Spanien

Demonstranten fordern die katalanische Unabhängigkeit.  Bild: EPA/ANSA

Reportage aus Barcelona: «Der Artikel 155 ist ein Desaster»

Madrid macht Ernst: Mit dem Artikel 155 will die Regierung das Streben der Katalanen nach Unabhängigkeit endgültig beenden. Separatisten in Barcelona wollen sich dennoch nicht beugen.

21.10.17, 20:15 22.10.17, 01:47

Kristin Haug, barcelona

Ein Artikel von

Joan Fabregat Badía hat sich eine rote Baseballkappe aufgesetzt. Darauf sind gelbe Streifen, ein blaues Dreieck und ein weisser Stern gestickt. Die Farben stehen für die katalanische Fahne. Die Beine machen zwar nicht mehr mit, doch Fabregat Badía wollte unbedingt nach Barcelona kommen, um für die Unabhängigkeit Kataloniens zu kämpfen. Fabregat Badía ist 84 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Seine Kappe trägt er mit Stolz.

«Was wissen die aus Madrid schon von uns.»

Seine Tochter hat ihn hergefahren, 50 Minuten mit dem Auto aus einem Vorort Barcelonas. Tausende Demonstranten versammeln sich an diesem Tag in der Stadt. Der Rentner ist wütend. «Der Artikel 155 ist ein Desaster», sagt er. «Was wissen die aus Madrid schon von uns.» Die Zentralregierung hätte kein Recht, sich hier einzumischen. Doch genau das tut Madrid - und zwar genau an diesem Tag.

Bild: EPA/ANSA

Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy will das katalanische Streben nach Unabhängigkeit endgültig unterbinden und macht deshalb Gebrauch vom Artikel 155. Das kündigte er zuvor am Samstagmittag an.

Genauer gesagt will Rajoy den katalanische Regierungschef Carles Puigdemont und seinen Vize absetzen. Innerhalb von sechs Monaten sollen Neuwahlen stattfinden, Madrid wird bis dahin kommissarisch die Amtsgeschäfte in Katalonien weiterführen - wenn der Senat zustimmt.

«Spanien will nur Geld von den Katalanen.»

Das Gremium wird am Freitag über Rajoys Vorhaben entscheiden. Das habe das Präsidium der zweiten Parlamentskammer am Samstag beschlossen, teilte ein Senatssprecher mit. Die Zustimmung gilt indes als sicher, da die konservative Volkspartei (PP) des Ministerpräsidenten dort die absolute Mehrheit hat.

Rajoy ging seinerseits auf die Furcht der Katalanen vor einem Verlust ihrer Autonomierechte ein. Mit der Massnahme würden «weder die katalanische Autonomie noch die autonome Verwaltung der Region suspendiert», sagte er. Vielmehr würden die Verantwortlichen abgesetzt, die die Regionalregierung «ausserhalb des Gesetzes» gestellt hätten.

Es ist dennoch ein klares Zeichen: Der Regierungschef will sich nicht länger von Puigdemont hinhalten lassen, der sich in den Tagen und Wochen nach dem umstrittenen Referendum vom 1. Oktober darum gedrückt hatte, die Unabhängigkeit offiziell auszurufen.

«Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Repression oder Revolution»

90 Prozent der Wähler hatten sich für die Unabhängigkeit ausgesprochen, bei einer Wahlbeteiligung von rund 43 Prozent. Doch belegen lassen sich die Zahlen nicht, weil es keine Wählerlisten oder -register gibt und Polizisten viele Wahlurnen beschlagnahmt hatten.

Bild: EPA/EFE

Doch wie soll es nun weitergehen in Katalonien?

Wer an diesem Samstag in Barcelona mit Bürgern spricht, hört vor allem die Kritik an der Entscheidung Madrids. «Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Repression oder Revolution», sagt Miguel Angel Sanchez Martinez. Der 29-jährige Arzt aus Barcelona ist der Meinung, dass die Regierung in Madrid schon seit vielen Jahren Katalonien unterdrückt. «Spanien will nur Geld von den Katalanen. Wenn diese sich dagegen wehren, dann antwortet Madrid mit Repression.»

«Trotz des Artikels 155 müssen wir weitermachen.»

Sanchez Martinez will deswegen weiter kämpfen. Er vertraut Carles Puigdemont, weil er der einzige Politiker sei, der stets zu seinem Wort gestanden habe. Um zu verdeutlichen, wie ernst es die Katalanen meinen, könnten sie eine Woche lang in einen Generalstreik treten und auf diese Weise eine Revolution auslösen, schlägt Sanchez Martinez vor. Doch er ist sich auch bewusst, dass das Problem nicht einfach zu lösen sei. «Ohne internationale Hilfe geht es nicht.»

«Die Firmen werden zurückkehren. Oder es werden neue Unternehmen kommen.»

Auch Enriqueta Bertran Esteve ist davon überzeugt, dass Katalonien für die Unabhängigkeit kämpfen sollte. «Trotz des Artikels 155 müssen wir weitermachen», sagt die 62-jährige Rentnerin. Puigdemont stehe für politische Vielfalt, er mache einen guten Job. Negative Folgen fürchtet sie nicht, obwohl so viele Unternehmen ihre Firmensitze in andere Regionen Spaniens verlegen wollen, weil sie Angst davor haben, plötzlich nicht mehr Teil der EU zu sein. «Die Firmen werden zurückkehren. Oder es werden neue Unternehmen kommen.» Vor allem Firmen, die Trommeln und katalonische Fahnen herstellen, hätten gute Chancen hier, scherzt sie.

Ana Maria Sirvent sieht das anders. Die 27-Jährige ist gegen die Unabhängigkeit und fragt, ob ihr Statement auch in spanischen Medien erscheinen wird. Falls ja, müsse sie befürchten, in Barcelona mit Eiern beworfen zu werden. Sie hat Angst, dass zu viele Unternehmen Katalonien verlassen könnten. Das Opfer müssten die Arbeiter tragen, die ihre Jobs verlören. «Die Politiker sollten miteinander reden und eine Einigung herbeiführen», sagt sie.

«Wir haben keinen Bock mehr.»

Von Neuwahlen hält sie wenig. Wenn, dann müsste schon das ganze Land neu wählen, denn überall gebe es Korruption, die Politiker spielten nur mit den Menschen - so auch Rajoys Partido Popular.

Viele Menschen, die man am Tag auf den Strassen Barcelonas trifft, sind für die Unabhängigkeit. Sie wollen sich nicht einschüchtern lassen von den Entscheidungen aus Madrid. «Wir haben keinen Bock mehr», sagt auch Núria Fabregat Piñol , die ihren Vater im Rollstuhl nach Barcelona brachte. Von den Massnahmen aus Madrid oder den spanischen Nationalisten lässt sie sich nicht abschrecken. «Die Polizei ist ja schon längst auf der Strasse und wenn die Behörde Panzer schickt, wird Europa zuschauen.» Sie sei, so wie alle Katalanen, pazifistisch.

«Wir demonstieren bis zum Schluss.»

Núria Fabregat Piñol will an diesem Tag mit ihrem Vater noch lange in Barcelona bleiben. «Wir demonstrieren bis zum Schluss», sagt sie, zündet sich eine Zigarette an und setzt sich eine rote Baseballkappe mit der Fahne Kataloniens auf - so wie ihr Vater.

Mit Material von AFP und dpa

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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18
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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ujay 22.10.2017 13:14
    Highlight Was? Die Katalanen warten auf internationale Hilfe? Schwach....die haben sich das selber eingebrockt....also selber lösen. Wer denken kann, nimmt ihnen die Opferrolle eh nicht ab.
    1 2 Melden
  • Mario Kesselring 22.10.2017 09:07
    Highlight Die Verfassung wurde noch unter den Fuchteln der Militärregierung konstruiert und unter ständiger Drohung von Militärputch verabschiedet. Die Richter dieses Verfassungsgerichtes sind Parteipolitisch besetzt und respektieren nicht Verfassungsänderungen, welche mit grossen Mehrheiten durch das katalanische Parlament, durch Rechtgültige Referenden (Statut von 2006) und das spanische Parlament abgesegnet wurden. Genug ist genug.


    14 3 Melden
    • ujay 22.10.2017 13:17
      Highlight Witzbold. Ein Regionalparlament kann die Spanische Verfassung nicht ändern. Ist heute Märchenstunde?
      1 2 Melden
  • Enzasa 22.10.2017 03:32
    Highlight Besser wäre wohl die Frage, was erwarten Sie konkret von der Unabhängigkeit?
    Etwa mehr Demokratie?
    Einfach lächerlich in Zeiten, wo in der EU um weniger Grenzen gerungen wird, zu glauben, dass man sich und dem Rest der Welt was Gutes tut indem man neue Staatsgrenzen schafft.
    19 17 Melden
  • ujay 22.10.2017 03:31
    Highlight Nicht der Artikel 155 ist ein Desaster, sondern die "Strategie" von Puigdemont. Erpressung funktioniert in einem demokratischen Staat nicht. Wenns dann nicht funktioniert, auf künstliche Empörung machen. Plump.
    23 13 Melden
  • Pirat der dritte 22.10.2017 01:21
    Highlight Der Spiegel - journalistische Tiefflieger! Ich möchte mal hören, wenn sich Bayern lossagen würde und ein eigenes Königreich gründen wollte!
    22 6 Melden
  • Ohniznachtisbett 22.10.2017 00:30
    Highlight Warum geniessen diese Seperatisten in linken Medien so viel Sympathie? Es ist eine Verfassungswidrige Sezession. Komischerweise sind die Kommentare zu eher rechten Unabhängigkeitsbewegungen diametral anders, obwohl es um Ähnliche Probleme geht. So z.B. in Flandern und in Norditalien.
    31 35 Melden
    • phreko 22.10.2017 03:14
      Highlight Weil weder flandern noch norditalien wirklich von der zentralregierung drangsaliert wird?
      14 17 Melden
    • dä dingsbums 22.10.2017 08:47
      Highlight phreko: Wie wird Katalonien von der span. Regierung drangsaliert?
      7 5 Melden
    • Yolo 22.10.2017 10:42
      Highlight Die separatistische Bestrebungen werden hier vor allem durch die Rechte befürwortet, wobei es dort hauptsächlich um eine EU feindliche Haltung geht.
      2 1 Melden
    • rauchzeichen 22.10.2017 10:43
      Highlight finanziell? guarda civil? autonomierechte die zurückgefahren werden?
      3 2 Melden
    • Mario Kesselring 22.10.2017 13:19
      Highlight @dingsbums. kleines Beispiel gefällig? Katalonien hat den Stierkampf verboten und das Verfassungsgericht hat das Verbot aufgehoben, weil der Stierkampf zum kulturellen Erbe Spaniens gehört.
      3 0 Melden
    • phreko 22.10.2017 15:52
      Highlight @dingsbums, hat nicht Rajoys Partei vor ein paar Jahren durch das Verfassungsgericht Katalonische Autonomiebestimmmungen aufheben lassen?
      1 0 Melden
  • dä dingsbums 21.10.2017 23:54
    Highlight Man foutiert sich also um die Verfassung sowie richterliche Anordnungen, aber die bösen sind die anderen.

    So wird das nichts.

    26 18 Melden
    • Nocciolo 22.10.2017 04:05
      Highlight Das herrschende Recht ist immer das Recht der Herrschenden.
      18 1 Melden
  • senfmayo 21.10.2017 23:51
    Highlight Die Brillenindustrie könnte sich wohl gut in Barcelona ansiedeln, die Katalanen scheinen allesamt ziemlich kurzsichtig zu sein.
    32 34 Melden
  • Scaros_2 21.10.2017 21:55
    Highlight Achon ein wenig naiv zu glauben das Unternehmen zurückkehren wenn katalonien nicht teil der EU ist. Brexit hat ja gezeigt was unabhängigkeit heisst
    23 18 Melden
    • dä dingsbums 22.10.2017 08:45
      Highlight Die meisten Firmen die vor dem Referendum aus dem Quebec abwanderten, sind auch niemals zurückgekehrt.
      5 0 Melden

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