konzern- und Kapitalinteressen untergeordnet werden», schreiben sie auf der Website www.marchagainstsyngenta.ch

Die Übernahme von Syngenta ist die grösste Bar-Übernahme, die ein chinesisches Unternehmen je gemacht hat. Wie sich Syngenta nun entwickelt, wird in China scharf beobachtet werden.
Ja, die 43 Milliarden Franken, die ChemChina zahlt, sind deutlich über der zweitgrössten Übernahme, bei der 19 Milliarden investiert wurden. Es handelt sich um ein historisches und strategisches Geschäft.

Wo zahlen Sie eigentlich Steuern?
In Basel-Stadt. Meine Frau und ich wohnen sehr gerne hier. Wir mögen die Stadt und ich habe einen kurzen Arbeitsweg: Zu Fuss oder mit dem Tram.

Wird es in der Schweiz in fünf Jahren mehr oder weniger Arbeitsplätze geben?
Es gibt keine grosse Veränderung bei der Zahl der Mitarbeiter in der Schweiz. Wo wir sehr stark wachsen werden, ist in China. Wir möchten aber an allen Standorten wachsen.

«Auch aus ökologischer Sicht sehe ich nicht nur Vorteile: Biolandwirtschaft braucht mehr Land und auch mehr Wasser.»

Syngentas Stellung im Bereich Saatgut ist schwach, im Gegensatz zum Pflanzenschutz. Wird sich hier etwas ändern?
Ja, wir haben das Thema schon angegangen. Mit Jeff Rowe haben wir seit sieben Monaten einen neuen starken Leiter des Bereichs. Die Strategie und das Geschäftsmodell im Saatgut-Geschäft werden überarbeitet, und es wird hier sicher auch zu Akquisitionen kommen. Wir wollen eine starke Nummer drei weltweit werden.

In der westlichen Welt ist der Bio-Trend unaufhaltbar. Begrenzt das die Wachstumsaussichten von Syngenta?
Nein, im Gegenteil.

Wie das? Pflanzenschutzmittel und Bio – das verträgt sich kaum?
Doch. Viele Konsumenten wissen nicht, dass auch die Bioproduktion Pestizide braucht. Weil Bioprodukte im Vergleich zu konventionell hergestellten Produkten teuer sind, kommen die höheren Preise auch uns zugute.

Stehen Sie dem Bio-Trend skeptisch gegenüber?
Die Wissenschaft sagt klar: Bio-Produkte sind nicht gesünder und hinsichtlich Lebensmittelsicherheit nicht besser als andere Produkte. Auch aus ökologischer Sicht sehe ich nicht nur Vorteile: Biolandwirtschaft braucht mehr Land und auch mehr Wasser. Selbstverständlich bieten wir jedoch auch Bio-Produkte an, wenn das die Konsumenten wünschen. Wir sind für Wahlfreiheit.

Sie selber kaufen nicht Bio ein?
Ich schaue darauf, ob das Produkt gut aussieht, gesund und sicher ist – da kann es auch mal bio sein. Aber die Konsumenten sollten wissen, dass sie einen höheren Preis bezahlen für ein Produkt, das gar nicht anders ist als ein konventionell hergestelltes Produkt.

Was hältst du vom Bio-Hype?

Die Weltbevölkerung wächst, bald werden 9 oder 10 Milliarden Menschen ernährt werden müssen. Wie sehen Sie die Rolle von Syngenta?
Heute gehen jeden Abend 870 Millionen Menschen hungrig zu Bett. Die wachsende Weltbevölkerung können wir laut FAO nur dank einer Produktionssteigerung um 50% bis ins Jahr 2050 ernähren, also mit technologisch hochentwickeltem Ackerbau, mit fortschrittlichem Saatgut und entsprechenden Pflanzenschutzmitteln. Nur dann wird man auf tendenziell weniger Land mehr produzieren können – in einer nachhaltigen Art und Weise. Auch die Digitalisierung hilft uns weiter: Bauern können künftig noch besser und gezielter ihre Äcker bewirtschaften. Etwa, wenn sie mithilfe von Drohnen feststellen können, wo genau das Unkraut sich befindet und dann gezielt die Spritzmittel einsetzen können. (aargauerzeitung.ch)

The Dirty Dozen: Dieses Obst und Gemüse kauft man besser immer BIO!

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