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epa08913273 Members of the public stand with candles during a memorial for victims of the Covid-19 Coronavirus on New Year's eve who have died in the city during 2020, Johannesburg, South Africa, 31 December 2020. The vigil was organized by the city of Johannesburg.  Level 3 lockdown was implemented last week due to second wave of infections sweeping across the country many of which are  cases of a new variant of the Corivd-19 Corona virus 501.v2, a mutated SARS-CoV-2 variant which holds a higher transmission rate. South Africa is the first African nation to pass one million infections.  EPA/KIM LUDBROOK

Gedenkanlass für Corona-Opfer in Johannesburg, Südafrika. 97 Industrie- und Schwellenländer haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam zwei Milliarden Dosen Impfstoff einzukaufen und sie gerecht zu verteilen. Was bringt das? Bild: keystone

Ungerechte Impfstoffverteilung könnte die Pandemie verlängern

Neue Daten zeigen: Während sich reiche Länder 70 Prozent der Impfstoffe gesichert haben, können ärmere Länder womöglich erst 2023 impfen. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Vanessa Vu / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Während sich die Menschen in Deutschland um die knappen Corona-Impfungen drängeln und Politiker von Exportverboten für Biontech-Impfstoffe sprechen, mehren sich nun die Stimmen, die auf eine sehr viel grössere Herausforderung verweisen: Die wenigen, derzeit verfügbaren Impfstoffe sind im globalen Süden ein noch viel knapperes Gut.

Bereits Anfang Dezember 2020 hatten Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen wie Oxfam, Amnesty International und Global Justice Now gewarnt, dass ärmere Länder in diesem Jahr womöglich nur ein Zehntel ihrer Bevölkerung gegen Corona immunisieren könnten. Ende Januar aktualisierten Datenanalysten des Economist ihre Prognose, wann welches Land die Immunisierung der breiten Bevölkerung starten könnte. Demnach können über 85 Länder mit niedrigem Einkommen womöglich erst 2023 beginnen, ihre Bevölkerung zu impfen. Im Guardian sprach die ugandische Ingenieurin und Frauenrechtlerin Winnie Byanyima angesichts der ungleichen Lage gar von einer «Impfstoffapartheid».

Das Problem mit den Exklusiv-Verträgen

Nun veröffentlichte ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der britischen Fachzeitschrift The Lancet eine weitere Datenanalyse: Aus den verfügbaren Verkaufszahlen gehe hervor, dass sich reiche Länder, in denen rund 16 Prozent der Weltbevölkerung leben, mit Exklusivverträgen 70 Prozent der verfügbaren Impfstoffmengen gesichert haben (The Lancet: Wouters et al., 2021). Gleichzeitig haben ärmere Länder massive Schwierigkeiten, an Impfstoffe zu kommen und sie an ihre Bevölkerungen zu verteilen. Die Pandemie könne aber nicht enden, solange wirksame Impfstoffe noch nicht global verfügbar seien, schreiben die Studienautorinnen und -autoren.

Was tut die WHO?

Die WHO-Initiative Covax sollte eigentlich Erleichterung schaffen. Dafür haben sich 97 Industrie- und Schwellenländer zusammengeschlossen, um gemeinsam zwei Milliarden Dosen Impfstoff einzukaufen und sie gerecht zu verteilen; das entspricht einer Impfstoffversorgung von 20 Prozent der Bevölkerung. Davon profitieren sollen insbesondere 92 ärmere Länder, darunter auch die Ukraine, Moldau, Georgien und Bosnien-Herzegowina. Alles über die 20 Prozent hinaus wollte die WHO in einem nächsten Schritt koordinieren.

Doch die Initiative, die bereits als «gesundheitspolitisches Unikat, Weltpremiere und eine weltgesellschaftliche Anstrengung» gelobt wurde, ist aktuell völlig unterfinanziert. Bis Anfang Februar sicherten Regierungen, Stiftungen und private Spender wie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung Covax rund vier Milliarden US-Dollar zu – es fehlen weitere 6.8 Milliarden, um bis Jahresende die geplanten zwei Milliarden Dosen zu beschaffen.

Umsetzung? Unklar

Auch die Umsetzung ist an vielen Punkten noch unklar. Einige der von Covax bestellten Impfstoffe befinden sich erst in den finalen Testphasen. Laut einer Übersicht der Impfallianz Gavi hat Covax Verträge mit Biontech/Pfizer, Astrazeneca und Serum Institute of India abgeschlossen, zudem gibt es Absichtserklärungen mit Johnson & Johnson und Sanofi-GSK. Die teilweise noch ausstehenden Zulassungen sowie die generelle unsichere Bestelllage erschweren Planung und Aufbau von Produktionskapazitäten.

«Sich grosse Mengen Impfstoff zu sichern stellt die Impfung der eigenen Bevölkerung über die Impfung von medizinischem Personal und Risikogruppen in ärmeren Ländern.»

Studienautorinnen

Eine andere Lösung für das Problem der ungerechten Impfstoffverteilung wäre eine vorübergehende Aussetzung des Patentschutzes für Covid-19-Produkte, sogenannte Waiver. Damit könnten ärmere Länder, die bereits Produktionskapazitäten für Generika haben, Corona-Impfstoffe kurzerhand selbst produzieren.

Dafür haben sich insbesondere Indien und Südafrika gegenüber der Welthandelsorganisation stark gemacht, gut 100 Staaten unterstützen den Antrag, auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder medico international drängen darauf. Doch die USA, Kanada, die Schweiz und die EU-Staaten lehnen den Antrag bislang ab. Im März soll weiterverhandelt werden, ein Entgegenkommen zeichnet sich derzeit aber nicht ab.

Ärmere Staaten verhandeln nun eigene Deals

Vor diesem Hintergrund änderten einige Länder ihre Strategie. Auch ärmere Staaten gehen inzwischen dazu über, wie die reicheren Industriestaaten eigene Deals zu verhandeln und nicht mehr nur auf den Covax-Pool zu setzen. Die Regierungen in Lateinamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien wenden sich dabei vor allem an chinesische, indische und russische Hersteller, die zwar zum Teil wissenschaftliche Standards umgehen, in ihrer Entwicklung und Produktion den amerikanischen und europäischen Firmen aber voraus sind.

Bis Anfang Februar haben laut Wouters et al. mindestens 62 Länder oder Ländergruppen bilaterale Abkommen mit Impfstoffherstellern abgeschlossen. Eine sich selbst verstärkende Dynamik: «Je mehr Länder direkt Impfdosen beschaffen, desto grösser der Zweifel an der Zuverlässigkeit von Covax, was wiederum ein Anreiz ist, selbst Dosen zu beschaffen», heisst es in der Lancet-Studie.

Droht Covax also zu scheitern?

Zumindest dürfte die Initiative nach Einschätzung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihr selbst gestecktes Ziel verfehlen, bis Ende 2021 weltweit einigermassen gleichmässig die ersten 20 Prozent der Menschen zu impfen. Die Hoffnung sei eine andere: Dass ärmere Länder Impfstoffe zumindest günstiger einkaufen können als auf dem freien Markt.

Derzeit liegt der Preis für eine Impfstoffdose aus dem Covax-Pool bei 1.60 bis 2.00 US-Dollar für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, und bei elf US-Dollar für Länder mit hohem Einkommen (die zum Teil aber auf den Kauf über Covax verzichten). Somit können sich ärmere Länder immerhin mehr Impfstoff leisten und früher impfen als sie es ganz ohne externe Hilfe könnten.

Insgesamt ist das für die Studienautorinnen und -autoren dennoch ein unbefriedigende Situation. «Sich grosse Mengen Impfstoff zu sichern stellt die Impfung der eigenen Bevölkerung über die Impfung von medizinischem Personal und Risikogruppen in ärmeren Ländern», schreiben sie in Bezug auf Industriestaaten, die schon früh exklusive Verträge abgeschlossen haben.

Das Fazit

Mit der Missachtung eines globalen Ansatzes zur Impfstoffverteilung würden Chancen für das Gemeinwohl verpasst: weltweit niedrigere Todeszahlen, eine Erholung nicht nur der nationalen sondern der globalen Wirtschaft und weniger unterbrochene Lieferketten. «Eine gerechtere Impfstoffverteilung würde dazu beitragen, die Pandemie schneller einzudämmen und das Risiko von weiteren Mutationen zu verringern, die Impfstoffe weniger wirkungsvoll machen könnten», heisst es im Fazit der Studie.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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