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Warum Basel als einziger Schweizer Bahnhof zwei Uhren hat

Die berühmten Bahnhofsuhren der SBB: Aber nur Basel hat zwei (meistens funktionstüchtige).

Die Antwort, die ausserhalb Basels kaum jemand kennt. Ganz sicher kein Zürcher. Also ziemlich sicher. 

Benedikt Meyer



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Benedikt Meyer trat mal in einem Musikvideo auf, weil die Band die schlechtesten Tänzer suchte. Seither konzentriert er sich auf seine wahren Stärken: Recherchen und Schreiben. Für watson schreibt der Historiker und Buchautor in unregelmässigen Abständen.

Liebe GA-Besitzerinnen, Halbtaxer und Sparbillett-Sucher. Eine Frage, die wir uns alle schon oft gestellt haben: Warum hat der Basler Bahnhof zwei Uhren? Jawoll: An jedem Schweizer Bahnhof hängt aussen eine grosse «Mondaine», bloss in Basel, da hängen zwei.

Eine Mondaine der SBB (also Teile davon):

Die Uhr am SBB-Bahnhofgebaeude in Olten wurde nach einer gruendlichen Sanierung am Donnerstag 14. Juli 2016 wieder in neuem Glanz angebracht. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Bild: KEYSTONE

Zurück ins Jahr 1844. Damals schnaubte der erste Zug über Schweizer Boden und zwar von Mulhouse nach Basel. Das war zugleich die erste internationale Bahnlinie weltweit, was jetzt etwas ist, worauf man durchaus stolz sein könnte, aber die hiesige Erinnerungskultur hat's ja nicht so mit dem Ausland und darum feiert man in der Schweiz heute viel lieber, dass dann drei lange Jahre später reiche Zürcher ihre Dienstboten per Bahn nach Baden zum Spanisch-Brötli-Kaufen schicken konnten. Ist natürlich auch etwas.

Der Lieferdienst der Spanisch Brötli

Hundert Jahre Schweizer Eisenbahnen 1847-1947. Ziemlich originalgetreue Replika, die zudem vereinzelte Teile historischer Fahrzeuge enthielt, Lokomotive mit Achsfolge 2_A

Hiess zwar die Spanisch-Brötli-Bahn, aber auch das nur im Volksmund. Und das Bild lügt auch ein bisschen, weil es sich bei der Komposition auf dem Bild lediglich um eine Replika aus dem Jahr 1947 handelt, als die Schweiz 100 Jahre Schweizer Eisenbahn feierte.  Bild: ETHZ Bibliothek

Für den ersten Schweizer Bahnhof wurde extra die Stadtmauer erweitert, inzwischen stehen aber beide nicht mehr. 1860 wurde dann der «Centralbahnhof» erbaut, ein langes symmetrisches Gebäude, für zwei Bahngesellschaften: eine in Richtung Schweiz und eine in Richtung Frankreich.

Gut und recht, aber wo kommt jetzt die Zeit ins Spiel? Nun, vor der Eisenbahn hatte jeder Ort seine Lokalzeit: 12 Uhr mittags war dann, wenn die Sonne am höchsten stand. Das war vernünftig, aber für die Bahn gefährlich. So starben beispielsweise im amerikanischen Valley Falls 14 Leute bei der Frontalkollision zweier Züge, weil sich die beiden Lokführer nicht einig waren, wie spät es war. Und deshalb fuhren die Züge nach Eisenbahnzeit.

Der Bahnhof zeigte also etwas anderes als der Kirchturm und der Bahnhof setzte sich langfristig durch (was ein wunderbares Symbol dafür ist, wer in der Industrialisierung den Takt angab, aber das nur so als Klammer).

Bahnhof Basel Bahnhofsuhr

Der Bahnhof Basel zu einer Zeit, als die Drämmlis noch kühne Zukunftsfantasie und Asphalt überbewertet war. Bild: Ethz Bibliothek / Staatsarchiv Basel

In der Schweiz nahm man als Eisenbahnzeit die «Berner Zeit». Züge nach Frankreich hingegen orientierten sich an der «heure parisienne». Die Folge: Fuhr um 12.36 Uhr ein Zug von Basel nach Olten und zur gleichen Zeit einer nach Strassburg, dann lagen zwischen der Abfahrt der beiden Züge 20 Minuten. Und zwar richtige, nicht Altpapier. Fuhr der Zug nach Süden zehn Minuten später, so fuhr er zehn Minuten früher als jener nach Norden, aber das schreibe ich jetzt nur, um euch zu ärgern.

Die linke Uhr mit der Berner Zeit und die rechte mit der Pariser Zeit zeigten den Reisenden also an, ob sie zur Zeit waren – je nach Bestimmungsort ihres Zuges. Anders gesagt: Der Blick aufs Bahnhofsportal verriet den Gästen im Hotel Euler, wie schnell sie ihren Frappuccino schlürfen mussten, um den Zug nordwärts, respektive südwärts zu erwischen. Und darum hat der binationale Basler Bahnhof zwei Uhren.

PS: 1871 überholte die rechte Uhr die linke. Der Grund? Im deutsch-französischen Krieg fiel das Elsass ans Deutsche Reich, hinter der Grenze galt neuerdings die Zeit von Berlin. Dort wurde 1893 die «europäische Zeit» eingeführt, wodurch die Uhr nochmals ein wenig vorrückte, bevor die Schweiz diese 1894 ebenfalls einführte, womit die Uhren erstmals synchron gingen.

PPS: Hier noch ein kleines Rätsel: Ich sitze in einer grossen Stadt, trinke Frappuccino, die Uhr zeigt 12 und die Sonne steht im Zenit. Wo bin ich und zu welcher Jahreszeit?

PPPS: Ach ja, ab 1918 gehörte das Elsass wieder offiziell zu Frankreich. Dort galt inzwischen die Greenwich Mean Time und die zwei Uhren waren wieder eine Stunde auseinander. Das änderte sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg.

PPPPS: Antwort zum Rätsel: In Zagreb im Winterhalbjahr. (Gut, Prag wäre ähnlich nahe am 15. Längengrad, aber wer trinkt in Prag schon Kaffee? Oder Catania. Aber dort wird man für Frappuccino gelyncht.) Im Sommer kann es die beschriebene Szene gar nicht geben, wenn um 12 Uhr MESZ die Sonne senkrecht über St.Petersburg steht. Die Uhren zeigen dort aber schon 13 Uhr.

PPPPPS: Bevor ihr jetzt «Huere Brunz, scheiss Sommerzeit!» ruft: Wäre die Sonne hier um 12 Uhr im Zenit, ginge sie Anfang Juli um 04.10 Uhr auf und um 19.50 Uhr unter. Auch nicht so super.

PPPPPPS: Wenn einer etwas Einfaches kompliziert macht, sagen die Welschen «il cherche midi à 14 heures». Den Mittag um 14 Uhr zu finden ist allerdings gar nicht so schwer. Man sitzt in Basel in den Zug, steigt in Paris um und fährt nach Bordeaux, wo die Sonne im Sommerhalbjahr um 14 Uhr im Zenit steht. Dort bestellt man statt eines Frappuccinos am besten eine Flasche Roten, lehnt sich zurück, blinzelt in die Sonne und schaut der Zeit beim Verfliessen zu.

In unter 9 Stunden einen Bahnhof aus dem Boden stampfen

abspielen

Video: srf

Unsere nächste Wohnung wird aussehen wie die Moskauer U-Bahn. Warum? Darum!

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47
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47Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Greententacle 11.12.2018 00:49
    Highlight Highlight Gerne mehr Benedikt und weniger Andreas Meyer für die Schweizer Bahn!
  • tryeen 10.12.2018 19:02
    Highlight Highlight Danke, Benedikt Meyer! Darf ich mir mehr solche Artikel wünschen?
  • aligator2 10.12.2018 11:52
    Highlight Highlight Am neuen St. Galler Bahnhof sind auch zwei Uhren. Die klassische SBB-Uhr geht richtig, die binäre immer wieder mal falsch.
  • Bau Mol Ain 10.12.2018 06:33
    Highlight Highlight Basel tickt anderscht.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Basler_Zeit
  • eBart! 10.12.2018 03:41
    Highlight Highlight "Das war zugleich die erste internationale Bahnlinie weltweit, was jetzt etwas ist, worauf man durchaus stolz sein könnte, aber die hiesige Erinnerungskultur hat's ja nicht so mit dem Ausland und darum feiert man in der Schweiz heute viel lieber, dass dann drei lange Jahre später reiche Zürcher ihre Dienstboten per Bahn nach Baden zum spanische Weggli kaufen schicken konnten."

    4 Themen in einem "Sätzchen" - darauf kann man auch stolz sein.
  • Nathan der Weise 10.12.2018 01:16
    Highlight Highlight Ach ja, da gsbs mal einen der stammelte auch was von 10 min

    Play Icon
    • Zat 10.12.2018 17:44
      Highlight Highlight Uih. Um was für ein Thema gings da eigentlich? Öffentlicher Verkehr? Argumente für Zug statt Flug? Wie lange wäre die komplette Rede gewesen, geht das so weiter? Ich muss glaub mal ein wenig nachforschen, klingt auf eine eigenartige Weise unterhaltsam.
  • Nathan der Weise 10.12.2018 01:14
    Highlight Highlight Basel tickt anders...
  • Palpatine 09.12.2018 22:40
    Highlight Highlight Interessanter Artikel - auch wenn der Grund für die zwei Uhren für jemanden mit Geographie-Grundwissen so kompliziert nun auch wieder nicht ist.

    Aber die postscriptae sind der Hammer... 😎
    • weachauimmo 10.12.2018 02:39
      Highlight Highlight Alles in Ordnung, aber bitte, bitte nicht „postscriptae“ schreiben.
    • DichterLenz 10.12.2018 12:57
      Highlight Highlight Postscripti?
    • Joe Smith 10.12.2018 13:35
      Highlight Highlight Postscripta.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Quacksalber 09.12.2018 22:10
    Highlight Highlight Die Sache mit dem Bahntor wäre eine Interessante Geschichte für sich.
  • Paternoster 09.12.2018 20:07
    Highlight Highlight Sehr schöner schwungvoller intelligenter interessanter lustiger scharfsinniger Artikel. Perfekt! Danke schön Benedikt Meyer!
    • Juliet Bravo 09.12.2018 20:44
      Highlight Highlight 👍🏼👍🏼👍🏼
    • el_mogli 09.12.2018 23:16
      Highlight Highlight Stimme ich absolut zu, aaaaber sommerzeit ist ein brunz, ist natürlich meine meinung.
  • Martello 09.12.2018 19:52
    Highlight Highlight love it!
  • itsnoton 09.12.2018 19:48
    Highlight Highlight Beste Watson-Schreibe ever. Feinsinnig. Danke!
  • Silly_Carpet 09.12.2018 19:46
    • Martello 09.12.2018 23:11
      Highlight Highlight Merci dafür 😍
  • Grave 09.12.2018 19:46
    Highlight Highlight Selten so ein lustiger, verwirrender und lehrreicher artikel zugleich gelesen 😂
  • Diagnose: Aluhut 09.12.2018 19:08
    Highlight Highlight Der Bahnhof in Basel ist eh geil. Etwa der Einzige, bei dem man zuerst noch 15 Minuten ins Zentrum fahren muss 😂
    • Schlange12 09.12.2018 20:34
      Highlight Highlight Sagen mir mal 10. kommt aber drauf an was man unter Zentrum versteht. Barfi 10 Tramm,zu Fuss 15.

      Achtung Sarkasmus
      Jege Grossstatt hat mehrere grosser Bahnhöffe die nicht in der Mitte sind. Paris, Berlin, London, New York und San Francisco.
    • Juliet Bravo 09.12.2018 20:54
      Highlight Highlight Auch der Zürich HB lag damals am Rande des Zentrums. Es war eine Epoche, in der eine Art neue, damals zeitgemässe Zentren gebaut wurden. Die zahlreichen „Bahnhofstrassen“ fast in allen Schweizer Städten zeugen davon. In Basel sieht diese aber auch für mich auch etwas ungelenk aus 😅
    • pazüsen 09.12.2018 21:01
      Highlight Highlight Das liegt unter anderem daran, dass Basel lange die grösste Stadt der Schweiz war. Um 1800 so ca. 15000 Einwohner (Zürich: 5000). Deshalb hat Basel auch die flächenmässig grösste Altstadt. Wie fast überall, wurde der Bahnhof dann an der Stadtmauer gebaut, aber wenn die halt ein grosses Gebiet umfasst, hat man ein wenig länger ins Zentrum.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Joe Smith 09.12.2018 18:48
    Highlight Highlight Tipp für den nächsten Artikel: Warum zeigt sie Sonnenuhr am Basler Münster etwas komplett anderes als die mechanische Uhr? (Das wissen sogar in Basel nur die wenigsten.)
    • Hinkypunk 09.12.2018 19:04
      Highlight Highlight Alte Baslerzeit. Basel tickt andersch :D
    • Joe Smith 09.12.2018 19:20
      Highlight Highlight Hinki: Ich weiss es. Aber viele andere nicht. Aber das ist erst die halbe Miete: Dazu kommt dann noch der Unterschied zwischen der wahren und der mittleren Zeit sowie der Ortszeit und der Zonenzeit. Das sprengt die Kommentarfunktion.
    • EmMa42 09.12.2018 20:46
      Highlight Highlight Huch, das weiss ich wirklich nicht und nähme mich noch Wunder?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Beggride 09.12.2018 18:48
    Highlight Highlight "... dann lagen zwischen der Abfahrt der beiden Züge 20 Minuten. Und zwar richtige, nicht Altpapier."

    Hahaha made my day!
  • Joe Smith 09.12.2018 18:45
    Highlight Highlight Übrigens: Im 19. Jahrhundert waren am Genfer Tour de l'Ile sogar drei Uhren angebracht: Je eine mit der Pariser, der Berner und der Genfer Lokalzeit. Die Genfer Lokalzeit wurde erst 1886 abgeschafft, seit dem 1. September 1886 zeigten auch in Genf die öffentlichen Uhren die Berner Zeit.
    • Benedikt Meyer 09.12.2018 19:37
      Highlight Highlight Jawoll, und geile Cheminées hatte der auch ...
      Benutzer Bild
  • Schluribumbi 09.12.2018 18:42
    Highlight Highlight In Moskau könnte man sicher mit weissen Socken durch die U-Bahn gehen und sie wären danach immer noch weiss (hab ich ich Stockholm erlebt). Neben Moskau gibt es noch weitere sehr schöne U-Bahn-Stationen in Europa: https://islandart.ch/portraits/ubahn
  • Chriguchris 09.12.2018 18:39
    Highlight Highlight Toller Artikel!
    Wäre es aber nicht besser gewesen viele dieser interessanten Fakten für das Huber-Quiz zu verwenden? :-D
    Ich bin mir fast sicher der, dass es ein, zwei Fakten im Artikel gibt die selbst Quizmaster Huber wohl nicht gewusst hätte :-P
  • Oeste 09.12.2018 18:34
    Highlight Highlight Mondaine produziert nur die Armbanduhr, an den Bahnhöfen sind Uhren der Firma Mobatime montiert. Das Design ist jedoch dasselbe.
    • Calou 10.12.2018 08:59
      Highlight Highlight Mobatime ist eine Marke. Die Firma dahinter heisst Moser-Baer AG.

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