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Yonnihof

New York, New York: Landei in the City

Bild: shutterstock
Das kleine 1x1 des Kulturschocks.
07.07.2017, 18:2608.07.2017, 08:59

Ganz ehrlich, manchmal bin ich ja schon von Zürich überfordert. Wenn feierabends viele Menschen am HB sind, dann kommen die irgendwie alle mega easy aneinander vorbei. Als hätten sie einen eingebauten Tütschi-Sensor. Nicht so meine Wenigkeit. Ich bin die, die so bitz wie der Ball in einem Flipperkasten von Banker zu Banker gechecked wird und plötzlich in die komplett falsche Richtung läuft, weil ich abdrifte. Wie so ein Stück Treibholz mit menschlicher DNS.  

Was mich in Zürich fordert, ist in New York absurd. Hier eine kleine Liste von Landmädchen Kulturschock-Momenten.  

1. Nöd luege, nöd lose, nöd laufe: RÄNNE!

Fussgänger-Ampeln sind in New York mehr zur Deko da. Also für den New Yorker. Mit dem Handy am Ohr und dem Coffee to Go in der Hand rennt ebendieser direkt auf die Strasse, nachdem er seine Retina vielleicht um 0,2 Grad nach links bewegt hat, um zu checken, ob nicht gerade ein 40-Tönner angebraust kommt. Der Rest kann warten. Quietschende Reifen, Hupen und Fluchsalven sind oft das Resultat dieses Verhaltens – also Fluchen seitens des Fussgängers, der nun bei Rot mitten auf einer vierspurigen Strasse steht. «I’m WALKING here, you f****** son of a wh***, go f*** your f****** self and your f****** momma, too.»

Was aus dem Inneren des Autos des Angesprochenen zurückdröhnen will, hört man glücklicherweise nicht. Man, das sind die Touristen, die dem Stresskopf blind gefolgt sind (ist ja wohl niemand so lebensmüde, bei rot über eine solch befahrene Strasse zu laufen, also wackeln wir doch mal hinterher – und ja, damit meine ich durchaus auch mich) und die nun wie ein Grüppchen verscheuchter Bibeli auf der 5th Avenue stehen und versuchen, die durchdrehenden Autofahrer mit Lächeln und Winken zu beruhigen. «Hi, I'm from Swizzerländ, hehehe, we dount häf big striits leik dis, you know. Hehehe. My bäd. Teik kär.»

2. «How are you?»

Betritt man in den USA ein Geschäft oder begibt sich in ebendiesem zur Kasse, wird man nicht nur begrüsst, sondern bekommt auch ein «How are you?» zu hören. Es ist dies keine Aufforderung zur epischen Erzählung der eigenen Lebensgeschichte. «Hi, how are you doing today?» heisst übersetzt «Hoi». Und «I’m fine/alright/doing okay» heisst auch «Hoi». Trotzdem: Es wär’ schon recht lustig, mal mit «My boyfriend left me for another woman! Maria from accounting! And it’s raining and my feet hurt and I’m PMSing and oh my God, I just walked in front of a 40-Tönner on 5th Avenue ...» aufzufahren.  

3. Wo die schönen Menschen sind ...

Das Gute an amerikanischen Grossstädten ist, dass es hier vereinzelt Menschen gibt, die gesund leben möchten. Ich weiss, das ist ein Klischee, aber in ruraleren Gegenden kann es schon mal zur Herausforderung werden, sich nicht von mit Aroma versetztem Sagex zu ernähren. Nicht so in New York. In New York gibt’s Whole Foods und Whole Foods hat alles, was aus Algen, Quinoa, Algenquinoa und Karton besteht. Spannender als die Kuchen aus Früchten, die sich freiwillig vom Baum gestürzt haben, ist aber die Klientel. So viele schöne Menschen. Und alle tragen sie Yoga Pants. Auch die Männer. Bei meinem ersten Besuch war ich völlig fasziniert und setzte mich mit einem Matcha-Green-Leaf-Yogi-Getränk, das in etwa so aussah, wie ich mir Yodas Exkremente vorstelle, an ein Tischchen und beobachtete, wie diese Menschen an mir vorbeihuschten, und es war, als befinde man sich in einem Hort für die Elfenkinder. Okay, der Hort riecht etwas nach Fisch, weil organic Markthalle und so. Aber auch Elfenkinder müssen essen. Seit dieser Entdeckung gehe ich selbstverständlich nur noch zu Whole Foods, weil ich mir erhoffe, so automatisch auch etwas schöner zu werden. Die Hoffnung stirbt ja bekanntermassen zuletzt.  

4. Höher, schneller, weiter

Gestern schiffte es hier in New York. Und was tut da das brave Schweizermädchen? Richtig. Wimbledon schauen, selbstverständlich. Mangels Zugang zum Schweizer Fernsehen, sah ich mir den Match auf ESPN an. Also, was heisst Match? Werbung unterbrochen von Match-Segmenten. Gottlob war das Spiel (nach initialem «Oh-Ooooooh»-Moment) so langweilig. Weit spannender war, was da in den Werbepausen zu sehen war. Dabei fiel mir auf, dass ich bei meinen vergangenen USA-Reisen kaum ferngesehen hatte, denn: wow. Die Krönung dessen, was ich gestern zu sehen bekam, war Werbung für einen Testosteron Booster. Ja. Ich weiss. Das Elend begann mit Bildern joggender, surfender Mittfünfziger-Männer und säuselnden Frauenstimmen im Hintergrund: «Seit er Nugenix nimmt, ist er wieder aktiv, schlank, begehrenswert ...», «... sexy. ..», «... in allen Belangen widerstandsfähiger und ausdauernder ...». Und dann: «Seien Sie der Mann, der Sie mal waren. Mit dem Nugenix Testosterone Booster!» Liebe Männer, seid bitte die Männer, die Ihr seid. Merci.  

5. Nur Rares ist Wahres

Etwas, das ich an den USA liebe, ist, wie man hier das Fleisch zubereitet. Ich esse mittlerweile sehr selten Fleisch, aber zu einem guten Steak sage ich nicht nein. In der Schweiz ist das amigs etwas schwierig, weil man die Geschichte mit den Garstufen vielerorts nicht so ganz im Griff hat. Natürlich gibt’s auch da Ausnahmen. Jedenfalls bin ich eine Frau mit Präferenz zu blutigen Steaks. Am liebsten habe ich’s halb-roh. Ich weiss, viele Menschen finden das eklig. Ich nicht. Menschen, die Rind well-done bestellen ... Machen mich fast bitz hässig. BSTELL DOCH POULET! Im Ernst, natürlich kann man sein Fleisch so bestellen, wie man’s mag – dann soll’s aber auch so kommen. Und da sind die Amerikaner weitaus treffsicherer als die Schweizer. Rare ist rare. High 5!  

6. Die Kultur des Kompliments

Man mag den Amis vieles vorwerfen. Ich halte sie bezüglich der Wahl ihres derzeitigen politischen Leaders eher für mittel-treffsicher, zum Beispiel. Was sie jedoch perfektioniert haben, ist eine Kultur des Kompliments. Seit ich hier bin, habe ich schon dreimal gesagt bekommen, ich hätte aussergewöhnlich schöne Augen, eine Frau tat ihre Liebe zu meiner Tasche kund und mehrere Menschen schmunzelten über mein Flamingo-Haarspängeli (okay, das verstehe ich sehr gut, es ist wirklich grossartig). Menschen, die hinter einem in der Schlange stehen, Leute in der U-Bahn, am Nachbarstisch: Wenn dir was gefällt, sags. Ich finde das schön und es widerspricht diesem hartnäckigen Irrglauben, alle Amis seien oberflächlich und doof. Bzw. selbst wenn sie das sind, sind sie wenigstens nett. Im Gegensatz zu gewissen (natürlich nicht allen) Schweizern, die oberflächlich, doof und dazu noch nicht nett sind. Ich habe keine Ahnung, wer den Spruch mit der «kleinen Schwester von Scheisse» erfunden hat, aber ich bin Fan von netten Menschen. Vor allem ist das doch auch fies für alle älteren Geschwister von solchen Menschen, nicht? Ganz generell ist man hier offener, auch mit Menschen des anderen Geschlechts, auch mitten im Alltag. Obwohl Tinder hier ein viel etablierterer Teil der Kultur ist, ist man auch im Alltag und in der Direktbegegnung viel freier. Wenn dir jemand gefällt, sag’s. Wenn du mit ihm/ihr ausgehen willst, frag. Passierte mir in den letzten zwei Tagen schon dreimal. Dreimal habe ich abgelehnt, was jedoch auf komplettes Verständnis stiess. «Machemer ab?» – «Nei danke!» – «Voll easy, schöne Tag.» Man wünschte sich, es könnte immer so einfach sein. Und das meine ich an die Adresse beider Geschlechter.  

7. Midnight Run

Ich war die Frau, die niemals schläft in ebensolcher Stadt. Da lag ich. Um 1 Uhr morgens. Der Jetlag hatte mich fest im Griff. War um 21.00 Uhr eingeschlafen und nun so wach wie eine Sonnenblume im Polarsommer. Links gedreht. Mäh. Rechts gedreht. Mäh. Der Times Square direkt vor meinem Hotel erleuchtete die Strassen taghell und auch die Storen konnten das Blitzen und Blinken nicht ganz ausblenden. Ich stellte mich also ans Fenster und sah plötzlich, dass Menschen in die Geschäfte ennet der Strasse gingen. Die waren noch auf! Also Trainerhose und Flipflops montiert (des Amerikaners Lieblingsoutfit, by the way) und hinaus in die Nacht. Durch die Apotheke gestöbert (drei Millionen Aspirin für 10 Dollar), allerlei als Freiheitsstatue, Mickey Mouse und Darth Vader verkleidete Menschen auf Stelzen abgewimmelt und zum Schluss hinein in etwas, was sich als komprimierter Shoppinghorror herausstellen würde: Forever 21.

Nur schon der Name hätte Warnung genug sein sollen, denn wer will schon für immer 21 sein? Weltschmerz, Postpubertät, Studentenarmut – kännsch? Nun ja, für den Ami ist das ja ein besonderes Jahr, denn dann kann er legal Alkohol konsumieren. Ebendiesen hätte ich auch enorm nötig gehabt, als ich mich in oben erwähnten Konsumtempel begab. Der Laden hat schon mal null Struktur. Vier Stockwerke und überall eine wilde Mischung aus Kleidern für Menschen, die «forever 21» sein wollen. Ergo nicht für mich. Die einzige Trouvaille, die ich tatsächlich gekauft hätte, war ein Tshirt mit Homer Simpsons Konterfei, aber das gab's in allen Farben und Formen, einfach nicht in M. Daneben gab es alles, was bei Berührung knistert, sich beim Anziehen wie ein Pflaster ans Bein klebt und das schon nach Schweiss zu riechen beginnt, wenn man’s nur anschaut. Trotzdem: Ich war fasziniert. Ich liess mich eine halbe Stunde treiben, beobachtete die hunderten von Menschen, die um halb zwei Uhr morgens Blumenhaarspangen, Plateauschuhe und T-Shirts von Bands kauften, bei deren Auflösung/Ableben sie noch nicht einmal geboren waren.  

Fürwahr: New York schläft niemals. Dies ist mein fünfter Besuch im grossen Apfel und ich bin sicher, es ist nicht der letzte.  

Ich geh’ dann mal raus. Because I wanna be a part of it: New York, New York. 

Frank Sinatra: New York, New York

Yonni Meyer
Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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