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Tod durch Liebesentzug: Deshalb ging der Erotikshop Beate Uhse Pleite

Beate Uhse war einst der grösste Erotik-Konzern Europas – jetzt ist er insolvent. Ein Grund für den Absturz: Die Wünsche der wichtigen weiblichen Kundschaft wurden nicht ausreichend befriedigt.

15.12.17, 22:29 16.12.17, 10:53

Andreas Albert



Ein Artikel von

Mit Beate Uhse ist das älteste deutsche Erotik-Unternehmen pleite. Gegründet kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, entwickelte sich die Firma zu Europas grösstem Erotik-Konzern. Doch nach seiner stärksten Phase in den Siebziger- und Achtzigerjahren folgte der Niedergang.

Was war der Grundstein des Erfolges?

Zunächst hatte Beate Uhse einen Zukunftsmarkt vor sich: Der Ursprung des Erotik-Unternehmens lag nach dem Zweiten Weltkrieg in der Aufklärungsarbeit über Sexualität. Die Luftwaffenpilotin Uhse fuhr 1946 zunächst mit dem Fahrrad durch Schleswig-Holstein und informierte Frauen über Verhütung. Ungewollte Schwangerschaften bedeuteten nach dem Krieg für viele Frauen schwere Schicksalsschläge. Damals fand Uhses Aufklärungsheft «Schrift X» grossen Absatz.

Zwei Jahre später begann Uhse in Flensburg mit ihrem zweiten Mann Walter Rotermund den Versandhandel von Aufklärungsschriften. Später verschickte sie auch Kondome, schon 1960 gab es eine Million Uhse-Kunden. Im Jahr 1961 setzte das Unternehmen 7.3 Millionen Mark um. Ein Jahr später eröffnete Beate Uhse in Flensburg ihr «Institut für Ehehygiene» als ersten Sex-Shop Deutschlands.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren wuchs die Nachfrage - getrieben auch durch die sexuelle Revolution. 1971 gab es in der Bundesrepublik bereits 25 Beate-Uhse-Shops.

Mitte des Jahrzehnts gab der Gesetzgeber die bis dahin regulierte Pornografie frei. Daraufhin erlebte die gesamte Branche einen riesigen Aufschwung, immer mehr Sex-Shops entstanden. Auch der Versandhandel mit Filmen, Dessous und Sexspielzeug boomte.

Wie war das Unternehmen organisiert?

1981 wurde die Beate Uhse AG gegründet. Das Unternehmen bestand aus drei Teilen, dem Versand, dem Verlag mit der Marke «Orion» und dem Grosshandel. Die Söhne der Unternehmensgründerin, Klaus und Dirk Rotermund, führten Versand und Verlag, während Beate Rotermund-Uhse und ihr Sohn Ulrich die Läden und den Grosshandel leiteten.

In den Achtzigerjahren expandierte das Unternehmen stark in der Fläche und eröffnete immer neue Läden. Nach dem Mauerfall 1989 profitierte Beate Uhse stark von der Nachfrage aus dem Osten. Das Unternehmen verteilte seine Kataloge an die Bürger und eröffnete zahlreiche Sex-Shops in den fünf neuen Ländern. Beate Uhse entwickelte sich zu Europas grösstem Erotik-Konzern und einer der bekanntesten Marken Deutschlands.

Zehn Jahre später, am 27. Mai 1999, folgte der Gang an die Börse. Zunächst stieg der Kurs des Unternehmens rasant. Die Aktie zum Preis von 7.20 Euro war zum Start 64-fach überzeichnet. Nach dem höchsten Stand bei rund 25 Euro ging es allerdings nur noch bergab.

Womit begann der Niedergang?

1999 startete auch die Expansion ins Ausland. Dabei machte sich langsam die Konkurrenz aus dem Internet bemerkbar. Schon kurz nach dem Börsengang wurde ein Fünftel des Geschäfts über das Internet abgewickelt.

Den Niedergang ihrer Firma musste die Unternehmensgründerin nicht mehr miterleben. Beate Rotermund-Uhse verstarb am 16. Juli 2001 im Alter von 81 Jahren.

Ab Anfang der Zweitausenderjahre wuchs die Konkurrenz mit kostenlosen Videoclips aus dem Netz. Der Umsatz mit Sexfilmen ging wegen des Gratisangebots zurück. Auch im Onlinehandel machten sich immer neue Wettbewerber breit, die sich durch trendige Präsentation von dem Traditionsunternehmen abhoben.

Womit wollte Beate Uhse gegensteuern?

Das Unternehmen Beate Uhse versuchte, neue Zielgruppen zu erschliessen und wandte sich zunächst verstärkt den Bedürfnissen der weiblichen Kunden zu. So eröffnete 2004 in Hamburg der erste Sex-Shop nur für Frauen. In den Folgejahren wurden sie die wichtigste Zielgruppe. Durch Partnerschaften mit Modeketten und Drogeriemärkten wollte das Unternehmen endgültig raus aus der Schmuddelecke.

Seit 2006 hatte der Konzern mit Umsatz- und Gewinnrückgängen im Kataloggeschäft und in einem Teil der Filialen zu kämpfen. Davon konnte sich das Unternehmen nicht mehr richtig erholen - auch der Aktienkurs brach ein. Es folgen Vorstandswechsel und diverse Restrukturierungsmassnahmen. Laut Branchenexperten ist Beate Uhse zu spät in den E-Commerce eingestiegen.

Dabei entwickelte sich der Internethandel zunächst positiv. 2010 machte Beate Uhse mit dem Onlinegeschäft knapp 45 Millionen Euro Umsatz. Vier Jahre später betrug er rund 51 Millionen Euro, während im Filialgeschäft 44 Millionen Euro erlöst wurden.

SPIEGEL.TV: Erotik aus der Gartenlaube - Sexshop von Annerose Koschinski

Allerdings machten Erotik-Händler wie Eis.de Beate Uhse ab 2006 verstärkt Konkurrenz. Auch sie setzen auf Frauen als Kunden. Aber auch der Onlinehändler Amazon bietet ein einschlägiges Sortiment. Im Jahr 2013 startete der Onlineshop Amorelie, der ebenfalls mit lifestyliger Anmutung die Zielgruppe Frauen und Paare ins Visier nimmt.

BBC-Mitarbeiter schaut Porno während Live-Schaltung

Beate Uhse veränderte mehrfach das Sortiment, das Logo wurde feminisiert, doch der Niedergang konnte nicht gestoppt werden. Viele Kunden verbinden mit dem Unternehmen ein leicht angeschmuddeltes Image von Porno, Rotlicht und Bahnhofsviertel.

Seit 2015 steckt der Konzern in den roten Zahlen. Das Kataloggeschäft von Beate Uhse konnte sich bis zuletzt nicht erholen. Es war nicht mehr zeitgemäss. Am Valentinstag 2016 erschien der letzte «Beate-Uhse»-Katalog, eine Ära ging zu Ende. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten setzten sich fort. Der Jahresbericht für 2016 musste mehrfach verschoben werden, Umsatz- und Gewinnprognosen wurden nach unten korrigiert.

Wie soll es weitergehen?

Der erst im April berufene Vorstandsvorsitzende Michael Specht hatte im Juni seinen Finanzchef gefeuert und mit einer Unternehmensberatung den Finanzbereich und das Rechnungswesen gründlich durchleuchtet.

Schliesslich stellte die Holding des Erotik-Händlers Insolvenzantrag. Wegen Finanzierungsproblemen bei einer Anleihe droht die Zahlungsunfähigkeit.

Der heutige Vorstand analysiert die Fehler der Vergangenheit: «Die Gruppe hat in den letzten Jahren unter zahlreichen Managementwechseln und strategischen Fehlentscheidungen gelitten. Der Ausbau des Onlinehandels wurde zögerlich und unsystematisch betrieben, wichtige Entwicklungen im stationären Handel wurden verpasst, die Produktpolitik war nicht strategisch, sondern zufällig und reaktiv.»

Zudem hätten die Online-Verkaufskanäle und die Filialen jeweils ein Eigenleben geführt und kein nahtlos übergreifendes Einkaufserlebnis geboten, hiess es weiter.

Vorstandschef Specht will nun mit dem Insolvenzantrag in Eigenregie die Unternehmensgruppe als Ganzes sanieren. Zunächst soll der Betrieb weitergehen. «Wir haben damit einen Weg eingeschlagen, bei dem wir sehr zuversichtlich sind, die Unternehmensgruppe als Ganzes sanieren zu können», sagte Specht.

Die Zukunft hängt vor allem von den Grossaktionären ab, allen voran vom niederländischen Unternehmer Gerard Cok und den schleswig-holsteinischen Sparkassen. «Die wesentlichen Gläubiger des Unternehmens stehen der Sanierung im Rahmen eines Eigenverwaltungsverfahrens positiv gegenüber und haben ihre Unterstützung für den Sanierungsprozess zugesagt», heisst es in der Mitteilung des Unternehmens. Das dürfte die letzte Chance sein.

Mit Material von dpa und Reuters

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