Gesellschaft & Politik
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Fragen und Antworten

Seit Montag gibt's für viele Schweizer Jodtabletten vom Bund – aber wofür eigentlich? 

Seit Montag verteilt der Bund an rund fünf Millionen Schweizer, die im Radius von 50 Kilometern um die vier Schweizer Atomkraftwerke leben, Jodtabletten. watson beantwortet die sechs drängendsten Fragen dazu. 

1. Wozu brauche ich die Jodtabletten?

Erstmal für gar nichts. Am besten lagert man sie in der Hausapotheke – trocken und bei Raumtemperatur. Sollten Sie sie jemals einnehmen müssen, ist aber mit Sicherheit eine Katastrophe passiert. In diesem Falle sind an mindestens einem der vier Schweizer Atomkraftwerke radioaktive Strahlen ausgetreten. Sollte dies passieren, würde die betroffene Bevölkerung über die Medien zur Einnahme der Tabletten aufgefordert. 

2. Wie wirken die Jodtabletten?

Bild

bild: shutterstock

Die Kaliumiodid-Tabletten sollen vor Schilddrüsenkrebs schützen. Die Schilddrüsen braucht zum normalen Funktionieren das Element Jod. Bei einem radioaktiven Unfall würden sie ausgestrahltes radioaktives Jod aufnehmen, was Krebs verursachen könnte. Radioaktives Jod ist einer von vielen schädlichen Stoffen, die bei einem Atomunfall ausgestossen würden. Hier kommen die Jodtabletten zum Zuge: Sie überschütten die Schilddrüsen mit normalem Jod, damit sie kein radioaktives mehr aufnehmen können. Nebenwirkungen sind selten und normalerweise harmlos. 

3. Warum wurde der Verteil-Radius für die Tabletten ausgedehnt?

Bei der letzten Jod-Verteilungsaktion vor zehn Jahren erhielten nur die Haushalte im Umkreis von 20 Kilometern der Reaktoren die Tabletten. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima beauftragte jedoch der Bundesrat das Bundesamt für Gesundheit damit, das Verteilungskonzept zu überprüfen.

Es kam zum Schluss: Die Menschen in den grossen Ballungsgebieten Zürich, Basel und Luzern kämen wahrscheinlich nicht in der vorgeschriebenen Zeit von 12 Stunden an ihr Jod. In diesen Gebieten waren die Tabletten bis anhin zentral beim Kanton gelagert. Neu werden die Tabletten im Umkreis von 50 Kilometern verteilt. Eine Liste der betroffenen Gemeinden finden sie hier

4. Wer soll das bezahlen?

Nuclear power plant Goesgen with snow, pictured on December 06, 2012, in Goesgen in the canton of Solothurn, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Kernkraftwerk Goesgen mit Schnee, aufgenommen am 06. Dezember 2012 in Goesgen. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

Die Verteilungsaktion kostet 30 Millionen Franken. Das sollen aber die Kernkraftwerke bezahlen. Die Kosten der letzten Verteilungsaktion vor zehn Jahren hatten sie übernommen. Zusätzlich sind sie verpflichtet, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, sollten weitere Teile der Bevölkerung die Tabletten einnehmen müssen. Dass nun der Verteil-Radius um 30 Kilometer erhöht wurde, passt den AKW-Betreibern aber nicht. Im Juni kündigten sie an, dass sie die Zusatzkosten nicht übernehmen wollen. Rechtliche Schritte wurden noch keine eingeleitet. 

5. Schützt mich das Jod vor radioaktiver Strahlung? 

Radioaktiv Strahlung Symbol (Shutterstock)

Bild: shutterstock

Nein. Die Tabletten schützen nur die Schilddrüsen, in denen sich dank ihnen kein radioaktives Jod anreichern kann. Sollte es in der Schweiz zu einem Atomunfall kommen, sind umfangreichere Massnahmen erforderlich. Zunächst würden die Behörden die Bevölkerung anhalten, das Haus nicht zu verlassen und sich keiner Luft von Draussen auszusetzen. Je nach schwere des Unfalls müssten weite Teile der Schweiz evakuiert werden. 

6. Wie lautet die Kritik?

Die Umweltorganisation Greenpeace und die Ärtzte und Ärztinnen für Umweltschutz (AefU) kritisieren, dass die Jodtabletten wenig nützen, da sie nur gegen radioaktives Jod schützen. Zudem sei es schwierig, die Einnahme der Tabletten so zu koordinieren, das sie tatsächlich zum richtigen Zeitpunkt ihre Wirkung entfalten. Sie müssen kurz vor dem Kontakt mit radioaktivem Jod eingenommen werden. Überdies kritisiert sie die Limitierung auf den 50-Kilometer-Radius. Gemäss den Organisationen ist der einzig wirksame Schutz vor radioakliver Strahlung eine verbindliche Laufzeitbeschränkung für alle Schweizer AKWs und die sofortige Stilllegung der Altreaktoren.



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    Alle Leser-Kommentare
  • sheimers 28.10.2014 19:31
    Highlight Highlight Ich finde es gut, dass diese Tabletten verteilt werden. Sie nützen im Ernstfall nicht wirklich, aber sie sorgen in der Bevölkerung jetzt für ein besseres Risikobewusstsein und helfen somit politisch den Ausstieg voranzubringen, hoffentlich bevor es zum Gau kommt.
    • Bowell 29.10.2014 07:30
      Highlight Highlight Wohl kaum. Jodtabletten werden schon seit X Jahren an Hunderttausende Bewohner im Aargau und Solothurn verteilt. Dann schluckt man kurz leer, stellt die Packung in den Schrank und vergisst es schnell wieder. Atomkraft ist unverzichtbar.
  • Angelo C. 28.10.2014 19:27
    Highlight Highlight Der Hinweis im letzten Abschnitt des Artikels, dass Greenpeace eine Abgabe über 50km hinaus wollte, ist eine Halbwahrheit. GP wollte EXPLIZIT, dass die in Grenznähe zu Deutschland positionierten AG-AKWs (bzw unser Staat) auch Gratis-Pillen ins benachbarte Ausland liefern müsste. Diese Schnapsidee erweiternd, würde ich dann vorschlagen, dass die überall in der Regio Basel wohnenden Schweizer, welche keine 50km vom altersschwachen und gefürchteten französischen Meiler in Fessenheim leben eine Gratisabgabe von Jodpillen einfordern müssten. Greenpeace und sein Sinn für Realitäten....
    • Angelo C. 29.10.2014 02:25
      Highlight Highlight Die Frage lautet, ob die Schweiz in selbstloser Weise kostenlos Jodpillen in Baden Würtemberg verteilen sollte, wie dies Greenpeace einforderte. Nicht dass mich das grundsätzlich stören würde, aber à priori darin eine Verpflichtung zu sehen, das leuchtet mir nicht ein, da Deutschland solche Massnahmen wohl selbst treffen könnte, so sie diese für unabdingbar hält. Und Fessenheim ist in anerkannt schlechtem Zustand, sodass sich die Basler genauso davor fürchten wie die Bewohner im grenznahen Deutschland. Fessenheim ist dort seit Jahren ein Thema.
    • Bowell 29.10.2014 07:39
      Highlight Highlight Das Alter eines AKWs sagt nichts über den Zustand oder die Technik aus. Es ist die beste Lösung AKWs so lange zu betreiben, wie die Sicherheit gewährleistet ist, anstatt im Voraus zu sagen, dass nach 30 Jahren sowieso Schluss sein muss. Das war nämlich das Problem in Fukushima, da lief die Lizenz in ein paar Jahren aus und Tepco war nicht bereit mehr Geld zu investieren. Lohnt sich ja für die paar Jahre nicht mehr...im Gegensatz zu Beznau, wo die Axpo noch 700Mio. in die Sanierung investiert.
  • Der Tom 28.10.2014 17:47
    Highlight Highlight Habe sofort alle geschluckt und kann jetzt sicher sein, dass wenigstens mir nichts passiert.
  • Don Huber 28.10.2014 17:17
    Highlight Highlight Das ist wohl der grösste Witz....wer nur ein bisschen von einer Atomkatastrophe eine Ahnung hat, weiss dass das überhaupt nichts nützt. Fazit: die Pharmaindustrie hat einfach einen weiteren Weg gefunden wie sie Kohke verdienen kann. Nur dieses mal müssen nicht wir bezahlen.

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