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Der algerische Polit-Aktivist Rachid Nekkaz, links, und Karima im Niqab demonstrieren gegen das Burka-Verbot im Kanton St. Gallen, am Mittwoch, 3. Oktober 2018, in St. Gallen. Nekkaz sagt, er wolle der Bevoelkerung die Angst vor dem weiblichen Islam nehmen und die Bussen von verschleierten Frauen uebernehmen. Nekkaz beschreibt sich selbst als Gegner der Verschleierung, er wolle den Frauen aber die Freiheit dazu lassen. In St. Gallen bewarb er ausserdem sein Buch

Demonstranten in St. Gallen während einer politischen Aktion. Bild: KEYSTONE

Eine schleierhafte Zahl prägt den Burka-Abstimmungskampf: Wie sie zustande gekommen ist

Die Gegner eines Verhüllungsverbots stützen sich auf eine Studie mit dünner Datenbasis. Das sind die Hintergründe.

Andreas Maurer / ch media



Viele Volksabstimmungen haben eine Zahl, die das Argumentarium prägt. Oft steht davor das vielsagende Wörtchen «nur».

Bei der Heiratsstrafe war es die Zahl von nur 80'000 Ehepaaren, die betroffen sein sollten (später stellte es sich heraus, dass es fünf Mal mehr sind).

Beim Nachrichtendienstgesetz war es die Zahl von nur zehn «Fallkomplexen» pro Jahr, die von den Überwachungsmassnahmen betroffen sein sollen.

Und im Abstimmungskampf um das Verhüllungsverbot ist es die Zahl von nur zwanzig bis dreissig Frauen, die in der Schweiz mit verhülltem Gesicht herumlaufen sollen. Die Zahl ist in aller Munde, weil sie quasi amtlich beglaubigt ist. Justizministerin Karin Keller-Sutter hat nämlich auf die entsprechende Studie verwiesen.

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Die Studie stammt vom Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti der Universität Luzern. Er hat mit fünf Studentinnen ein Buch geschrieben, in dem er die Zahl herleitet. Er hat dazu eine Umfrage bei muslimischen Verbänden gemacht. So hat ihm eine Quelle eine Schätzung für beide Basel geliefert, eine Quelle hat er in Bern, zwei in Genf und drei in Zürich. Dort behauptete ein Muslim, er kenne zehn Nikabträgerinnen, der zweite meinte, es seien «sicher mehr als zehn», und der dritte glaubt, es seien nur eine bis zwei. Daraus bastelte der Forscher für Zürich einen Durchschnitt von zehn bis zwölf. Zu den anderen Kantonen hat er keine Quellen, sondern setzt einfach eigene Schätzungen in die Tabelle, weil diese «aufgrund der Bevölkerungsstruktur anzunehmen» seien. Durch eine Addition kommen nun die 21 bis 37 Nikabträgerinnen zustande, die immer wieder genannt werden.

Unseriöse Zahlen gegen noch unseriösere Zahlen

Die Stärke des Buchs ist, dass die Autoren ihr Vorgehen transparent machen. So lüften sie selber den Schleier über der Schwäche ihrer Studie. Es handelt sich nicht um eine Statistik, sondern um Schätzungen von Verbänden, die an tiefen Zahlen interessiert sind.

Trotzdem hat sich diese Zahl durchgesetzt. Der Grund: Die bisherigen Zahlen sind noch unseriöser. Vorher galt eine Interpellationsantwort des Bundesrats als Standard. Darin stützte er sich auf Angaben des französischen Innenministers, der von 1630 vollverhüllten Frauen bei fünf bis sechs Millionen Muslimen sprach. Umgerechnet auf den Bevölkerungsanteil in der Schweiz kam der Bundesrat auf 95 bis 130 Nikab-Trägerinnen. Er relativierte aber, dass die effektive Zahl kleiner sein dürfte. Denn die meisten Musliminnen in der Schweiz stammten nicht aus Ländern, in denen eine Vollverschleierung üblich sei.

Die Behörden können keine genaueren Angaben machen, weil sie in ihren Integrationsprogrammen das Problem der Verhüllung nicht erfassen. Die tatsächliche Zahl bleibt schleierhaft. Der Bundesrat ist sich diesmal des Problems bewusst und erwähnt die Schätzung im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Vorlagen nicht explizit im Abstimmungsbüchlein. (aargauerzeitung.ch)

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