Justiz
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Von Walter Stürm bis Hassan Kiko: Die 5 spektakulärsten Knast-Ausbrüche der Schweiz

Von Ausbrecherkönig Walter Stürm über Bankräuber-Legende Hugo Portmann bis zum «Ökoterroristen» Marco Camenisch: Eine Übersicht über die spektakulärsten Fluchtversuche aus Schweizer Gefängnissen.



Die Meldung sorgte Anfang Woche für Überraschung: Ausgerechnet das Vorzeigeland Schweiz führt im internationalen Vergleich die Rangliste der Gefängnisausbrüche an.

Bei genauerem Hinsehen relativiert sich diese Zahl: Die Ausbrüche sind in der Schweiz deswegen zahlreich, weil im Vergleich zum Ausland viele Insassen ihre Strafe im offenen und halboffenen Strafvollzug absitzen – wo keine Gefängnismauern sind, da büxt es sich leichter aus.

Die Flucht aus geschlossenen Strafanstalten nahm in den letzten Jahren deutlich ab. In der Schweizer Kriminalgeschichte gab es aber eine Reihe von spektakulären Ausbrüchen:

Walter Stürm, der Ausbrecherkönig

Polizeibilder von Hugo Portmann, aufgenommen am 1. Juni 1992. Portmann ist am Sonntag abend, 21. Februar 1999, aus der Strafanstalt 'Realta' in Cazis (GR) entwichen. Dort befand er sich zum weiteren Vollzug einer mehrjaehrigen Zuchthausstrafe wegen Raubes, Geiselnahme etc, die gemaess Urteil des Geschworenengerichts des Kantons Zuerich in eine Verwahrung auf unbestimmte Zeit umgewandelt wurde. Portmann ist gewalttaetig und koennte bewaffnet sein. Sachdienliche Hinweise zum gegenwaertigen Aufenthalt Portmanns nimmt die Kapo Zuerich 01 / 247 22 11 entgegen. (KEYSTONE/Kantonspolizei Zuerich/Str)      === . HANDOUT ===

Walter Stürm 1995 vor dem Appellationsgericht in Colmar mit seiner Anwältin Barbara Hug. Bild: KAPO ZUERICH

Der unangefochtene Ausbrecherkönig der Schweiz. Der Berufsverbrecher Stürm flüchtete insgesamt acht mal aus Schweizer Haftanstalten.

Stürm galt lange Zeit als Gentleman-Verbrecher, seine Ausbrüche als Schelmenstücke. Gerade aus der linken Jugendbewegung erwuchs Stürm viel Sympathie. Sie half ihm mutmasslich auch bei seinem grössten Coup, als Stürm an Ostern 1981 im Gefängnis Regensdorf die Gitterstäbe seiner Zelle abfeilte, sich mit einem Laken abseilte und einen Zettel hinterliess: «Bin beim Ostereier suche, Stürm.»

Stürm, Sohn eines reichen Industriellen, kam 1942 in Goldach SG auf die Welt, mit 20 wird er das erste Mal straffällig, es folgt die wohl spektakulärste Bankräuber-Karriere, die die Schweiz je gesehen hat. Stürm sass während seiner langen Karriere auch in Haftanstalten in Italien, Frankreich und auf La Gomera ein.

1999 nahm sich Stürm im Kantonalgefängnis Frauenfeld das Leben. Seine Geschichte wird mit Joel Basman und Marie Leuenberger in den Hauptrollen verfilmt, Mitte 2020 soll «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» ins Kino kommen.

Marco Camenisch, der «Ökoterrorist»

Marco Camenisch, undatierte Aufnahme des Buendners, der als

Undatierte Aufnahme des «Ökoterroristen» Marco Camenisch. Bild: KEYSTONE

Der «Ökoterrorist»: Marco Camenisch, 1952 in Campocologno zur Welt gekommen, schloss sich in den 70er-Jahren einer militanten Anti-Atom-Kraft-Bewegung an. Mit Sprengungen von Hochspannungsleitungen sorgte die Gruppe 1979 und 1980 für Aufsehen, 1981 Camenisch wurde verhaftet und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Dezember 1981 brachen sechs Insassen, darunter Camenisch, aus dem Gefängnis Regensdorf aus. Dabei wurde ein Gefängniswärter erschossen, ein weiterer verletzt. Camenisch wurde später vom Vorwurf entlastet, der Schütze gewesen zu sein.

In den 80er-Jahren galt Camenisch als die meistgesuchte Person der Schweiz. 1989 wurde er in Brusio gesichtet, als er das Grab seines Vaters besuchte. Wenig später wurde ein Grenzwächter tot aufgefunden – der Verdacht richtete sich schnell gegen Camenisch. 1991 wurde Camenisch in einer spektakulären Aktion in der Toskana verhaftet. Bei dem Schusswechsel wurden mehrere Polizisten sowie Camenisch selber verletzt. Die italienische Justiz verurteilte ihn zu 12 Jahren Haft, 2002 wurde er in die Schweiz ausgeliefert und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Aus linksradikalen und anarchistischen Kreisen erfuhr Camenisch über die Jahre viel Unterstützung und Sympathie, an Demonstrationen wurde immer wieder die Freiheit des Bündners gefordert. 2017 wurde Camenisch schliesslich bedingt entlassen.

Rund fuenfzig jugendliche Camenisch - Sympathisanten ziehen durch die Zuercher Altstadt und fordern Freiheit fuer Marco Camenisch, am Freitag, 4. Juni 2004 in Zuerich. Das Zuercher Geschworenengericht hat Marco Camenisch zu einer 17-jaehrigen Zuchthausstrafe wegen Mordes verurteilt. Dazu kommt der Rest einer frueheren Strafe. Der frueheste Zeitpunkt, zu dem der heute 52-Jaehrige entlassen werden kann, ist im Jahr 2018.  (KEYSTONE/Dorothea Mueller)

Kundgebung für die Freilassung von Camenisch 2004 in Zürich. Bild: KEYSTONE

Hugo Portmann, der sture Bankräuber

Polizeibilder von Hugo Portmann, aufgenommen am 1. Juni 1992. Portmann ist am Sonntag abend, 21. Februar 1999, aus der Strafanstalt 'Realta' in Cazis (GR) entwichen. Dort befand er sich zum weiteren Vollzug einer mehrjaehrigen Zuchthausstrafe wegen Raubes, Geiselnahme etc, die gemaess Urteil des Geschworenengerichts des Kantons Zuerich in eine Verwahrung auf unbestimmte Zeit umgewandelt wurde. Portmann ist gewalttaetig und koennte bewaffnet sein. Sachdienliche Hinweise zum gegenwaertigen Aufenthalt Portmanns nimmt die Kapo Zuerich 01 / 247 22 11 entgegen. (KEYSTONE/Kantonspolizei Zuerich/Str)      === . HANDOUT ===

Polizeibilder von Hugo Portmann aus dem Jahr 1992. Bild: KAPO ZUERICH

Der bekannteste Bankräuber der jüngeren Geschichte: 1983 überfiel Portmann innerhalb von zwei Wochen zwei Fillialen der Zürcher Kantonalbank, nach einer spektakulären Verfolgungsjagd, bei der Portmann eine Kugel in die Lunge traf, wurde er zu 12 Jahren Haft verurteilt. Nach dem Prozess versprach er: «Ich mache weiter». Portmann hielt sein Versprechen: 1988 raubte er auf Hafturlaub eine weitere Bank aus, kurz darauf wurde er erneut verhaftet.

1992 gelang ihm während eines Berglaufs eine spektakuläre Flucht: Portmann hatte sich beim Direktor der Haftanstalt La Stampa die Teilnahme ausbedungen. Nach der gemeinsamen Ankunft mit dem Direktor im Ziel lief der Bankräuber einfach weiter. Am nächsten Tag lieferte sich Portmann bei einer Polizeikontrolle einen Schusswechsel mit einem Polizisten, einige Tage später wurde er in einem Waldstück im Aargau verhaftet, verurteilt und verwahrt. 1999 überwand er die vier Meter hohe Gefängnismauer der Strafanstalt Realta in Graubünden, indem er beim Schneeschaufeln eine Rampe bildete.

Zusammen mit Ausbrecherkönig Walter Stürm überfiel er eine Filiale der Thurgauer Kantonalbank. Portmann verweigerte Zeit seines Gefängnislebens eine Therapie, die ihm möglicherweise eine Haftverkürzung eingebracht hätte. Wer nicht krank sei, so seine Devise, der habe auch keine Therapie nötig. Das Haftregime im Kanton Zürich bezeichnete er als menschenunwürdig. Insgesamt verbrachte er 35 Jahre hinter Gittern, im Sommer 2018 kam er auf freien Fuss.

Hassan Kiko & Angela Magdici – das Ausbrecher-Paar

Die ehemalige Gefaengnisaufseherin Angela Magdici vor dem Bezirksgericht in Dietikon, am Dienstag, 24. Januar 2017. Angela Magdici steht am Dienstag vor dem Bezirksgericht Dietikon. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Entweichenlassen eines Haeftlings, Beguenstigung sowie grobe Verletzung der Verkehrsregeln und Sachentziehung vor. Sieben Monate soll sie absitzen, weil sie einen Haeftling aus dem Gefaengnis Limmattal befreit hatte und mit ihm nach Italien geflohen war. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die ehemalige Gefängnisaufseherin Angela Magdici vor dem Bezirksgericht Dietikon 2017. Bild: KEYSTONE

Drei Jahre ist es her, als die halbe Schweiz gebannt eine Romanze der besonderen Art verfolgte: Der verurteilte Sexualstraftäter Hassan Kiko hatte im Gefängnis Limmattal mit der Aufseherin Angela Magdici angebandelt. Zwei Monate später öffnete Magdici die Zellentür ihres Geliebten und flüchtete mit ihm im Auto nach Italien. Das verliebte Pärchen wird wenige Wochen später gefasst und in die Schweiz zurückgeführt.

Kiko wird wegen Anstiftung verurteilt, Magdici wegen Entweichenlassens – sie kommt mit einer bedingten Freiheitsstrafe davon. Im Juli 2017 heiraten die beiden hinter Gittern, Angela Magdici heisst jetzt Angela Kiko. Im März 2019 wird bekannt: Eine Produktionsfirma sicherte sich die Rechte an der Geschichte des ungleichen Paars, ein Dokumentarfilm und ein Spielfilm sind geplant.

«Pink Panther»- Bande – wie im Kriegsgebiet

Des policiers bloquent l'acces a la prison de Bochuz lors d'une operation de securite de la police vaudoise ce mardi 18 mars 2014 aux Etablissements de la plaine de l'Orbe (EPO) a Orbe, Vaud. Une operation preventive de securite, visant a

Haftanstalt Orbe im Waadtland: Hier befreite die Pink-Panther Bande im Juli 2013 einen Komplizen. Bild: KEYSTONE

Die Juwelenräuber-Bande mit dem klingenden Namen «Pink Panther» hat sich europaweit den Ruf einer professionellen und vor nichts zurückschreckenden Organisation erarbeitet.

Im Juli 2013 stellte sie das bei einem spektakulären Gefängnisbefreiung in der Schweiz unter Beweis. Mit einem gestohlenen Lieferwagen durchbrachen Mitglieder der Bande das Eingangstor der Umfassungsmauer des Gefängnis Orbe im Waadtland. Anschliessend eröffneten sie mit Kalashnikovs das Feuer auf Sicherheitspersonal der Haftanstalt. Den Lieferwagen setzten sie danach in Brand, bevor sie sich mit einem Fluchtauto absetzten. Ein 34-jähriger Serbe sowie ein Schweizer Mitinsasse wurden bei der Aktion befreit.

Die Grüne-Regierungsrätin Béatrice Métraux sagte später an einer Pressekonferenz, es handelte sich «eher um einen Einmarsch als einen Ausbruch». Dass bei einem Ausbruch Schnellfeuergewehre wie in Kriegsgebieten zum Einsatz kommen, sei in der Schweiz noch nie vorgekommen.

(wst)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Stargoli 06.04.2019 17:05
    Highlight Highlight Vor ein paar Jahren ist in Schaffhausen ein Mann entkommen, indem er mit einem abgeschraubten Tischbein ein Loch in die Zellenwand kratzte. War ein altes Gebäude und aus Sandstein:)
    Wurde nicht wieder gefasst.
  • Grave 06.04.2019 14:26
    Highlight Highlight Und was ist mit dem legendären Bernhard Matter ?
    • Carl Gustav 06.04.2019 23:52
      Highlight Highlight "Er isch mit zwöi gröikte Zunge und es paar Golddukate drus"
  • Tooto 06.04.2019 13:45
    Highlight Highlight Spannender Artikel, aber folgender Satz geht gar nicht: " wurde er in einem Waldstück in Aargau verhaftet" :D
    • Leo Helfenberger 06.04.2019 13:48
      Highlight Highlight @Tooto: Ist angepasst, merci!
  • derEchteElch 06.04.2019 13:21
    Highlight Highlight Béatrice Métraux (Grüne): „Dass bei einem Ausbruch Schnellfeuergewehre wie in Kriegsgebieten zum Einsatz kommen, sei in der Schweiz noch nie vorgekommen.“

    Und trotzdem verschärft man lieber die Waffengesetze, damit der brave Bürger bestraft wird. Glaubt sie wirklich, dass die Pink-Panter und Terroristen um solche Regelungen kümmern? Nein.
    • derEchteElch 06.04.2019 15:36
      Highlight Highlight Muss schmerzhaft sein, wenn mit den eigenen Argumenten und Aussagen gekontert wird.

      Ich seh innerlich die Grünen und Waffengegner gerade toben. Die Blitze suggerieren das zumindest.
    • Arthur Philip Dent 06.04.2019 19:11
      Highlight Highlight Ich glaube, die Blitze suggerieren eher ein riesiges Mass an Kopfschütteln über so eine Aussage. 😂
    • Darkside 07.04.2019 05:19
      Highlight Highlight Nun ja, auch die aktuellen Waffengesetze konnten diese Aktion offenbar nicht verhindern.
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