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Wie oft Sie den Storch über Ihrem Haus nisten lassen, ist Ihre Sache. Die Verantwortung dafür aber auch.
Wie oft Sie den Storch über Ihrem Haus nisten lassen, ist Ihre Sache. Die Verantwortung dafür aber auch.Bild: Kafi Freitag
FRAGFRAUFREITAG

Hoi Kafi! Meine Mutter (68) hat die letzten zehn Jahre von Enkeln gesprochen und nun wo sie da sind, sind sie und ihr neuer Partner praktisch immer weg.   

20.08.2014, 13:3320.08.2014, 14:16

Wie kann ich ihr erklären, dass das total egoistisch ist und ich auf ihre Hilfe angewiesen bin? Wir haben ein Mädchen (3 Jahre alt) und Zwillinge (7 Monate). Sie war seit der Geburt der kleinen zweimal bei uns zum Helfen und ist sonst immer unterwegs. Gestern hat sie mir am Telefon gesagt, dass Sie demnächst auf eine zweiwöchige Kreuzfahrt geht. Ich bin fast explodiert vor Wut! Meine Freundinnen haben Mütter und Schwiegermütter, die sich total bemühen. Aber meine ist praktisch inexistent. Du weisst sicher Rat, liebe Kafi. Danke! Sabine, 38

Liebe Sabine 

Da redet Ihre Mutter ein Jahrzehnt von Enkeln und kaum sind sie da, sucht sie das Weite. Und soll ich Ihnen etwas sagen: Ich würde exakt das Gleiche tun! Nein ernsthaft. Ich mache mir immer mal wieder Gedanken über das Leben nach der Pensionierung. Und komme immer zum selben Schluss: Wenn man nicht finanziell auf wirklich edlen Rosen gebettet ist, ist es keine schöne Lebensphase.

Wir werden immer älter und bleiben dank der modernen Medizin auch länger fit. Und dennoch werden wir spätestens mit Mitte 60 aufs Abstellgleis geparkt. Dass danach noch gut und gern 40 Jahre folgen können, in denen man beruflich nicht mehr gefragt ist, ist für mich persönlich eine Horrorvision. Denn Arbeiten bedeutet auch Struktur. Und innerhalb eines Systems gebraucht und gefordert zu werden. Für mich ist diese neue Welt der beinahen Unsterblichkeit wie ein launiger Sommer, auf der ein endloser Herbst folgt, der sich eigentlich wie ein kalter dunkler Winter benimmt.

Kann sein, dass es Menschen gibt, welche es nicht erwarten können, endlich Rentner zu sein. Aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Mir macht die Zeit Angst, die bereits in 25 Sommern Tatsache sein wird. (Vielleicht habe ich darum einen Beruf gewählt, den ich mit 85 Jahren noch im Rollstuhl ausüben kann.) Aber wie dem auch sei. Ihre Mutter ist Rentnerin und hat drum Zeit zum Versauen und anstatt sie mit Ihren Kindern zu verbringen, jettet sie mit ihrem Typen durch die Weltgeschichte. Das können sie egoistisch finden und vielleicht ist es das auch. Aber meiner Meinung nach hat Ihre Mutter das Recht, ihr Leben so zu führen, wie es ihr passt. Dass Sie Ihnen lange Zeit mit dem Wunsch nach Enkeln in den Ohren gelegen hat, bedeutet nicht, dass Sie jetzt auf diese aufpassen muss. Das wäre ja noch schöner! Schliesslich haben Sie als Kind auch wochenlang um ein Meerschweinchen gestürmt und den Stall dann exakt zwei Mal selber sauber gemacht. Stimmt's?

Ich gehe davon aus, dass Sie keine Not leidende alleinerziehende Mutter sind, ansonsten hätten Sie die Wir-Form weggelassen. Dementsprechend liegt es ganz allein in der Verantwortung von Ihnen und Ihrem Partner, wie Sie auf Ihre Kinder aufpassen. Sie dürfen Ihre Mutter gerne um Unterstützung bitten. Einfordern dürfen Sie aber nicht. Ihre Mutter hat bereits einmal für ein Kind gesorgt. Sie hat sich mit ziemlicher Sicherheit für SIE aufgeopfert. Sie wird darum wissen, dass es Spannenderes auf der Welt zu tun gibt. Nämlich zum Beispiel mit ihrem Liebsten auf eine Kreuzfahrt zu gehen. Das kann Ihnen passen, oder nicht. Aber ich würde es genau so tun.

Schliesslich ist so ziemlich der einzige Vorteil des Alters der, dass man wieder frei ist. Man muss in der Regel nicht mehr für seine eigenen Kinder sorgen und hat auch sonst kaum mehr Verpflichtungen, die wirklich Pflicht sind. Gut möglich, dass es in dieser Phase für viele Frauen nichts gibt, als für die Enkel zu sorgen. Aber es gibt auch solche, die darauf überhaupt nicht scharf sind.

Damit ich nicht in die gleiche Falle gerate wie Ihre Mutter, werde ich im Alter vorsorglich damit beginnen, harte Drogen zu konsumieren. Ich habe bis zum heutigen Tag keinen Mut dazu gehabt, weil mein Kopf mein Kapital ist und ich für ein Kind verantwortlich bin. Tatsächlich fühle ich mich schon total verwegen, wenn ich Hanf-Samen in meinen Smoothie mixe. Sobald ich diese Verantwortungen abgeben kann, werde ich mir aber so was von die Kante geben und alles ausprobieren, was illegal und auf dem Markt ist (ausser Meth, dafür werde ich vermutlich auch dann noch zu eitel sein). Damit werde ich mir den Lebensabend etwas versüssen und gleichzeitig sicherstellen, dass man mir keine kleinen Kinder in Obhut gibt. Clever, gell?

Und Sie nennen Ihre Mutter egoistisch??? Lieben Gruss! Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



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Sälber tschuld! 
Bild: Kafi Freitag

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