Kommentar
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Eine kleine Sprachkritik

Kommentar

Keine Angst, alle Fremden sind und bleiben Barbaren – so wie wir 



Herr Pfister hat Angst, dass vor seinem gepflegten Bauernhof eines Tages ein Minarett zu stehen kommt, von dessen Spitze ein Muezzin mit seinem morgendlichen Gebetsruf die hauseigenen Hähne übertönt. Für dieses Phänomen gibt es ein Wort, gar ein Unwort, und es nennt sich Überfremdung

«Zu viele Türken!», ruft Herr Hofer aus, während er versucht, das Stückchen Kebab, das sich so fies zwischen seinen Zähnen verfangen hat, heraus zu grübeln. 

So viel Fremdheit. Und sie bedroht die schweizerische Identität. Irgendwann werden unsere helvetischen Wurzeln in diesem globalen Einheitsbrei versunken sein.

Die Angst vor dem Fremden ist so alt wie die Menschheit selbst 

Für den griechischen Geschichtsschreiber Herodot waren alle Nicht-Griechen Barbaren. 

Die Barbaren waren die Stotterer, die Stammler, die Br-br-Sager, die man nicht verstand. 

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Das war ursprünglich nicht abwertend gemeint, sondern eine rein sprachliche Differenzierung: Die Barbaren waren die Stotterer, die Stammler, die Br-br-Sager, die man nicht verstand. Erst im Zusammenhang mit den Perserkriegen erfuhr der Begriff eine eindeutig negative Färbung. 

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Der Perserkönig Xerxes zog im Jahr 480 v. Chr. mit seinem Heer gegen Griechenland. Die wohl berühmteste Schlacht des Krieges ist die an den Thermophylen, wo sich der Legende nach 300 Spartaner unter der Führung König Leonidas' für die Freiheit Griechenlands opferten und bis zum letzten Mann gegen das weit überlegene Perserheer kämpften. Im Bild: Die Unsterblichen aus dem Film «300». Bild:  gaiahealthblog

Die Römer wiederum reagierten auf diesen Begriff empfindlich, nahmen sich davon aus und bezeichneten ihre eigenen Feinde als Barbaren: Kelten, Karthager, Thraker, Skythen, Gallier, Germanen und Parther, sie alle: Barbaren! 

Obwohl die römische Elite sich der Sprache, der Rhetorik, der Philosophie und der Götter der Griechen bediente (sprich der ganzen griechischen Kultur), empörte sich Tacitus über zu viel griechischen Einfluss: Die Jugend drohe durch volksfremde Neigungen zu entarten, indem sie nur noch faul im Theater rumhänge, sich auf Sportplätzen splitternackt betätige und sich dem griechischen Usus der Knabenliebe hingebe.

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Thomas Couture, die Dekadenz der Römer, 1847. Bild: musee-orsay

Es ist ja nicht so, dass es die Römer auch ohne die Übernahme griechischer Eigentümlichkeiten bunt genug trieben. 

Wenn wir uns also seit jeher vor fremdem Einfluss fürchten, mag das daran liegen, dass wir damit immer einen Machtkonflikt verbinden: Wenn jemand oder etwas Einfluss auf uns ausübt, so heisst das immer auch, dass es Gewalt über uns gewinnen oder uns sogar irgendwann beherrschen kann. 

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Und weil es fremd ist, sagt der Mensch immer zuerst nein dazu. Wir halten unsere Weltanschauung, unsere moralischen Werte und Kulturgüter für die wahren und richtigen. Wir werden in sie hineingeboren, mit ihnen erzogen und mit ihnen erwachsen. Und selbst wenn wir uns aufmachen, die Welt zu erkunden, wenn wir offen sein wollen für das, was da draussen lauert, so beginnen wir immer zuerst mit einer Unterscheidung. 

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Karte der Magellanstrasse, Kupferstich aus Hulsius' Reisewerk.  Bild: gutenberg

Magellan traf im Jahre 1520, kurz vor der langersehnten Entdeckung des Durchganges zum Pazifischen Ozean, auf ein Volk nördlich des Feuerlandes: Eines Morgens erschien auf einem Hügel eine sonderbare Gestalt, ein Mensch, den die Männer zunächst gar nicht als ihresgleichen erkannten, denn im ersten Schreck der Überraschung schien er ihnen um das Doppelte das gewohnte Mannesmass zu überragen. 

Pigafetta schrieb dazu in seinem Tagebuch: «So gross war dieser Mann, dass wir gerade bis zu seinem Gürtel reichten.» Besonders auffallend waren die riesigen Füsse dieses gewaltigen Menschen und dieses «Grossfusses» (patagão) wegen benannten die Spanier die Eingeborenen Patagonier und ihr Land Patagonien. 

«So gross war dieser Mann, dass wir gerade bis zu seinem Gürtel reichten.»

Pigafetta

Die Macht der Sprache

Das Denken ist in erster Linie die Fähigkeit, unterscheiden zu können. Dies ist die Urformel aller Erkenntnis, denn nur durch den Akt der Unterscheidung können wir etwas bestimmen und benennen. Der Mensch unterscheidet demnach, sobald er denkt. Was er darüber hinaus tut, ist das Unterschiedene zu werten: Er sieht die Welt von seinem Standpunkt aus und beurteilt die Dinge und Menschen nach seinem Weltwissen, seinen Erfahrungen und Normen. 

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Sprache als Ausdruck unseres Denkens ist mächtig, weil sie unsere Wahrnehmung strukturiert. 

Sprache als Ausdruck unseres Denkens ist mächtig, weil sie unsere Wahrnehmung strukturiert. Und genau deshalb können Wörter gefährlich werden: Überfremdung klingt nach Wissenschaft, nach ausgewerteten Zahlen, die objektiv belegen sollen, dass jetzt zu viel Fremdheit herrscht. Dieses Unwort rutscht über die Zunge von zitternden Politikern hinein in unseren Alltag und plötzlich glauben alle eine Vorstellung davon zu haben, was Überfremdung ist und dass ihr schleunigst der Riegel geschoben werden muss. 

Unsere Ängste blasen das Unwort zu einem Monstrum auf: Wir assoziieren es mit dem Kubaner im oberen Stock, diesem Macho-Gockel, der mit Sicherheit täglich seine Frau prügelt, mit dem Deutschen, der einem den Job in der Klinik weggenommen hat, dem Terror-Moslem, der statt der Hecke vor seiner schäbigen Parterre-Wohnung am liebsten Köpfe stutzt. Und unter dem Kopftuch seiner Frau verbirgt sich sowieso nur eine unterdrückte Barbarin, die keine Silbe Deutsch versteht. 

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Schlagt das Schlagwort tot

Diese Furcht vor der Fremdheit ist real. Und natürlich bedeutet fremd nicht per se auch gut: Es gibt kulturelle Gruppen, die Menschenrechte mit Füssen treten und es ist mehr als recht, sich gegen solcherlei Einflüsse, die unser Normverständnis zutiefst verletzen, zu wehren. 

Doch wer unverantwortlich mit der Kraft der Sprache und ihrer Bilder hantiert, schürt eher die Hysterie, als Abhilfe zu schaffen. Überfremdung; ein hübsch gebündeltes Wort, ein mundgerechter Ausdruck, der alles und genau darum nichts mehr bedeutet. Er ist reif für den Abfall geworden. Und mit ihm sollte man gleich auch die ganzen heraufbeschworenen Ängste entsorgen, die man an diesen Begriff gehängt hat. Vielleicht kehrt dann wieder ein bisschen Ruhe ein. Wir würden wieder selbstständig nachdenken und aufhören, Politikern zuzunicken, die die Ängste der Menschen sprachlich zu instrumentalisieren verstehen. 

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Hugo Ball beim Vortragen von Lautgedichten. Bild: hugo-ball-gesellschaft

«Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt, wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben.»

Hugo Ball, Eröffnungs-Manifest zum ersten Dada-Abend, 14. Juli 1916

Schlagt das Schlagwort tot und findet eure eigene Sprache, eine, die ausserhalb dieser «Nachrednerschaft» steht. Verwendet nicht weiter «diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt, wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben.»

Hört auf Herodot

Herodot sprach von den Barbaren. Ein lautmalerisches Wort, das einst so viel sagte wie: Ich verstehe dich nicht. Vielleicht sollten wir also einfach die uns fremden Sprachen lernen, ein bisschen mehr verstehen wollen, anstatt nur immer auf Abgrenzung zu pochen. Und sollte dennoch alles den Bach runtergehen, so können wir uns immerhin alle gemeinsam über einen ausgeklügelten Abwehr-Plan unterhalten für den Fall, dass die Aliens kommen. 

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Werden sie uns als nächste den Job wegnehmen? Bild: imgur

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Locusto 15.10.2014 16:45
    Highlight Highlight Erneut ein guter Artikel! Ich erachte es als wichtig, dass unsere Gesellschaft wieder ein grösseres Bewusstsein dafür entwickelt, was für ein sich stets wandelndes Ding Sprache doch ist.

    @zzyzxx: Ich denke, die Autorin hat das Wort mehr als Sinnbild benutzt, nicht als Ursache für das Problem. Wenn wir uns wieder mehr darüber bewusst sind, was wir eigentlich sagen, so denke ich, hilft uns das auch für eine differenziertere Betrachtungsweise unserer Gesellschaft und ihres Wandels.
    • Anna Rothenfluh 15.10.2014 17:59
      Highlight Highlight Ich danke dir lieber Nico, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Amen.
  • Muse_Dom 15.10.2014 12:41
    Highlight Highlight Sehr schön geschriebener Artikel!
  • Daniel Caduff 15.10.2014 12:28
    Highlight Highlight Und immer ist es so, dass die Ablehnung der Ausländer da am grössten ist, wo es keine hat.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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